Besprechung „Die Freihandeslüge“ von Thilo Bode

Die Freihandelslüge_Besprechung von Oliver SteinhäuserFluch oder Segen? Und für wen? Wo es Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Doch es existiert ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Gewichtung und Ausgeglichenheit dieser divergierenden Parteien. Das transatlantische Freihandelsabkommen betrifft Investitionsgeschäfte gleichermaßen wie materielle und immaterielle Güter und Werte. Es gefährdet den Finanzsektor und stuft die Lebensstandards unserer umwelt-, ernährungs- und kulturbewussten Gesellschaft durch Standardisierungen herab.

Thilo Bode ist es in „Die Freihandelslüge“ sehr gut gelungen, auch thematisch unerfahrene Leser in die Debatte um das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA einzuführen. Er erklärt anschaulich, dass Handelsabkommen zwischen Staaten, durch die Einführung gemeinsamer Richtlinien und Normen, der Verminderung von Zöllen, Verringerung bürokratischer Vorgänge etc., Handelsbarrieren abbauen können. Bode bezieht sich dabei auf Verträge zwischen handelsstarken Staaten und Entwicklungsländern, in denen keine hochentwickelten Märkte bestehen.
TTIP ist dagegen ein Vertrag zwischen zwei Staaten, zwischen denen bereits ein florierender Handel besteht. Man fragt sich, aus welchen Gründen nun ein solches Abkommen geschlossen werden soll? Thilo Bode identifiziert das Handelsabkommen als Werkzeug zum Aushebeln der politischen Souveränität der europäischen Länder, denn TTIP ist ein völkerrechtlicher Vertrag und hat daher Vorrang vor allen europäischen und nationalstaatlichen Gesetzen. Konkrete Auswirkungen ergeben sich durch die abweichenden Standards zwischen der EU und den USA. Akzeptieren die USA die europäischen Standards nicht – und das werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, da deren niedrigere Standards geringere Markteintrittsbarrieren bedeuten, als die geltenden Normen der EU – geht die Gefahr einer Abstufung der in den EU-Ländern bestehenden Vereinbarungen und Normen aus. Anpassungen nach untern (in Richtung der US-Standards) wären die Folge. Das liegt daran, dass völkerrechtliche Verträge Schutz vor Diskriminierungen eines Vertragspartners juristisch sicherstellen. Im Falle von TTIP bedeutet dies konkret, dass die USA gegen die EU ein Druckmittel haben und sie – in Form einer Klage – dazu zwingen könnten, etablierten Normen auf den geringen US-Standard anzupassen.
Grundsätzliche Unterschiede zwischen den Vertragsstaaten bilden beispielsweise das „Vorsorgeprinzip“, das in Europa gilt und das „Nachsorgeprinzip“ in den USA. In Europa werden Produkte vor deren Markeinführung auf Unschädlichkeit und Funktion getestet, um Gefahren für Mensch und Umwelt auszuschließen. In den USA hingegen, lässt man neue Produkte zunächst generell für einen Launch auf den Märkten zu, denn es gilt das Nachsorgeprinzip. Das führt dazu, dass schädliche Produkte erst durch die Nutzung von Kunden extrahiert werden. Der Schaden für Mensch, Tier und Umwelt ist dann jedoch für den konkreten Vorfall nicht mehr außer Kraft zu setzen.

Kernpunkte seiner Analyse in „Die Freihandelslüge“ bilden besonders die Themen Investitionsschutz sowie Tierschutz, Verbraucherschutz und Ernährung. Bode kommt in seinem Werk zu dem Schluss, dass das Aufweichen von Vereinbarungen und Normen nicht allein durch US-amerikanische Stellen befürwortet wird. Auch international handelnde europäische Chemie-, Automobil- und Agrarkonzerne wittern in dem transatlantischen Freihandelsabkommen ihre Chance auf steigende Umsätze. Es sind schließlich genau diese europäischen Großkonzerne, die an strenge Leitlinien gebunden sind, denen TTIP ein willkommenes Geschenk zur politischen Mitbestimmung bietet.

