Reisebericht aus „Sizilien“ Teil 2 – Selinunte – Marina di Ragusa – Catania – Ätna

Reiseführer_Sizilien_Reise Know-how_Reisebericht_Oliver Steinhäuser_BlogTeil 2 des Sizilien-Reiseberichts von Anne        (Teil 1 finden Sie hier)

Sizilien strotzt vor Ausgrabungsstätten. Die laut Reise-Know-How schönste und weitläufigste haben wir uns angesehen. Sie liegt in Selinunte und wurde aufgrund ihrer Weitläufigkeit zu einem Park erklärt. Wir teilen die Meinung der Reiseführerautoren und waren beeindruckt. Einige Säulen und Tempelteile einer griechischen Metropole wurden wieder aufgerichtet und restauriert. So erahnt man das Ausmaß, das diese historischen Bauten einst hatten. Im Park sind einige Ruinenfelder, deren Besichtigung lohnt. Einen halben Tag verbrachten wir dort, wanderten umher und lasen sitzend zwischen den alten Steinen die umfangreiche Geschichte zu den verschiedenen Tempeln und Befestigungsanlagen im Reiseführer.

SelinunteErice

 

 

 

 

 

 

 

 

Generell bietet Sizilien sehr viel Geschichtliches, dessen Entdeckung lohnt. Deshalb besuchten wir ein weiteres Highlight aus dem Reiseführer:
die auf einem Kalksteinfelsen in 751 Meter erbaute Stadt Èrice. Uns wurde nicht zu viel versprochen. Zunächst fuhren wir mit einer Seilbahn von Trapani aus direkt vor das Eingangstor des Städtchens. Während der Fahrt hat man einen wunderbares Panorama der Landschaft, des Meers und auf die Stadt Trapani mit seinen vielen Salinen. Wir waren wieder einmal froh, in der Nebensaison unterwegs zu sein. Nicht auszudenken wie voll es in dem kleinen Städtchen im Sommer sein muss. Wir genossen die mittelalterliche Kulisse beinahe alleine und deckten uns mit typischen Süßigkeiten von Èrice ein.

Unsere dritte Station zog uns weiter ganz in den Süden. Nach einer vierstündigen Fahrt entlang der Südküste, sind wir im Badeort Marina di Ragusa angekommen. Im Reisführer kommt dieses Örtchen nicht gut weg, da es im Sommer wahrscheinlich auch wirklich überfüllt ist. Es ist ein reiner Ferienort und bietet kaum Sehenswürdigkeiten. Perfekt also, um ein paar Sonnentage am Strand zu genießen. Den schönen und großen Stadtstrand, direkt neben Hafen, hatten wir fast für uns alleine. Und die Sonne gab ihr Bestes. Ragusa, die nächstgelegene größere Stadt, beeindruckt durch zwei Stadtkerne. Zum einen gibt es Ragusa Ibla, den verwinkelten Barockteil der Stadt und den modernen Teil, Ragusa Superiore, der systematisch und geometrisch angelegt ist. Beide Stadtteile sind über eine lange Treppe verbunden. Wieder waren wir beeindruckt von den engen Gassen, den kleinen alten Häuschen sowie den verschnörkelten Kirchen. Auch die Ansammlungen sizilianischer Männergrüppchen, die sich in Cafés oder auf Parkbänken zum Plausch treffen, sind einzigartig und durchbrechen mit Lebensfreude und Ausgelassenheit die Barriere zu unserem von Hektik geprägten Alltag.

