Lesebericht zu „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz

Des Teufels Gebetbuch_Markus Heitz_Blog_Oliver Steinhaeuser_RezensionIn illegalen Spielpartien zocken reiche Kartenbegeisterte um historische Karten. Ihr Einsatz ist eine Menge Geld und jeweils eine historische Spielkarte. Gespielt wird „Supérieur“, bei dem die Spieler nacheinander Karten aufnehmen. Die höchste Karte gewinnt, alle anderen verlieren ihren Einsatz pro Runde. Wer die „Pik-Ass“ zieht hat automatisch alles verloren. Auch sein Leben. So sehen es die historischen Spielregeln vor, denn der Verlierer seines gesamten weltlichen Besitzes findet seine Ruhe besser im Tod als im Leben.
Hyun, die die Nachricht über den Unfalltod ihres zockenden Verlobten nicht recht glauben möchte, will die Organisatoren des illegal arrangierten Spiels zur Rechenschaft ziehen und löst bei der nächsten Partie in Baden-Baden eine Lawine ungeahnten Ausmaßes aus, die mit dem Tod eines russischen Oligarchensohnes zudem noch einmal mehr an Rasanz gewinnt.

Des Teufels Gebetbuch ist eine gelungene Kombination aus dem historischen Entstehungsprozess der Spielkarten und der Wirkung von Kartenspielen in unserer Gesellschaft. Die Verwunderung über die Macht des historischen Kartendecks fesselt den Leser so stark an das Buch, dass die im Anhang mitgereichten Informationen über die Entstehung von Kartenspielen und deren Weg nach und in Europa mit Euphorie weiterstudiert werden.
Die Verwendung historisch nachweisbarer Fakten und echt existierender Charaktere in der Geschichte zum Teufels Gebetbuch erzeugt eine solche Authentizität, sodass der Leser keinen Zweifel an der Story hat – obwohl er natürlich weiß, dass es um einen Roman mit fiktiven Elementen handelt.

Richtig interessant wird die Thematik, sobald der Leser das Geschriebene reflektiert. Das historische Kartenspiel des Romans wurde im Auftrag des Teufels im Heiligen Römischen Reich um 1768 in Leipzig mit einem Kupferstich gedruckt. Man kann sich nun die Frage der Existenz des Teufels stellen. Dann muss man jedoch gleichzeitig über die Existenz Gottes grübeln. Sind das nun fantastische Elemente? Beim Teufel und Gott eher nicht. Wie dem auch sei: Ist es nicht das Spielen an sich, dass in uns Menschen das teuflische in Form von Habgier, Missgunst und Sucht auslöst? Ebenso wie das Göttliche nicht körperlich existiert, sondern durch unser Handeln als Mensch erst zu Vorschein kommt.


Achtung! Dieses Buch fesselt den Leser an sich. Ein Entkommen der eigenen Gedanken aus dem Buch ist auch nach Beenden der Lektüre kaum möglich!


Markus Heitz liefert in den beiden Erzählsträngen einerseits eine sagenhaft düstere Aura, durch die der Leser ins alte Leipzig des Heiligen Römischen Reichs entführt wird. Zurück in die Zeit, zu der der Kupferstecher Bastian Kirchner im Verlagshaus Breitkopf tätig ist und das Kartendeck herstellt. Im zweiten Erzählstrang befindet sich der Leser in der rasanten Gegenwart, die von der Jagd nach eben diesen historischen Karten – des Teufels Gebetbuch – dominiert wird. Dass einige Protagonisten, Tadeus Boch allen voran, über unglaubliche Fähigkeiten verfügen – er spricht und versteht beinahe jede Sprache – ist kaum zu begreifen und strapaziert die Glaubwürdigkeit. Aber es schadet dem Buch nicht. Die Geschichte selbst ist so unglaublich, dass dem Leser diese Makel zwar nicht entgehen, sie ihn aber nicht davon abhalten, mehr über des Teufels Gebetbuch erfahren zu wollen. Und sich zusammen mit Hyun und Tadeus in den entlegensten Winkeln Italiens, Frankreichs, Belgiens, Russlands und Westafrikas rumtreiben, um alle Karten des Decks zusammenzubekommen. Nachdem auch Tadeus der Aura einer Karte anheimgefallen ist und er ihre negative und böse Ausstrahlung auf sein Denken und Handeln bemerkt, ist es der beiden Ziel, die unzerstörbaren Karten wenigstens so zu verbergen, dass kein Mensch mehr sie erreichen soll.

