Lesebericht zu „Underground Railroad“ von Colson Whitehead

Underground Railroad_Colson Whitehead_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch_Blog_Literatur„Schwarze Hände haben das Weiße Haus, den Sitz der Regierung unseres Landes gebaut. Das Wort wir. Wir sind nicht ein Volk, sondern viele verschiedene Völker. Wie kann ein einziger Mensch für diese großartige, schöne Rasse sprechen – die nicht eine einzige Rasse ist, sondern viele, mit einer Million Sehnsüchten, Hoffnungen und Wünschen für sich selbst und ihre Kinder?
Denn wir sind Afrikaner in Amerika. Etwas Neues in der Geschichte der Welt, ohne Vorbild für das, was aus uns werden wird.
Die Farbe muss genügen. […] Alles, was ich wirklich weiß, ist, dass wir gemeinsam aufsteigen und gemeinsam untergehen, eine einzige farbige Familie, die Tür an Tür mit einer einzigen weißen Familie lebt. Mag sein, dass wir den Weg durch den Wald nicht kennen, aber wir können einander aufhelfen, wenn wir hinfallen, und wir werden gemeinsam ankommen.“
(S. 327)

Riesige Baumwollfelder zur Stoffproduktion müssen in den Vereinigten Staaten von Amerika bestellt, gepflegt und abgeerntet werden. Eine harte und undankbare Arbeit, für die der Amerikaner eine Lösung hat: schwarze Menschen aus den afrikanischen Ländern.
Nachts fallen Negerfänger in afrikanischen Dörfern ein, sortieren Menschen aus, als sei es Vieh, und entführen die starken Männer sowie gebärfähige junge Frauen und Mädchen für die Produktion.
Alles zur Sicherung der Baumwollexpansion. Amerika braucht mehr Neger, also müssen sie sich auf den Plantagen ihrer Besitzer kontrolliert vermehren können, um somit das Werkzeug zur Ernte herzustellen: Junge Negerkinder, die ohne Kenntnis über Freiheit anstaltslos ihren Besitzern gehorchen. Die alles machen, denn etwas anders steht ihnen nicht zu. Sie sind Besitz und Eigentum eines anderen, der über sie verfügt. Leibeigene. In allen Lebenslagen, in allen Stimmungslagen. Im Hass, wie in der Lust, wie im Tod.

Die Tragweite der Versklavung im 16. bis 19 Jahrhundert erfährt der Leser durch Generationen hinweg. Protagonistin ist Cora, deren Mutter Marbel sowie Großmutter Ajarry Opfer der Sklaverei wurden. Während die tragische Geschichte mit der Verschleppung Ajarrys aus Afrika beginnt und den Einstieg in die Geschichte bildet, wächst die Geschichte um Marbel, der Mutter Coras. Bis diese schließlich von der Plantage flieht und ihre Tochter Cora den Weißen schutzlos überlässt. Durch sie erfahren wir schließlich, was es heißt, allein unter dem Regime der Unterdrückung, Folter und Misshandlung aufzuwachsen und zu überleben. Obwohl Cora die alleinige Flucht der Mutter unbegreiflich ist, hält auch sie das Leben auf der Baumwollplantage nicht aus und flieht. Dabei erfährt sie Hilfe von weißen Sympathisanten und Helfern fliehender Sklaven. Freiheit erlangt sie jedoch zu keiner Zeit, denn ihr Besitzer hat Sklavenfänger auf sie angesetzt. Diese sollen sie einfangen und ihrem rechtmäßigen Besitzer wiederbringen.
Jede Freude, die sie durch kleine Freiheiten erlangt, währt nur Momente, bevor ihr stärkster Widersacher, Ridgeway, sie wieder einfängt und versucht, Cora zurück in den Süden zu liefern. Ein Katz- und Mausspiel, bei dem kein Sieger auszumachen ist. Denn was bedeutet Freiheit wirklich? Ist ein Leben auf der Flucht und in Verstecken ein Leben in Freiheit, nur weil man nicht mehr unter Zwang arbeiten muss? Oder ist man dann gar freier auf einer Plantage, von der man zwar nicht fliehen kann und abhängig ist, auf der man allerdings nicht als Vogelfreier und Gesellschaftsloser in totaler Isolation lebt? Was heißt nun frei zu sein und in Freiheit zu leben?


Man muss keine Gesellschaftswissenschaft studiert haben, kein Ethnologe oder Anthropologe sein, um einer unausweichlichen Kenntnis klar zu werden:
Der Kampf um Freiheit entsteht allein aus Gefangenschaft;
das Blutvergießen zum Erlangen von Recht und Achtung allein aus Misshandlung und Missachtung;
der Wunsch nach mehr nur aus weniger.


