Lesebericht zu „Transition – Das Programm“ von Luke Kennard

Transition_Luke Kennard_Rezension_Oliver Steinhäuser_Blog_BuchblogDu bist Mitte dreißig, hast Schulden und arbeitest mehr oder weniger freiberuflich als Texter. Den Bedürfnissen deiner geliebten aber psychisch labilen Freundin möchtest du jedoch trotzdem irgendwie gerecht werden.
Durch den Aufbau einer Kreditkarten-Blase wahrt Karl den Schein eines einigermaßen soliden Lebens. Mit dem Zerplatzen dieser Traumwelt ist der Beitritt bei Transition der letzte Ausweg vor einer Gefängnisstrafe. Eine Organisation, die verspricht, sich um ihre sogenannten Protegés zu kümmern und sie durch gute Ausbildungen wieder zu rechtschaffenden Mitgliedern der Gesellschaft zu formen.

Der verschuldete Karl und seine Frau Genevieve werden bei ihren Mentoren empfangen. Die einzige Einschränkung scheint auf den ersten Blick das Einbehalten ihrer Gehälter zu sein. Damit sollen Schulden abgetragen und zukunftsfähiges Kapital aufgebaut werden. Das ergibt für Karl zunächst auch Sinn und ist allemal besser, als seine Schulden in einer Gefängniszelle abzusitzen. Doch während Karls Skepsis ihn dazu leitet zu hinterfragen, was der Sinn dieses „wohltätigen“ Programms ist, blüht seine Frau Genevieve geradezu auf und wandelt ihren alten Trott durch neuen Aufgaben und Tätigkeiten bei Transition. Geblendet vom Schein entgeht ihr, was Transition mit der Chance für Straftäter wirklich erreicht. Sie nehmen nämlich ausschließlich auserwählte Paare auf. Es geht weniger um die Chance des Rechtsbrechers auf Besserung, sondern um die Aufnahme ihrer loyalen Partner. Denn wer sich einem extrovertierten Partner jahrelang unterordnete, der bringt auch Transition gegenüber seine volle Geduld und Regelkonformität entgegen. Der gute Zweck ist demnach nur Schein und dient zur Rekrutierung beeinflussbarer und kontrollierbarer Persönlichkeiten.


„Transition“ knüpft nicht an „Der Circle“ von Dave Eggers an. Weder thematisch noch stilistisch. Wer das Buch mit dieser Erwartungshaltung kauft, wird meiner Einschätzung nach enttäuscht.


Da Luke Kennards Schreibstil mich von Beginn an nicht fesseln konnte, haderte ich sehr lange mit dieser Rezension. Ich fand keinen Zugang ins Buch hinein, verlor zwischendrin mehrfach die Lust und habe erst zum Ende hin eine persönliche Freude entdeckt.
Sie gilt der Idee, wie Transition ihre „Schützlinge“ aufnimmt und sie in A und B Klassen drängt. Dabei nutzen sie Naivität aus und suggerieren, dass sie ein Programm seien, bei dem jeder Teilnehmer gewinnt. Auf der Suche nach genau diesen gutgläubigen Menschen ist das Programm Transition. Doch selbst wer nur über rudimentäre Wirtschaftskenntnisse verfügt, weiß, dass das Anheben des eigenen Gewinns ab einer gewissen Grenze nur noch über das Herabsetzen der Margen dritter Wirtschaftsteilnehmer funktioniert. Im Fall von Transition erfolgt dies einerseits über die Beschäftigung der B-Protegés am Existenzminimum. Es erfolgt jedoch auch über das indirekte Herabsetzen des Selbstwerts der A-Teilnehmer. Sie werden augenscheinlich zwar emotional aufgebaut und man trägt Sorge, dass sie sich selbst als essentiell und wertvoll wahrnehmen. Rücklings sorgt ihre Loyalität aber auch dafür, dass sie Transition ihre Ideen mitteilen und das Programm an den daraus generierten Einkünften beteiligen. Genau so gehen Selbstwertaufbau und -verlust Hand in Hand.