Markus Heitz
Des Teufels Gebetbuch
ISBN: 978-3-426-65419-4

Lesebericht zu „In jedem Augenblick unseres Lebens“ von Tom Malmquist

9783608983128_Tom Malmquist_Rezension_Besprechung_In jedem Augenblick unseres Lebens_Oliver Steinhäuser_Blog_Buch_LiteraturDie Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, zu dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach,  und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle „Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit seiner Freundin Karin innerhalb kürzester Zeit die Tür des Vertrauten und Geborgenen für immer zuschlägt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die zerschmetternde Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.
Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.
Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist ein Buch. Gegenwart und Erinnerung finden darin einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebt sein, an die Freuden und den Zweifeln. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz aller Umstände zu jeden Moment unserer Existenz leben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während den tragischen Ereignissen. Ohne sie drohen dem Leser der Verlust der Struktur und das Verschwimmen der Zeilen. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Sie verschwimmen im Kummer, ja Ohnmacht, und sind für Tom kaum in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.
Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, die Tom zu bewältigen hat, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge – Informationen, mit denen sich nur Eltern identifizieren können: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht – in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot und das erschwert den Vorgang ungemein. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
In jedem Augenblick unseres Lebens
978-3-608-98312-8

Lebensbericht zu „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ von Johannes Krätschell

Herr Schlau-Schlau wird erwachsen_Johannes Krätschell_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Blog_Buchblog_PeriplanetaHannes ist 35 Jahre alt, als ihm seine Eltern mitteilen, dass sie umziehen werden und er sich nun eine eigene Wohnung suchen müsse. Eine Katastrophe, denn dieser Umzug bedeutet, dass seine täglichen Strukturen aus dem Ruder laufen werden. Wo soll er nur seine viertausend Bücher umfassende Bibliothek und das Lesesofa unterbekommen? Wo seine Zeitung kaufen und Pakete abgeben? Der Kiosk, an dem er all das sonst erledigt hat, ist von seiner neuen Wohnung zu weit weg, um dort täglich hinzulaufen. Zu allem Überfluss steht bereits am ersten Abend in seiner eigenen Wohnung der Nachbar Hupe vor seiner Tür, möchte Hannes kennen lernen und ihm seine Hilfe anbieten. Hannes ist perplex, denn gehört es sich nicht genau anders rum? Obwohl Hannes sich vor dem Verlust seiner eingefahrenen Struktur und Ordnung fürchtet, ist es Hupe, der ihm zum Ausbruch aus seinen mentalen Fesseln verhilft, ihm Neues zeigt und ihm die Existenz eines lebensfrohen Daseins neben seiner Parallelwelt aus Büchern zeigt.


„Deine Lorbeeren von heute sind schon morgen der Kompost im Garten deines Lebens.“ (S.99)


Dieses Buch legt man nur widerwillig zur Seite, denn es bedeutet, dass man von Melancholie erfasst wird. Hupe, Holger und Hannes sind dem Leser wahrhaftig ans Herz gewachsen. Sie leben ein Leben, indem jeder für den anderen einsteht, so wie beste Freunde es in der heutigen, von Hektik getriebenen Zeit fast nicht mehr imstande sind zu tun. Dabei kennen viele der Charaktere sich erst seit kurzer Zeit und durch mehr oder weniger unfreiwillige Umstände. Die Konstellation der Charaktere ist besonders gelungen, denn jeder stammt aus einem anderen sozialen Milieu. Was die Protagonisten und den Leser beim ersten Aufeinandertreffen abschreckt, ist der Kitt auf den zweiten Blick. Eine Gleichheit und Menschlichkeit die durch die zu meisternden Lebensumstände entsteht. Es ist so, als habe jeder nur eine Kernkompetenz und erst das Zusammenrücken der so unterschiedlichen Menschen ermöglicht ihnen das gegenseitige Profitieren voneinander. Ermöglicht ihnen echte Vielfalt.
Für Hannes bedeutet es den Ausbruch aus seiner starren Bücherwelt, die ihn bislang an die Theorie gebunden hielt. Er findet auf einmal Gefallen an der Praxis, denn sie ist das Leben.