Unsere letzte Station bezogen wir in der Nähe von Catania und des Vulkan Ätna, ohne dessen Bewunderung man Sizilien nicht wieder verlassen darf. Hier haben wir uns an einem Unterkunftstipp aus dem Reiseführer bedient und wurden nicht enttäuscht. Wir buchten einen Bungalow in Acireale auf einem Campingplatz „La Timpa“ der hoch über dem Meer war und man über einen Lift, der innerhalb der Felsen gebaut wurde, zum Wasser hinuntergelangen konnten. Das war wirklich etwas Neues. Da so wenig los war, bekamen wir den schönsten Bungalow inklusive eines atemberaubenden Ausblicks. Von hier aus unternahmen wir zwei Ausflüge: Zunächst fuhren wir nach Taormina und fanden zum ersten Mal die Touristenmassen, von denen die Autoren schreiben. Wie voll das wohl im Sommer sein mag wollten wir uns gar nicht erst vorstellen. Eine Seilbahn führt direkt von Mazzaro aus in das hoch über dem Meer gelegene Ortzentrum. Bekannt ist Taormina für sein griechisch-römisches Theater. Unglaublich, was die Menschen vor so langer Zeit geschaffen haben.
Das letzte Highlight auf unsere Reise war der Vulkan Ätna. Hierzu finden sich im Reiseführer sehr gute Tipps für Wanderungen und welche Möglichkeiten es für den Aufstieg auf den Vulkan gibt. Da uns die Auffahrt mit der Seilbahn zu teuer war, entschieden wir uns für eine panoramareiche Wanderung auf der Halbhöhe Taorminas mit Blick auf den Ätna, der immer wieder mit spuckenden Rauchwölkchen imponierte.

Schweren Herzens packten wir nach drei Wochen unsere Sachen und fuhren wieder zum Flughafen. Eine vollständige Umrundung der Insel haben wir nicht geschafft. Auch auf die liparischen Inseln, die im Reiseführer als besonders sehenswert beschrieben werden, hat es uns leider nicht mehr gereicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

Alles in Allem war uns der Reiseführer „Sizilien“ eine gute Hilfe. Er bot uns einen ersten Eindruck und Überblick zu den Regionen. Da er die ganze Insel abdeckt, ist er aber oft recht oberflächlich. Es gibt viele Informationen zur Geschichte, Gebäuden und Kirchen. Für uns war dies genau im richtigen Maß. Wer jedoch tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, benötigt auf jeden Fall ausführlicheres Material. Es gibt zahlreiche Tipps für Unterkünfte, Restaurants und praktische Informationen. Wir hätten uns manchmal mehr Hinweise für besondere Strände oder kleinere Wanderungen und Spaziergänge gewünscht. Wie auch im Reiseführer vermerkt, sollte man sich zum Wandern auf jeden Fall noch zusätzliche Wanderkarten oder Wanderführer besorgen. Als Reisezeit ist der Oktober für Sizilien wirklich toll. Es sind sehr wenige Touristen unterwegs. Menschenleere Strände und Wanderwege. Überall kann man gut parken und kommt bei Sehenswürdigkeiten ohne Schlange stehen hinein. Das Wetter war an der Nordküste wechselhaft und windig. Im Süden war es herrlich warm und sonnig. Sizilien ist ein wunderbares Reiseziel und es gibt hier noch vieles zum Entdecken. Wir kommen definitiv wieder.

Ein Reisebericht von Anne für den Buch- und Medienblog


Vorbereitung der Reise durch:
FriedrichKöthe & Daniela Schetar
Sizilien
ISBN 978-3-8317-2786-5

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Reisebericht aus „Sizilien“ – Teil 1 – Cefalù – Palermo – Castellammare del Golfo

Allzu schnell gewöhnt der Mensch sich an Vertrautes. So auch bei den Reiseberichten vom Buch- und Medienblog.
„Da weiß man, was man bekommt“, sagen die einen. „Kaum Abwechslung“, wohl die anderen?

Damit nicht nur über kindgerechte und familientaugliche, bis ins Detail vorausgeplante Ausflüge auf dem Blog berichtet wird, gibt es nun einen Gastbeitrag von Anne.
Sie ist Spontanreisende und hat sich den Reiseführer „Sizilien“ vom Reise-Know-How Verlag für den Buch- und Medienblog angeschaut und mit ihm eine Rundreise auf Sizilien erlebt.