Luke Kennard
Transition
ISBN: 978-3-426-28167-3

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Lesebericht zu „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo CognettiAm Montag, den 11. September 2017, erschien „Acht Berge“

Der Umzug der Familie nach Mailand entzieht ihnen das vertraute Leben und Wandern in den Bergen ihrer Heimat, des Veneto. Paolos Mutter setzt mit ihrem steten Willen den Entschluss durch, ein kleines Haus in Grana zu mieten. Eine Sommerresidenz, die das Kleinod der Familie werden würde. Während Paolo und seine Mutter in den Sommermonaten im Bergdorf wohnen, kommt der Vater an den Wochenenden dazu und findet beim Bezwingen der Berge den nötigen Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit in Mailand.
Schnell lernt Paolo Bruno kennen, ein Jungen seines Alters, der mit seiner Familie in den Bergen und auf den Almen Granas zu Hause ist. Der nichts anderes kennt, als das Hüten der Kühe, das Bauen von Unterschlüpfen sowie das Durchstreifen seiner heimischen Natur.

Es sind zwei Welten die in „Acht Berge“ aufeinandertreffen: Bildungsbürgertum und selbstversorgende Bauern. Eine Kombination, die ganz offensichtlich nicht zusammen passen kann. Doch genau das tut sie. Denn es sind keine Erwachsenen, die aufeinander treffen, sich intellektuell messen müssen oder sich durch ihr materielles Leben profilieren müssen. Nein, es sind Bruno und Paolo, zwei Kinder, die die Welt, in die sie hineingeboren wurden und in der sie leben, mit kindlicher Naivität betrachten. Zwei Jungen, deren alleiniger Wert in der gemeinsam verbrachten Zeit liegt. Es tut gut zu sehen, dass sich das auch im Altern nicht zwangsläufig ändern muss. Immer wieder kehrt Paolo zu Besuch zu seinem Freund Bruno in die Berge von Grana zurück. Dass er studiert hat, Bruno aber immer noch Kühe hütet interessiert dabei keinen von beiden.

„Acht Berge“ ist ein episodenweise sehr melancholischer Roman über zwei Freunde, die trotz ihrer unterschiedlichen Lebenskonzepte immer wieder zueinander finden. Die es schaffen, die Vertrautheit ihrer kindlichen Vergangenheit auch in der Zeit des Erwachsenwerdens nie zu verlieren und sich immer als familiären Halt sehen. Cognetti schafft es, seinen Leser in eigene Erinnerungen abtauchen zu lassen. Es versetzt ihn zurück in seine eigene Kindheit, in eine Zeit, in der wir uns nicht primär in bestimmten Milieus aufgehalten haben, ganz einfach daher, weil wir keine Klassifizierung kannten. Weil wir unserem Gegenüber weitestgehend unvoreingenommen und zweifelsfrei entgegneten.
Paolo Cognetti erinnert sich in seinem Roman an die eigene Kindheit. Er bringt sich dem Leser aus der Ich-Perspektive in einer der aufregendsten Zeiten des Lebens näher: Dem Ende der Kindheit und der einsetzenden Adoleszenz. Die Phase im Leben, die den Charakter eines Menschen deutlich prägt und die ihm den Weg in ein selbstständiges Leben bereitet.
Auch wenn die beiden Männer in der Mitte ihres Lebens räumlich sehr weit voneinander entfernt sind, ist die prägende Nähe ihrer gemeinsamen Kindheit niemals auf der Strecke geblieben. Ohne Vorwürfe nehmen sich Paolo und Bruno ernst. Ersterer, der Reisen will, der andere, der seine vertrauten Berge nicht verlassen kann.

Welches davon der richtige Weg ist, bestimmt allein man selbst!