Dass einige der Texte auch auf der CD zur Verfügung stehen, macht aus „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ einen besonderen und authentischen Ausflug in die Hauptstadt Deutschlands. Gerade Hupe sorgt mit seinem Berliner Dialekt für besondere Authentizität, sodass selbst ick beim Verfassen meener Meinung Obacht geben muss, meine Jedanken uff Hochdeutsch zu sortieren. Dit kann ja sonst ooch keener les’n.
schlau-sky
Durch die Zusammenkunft dieser grundverschiedenen Menschen, erzählt uns die Geschichte von Herrn Schlau-Schlau etwas über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimat. Der Leser fühlt die stille Sehnsucht nach Gleichgesinntheit, auch wenn diese – besonders in einer durch Anonymität geprägten Großstadt – oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.
„Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ fordert den Leser zum Überschreiten seiner Komfortzone auf, erinnert ihn an die Existenz des Neuen, nicht ausschließlich als Verlust von Gewohnheit und Selbstvertrauen, sondern auch als Chance zum positiven Wandel, zum Erweitern seines Horizonts und der Reflexion seiner eigenen Einstellungen. Neues bringt eben neben Ungewohntem gleichzeitig auch Abenteuer und Erfahrung. Diese lohnen sich für den Protagonisten Hannes. Und wir haben Spaß daran, wenn wir merken, das augenscheinlich divergierenede Intelligenzen sich wunderbar ergänzen.

Johannes Krätschell
Herr Schlau-Schlau wird erwachsen
ISBN: 978-3-95996-030-4

Lesebericht zu „Good as Gone“ von Amy Gentry

Gentry Amy_Good as Gone_Buchblog_Oliver Steinhaeuser_RezensionDie 13-jährige Julie wurde mitten in der Nacht aus ihrem Kinderzimmer entführt. Die Suche nach ihr blieb bis heute erfolglos, denn es gab keine eindeutigen Einbruchsspuren, keine verwertbaren Anhaltspunkte, die der Polizei dienliche Hinweise liefern konnten. Jahrelang trauert die Familie um die verschwundene Tochter und hadert mit der Ungewissheit ihres Verbleibs. Eine Leiche wurde nie gefunden. Eines Tages steht eine heruntergekommene 21-jährige vor der Tür der Familie. Es ist die seit acht Jahren vermisste Tochter Julie. Was ist mit ihr passiert und wo ist sie all die Jahre gewesen?

„Good as Gone“ ist die Geschichte eines jungen Mädchen, die im Übergang zur Pubertät aus ihrem Elternhaus entführt wurde. Als sie eines Tages plötzlich vor der Haustür ihres Elternhauses auftaucht, verfällt die Familie in Unglauben, Trauer und Freunde zugleich. Ihre verschollene Julie ist wieder da! Gerade die Mutter Anna möchte Julie all die Liebe und Zuwendung zukommen lassen, die ihr jahrelang verwehrt blieb. Zum Leidwesen ihrer jüngeren Tochter Jane und ihres Mannes Tom, denn sie versteht jede Kleinigkeit, jeden minimalen Konflikt als ein von Verlustängsten dominiertes Horrorszenario.
Einige der Kapitel in „Good as Gone“ sind durchnummeriert, andere Kapitel tragen jeweils  einen weiblichen Namen. Sie beschreiben die gegenwärtige Handlung mit der wiederaufgetauchten Tochter Julie und den Geschichten verschiedener Mädchen, die Gewalt, Misshandlung und Schrecken ausgesetzt sind. Annäherung finden die beiden Erzählstränge, als der Privatdetektiv Alex Mercado Anna aufsucht und ihr von der Band Gretchen at Midnight erzählt, deren Frontsängerin Julie wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Ab hier erfährt der Leser nach und nach mehr über die Mädchen Gretchen, Vi, Violet, Starr, Die Neue, Karen, Charlotte, Baby, Esther und Julie. Zehn Identitäten, bei denen beim Lesen die Frage nach einer dissoziativen Identitätsstörung aufkommt. Zehn junge, biegsame und naive Mädchenidentitäten, die jeweils Unglaubliches durchmachen mussten, dass es schwerfällt daran zu glauben, dass es sich hierbei einzig und allein um die verschwundene Julie handeln soll.