In dem von Thilo Bode erläuterten Spektrum an Auswirkungen für die Bereiche Umwelt, Tierschutz, Nahrung und Vorsorge, spannt er den Bogen leider nicht komplett. In letzter Konsequenz fehlt der Bezug auf die kulturelle Vielfalt in der EU. Unter anderem gibt es in Deutschland ein Gesetz zur Buchpreisbindung. Durch dieses Gesetz wird das „Kulturgut Buch“ besonders vor Ausbeutung und Dumpingpreisen auf dem Markt geschützt. Ein für 18 Monate festgelegter Preis gilt gleichermaßen für große als auch kleine Bestellmengen und führt dazu, dass ein Buch überall das gleiche kostet. Dies gewährt ein vielfältiges Buchangebot sowie eine flächendeckende Versorgung durch kleinere Buchhandlungen.
Bezogen auf TTIP, kann gerade dieses kulturschützende Gesetz Anlass zur Klage durch die USA werden, denn es stellt laut den vertraglichen Vereinbarungen eine Diskriminierung für US-amerikanische Märkte dar. Und im Zweifel werden Vorschriften nach unten reguliert.

„TTIP wäre ein weiterer verhängnisvoller Schritt Richtung jener ‚marktkonformen Demokratie’, in der sich alles den Freiheits- und Gestaltungsansprüchen globaler Konzerne unterordnen soll“, fasst Bode es in seinem Fazit treffend zusammen. Er hat mit „Die Freihandelslüge“ ein aufregendes Buch geschrieben, dass anhand einiger Beispiele anschaulich erklärt, welche Auswirkungen TTIP für jeden von uns bedeuten kann.

Thilo Bode
Die Freihandelslüge
ISBN: 978-3-421-04679-6

 

Advertisements

Denkanstoß: Persönlichkeitstransformation durch Casting-Shows

Gefahren der Casting-Shows, Buchblog, Oliver Steinhäuser, SchlusstaktWas Casting-Shows mit der Individualität ihrer Teilnehmer machen

Der neue Titel „Schlusstakt“ von Arno Strobel spricht in erfolgreichen Zeiten des „Bachelor“, „DSDS“, „Germanys next Topmodel“ usw. ein gesellschaftsrelevantes und spannendes Thema an. Was kann der Rezipient solchen Sendungen glauben? Was nicht? Gibt es überhaupt – zumindest sequenziell – eine glaubwürdige und realitätsgetreue Abbildung der Teilnehmer, oder gehen wir auf die für uns produzierten Wünsche und unserem ausgeprägten Voyeurismus auf den Leim?

Ich persönlich schaue keine Casting-Shows, da ich es nicht gut finde, Menschen anhand kurzer Bild- und Filmausschnitte zu bewerten. Solche Shows führen zu einer verzerrten Wahrnehmung von Individuen und können Charaktere vollkommen sinnentstellt präsentieren. Benötigt eine Casting-Show eine „Zicke“, werden durch die Produzenten ausschließlich diejenigen Ausschnitte öffentlich gezeigt, in denen diese Person sich streitet und unsozial verhält. Werden nun zusätzlich alle „normalen“ Situationen entfernt bzw. nicht ausgestrahlt, entsteht das Bild der „Zicke“ etc.
Durch das gezielte Auslassen von Filmsequenzen kann somit genau das Bild vermittelt werden, was der Zuschauer erwartet oder der Produzent gezielt verbreiten möchte.
Interessant bzw. Gefährlich dabei ist, dass durch diese Selektion jeder Teilnehmer zu einer völlig der Natur abweichenden Persönlichkeit geformt werden kann, ohne dass dies bei den Beteiligten sofort wahrgenommen wird, da sie zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht wissen, welche Sequenzen später in die Produktion einfließen. Ansprüche gegen die produzierte Sendung zu erheben ist letztendlich auch ausgeschlossen, da abgeschlossene Verträge zwischen den Vertragsparteien eine Ausstrahlung erlauben. Bei Abschluss eines Vertrages realisiert primär kein Teilnehmer, dass die von ihm getätigten Aufnahmen später komplett aus dem Kontext gerissen werden können, um eine Persönlichkeitstransformation vorzunehmen.

Die „Soul Beach“-Trilogie hat vor einiger Zeit schon deutlich gezeigt, welchem Druck junge Menschen durch solche Shows ausgesetzt sein können und wie sich dies auf das Leben der Angehörigen auswirken kann.

Casting-Shows sind ein hochaktuelles und starkes gesellschaftliches Phänomen, dem ich mich nicht aktiv anschließe.
Bücher darüber zu lesen und deren thematische Auseinandersetzung zu bewerten interessiert mich jedoch sehr stark. Ein Bericht zu „Schlusstakt“ folgt zeitnah.