Paolo Cognetti
Acht Berge
ISBN: 978-3-421-04778-6

 

Lesebericht zu „Underground Railroad“ von Colson Whitehead

Underground Railroad_Colson Whitehead_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch_Blog_Literatur„Schwarze Hände haben das Weiße Haus, den Sitz der Regierung unseres Landes gebaut. Das Wort wir. Wir sind nicht ein Volk, sondern viele verschiedene Völker. Wie kann ein einziger Mensch für diese großartige, schöne Rasse sprechen – die nicht eine einzige Rasse ist, sondern viele, mit einer Million Sehnsüchten, Hoffnungen und Wünschen für sich selbst und ihre Kinder?
Denn wir sind Afrikaner in Amerika. Etwas Neues in der Geschichte der Welt, ohne Vorbild für das, was aus uns werden wird.
Die Farbe muss genügen. […] Alles, was ich wirklich weiß, ist, dass wir gemeinsam aufsteigen und gemeinsam untergehen, eine einzige farbige Familie, die Tür an Tür mit einer einzigen weißen Familie lebt. Mag sein, dass wir den Weg durch den Wald nicht kennen, aber wir können einander aufhelfen, wenn wir hinfallen, und wir werden gemeinsam ankommen.“
(S. 327)

Riesige Baumwollfelder zur Stoffproduktion müssen in den Vereinigten Staaten von Amerika bestellt, gepflegt und abgeerntet werden. Eine harte und undankbare Arbeit, für die der Amerikaner eine Lösung hat: schwarze Menschen aus den afrikanischen Ländern.
Nachts fallen Negerfänger in afrikanischen Dörfern ein, sortieren Menschen aus, als sei es Vieh, und entführen die starken Männer sowie gebärfähige junge Frauen und Mädchen für die Produktion.
Alles zur Sicherung der Baumwollexpansion. Amerika braucht mehr Neger, also müssen sie sich auf den Plantagen ihrer Besitzer kontrolliert vermehren können, um somit das Werkzeug zur Ernte herzustellen: Junge Negerkinder, die ohne Kenntnis über Freiheit anstaltslos ihren Besitzern gehorchen. Die alles machen, denn etwas anders steht ihnen nicht zu. Sie sind Besitz und Eigentum eines anderen, der über sie verfügt. Leibeigene. In allen Lebenslagen, in allen Stimmungslagen. Im Hass, wie in der Lust, wie im Tod.

Die Tragweite der Versklavung im 16. bis 19 Jahrhundert erfährt der Leser durch Generationen hinweg. Protagonistin ist Cora, deren Mutter Marbel sowie Großmutter Ajarry Opfer der Sklaverei wurden. Während die tragische Geschichte mit der Verschleppung Ajarrys aus Afrika beginnt und den Einstieg in die Geschichte bildet, wächst die Geschichte um Marbel, der Mutter Coras. Bis diese schließlich von der Plantage flieht und ihre Tochter Cora den Weißen schutzlos überlässt. Durch sie erfahren wir schließlich, was es heißt, allein unter dem Regime der Unterdrückung, Folter und Misshandlung aufzuwachsen und zu überleben. Obwohl Cora die alleinige Flucht der Mutter unbegreiflich ist, hält auch sie das Leben auf der Baumwollplantage nicht aus und flieht. Dabei erfährt sie Hilfe von weißen Sympathisanten und Helfern fliehender Sklaven. Freiheit erlangt sie jedoch zu keiner Zeit, denn ihr Besitzer hat Sklavenfänger auf sie angesetzt. Diese sollen sie einfangen und ihrem rechtmäßigen Besitzer wiederbringen.
Jede Freude, die sie durch kleine Freiheiten erlangt, währt nur Momente, bevor ihr stärkster Widersacher, Ridgeway, sie wieder einfängt und versucht, Cora zurück in den Süden zu liefern. Ein Katz- und Mausspiel, bei dem kein Sieger auszumachen ist. Denn was bedeutet Freiheit wirklich? Ist ein Leben auf der Flucht und in Verstecken ein Leben in Freiheit, nur weil man nicht mehr unter Zwang arbeiten muss? Oder ist man dann gar freier auf einer Plantage, von der man zwar nicht fliehen kann und abhängig ist, auf der man allerdings nicht als Vogelfreier und Gesellschaftsloser in totaler Isolation lebt? Was heißt nun frei zu sein und in Freiheit zu leben?