Dieses Buch glänzt nicht nur durch die Unglaublichkeit der Geschichte sondern durch die Brillanz der Sätze, die mit viel Geschick und Liebe zum Detail formuliert sind.


In einer wunderbar anschaulichen Sprache beschreibt Amy Gentry die dauerhafte Verwandlung eines Mädchens, dessen Leben einem ständigen Ausbruchstrieb folgt und die versucht, sich in ihrer wandelnden Welt durch neue Namen und Lebensgeschichten den gegebenen Umständen anzupassen. Gentry schwebt dabei auf einer Ebene, die nicht sensationslüstern ist, sondern die Beklemmungen und Verängstigungen junger Frauen mit Erfahrungen sexueller Gewalt verdeutlicht. Sie bringt dem Leser die irrationalen Handlungen dieser verstörten Menschen näher.
Am Ende erfährt der Leser außerdem, wie es so weit kommen konnte, dass Julie unbemerkt aus ihrem Elternhaus entführt werden konnte. Was soziale Medien damit zu tun haben, wird in diesem Lesebericht nicht weiter beleuchtet. Nur so viel: Die dreizehnjährige Julie wurde von der Entführung nicht vollends überrumpelt, doch konnte sie in ihrer Naivität die Auswirkungen und die Boshaftigkeit ihres Gegenübers kaum einschätzen.

Amy Gentry
Good as Gone
ISBN: 978-3-570-10323-4

Rezension „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“

ueber die erhabenheit toter katzen und das umwerben trauriger mädchen, buchblog oliver steinhäuserIch fotografiere gerne tote Katzen! Nicht wie ihr jetzt wieder denkt. Die sind schon alle tot. Einfach eingeschlafen oder überfahren. Und ich bin verliebt. Verliebt sein ist etwas wunderbares, wenn es nicht so traurig machen würde! Alles strömt wie wild und unkontrolliert auf mich ein: Glückseligkeit, weil ich gerade mit Claudia auf meines Onkels Dachboden knutsche und fummel. „Die Sache selbst taten wir nicht, aber all die anderen Sachen, und manchmal übertreffen die anderen Sachen die Sache selbst an Intimität und Schönheit. Ich werde den Zaubertrick, den sie an diesem Nachmittag für mich vollführte, nicht erklären.“

Für den 14-jährigen Jan gibt es keine bessere Vorstellung von Liebe, als sich um ein trauriges Mädchen kümmern zu können. Eine melancholische Seele, der er all seine Liebe, seinen Trost und Fürsorge zukommen lassen kann. Der beste Weg eben, um ein Mädchen an sich zu binden und ihre Liebe zu ihm aufkeimen zu lassen und sukzessive zu festigen. Claudia, eine Mitschülerin scheint ihm eine gute Wahl. Lethargisch lässt sie ihren Kopf hängen. Gesenkten Blickes verfolgt das Mädchen den Unterricht, in dem Jan es schließlich schafft, Blickkontakt zu Claudia aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit klopfendem Herzen beginnt ein schüchternes Annäherungsspiel, aufgebaut auf zögerndem Anschauen, fortschreitendem Anlächeln und dem Vorstoß sich miteinander zu unterhalten und sich der Komfortzone des anderen zu nähern.
Gemeinsam erkunden Claudia und Jan die Welt der Gefühle, probieren sich aus. Dabei lernen sie die alles übermannende Liebe zu einem Menschen kennen, die jedoch ebenso imstande ist, im nächsten Moment zu erschüttern. Für jeden Heranwachsenden ist die Wahrheit der Dinge meist anders und schmerzvoller, als er sie sich in seiner naiven Fantasie ausgemalt hat.