Teil 1       (Teil 2 erscheint in 14 Tagen, am 16. März 2018)


Reiseführer_Sizilien_Reise Know-how_Reisebericht_Oliver Steinhäuser_BlogErst zwei Wochen vor unserem Urlaubsbeginn legten wir uns auf das Reiseziel Sizilien fest. Wichtig bei der Entscheidung waren folgende Kriterien: ein paar warme Sonnenstrahlen, dass man wandern kann und die Anreise nicht allzu lange dauert.
Sizilien scheint all das zu erfüllen. Sonne, ein noch warmes Meer zum Baden, viele Berge und sogar ein Vulkan. Das großartige Essen nicht zu vergessen.

Als erstes buchten wir die Flüge nach Catania und einen Mietwagen, bevor wir uns anschließend grob überlegten, welche Route wir nehmen möchten. Der Reiseführer „Sizilien“ von Reise-Know-How half uns, einen ersten Überblick über die Insel zu erlangen. Die Übersichtskarte zu Beginn sowie die kurzen Zusammenfassungen am Anfang jedes Kapitels waren dabei sehr hilfreich. Die Unterteilung des Reiseführers in einzelne Streckenabschnitte führt zu einer ordentlichen Strukturierung, sodass der Reisende sich sehr gut und schnell zurechtfindet.
Der Abschluss unserer Reise sollte in Flughafennähe liegen, damit wir am Abreisetag nicht zusätzlich zum Rückflug nach Deutschland eine weite Anreise zum Flughafen mit dem Mietfahrzeug haben würden.
Daher entschieden wir uns, die Rundreise im Norden der Insel zu starten und mit etwa drei bis vier Stationen über den Süden wieder im Osten in der Nähe von Catania zu enden. Wir buchten nur die erste Unterkunft. Den Rest erledigten vor Ort. Da der Oktober zur Nachsaison in Sizilien gehört, war das kein Problem. So behielten wir den Wunsch nach Flexibilität bei und konnten an schönen Orten spontan länger bleiben.

Cefalù_Rocca di Cefalù_BurgfelsUnsere erste Unterkunft bezogen wir bei Cefalù, etwa 80km östlich von Palermo. Im Reiseführer sind Highlights mit einer gelben Hinterlegung markiert und wir entschieden uns für folgendes: ein wunderschönes Cottage außerhalb der Stadt. Erhöht auf einem Berg und mit einer tollen Aussicht auf das Meer und den berühmten Burgfels Rocca di Cefalù der Stadt. Wie im Reiseführer beschrieben, hat die Stadt einen besonderen Charme, der zum Schlendern durch die alten Gassen einlädt. Der farblich gekennzeichnete Tipp der Autoren zum Aufstieg auf den Felsen war super. Oben erwartete uns die Ruine einer Burg. Die Besteigung ist schweißtreibend, der Ausblick über die Stadt und das Meer ist jedoch fantastisch und die Mühen wert.