Man muss keine Gesellschaftswissenschaft studiert haben, kein Ethnologe oder Anthropologe sein, um einer unausweichlichen Kenntnis klar zu werden:
Der Kampf um Freiheit entsteht allein aus Gefangenschaft;
das Blutvergießen zum Erlangen von Recht und Achtung allein aus Misshandlung und Missachtung;
der Wunsch nach mehr nur aus weniger.


In unseren Köpfen ist das Wort Neger schon längst verpönt und seine Verwendung nicht mehr gesellschaftsfähig. In der Literatur entfachte der Austausch dieses diskriminierenden Begriffs in literarischen Werken im Jahr 2013 zuletzt emotionslose Diskussionen. Durch die Konfrontation mit der „Negerfrage“ und die Verwendung dieses Begriffes sowie der noch wesentlich diskriminierenden Schimpfbezeichnung für versklavte Afrikaner in den USA, rüttelt Colson Whitehead seine Leser wach. Er erinnert in der „Underground Railroad“ an die längst verdränge Zeit der Versklavung. Die Herabwürdigung der Sklaven durch Verwendung von diskriminierenden Begriffen ist dabei seine Kunstform zur Erinnerung.
„Wenn die Nigger frei sein sollten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm nicht gehören.“ (S. 97)
Passagen wie diese sorgen allerdings auch dafür, dass man in der Straßenbahn nicht nur das Buch vor den neugierigen Blicken potentieller Mitlesen schützt, sondern vor allem einer potentiellen Verurteilung seiner selbst.

Colson Whitehead
Underground Railroad
ISBN 978-3-446-25774-0

Lesebericht zu „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz

Des Teufels Gebetbuch_Markus Heitz_Blog_Oliver Steinhaeuser_RezensionIn illegalen Spielpartien zocken reiche Kartenbegeisterte um historische Karten. Ihr Einsatz ist eine Menge Geld und jeweils eine historische Spielkarte. Gespielt wird „Supérieur“, bei dem die Spieler nacheinander Karten aufnehmen. Die höchste Karte gewinnt, alle anderen verlieren ihren Einsatz pro Runde. Wer die „Pik-Ass“ zieht hat automatisch alles verloren. Auch sein Leben. So sehen es die historischen Spielregeln vor, denn der Verlierer seines gesamten weltlichen Besitzes findet seine Ruhe besser im Tod als im Leben.
Hyun, die die Nachricht über den Unfalltod ihres zockenden Verlobten nicht recht glauben möchte, will die Organisatoren des illegal arrangierten Spiels zur Rechenschaft ziehen und löst bei der nächsten Partie in Baden-Baden eine Lawine ungeahnten Ausmaßes aus, die mit dem Tod eines russischen Oligarchensohnes zudem noch einmal mehr an Rasanz gewinnt.

Des Teufels Gebetbuch ist eine gelungene Kombination aus dem historischen Entstehungsprozess der Spielkarten und der Wirkung von Kartenspielen in unserer Gesellschaft. Die Verwunderung über die Macht des historischen Kartendecks fesselt den Leser so stark an das Buch, dass die im Anhang mitgereichten Informationen über die Entstehung von Kartenspielen und deren Weg nach und in Europa mit Euphorie weiterstudiert werden.
Die Verwendung historisch nachweisbarer Fakten und echt existierender Charaktere in der Geschichte zum Teufels Gebetbuch erzeugt eine solche Authentizität, sodass der Leser keinen Zweifel an der Story hat – obwohl er natürlich weiß, dass es um einen Roman mit fiktiven Elementen handelt.