Erkenntnis aus „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss

Anna vom Blog „Live your life with books“ beschreibt sehr schön, welcher Sehnsucht nach Harmonie Auri im Werk „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss ausgesetzt ist:
„Ihr ist bewusst, dass dort oben Menschen wie sie sind und trotzdem lebt sie lieber dort unten ganz allein. Denn dort im Unterding kann sie in Harmonie leben. Dort hat sie die Harmonie selbst in der Hand und kann dazu beitragen, dass sie fortbesteht.“

Welch schöner Gedanke, Harmonie selbst zu bestimmen und nicht auf Regeln und Übereinstimmungen mit Nachbarn, Mitbewohnern, Familie etc. achten zu müssen. Gerade in der täglichen Großstadthektik und den Einschnitten die große Wohngemeinschaften bedeuten, ist es die Ruhe und Selbstbestimmung die Auri konsequent lebt, nach der wir alle uns so oft sehnen.

Hier finden Sie die ausführliche Besprechung des Buch- und Medienblogs.

Lesebericht zu „Der Nibelungen Untergang“ von Heinrich Steinfest

Oliver Steinhäuser, Nibelungen Untergang, Siegfried der Drachentöter, Kriemhild, NibelungenschatzReclam? Das ist doch der Verlag mit den kleinen gelben Büchern und den dazugehörigen Erläuterungen, die jeder schmerzlich aus dem Deutschunterricht kennt? Dabei entstehen im Verlag wunderbare Bücher, deren Gestaltung bei genauerer Betrachtung wahrlich kunstvoll ist.

„Der Nibelungen Untergang“ ist eines dieser Werke. Grobe Zeichnungen von Robert de Rijn – über die Doppelseiten des Buches gestaltet –untermauern die Geschichte der Nibelungen auf eindrucksvolle Weise. Die expressive Strichführung der Zeichnungen lenkt den Blick des Rezipienten auf die Kernaussage jeder gestalteten Doppelseite und unterstreicht eindrucksvoll den rauen und rücksichtslosen Umgang in Zeiten, in denen Muskelkraft und Brutalität über den Ausgang eines Konfliktes entschieden haben.

Heinrich Steinfest – bekannt für seine Kriminalromane – erzählt in „Der Nibelungen Untergang“ das Nibelungenlied nach. Dabei bezieht er immer wieder Stellung, beschreibt seine Zweifel an der überlieferten Geschichte, belegt jedoch auch Dinge, die sich in der Art und Weise, in der sie erzählt wurden zugetragen haben können.
Durch das Einbeziehen heutiger Kommunikationstechnik und Persönlichkeiten aus der Gegenwart entsteht anfangs eine merkwürdige Mischung aus Sage und Komödie. „Und jeder kann sehen, wie Kriemhild ihrerseits verzaubert ist […]. Sie ist schließlich kein Backfisch oder so.“ (S.20) Es ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig ein Heldenepos mit solch grotesken Vergleichen und Kommentaren serviert zu bekommen. Wenn Steinfest sich über surreale Konstellationen von Kriegsheeren mokiert und damit die Helden der Sage bloßstellt, verlangt dies vom Leser eine gewisse Toleranz. Er erzählt die Geschichte zügig und in einem unverblümten Alltagston, der gelegentlich ins vulgäre abrutscht.
Doch es lohnt sich, das Buch weiterzulesen, über die anfängliche Verwirrtheit hinwegzusehen und das Werk als eine Übertragung der Sage auf unsere moderne Welt zu verstehen. Dabei spielen die uns bekannten Persönlichkeiten wie beispielweise Michael Jackson und Elvis Presley – die Steinfest explizit nennt um Siegfried zu veranschaulichen – eine genauso große Rolle wie der FC Bayern München, der ebenso Gegenstand seines Vergleiches wird.

Das negative Echo, das dieses Buch hervorgerufen hat, kann ich nicht bestätigen, denn es bereitete mir eine Freude dieses Buch zu lesen und die Zeichnungen, die einer Graphic Novel gleichen, anzusehen. „Der Nibelungen Untergang“ ist eines der wenigen Bücher, das in der U-Bahn neugierige Blicke auf sich gezogen hat und für Gesprächsstoff sorgte.
Auch derjenige, der sich nicht für Sagen interessiert, hat schon von Siegfried dem Drachentöter und dem im Rhein versenkten Nibelungenschatz gehört. Aus genau diesen vagen Skizzen zeichnet Heinrich Steinfest ein Gesamtbild und setzt dies verständlich um, selbst auf die Gefahr hin, einige Exkurse aus der Sprachfertigkeit der Nibelungen heraus, in unsere Gegenwart zu machen. Wenn der Leser weiß, worauf er sich einlässt und weder Probleme mit manch abstrusen Gedankengängen des Autors hat oder an der Kombination aus alter und moderner Sprache Gefallen findet, dann sei ihm dieses Buch wärmstens empfohlen.