Vor Ort haben wir uns dann ausführlicher der Lektüre des Reiseführers „Sizilien“ gewidmet und uns einzelne Ausflugsziele, die wir von Cefalù aus machen konnten, ausgesucht. Dies waren zum einen ein Städtetrip nach Palermo, der Hauptstadt Siziliens, und eine Wanderung im Naturschutzgebiet der Madonie im Landesinneren. Einen Wandervorschlag gab der Reiseführer von Reise-Know-How nicht. Es empfiehlt sich vorzusorgen und einen zusätzlichen Wanderführer einzupacken. Bei strahlendem Wetter haben wir den zweithöchsten nichtvulkanischen Berg Siziliens, den Pizzo Carbonara (1979 m) bestiegen. Auf dem Weg zu Spitze entdeckten wir nur einige Meter entfernt eine Rehherde, deren Hirsche uns dank der einsetzenden Brunftzeit ein wunderbares Konzert boten. Wir trafen kaum einen Menschen während der Wanderung und hatten die wunderschöne, doch sehr grüne Landschaft für uns. Die Aussicht auf dem Gipfel war wunderschön und wir konnten in der Ferne Europas höchsten Vulkan, den Ätna bestaunen.
Ein weiteres Highlight bot uns Palermo. Mit dem Zug ging es von Cefalù direkt ins Zentrum. Der Reiseführer hat uns hier leider etwas enttäuscht. Auf der Umschlagklappe war von Spaziergängen durch Palermo die Sprache. Wirkliche Spaziervorschläge bzw. -strecken haben wir dann jedoch nicht gefunden. Alle wichtigen historischen Gebäuden, Kirchen, Tipps für Märkte waren beschrieben, aber die Orientierung ohne eine Skizze auf dem Stadtplan war uns zu kompliziert. Um uns nicht krampfhaft zu binden, ließen wir den Reiseführer außen vor und trieben ohne Unterstützung durch die Stadt. Da einige Straßen für Autos gesperrt sind, war das entspannt möglich. Entgegen den Ausführungen im Reiseführer, empfanden wir den Verkehr in Palermo nicht sonderlich chaotisch – sicherlich das Ergebnis der Nebensaison. Palermo hat seinen ganz eigenen Charme. Etwas morbide und heruntergekommen, fühlt man sich zum Teil hunderte Jahre zurückversetzt. Die alten historischen Gebäude und Marktstände in den engen Gassen sind herrlich anzuschauen. Und so viel Wäsche, die zwischen den Häusern hoch über dem Kopf in den Gassen hängt, haben wir noch nie gesehen.

Palermo_1Palermo_2

 

 

 

 

 

 

Auch das Baden kam in den ersten Tagen nicht zu knapp. Selbst im Oktober ist das Wasser noch warm und das allerschönste – man hat die Strände für sich alleine. Im Reiseführer haben wir einen „Geheimtipps für Strände/Buchten“ vermisst. Die regulären Strände sind genannt, darüber hinaus gibt es allerding wirklich zahlreiche und einzigartig schöne Strände, die keine Erwähnung finden. Deshalb recherchierten wir kurzerhand selbst und entdeckten nur 5 km von Cefalù sicher einen der schönsten Strände der Insel.

Unsere nächste Station war Castellammare del Golfo, nördlich von Parlemo. Hier bezogen wir eine Wohnung in der barocken Altstadt und konnten von unserer Dachterrasse einen kleinen Blick aufs Meer erhaschen. Das Wetter lud hier nicht zum Baden ein, weshalb wir viele Ausflüge in die Umgebung unternahmen. Ein Highlight, wie auch im Reiseführer ausführlich beschrieben, war eine Küstenwanderung im Naturpark Zingaro. Ein großer Spaziergang an Badebuchten vorbei und auf dessen Wegesrand können immer wieder kleine Museen besucht werden können, z.B. das Mueso Naturalistico über die Pflanzenwelt im Naturpark.

Der Reisebericht zu Sizilien wird am 16. März 2018 fortgesetzt.
Vorschau:
Selinunte – Marina di Ragusa – Catania – Ätna

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserEin Reisebericht von Anne für den Buch- und Medienblog


Vorbereitung der Reise durch:
FriedrichKöthe & Daniela Schetar
Sizilien
ISBN 978-3-8317-2786-5

Lesebericht zu „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo CognettiAm Montag, den 11. September 2017, erschien „Acht Berge“

Der Umzug der Familie nach Mailand entzieht ihnen das vertraute Leben und Wandern in den Bergen ihrer Heimat, des Veneto. Paolos Mutter setzt mit ihrem steten Willen den Entschluss durch, ein kleines Haus in Grana zu mieten. Eine Sommerresidenz, die das Kleinod der Familie werden würde. Während Paolo und seine Mutter in den Sommermonaten im Bergdorf wohnen, kommt der Vater an den Wochenenden dazu und findet beim Bezwingen der Berge den nötigen Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit in Mailand.
Schnell lernt Paolo Bruno kennen, ein Jungen seines Alters, der mit seiner Familie in den Bergen und auf den Almen Granas zu Hause ist. Der nichts anderes kennt, als das Hüten der Kühe, das Bauen von Unterschlüpfen sowie das Durchstreifen seiner heimischen Natur.