Jan, unser 14-jähriger Protagonist, durchlebt die aufregende Zeit der Pubertät. Sein Körper beginnt Liebe und Sexualität in Verbindung zu bringen. Sein Gewissen ist davon zunächst tief erschüttert. Es beschämt ihn festzustellen, dass seine körperliche Lust sich beim ersten Kuss mit Claudia gegen die textile Grenze seiner Kleidung auflehnt. Die beiden jungen Menschen durchlaufen die Pirouetten zwischen Pubertät und Adoleszenz. Ein Lebensabschnitt inmitten von Neustrukturierungen von Hirnfunktionen und neuronaler Umstrukturierungen kindlicher Welten hin zu emotional-reflektiertem Denken.
Philipp Multhaupt versetzt den Leser zurück in seine eigene Jugend. Er ermöglicht die Erinnerung an das erste Gefühl von Liebe und welchen Zweifel, welche Hoffnung und Glückseligkeit, Traurigkeit und Trübseligkeit jeder von uns erfahren musste. „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“ schafft, durch seine sinnlich mitreißende Sprache wunderbare Bilder, die den Leser dazu bewegen, eigene Erfahrungen niederzuschreiben. Geschichten der gleichermaßen erlebten Situationen in ähnlichem Kontext: Zurückversetzt ins eigene Baumhaus, den Dachboden, die Scheune, die Bushaltestelle. Eben all die Orte, an denen jungen Menschen sich der Liebe erstmals konfrontiert sehen.
Die Abenteuer der Jugend enden nicht selten mit derben Rückschlägen, weil Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Dass sie dabei auch wichtige Lernprozesse abrupt beenden, ist ihnen oft nicht bewusst.
Es regt sich ein Aufschrei in mir selbst, und ich wünsche, dass ich mich in der Pubertät meiner Kinder noch an die Komplexität neuronaler und persönlichkeitsbildender Momente erinnere.

Doch wie wahrscheinlich ist das Durchbrechen elterlicher Fürsorge? Jugendliche schimpfen nun mal über ihre Eltern und schwören, es bei ihren eigenen Kindern anders zu machen. Und doch befinden wir uns in einer Wiederholungsschleife…

Lesebericht zu „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

die-weisse-stadt_karolina-ramqvist_buchblog_oliver-steinhaeuserHeute erscheint „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

Was unternimmst du, wenn dein Partner plötzlich nicht mehr für dich da ist, weil seine kriminellen Geschäfte schief gegangen sind? Du sitzt mit eurem gemeinsamen Kleinkind in der hübschen und mit illegalen Geldern erbauten Villa und musst dem Gerede der Ermittler des Dezernates für wirtschaftliche Kriminalität zuhören. Musst dir eingestehen, dass all der sicher geglaubte Besitz von nun an nicht mehr deiner sein soll, dass alles gepfändet wird und wie Sand durch die bröckelnden Fugen deiner Fassade rieselt.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Karins Freund nicht mehr da ist, muss sie sich jetzt obendrein alleine um ihre einjährige Tochter kümmern. Verzweifelt haust die Protagonistin zusammen mit ihrem Kind in der Villa. Es ist kalt und dreckig, ihr Antrieb beinahe erloschen. Den jungen Pizza-Fahrer bezahlt sie mit körperlichem Einsatz, um nicht noch das letzte Bargeld aufzubrauchen.
Der Leser erlebt eine am Boden zerstörte Existenz, eine Frau, die aus ihrem geregelten und sorgenfreien Leben herausgerissen wurde. Er sieht sie mit dem Leben hadern und scheinbar planlos handeln. Doch sie hat sich einen Entschluss gefasst: Es muss irgendwo eine Art Anspruch auf Geld geben. Geld aus dem letzten Geschäft, das ihrem Freund John zum Verhängnis wurde. Und das sucht sie in ihrer einstigen gemeinsamen Clique. Von ihrer Freundin Therese erhofft sie sich Beistand und Verständnis. Doch auch sie wird in dem von Männern dominierten Clan unterdrückt, hat nichts zu sagen und lässt Karin hängen. Bis zu dem Tag, als sie plötzlich in ihrer Hofeinfahrt steht und ihrer Freundin und sich selbst aus der Misere helfen möchte. Gemeinsam entwenden sie in einem unbeobachteten Moment das Barvermögen der Männer und verschwinden.

Bereits während des Lesens versucht man einen Zugang zur Intention der Autorin Karolina Ramqvist herzustellen. Das gestaltet sich nicht gerade einfach, denn zwischen dem Versuch aus ihrer Lethargie auszubrechen, muss die Protagonistin Karin den harten Anforderungen einer stillenden Mutter standhalten. Sie ist geprägt von postnatalen Problemen, wie spannenden Brüsten, unkontrolliertem Milchfluss und den optischen Veränderungen ihres Körpers. Immer wieder ruft sie in Momenten besonderer Trauer die Mailbox ihres verschwundenen Freundes an und findet so kurze Momente innerer Ruhe. Eine Ruhe, die jedoch sofort durch die Reflexion ihrer selbst zerstört wird. Konnte Karin nicht schon länger ahnen, dass irgendwann einmal etwas schief geht und ihr Leben zerstört? Wenn sie ehrlich zu sich ist, erkannte sie die dunklen Vorboten der nun eingetretenen Katastrophe, wollte sie nur nicht wahrhaben.
„Die weiße Stadt“ ist ein Roman über das Scheitern einer Frau, die sich zu sehr auf ihren männlichen Partner verlassen hat und den Komfort den dieser ihr gewährte nicht hinterfragte. Nicht selten kann dieser Leichtsinn bei einem Beziehungsbruch zum sozialen Abstieg werden. Es ist wie mit einem Kreis: Er verändert sich, wenn man plötzlich außerhalb seiner Mitte steht.