Richtig interessant wird die Thematik, sobald der Leser das Geschriebene reflektiert. Das historische Kartenspiel des Romans wurde im Auftrag des Teufels im Heiligen Römischen Reich um 1768 in Leipzig mit einem Kupferstich gedruckt. Man kann sich nun die Frage der Existenz des Teufels stellen. Dann muss man jedoch gleichzeitig über die Existenz Gottes grübeln. Sind das nun fantastische Elemente? Beim Teufel und Gott eher nicht. Wie dem auch sei: Ist es nicht das Spielen an sich, dass in uns Menschen das teuflische in Form von Habgier, Missgunst und Sucht auslöst? Ebenso wie das Göttliche nicht körperlich existiert, sondern durch unser Handeln als Mensch erst zu Vorschein kommt.


Achtung! Dieses Buch fesselt den Leser an sich. Ein Entkommen der eigenen Gedanken aus dem Buch ist auch nach Beenden der Lektüre kaum möglich!


Markus Heitz liefert in den beiden Erzählsträngen einerseits eine sagenhaft düstere Aura, durch die der Leser ins alte Leipzig des Heiligen Römischen Reichs entführt wird. Zurück in die Zeit, zu der der Kupferstecher Bastian Kirchner im Verlagshaus Breitkopf tätig ist und das Kartendeck herstellt. Im zweiten Erzählstrang befindet sich der Leser in der rasanten Gegenwart, die von der Jagd nach eben diesen historischen Karten – des Teufels Gebetbuch – dominiert wird. Dass einige Protagonisten, Tadeus Boch allen voran, über unglaubliche Fähigkeiten verfügen – er spricht und versteht beinahe jede Sprache – ist kaum zu begreifen und strapaziert die Glaubwürdigkeit. Aber es schadet dem Buch nicht. Die Geschichte selbst ist so unglaublich, dass dem Leser diese Makel zwar nicht entgehen, sie ihn aber nicht davon abhalten, mehr über des Teufels Gebetbuch erfahren zu wollen. Und sich zusammen mit Hyun und Tadeus in den entlegensten Winkeln Italiens, Frankreichs, Belgiens, Russlands und Westafrikas rumtreiben, um alle Karten des Decks zusammenzubekommen. Nachdem auch Tadeus der Aura einer Karte anheimgefallen ist und er ihre negative und böse Ausstrahlung auf sein Denken und Handeln bemerkt, ist es der beiden Ziel, die unzerstörbaren Karten wenigstens so zu verbergen, dass kein Mensch mehr sie erreichen soll.

Markus Heitz
Des Teufels Gebetbuch
ISBN: 978-3-426-65419-4

Lesebericht zu „In jedem Augenblick unseres Lebens“ von Tom Malmquist

9783608983128_Tom Malmquist_Rezension_Besprechung_In jedem Augenblick unseres Lebens_Oliver Steinhäuser_Blog_Buch_LiteraturDie Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, zu dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach,  und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle „Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit seiner Freundin Karin innerhalb kürzester Zeit die Tür des Vertrauten und Geborgenen für immer zuschlägt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die zerschmetternde Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.
Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.
Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist ein Buch. Gegenwart und Erinnerung finden darin einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebt sein, an die Freuden und den Zweifeln. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz aller Umstände zu jeden Moment unserer Existenz leben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während den tragischen Ereignissen. Ohne sie drohen dem Leser der Verlust der Struktur und das Verschwimmen der Zeilen. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Sie verschwimmen im Kummer, ja Ohnmacht, und sind für Tom kaum in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.
Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, die Tom zu bewältigen hat, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge – Informationen, mit denen sich nur Eltern identifizieren können: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht – in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot und das erschwert den Vorgang ungemein. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
In jedem Augenblick unseres Lebens
978-3-608-98312-8

Lebensbericht zu „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ von Johannes Krätschell