Es sind zwei Welten die in „Acht Berge“ aufeinandertreffen: Bildungsbürgertum und selbstversorgende Bauern. Eine Kombination, die ganz offensichtlich nicht zusammen passen kann. Doch genau das tut sie. Denn es sind keine Erwachsenen, die aufeinander treffen, sich intellektuell messen müssen oder sich durch ihr materielles Leben profilieren müssen. Nein, es sind Bruno und Paolo, zwei Kinder, die die Welt, in die sie hineingeboren wurden und in der sie leben, mit kindlicher Naivität betrachten. Zwei Jungen, deren alleiniger Wert in der gemeinsam verbrachten Zeit liegt. Es tut gut zu sehen, dass sich das auch im Altern nicht zwangsläufig ändern muss. Immer wieder kehrt Paolo zu Besuch zu seinem Freund Bruno in die Berge von Grana zurück. Dass er studiert hat, Bruno aber immer noch Kühe hütet interessiert dabei keinen von beiden.

„Acht Berge“ ist ein episodenweise sehr melancholischer Roman über zwei Freunde, die trotz ihrer unterschiedlichen Lebenskonzepte immer wieder zueinander finden. Die es schaffen, die Vertrautheit ihrer kindlichen Vergangenheit auch in der Zeit des Erwachsenwerdens nie zu verlieren und sich immer als familiären Halt sehen. Cognetti schafft es, seinen Leser in eigene Erinnerungen abtauchen zu lassen. Es versetzt ihn zurück in seine eigene Kindheit, in eine Zeit, in der wir uns nicht primär in bestimmten Milieus aufgehalten haben, ganz einfach daher, weil wir keine Klassifizierung kannten. Weil wir unserem Gegenüber weitestgehend unvoreingenommen und zweifelsfrei entgegneten.
Paolo Cognetti erinnert sich in seinem Roman an die eigene Kindheit. Er bringt sich dem Leser aus der Ich-Perspektive in einer der aufregendsten Zeiten des Lebens näher: Dem Ende der Kindheit und der einsetzenden Adoleszenz. Die Phase im Leben, die den Charakter eines Menschen deutlich prägt und die ihm den Weg in ein selbstständiges Leben bereitet.
Auch wenn die beiden Männer in der Mitte ihres Lebens räumlich sehr weit voneinander entfernt sind, ist die prägende Nähe ihrer gemeinsamen Kindheit niemals auf der Strecke geblieben. Ohne Vorwürfe nehmen sich Paolo und Bruno ernst. Ersterer, der Reisen will, der andere, der seine vertrauten Berge nicht verlassen kann.

Welches davon der richtige Weg ist, bestimmt allein man selbst!

Paolo Cognetti
Acht Berge
ISBN: 978-3-421-04778-6

 

Lesebericht zu „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz

Des Teufels Gebetbuch_Markus Heitz_Blog_Oliver Steinhaeuser_RezensionIn illegalen Spielpartien zocken reiche Kartenbegeisterte um historische Karten. Ihr Einsatz ist eine Menge Geld und jeweils eine historische Spielkarte. Gespielt wird „Supérieur“, bei dem die Spieler nacheinander Karten aufnehmen. Die höchste Karte gewinnt, alle anderen verlieren ihren Einsatz pro Runde. Wer die „Pik-Ass“ zieht hat automatisch alles verloren. Auch sein Leben. So sehen es die historischen Spielregeln vor, denn der Verlierer seines gesamten weltlichen Besitzes findet seine Ruhe besser im Tod als im Leben.
Hyun, die die Nachricht über den Unfalltod ihres zockenden Verlobten nicht recht glauben möchte, will die Organisatoren des illegal arrangierten Spiels zur Rechenschaft ziehen und löst bei der nächsten Partie in Baden-Baden eine Lawine ungeahnten Ausmaßes aus, die mit dem Tod eines russischen Oligarchensohnes zudem noch einmal mehr an Rasanz gewinnt.

