Lesebericht zu „Heimweh“ von Marc Raabe

Heimweh, Marc Raabe, Buchblog, Inhaltsangabe, Oliver Steinhäuser„Verschwommen sah er die Gestalt am Rand der Grube auftauchen. Ein riesiges schwarzes Insekt mit einer Schaufel in der Hand. Schon prasselte die erste Schippe Erde auf sein Gesicht, begrub den Himmel und das letzte Stück Hoffnung“.
Immer wieder der selbe Albtraum, und die Fragen nach dessen Herkunft, die dich plagen. Jahrelang. Es muss einen Auslöser dafür geben. Schauergeschichten und Ängste entstehen nicht einfach. Sie werden geschürt!

Marc Raabe erzählt eine außergewöhnliche Geschichte, die mit den Misshandlungen des jungen Jesse und dessen baldige Unterkunft in ein Kinderheim mit integriertem Internat ihren verschwörerischen Anfang nimmt. Der Thriller splittet sich in einen Erzählstrang aus den Jahren 1979 bis 1981 sowie zwei Perspektiven der gegenwärtigen Handlungen. Darin setzt Jesse alle Hebel in Bewegung, um den Mörder seiner Exfrau Sandra und gleichzeitig Entführer seiner Tochter Isa, ausfindig zu machen. Dazu begibt er sich zusammen mit Jule, einer Freundin seiner Exfrau, nach Adlershof, dem Heim seiner Kindheit und Jugend. Ergänzt werden seine Bemühungen durch Einschübe des Entführers, der sich nicht nur Isa, sondern auch den ehemaligen Heimleiter Arthur aufgegriffen hat und beide zusammen gefangen hält.
Raabe führt seine Leser anhand eines klaren roten Fadens durch „Heimweh“. Zum Ende eines Kapitels, lässt er den Leser nahezu stetig mit einer offenen Frage zurück. Antwort darauf findet sich bereits meist im Folgekapitel. Gelungen ist an dieser Stelle vor allem, dass die Fragen nicht einfach durch Antworten abgearbeitet werden, sondern die gegenwärtigen Ungereimtheiten sich durch den Erzählstrang des 32 Jahre zurückliegenden Heimaufenthaltes aufheben.
Während dem Leser verschiedene Verdächtige präsentiert werden, läuft die Gegenwart mit der Vergangenheit doch erst kurz vor dem rasanten Schluss des Buches zusammen, und offenbart dem Leser die schaurige Wahrheit: Der Insektenmann steht Jesse näher, als jeder andere Mensch. Und er hat schon einmal versucht ihn zu töten.

„Heimweh“ steckt voller Überraschungen und deckt dabei viele Facetten eines Heimlebens auf, auf das man mit gemischten Gefühlen blickt. Einerseits gibt es kaum bedrückendere Lebensumstände, als wenn junge Menschen aus ihren Familien gerissen werden und sich an unterster Stelle einer Rangordnung in Heimen stellen müssen. Andererseits wecken die „alten Geschichten“, mit ihren Geheimgängen, den nächtlichen Ausbrüchen aus den Schlafräumen und den Liebesgeschichten, eine starke Sehnsucht: Die Flucht, zurück in die analoge Welt, die das Wesen eines Menschen wesentlich deutlicher prägt – ihm Form und Kanten gibt – als es digitale Welten je vermögen werden.

Marc Raabe
Heimweh
ISBN-13 9783548286907

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