Karolina Ramqvist
Die weiße Stadt
ISBN-13 9783550081330

Lesebericht zu „Das Ende der Schuld“ von Marbel Becker

Das Ende der Schuld, Marbel Becker, Buchblog, Medu Verlag, Oliver SteinhäuserWer schreibt ein Buch über sein stürmisches Leben? Beschreibt darin, wie ein geregeltes und geplantes Leben als Theologin während des Studiums aus dem Ruder läuft und in einem sodamasochistischen Etablissement sein unwiderruflichen Wendepunkt findet. Es ist die Geschichte der jungen Studentin Cara, die in der Hoffnung auf ein gottesfürchtiges Leben unter die Räder des körperlichen Verlangens und einem damit verbundenen extatischen Kontrollverlust gerät. Es sind die Memoiren einer juristisch nie belangten Frau, die ihre Erfahrungen und Ängste textlich verarbeitet hat und die in „Das Ende der Schuld“ ihren Abschluss finden.

Zur Absicherung ihres Lebensunterhalts arbeitet die junge Theologiestudentin Cara Sentow in einer Nachtbar. In ihrer aufkeimenden Gier nach Geld geht sie einen Schritt weiter und rutscht zunehmend in die Prostitution. Ihrer Stammkundschaft gefällt vor allem die dominante Härte, mit der sie Cara im Keller des mächtigen Edelbordells gefügig macht. Doch mit dem Tag, an dem eines dieser qualvollen Spiele im Tode eines „Klienten“ endet, erfährt auch ihr eigenes Leben mit seinen gewohnten Strukturen eine lebenslange und unwiderrufliche Wendung.
Marbel Becker eröffnet einen Plot, der dem Leser spannende Stunden bereiten kann. Sie beschreibt eine im Zwiespalt zwischen Glauben und Lebenslust gefangene Protagonistin, deren Mordunfall sie ihr gesamtes Leben begleitet. In ihrer panischen Angst vor Strafverfolgung unterstützt sie ihr Freund und heimlicher Verehrer Franz Bachmann beim Beseitigen der Beweise sowie dem Beschaffen einer neuen Identität. Dass sie mit dieser und der Flucht aus Marburg an der Lahn sogar eine Pfarrstelle im bayerischen Ganthofen antreten kann, hätte sie nicht im Traum gedacht. Unter ihrem neuen Namen beginnt für sie eine zweite Chance. Ruhe findet sie trotzdem nicht, denn die Geister ihrer Vergangenheit verfolgen sie ohne Unterlass. Oder ist es doch nur ihre gepeinigte Seele, die ihr Streiche spielt?

Leider erfordert „Das Ende der Schuld“ von seinen Lesern des Öfteren langatmigen Durststrecken, die die Geduld auf eine harte Probe stellen. Der Grund liegt vor allem darin, dass beinahe das gesamte Buch als „Ich-Erzählung“ der Cara Sentow aufgebaut ist. Echte Spannung kann jedoch meist nur aus Sicht des „allwissenden Erzählers“ aufgebaut werden, der seine Figuren auf eine aufreibende Reise schickt und die Spannungsmomente minutiös ausarbeitet und detailliert beschreibt.
Das Zeug dazu hat der Roman. Vereinzelte Perspektivwechsel hätten der Geschichte gut getan und sie spannungsgeladener werden lassen. „Das Ende der Schuld ist ein solider Roman für all jene, die in der Lage sind Spannung auch in ihrer eigenen intrinsischen Vorstellungskraft fußen zu lassen.

Marbel Becker
Das Ende der Schuld
ISBN 978-3-941955-88-2