Des Teufels Gebetbuch ist eine gelungene Kombination aus dem historischen Entstehungsprozess der Spielkarten und der Wirkung von Kartenspielen in unserer Gesellschaft. Die Verwunderung über die Macht des historischen Kartendecks fesselt den Leser so stark an das Buch, dass die im Anhang mitgereichten Informationen über die Entstehung von Kartenspielen und deren Weg nach und in Europa mit Euphorie weiterstudiert werden.
Die Verwendung historisch nachweisbarer Fakten und echt existierender Charaktere in der Geschichte zum Teufels Gebetbuch erzeugt eine solche Authentizität, sodass der Leser keinen Zweifel an der Story hat – obwohl er natürlich weiß, dass es um einen Roman mit fiktiven Elementen handelt.

Richtig interessant wird die Thematik, sobald der Leser das Geschriebene reflektiert. Das historische Kartenspiel des Romans wurde im Auftrag des Teufels im Heiligen Römischen Reich um 1768 in Leipzig mit einem Kupferstich gedruckt. Man kann sich nun die Frage der Existenz des Teufels stellen. Dann muss man jedoch gleichzeitig über die Existenz Gottes grübeln. Sind das nun fantastische Elemente? Beim Teufel und Gott eher nicht. Wie dem auch sei: Ist es nicht das Spielen an sich, dass in uns Menschen das teuflische in Form von Habgier, Missgunst und Sucht auslöst? Ebenso wie das Göttliche nicht körperlich existiert, sondern durch unser Handeln als Mensch erst zu Vorschein kommt.


Achtung! Dieses Buch fesselt den Leser an sich. Ein Entkommen der eigenen Gedanken aus dem Buch ist auch nach Beenden der Lektüre kaum möglich!


Markus Heitz liefert in den beiden Erzählsträngen einerseits eine sagenhaft düstere Aura, durch die der Leser ins alte Leipzig des Heiligen Römischen Reichs entführt wird. Zurück in die Zeit, zu der der Kupferstecher Bastian Kirchner im Verlagshaus Breitkopf tätig ist und das Kartendeck herstellt. Im zweiten Erzählstrang befindet sich der Leser in der rasanten Gegenwart, die von der Jagd nach eben diesen historischen Karten – des Teufels Gebetbuch – dominiert wird. Dass einige Protagonisten, Tadeus Boch allen voran, über unglaubliche Fähigkeiten verfügen – er spricht und versteht beinahe jede Sprache – ist kaum zu begreifen und strapaziert die Glaubwürdigkeit. Aber es schadet dem Buch nicht. Die Geschichte selbst ist so unglaublich, dass dem Leser diese Makel zwar nicht entgehen, sie ihn aber nicht davon abhalten, mehr über des Teufels Gebetbuch erfahren zu wollen. Und sich zusammen mit Hyun und Tadeus in den entlegensten Winkeln Italiens, Frankreichs, Belgiens, Russlands und Westafrikas rumtreiben, um alle Karten des Decks zusammenzubekommen. Nachdem auch Tadeus der Aura einer Karte anheimgefallen ist und er ihre negative und böse Ausstrahlung auf sein Denken und Handeln bemerkt, ist es der beiden Ziel, die unzerstörbaren Karten wenigstens so zu verbergen, dass kein Mensch mehr sie erreichen soll.

Markus Heitz
Des Teufels Gebetbuch
ISBN: 978-3-426-65419-4