Es ist und bleibt die faszinierende Geschichte der Nibelungen, die mit Siegfried einen Helden haben, der scheinbar über allem steht. Es ist die alte Geschichte von Macht, Anerkennung, Ruhm, Verlust und Gier, die seit jeher die Menschheit bestimmt. Erzählt in einem anachronistischen Gewand mit erfrischend modernen Pointen und Kommentaren.
„Der Nibelungen Untergang“ ist nach langer Zeit endlich wieder ein Buch, das ich nicht einfach weglege und abschließe. Hier entsteht Diskussionsbedarf über den Verlauf der Geschichte, darüber wer mit wem in Verbindung steht und warum manch ein König seinen über allen Zweifel hinweg loyalen Freund verrät und damit dessen Tod mitverschuldet. Und vor allem: Wo genau mag wohl der Schatz der Nibelungen liegen? Und woraus besteht der Schatz? Gold und materieller Reichtum, oder ist er möglicherweise nur Sinnbild für Wissen und Reichtum durch Erkenntnis?

Heinrich Steinfest                                      Hier geht es zur Leseprobe
Der Nibelungen Untergang
Geb. mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-15-010949-6

Lesebericht zu „Nummer Zwei“ von Claus Probst

Nummer Zwei_Fischer_Claus ProbstWas bewegt einen unbescholtenen Bürger dazu, eine getötete junge und hübsche Frau zu entführen? Was geht in einem Kopf vonstatten, wenn dieser Mann diese provokant positionierte Frau in seinen Wagen lädt, sie nach Hause bringt und in der Tiefkühltruhe mit dem Liebslingskuscheltier seiner eigenen Tochter versteckt?

Klappentext:
Am frühen Morgen findet er sie: die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, schutzlos. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort und bringt es zu sich nach Haus. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der schon zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber er muss so handeln.
Fallanalytikerin Lena Böll sucht nach einem vermissten jungen Mädchen. Doch der Serienmörder brüstet sich per SMS bereits der Tat. Aber nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Lena Böll beginnt ein hochriskantes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Bereits die ersten Seiten des Titels fesseln den Rezipienten und werfen in ihm eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser ominöse Mann, der die tote Frau vom Tatort entfernt, dabei Spuren verfälscht und zerstört, sein Fehlverhalten erkennt und trotzdem genau so handelt? Faszination, Spannung und Irritation begleiten den Leser von Anfang an, während Claus Probst langsam die ersten Rätsel lüftet, die bahnbrechenden Aspekte doch nur sehr zögerlich illustriert.
„Nummer Zwei“ versetzt den Leser auf eine stürmische Reise, die begleitet von einem aufbäumen der Gefühle und Emotionen in einem glorreichen Finale endet.
Die einzigartige Geschichte arbeitet alle Beteiligten sehr gut heraus, erweckt sie zum Leben und verzichtete dabei auf die genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, ohne dabei an Spannungsarbeit zu sparen.
Claus Probst zeichnet seine sehr originell gestalteten Charaktere mit einer Tiefgründigkeit, die er auf eine feinfühlige und menschliche Art beschreibt. „Nummer Zwei“ überzeugt durch die erzählten Hintergrundgedanken der Charaktere, da sie dem Leser ein sehr genaues Bild vor Augen führen. Es ist detailreich geschrieben, ohne langatmig zu sein. Die sukzessive eingestreuten Details aus den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren – vergleichbar mit Hinweisen für den Leser – fügen das Gesamtbild des Buches fortlaufen zusammen. Dank einer sehr gut durchdachten Konzeption hat man jedoch immer ausreichend Information um die aktuelle Situation nachvollziehbar erfassen zu können, ohne etwas vorweggenommen zu bekommen oder an Spannung zu verlieren.

Claus Probst arbeitet in „Nummer Zwei“ mit dem psychologischen Aspekt der Traumabewältigung, welches das Buch stark thematisiert und dem Leser die facettenreichen Charakteren verdeutlicht.

Claus Probst
Nummer Zwei
Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19691-3