Herr Schlau-Schlau wird erwachsen_Johannes Krätschell_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Blog_Buchblog_PeriplanetaHannes ist 35 Jahre alt, als ihm seine Eltern mitteilen, dass sie umziehen werden und er sich nun eine eigene Wohnung suchen müsse. Eine Katastrophe, denn dieser Umzug bedeutet, dass seine täglichen Strukturen aus dem Ruder laufen werden. Wo soll er nur seine viertausend Bücher umfassende Bibliothek und das Lesesofa unterbekommen? Wo seine Zeitung kaufen und Pakete abgeben? Der Kiosk, an dem er all das sonst erledigt hat, ist von seiner neuen Wohnung zu weit weg, um dort täglich hinzulaufen. Zu allem Überfluss steht bereits am ersten Abend in seiner eigenen Wohnung der Nachbar Hupe vor seiner Tür, möchte Hannes kennen lernen und ihm seine Hilfe anbieten. Hannes ist perplex, denn gehört es sich nicht genau anders rum? Obwohl Hannes sich vor dem Verlust seiner eingefahrenen Struktur und Ordnung fürchtet, ist es Hupe, der ihm zum Ausbruch aus seinen mentalen Fesseln verhilft, ihm Neues zeigt und ihm die Existenz eines lebensfrohen Daseins neben seiner Parallelwelt aus Büchern zeigt.


„Deine Lorbeeren von heute sind schon morgen der Kompost im Garten deines Lebens.“ (S.99)


Dieses Buch legt man nur widerwillig zur Seite, denn es bedeutet, dass man von Melancholie erfasst wird. Hupe, Holger und Hannes sind dem Leser wahrhaftig ans Herz gewachsen. Sie leben ein Leben, indem jeder für den anderen einsteht, so wie beste Freunde es in der heutigen, von Hektik getriebenen Zeit fast nicht mehr imstande sind zu tun. Dabei kennen viele der Charaktere sich erst seit kurzer Zeit und durch mehr oder weniger unfreiwillige Umstände. Die Konstellation der Charaktere ist besonders gelungen, denn jeder stammt aus einem anderen sozialen Milieu. Was die Protagonisten und den Leser beim ersten Aufeinandertreffen abschreckt, ist der Kitt auf den zweiten Blick. Eine Gleichheit und Menschlichkeit die durch die zu meisternden Lebensumstände entsteht. Es ist so, als habe jeder nur eine Kernkompetenz und erst das Zusammenrücken der so unterschiedlichen Menschen ermöglicht ihnen das gegenseitige Profitieren voneinander. Ermöglicht ihnen echte Vielfalt.
Für Hannes bedeutet es den Ausbruch aus seiner starren Bücherwelt, die ihn bislang an die Theorie gebunden hielt. Er findet auf einmal Gefallen an der Praxis, denn sie ist das Leben.

Dass einige der Texte auch auf der CD zur Verfügung stehen, macht aus „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ einen besonderen und authentischen Ausflug in die Hauptstadt Deutschlands. Gerade Hupe sorgt mit seinem Berliner Dialekt für besondere Authentizität, sodass selbst ick beim Verfassen meener Meinung Obacht geben muss, meine Jedanken uff Hochdeutsch zu sortieren. Dit kann ja sonst ooch keener les’n.
schlau-sky
Durch die Zusammenkunft dieser grundverschiedenen Menschen, erzählt uns die Geschichte von Herrn Schlau-Schlau etwas über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimat. Der Leser fühlt die stille Sehnsucht nach Gleichgesinntheit, auch wenn diese – besonders in einer durch Anonymität geprägten Großstadt – oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.
„Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ fordert den Leser zum Überschreiten seiner Komfortzone auf, erinnert ihn an die Existenz des Neuen, nicht ausschließlich als Verlust von Gewohnheit und Selbstvertrauen, sondern auch als Chance zum positiven Wandel, zum Erweitern seines Horizonts und der Reflexion seiner eigenen Einstellungen. Neues bringt eben neben Ungewohntem gleichzeitig auch Abenteuer und Erfahrung. Diese lohnen sich für den Protagonisten Hannes. Und wir haben Spaß daran, wenn wir merken, das augenscheinlich divergierenede Intelligenzen sich wunderbar ergänzen.