In unseren Köpfen ist das Wort Neger schon längst verpönt und seine Verwendung nicht mehr gesellschaftsfähig. In der Literatur entfachte der Austausch dieses diskriminierenden Begriffs in literarischen Werken im Jahr 2013 zuletzt emotionslose Diskussionen. Durch die Konfrontation mit der „Negerfrage“ und die Verwendung dieses Begriffes sowie der noch wesentlich diskriminierenden Schimpfbezeichnung für versklavte Afrikaner in den USA, rüttelt Colson Whitehead seine Leser wach. Er erinnert in der „Underground Railroad“ an die längst verdränge Zeit der Versklavung. Die Herabwürdigung der Sklaven durch Verwendung von diskriminierenden Begriffen ist dabei seine Kunstform zur Erinnerung.
„Wenn die Nigger frei sein sollten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm nicht gehören.“ (S. 97)
Passagen wie diese sorgen allerdings auch dafür, dass man in der Straßenbahn nicht nur das Buch vor den neugierigen Blicken potentieller Mitlesen schützt, sondern vor allem einer potentiellen Verurteilung seiner selbst.

Colson Whitehead
Underground Railroad
ISBN 978-3-446-25774-0

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Lesebericht zu „Der Räuberbräutigam“ von Eudora Welty

Eudora Welty_Der Raeuberbraeutigam, Blog, Buch, Oliver SteinhäuserDrei Männer treffen auf der Suche nach einem Schlafplatz in einem Wirtshaus aufeinander. Während zwei der Männer um einen Schlafplatz suchen, hegt der Dritte ein Verbrechen. Er hat es auf das Vermögen des Pflanzers Clemens Musgrove und des Räuberhäuptlings Jamie Lockhart abgesehen.
Nur der Kühnheit des Jamie Lockhart hat der naive Clemens sein Leben zu verdanken, denn dieser wittert bereits die ausgehende Gefahr und bringt ihn und sich selbst in Sicherheit. Zu Hause angekommen erzählt Clemens seiner zweiten Frau Salome sowie seiner Tochter Rosamond (aus erster Ehe), welch ehrenwerten Mann er auf seiner Reise kennen gelernt hat und dass er eben diesen zum Dank in den kommenden Tagen zu Besuch erwartet.
In der Hoffnung die gehasste Stieftochter Rosamond loszuwerden, schickt Salome sie wiederkehrend zum hintersten Waldrand, um dort die besten Kräuter zum Kochen zu suchen. Dort, so hofft sie, reißt sie ein wildes Tier oder entführt sie ein Indianerstamm. Es dauert nicht lange, da wird das Mädchen von einem Räuber ihrer sämtlichen Kleider beraubt – von keinem geringeren als dem ehrenwerten Jamie Lockhart. Doch als dieser einige Tage daraufhin im Hause Musgrove zu Gast ist, erkennen er und Rosamond sich nicht. Denn er trägt keine Räubertarnung mehr und das Mädchen ist vom Arbeiten im Haushalt von oben bis unten verdreckt. Gemeinsam wird beschlossen, dass Lockhart Rosamonds Peiniger aufspüren soll. Als das Mädchen eines Tages wieder im Wald Kräuter sammeln muss, trifft sie erneut auf ihren Räuber und beginnt mit ihm ein gemeinsames Leben. Ohne über dessen Doppelleben zu wissen.

„Der Räuberbräutigam“ ist ein modernes Märchen, das auf typisch fabelhaften Elementen aufbaut. Merkmale sind etwa sprechende Tiere, notorische Lügner sowie ausufernde Naivität. Diese Zügellosigkeit dient allein dem Zweck, seinen Lesern eine Lehre zu sein und ihnen die Gefahren der Welt begreiflich zu machen. Dazu gehört auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens. Etwa begegnen dem aufmerksamen Leser die als „sieben Todsünden“ bekannten schweren Sünden des Katechismus der katholischen Kirche:
Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia und Acedia (Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit).
Hinter dem Deckmantel des Märchens erzählt Welty mit einer erbarmungslosen Neutralität von Mord, Menschenraub, sexuellen Übergriffen und Überfällen, als seien es Ereignisse ohne jedwede Auslösung menschlich-seelischen Gefühls. Zwischen Zeitsprüngen erheblichen Ausmaßes, Vorenthaltung prägender Geschehnisse sowie dem plötzlichen Verschwinden und unerwarteten Wiederauftauchen von Charakteren gleitet der Leser in ein poetisch-bildhaftes Märchen gleich der Impressionen, die uns die Welten der Gebrüder Grimm bereits in frühen Kindheitstagen prägten.

Eudora Welty
Der Räuberbräutigam
ISBN: 978-3-608-96028-0