Johannes Krätschell
Herr Schlau-Schlau wird erwachsen
ISBN: 978-3-95996-030-4

Lesebericht zu „Good as Gone“ von Amy Gentry

Gentry Amy_Good as Gone_Buchblog_Oliver Steinhaeuser_RezensionDie 13-jährige Julie wurde mitten in der Nacht aus ihrem Kinderzimmer entführt. Die Suche nach ihr blieb bis heute erfolglos, denn es gab keine eindeutigen Einbruchsspuren, keine verwertbaren Anhaltspunkte, die der Polizei dienliche Hinweise liefern konnten. Jahrelang trauert die Familie um die verschwundene Tochter und hadert mit der Ungewissheit ihres Verbleibs. Eine Leiche wurde nie gefunden. Eines Tages steht eine heruntergekommene 21-jährige vor der Tür der Familie. Es ist die seit acht Jahren vermisste Tochter Julie. Was ist mit ihr passiert und wo ist sie all die Jahre gewesen?

„Good as Gone“ ist die Geschichte eines jungen Mädchen, die im Übergang zur Pubertät aus ihrem Elternhaus entführt wurde. Als sie eines Tages plötzlich vor der Haustür ihres Elternhauses auftaucht, verfällt die Familie in Unglauben, Trauer und Freunde zugleich. Ihre verschollene Julie ist wieder da! Gerade die Mutter Anna möchte Julie all die Liebe und Zuwendung zukommen lassen, die ihr jahrelang verwehrt blieb. Zum Leidwesen ihrer jüngeren Tochter Jane und ihres Mannes Tom, denn sie versteht jede Kleinigkeit, jeden minimalen Konflikt als ein von Verlustängsten dominiertes Horrorszenario.
Einige der Kapitel in „Good as Gone“ sind durchnummeriert, andere Kapitel tragen jeweils  einen weiblichen Namen. Sie beschreiben die gegenwärtige Handlung mit der wiederaufgetauchten Tochter Julie und den Geschichten verschiedener Mädchen, die Gewalt, Misshandlung und Schrecken ausgesetzt sind. Annäherung finden die beiden Erzählstränge, als der Privatdetektiv Alex Mercado Anna aufsucht und ihr von der Band Gretchen at Midnight erzählt, deren Frontsängerin Julie wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Ab hier erfährt der Leser nach und nach mehr über die Mädchen Gretchen, Vi, Violet, Starr, Die Neue, Karen, Charlotte, Baby, Esther und Julie. Zehn Identitäten, bei denen beim Lesen die Frage nach einer dissoziativen Identitätsstörung aufkommt. Zehn junge, biegsame und naive Mädchenidentitäten, die jeweils Unglaubliches durchmachen mussten, dass es schwerfällt daran zu glauben, dass es sich hierbei einzig und allein um die verschwundene Julie handeln soll.


Dieses Buch glänzt nicht nur durch die Unglaublichkeit der Geschichte sondern durch die Brillanz der Sätze, die mit viel Geschick und Liebe zum Detail formuliert sind.


In einer wunderbar anschaulichen Sprache beschreibt Amy Gentry die dauerhafte Verwandlung eines Mädchens, dessen Leben einem ständigen Ausbruchstrieb folgt und die versucht, sich in ihrer wandelnden Welt durch neue Namen und Lebensgeschichten den gegebenen Umständen anzupassen. Gentry schwebt dabei auf einer Ebene, die nicht sensationslüstern ist, sondern die Beklemmungen und Verängstigungen junger Frauen mit Erfahrungen sexueller Gewalt verdeutlicht. Sie bringt dem Leser die irrationalen Handlungen dieser verstörten Menschen näher.
Am Ende erfährt der Leser außerdem, wie es so weit kommen konnte, dass Julie unbemerkt aus ihrem Elternhaus entführt werden konnte. Was soziale Medien damit zu tun haben, wird in diesem Lesebericht nicht weiter beleuchtet. Nur so viel: Die dreizehnjährige Julie wurde von der Entführung nicht vollends überrumpelt, doch konnte sie in ihrer Naivität die Auswirkungen und die Boshaftigkeit ihres Gegenübers kaum einschätzen.

Amy Gentry
Good as Gone
ISBN: 978-3-570-10323-4