Schadensbericht zu „Mach dieses Buch fertig“ von Keri Smith

Jeder kennt diesen Wunsch, besser nicht so lange auf einer Party geblieben zu sein. Zu gehen, bevor ein kritischer Punkt überschritten wird, der am kommenden Morgen bitter schmerzt. Nämlich der Moment einer jeden Feier, zu dem man sich am kommenden Morgen beim Erwachen fragt, wie es nur so weit kommen konnte.
Bierdosen, Weinflaschen, Papierfetzen, Kartoffel- und Käsestempel sowie getrocknete Kakaomasse sind kreuz und quer in der Wohnung verteilt. Mittendrin eine schwarze Kamera, die mich verlockend anschaut. „Seht eure Schandtaten an“, schreit sie mich förmlich an. Und ich nehme sie zur Hand, schalte den Wiedergabemodus an und erschrecke:
Es ist noch schlimmer, als ich dachte.

Eine Umzugsparty der besonderen Art wollte ich veranstalten. Den Freunden, die uns beim Aus- und Einräumen der Wohnung so tatkräftig geholfen hatten, einen besonderen Spaß bereiten. Was wäre da besser geeignet, als im Kollektiv etwas Kreatives zu schaffen.
An dieser Stelle kommt ein besonderes Buch ins Spiel. Eines, das seinem Leser Mut und Unerschrockenheit abverlangt. „Brich den Buchrücken“, weist es seinen Besitzer draufgängerisch an. „Reiß diese Seite heraus. Akzeptiere den Verlust“, spottet es weiter. Unglaubliche Anweisungen, beim dem der Puls eines jeden Bücherfans stockt. Doch mich, als Hersteller für Bücher, stellt dieses Diktat auf eine ganz besondere Probe:
Die Zerstörung meines täglichen Schaffens. Das kann ich unmöglich alleine durchstehen. Dazu brauche ich Verstärkung. Und die hole ich mir bei meinen Umzugshelfern, also meinen Freunden und Nachbarn. Auch sie sind teils Blogger oder Verlagshersteller und mein Vorhaben wird auch sie sicherlich ebenso stark treffen, wie mich.
Doch im Kollektiv – so meine Hoffnung – sind wir stark genug um einen Abend lang zu vergessen, womit wir sonst unser Geld verdienen:
Mit dem Kulturgut Buch.

Wie alles begann

Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie erfahren, was sich hinter meiner vagen Ankündigung eines „literarischen Happenings“ verbirgt. Doch ich lese auch eine gewisse Neugier in ihren Augen, nachdem sie den Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch liegen sehen.
Liegt die Autorin von „Mach dieses Buch fertig“ mit ihrem Untertitel „Erschaffen ist Zerstören“ vielleicht doch nicht so falsch?
Wir werden es erleben und am Ende ein Buch in den Händen halten, dessen Seiten beklebt, beschmiert und durchgekaut sind. Einige sind sogar herausgerissen, manche wieder eingeklebt, einige auf ewig verschwunden. Das Buch wird einen ganzen Abend lang erlebt, zum Kunstobjekt ernannt und unaufhaltsam bearbeitet. Mit dem Ansteigen des Alkoholpegels fällt zunehmend unsere Verlegenheit und wir beginnen, die Seiten mit den zerstörerischen Anweisungen, nicht konsequent zu überblättern, sondern sie zu befolgen. Koste es was es wolle.
Unter Gelächter, Herzklopfen und gegenseitigem Ansporn entsteht eine unaufhaltsame Gruppendynamik, die dazu führt, dass ich mich am Morgen danach schmutzig und schuldig fühle. Was haben wir da nur getan?

Warum steht ein angeleintes Buch im Flur?
Zum Trocknen, ist doch klar!

„Warum steht denn ein angeleintes Buch im Hausflur?“, fragt mich eine der Hausbewohnerinnen am folgenden Morgen erstaunt, als wir uns zufällig beim Bäcker begegnen. Und schon ist das letzte Foto des vorangegangenen Abends wieder präsent:
„Leine das Buch an. Gehe eine Runde mit ihm und schleife es hinter dir her.“
Ich sehe uns um unseren großen Esstisch sitzen, jeder eine Kordel in der Hand, die er um sein Buch bindet, um mit ihm als krönenden Abschluss Gassi zu gehen. Dass es mittlerweile zu regnen begonnen hat, bemerkte durch die geschlossenen Jalousien keiner. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Wir haben dem Besuch versprochen, ihn und die Bücher zur U-Bahn zu begleiten. Ehrenworte werden eingehalten!
Doch genau dieser letzte Akt treibt uns auch noch nach Tagen danach in den Wahnsinn. Das arme Buch! Trotz mehrfachen wilden Schüttelns, fällt selbst heute immer noch Rollsplitt aus den Seiten.

Erst am späten Nachmittag, nach meinem Sportprogramm, bemerke ich in unserem Bad eine kleine Rettung aus den düster nachwirkenden Erinnerungen: Ein kleines Papierschiffchen steht zwischen unserer Anker- und Muscheldekoration neben der Dusche.
„Diese Seite beim Nachbarn verstecken“, lautet die Anweisung der Autorin für diese Seite und ich danke unserer Nachbarin, dass sie uns diesen Lichtblick beschert. Schnell blättere ich mein Exemplar durch, bis ich auf diese Seite stoße:
„Erstelle eine Liste mit weiteren Möglichkeiten, dieses Buch fertig zu machen“. Ich kralle mir ein Stift und notiere die Lösung meines Problems:

  • schneide alle vom Spaziergang beschmutzen Seiten, Buchkanten etc. weg

Ich vermutete bereits beim Aufkeimen dieser verrückten Idee, dass unsere Umzugshelferparty ein experimentelles Unterfangen werden würde. Dass es so emotional und begeisternd zugehen würde, konnte ich nicht ansatzweise ahnen. Deshalb freut es mich umso mehr!
Allen gehemmten sei zum Einstieg folgendes Buch zu empfehlen: „Mach einen Strich“.
Besonders Tapfere oder Fortgeschrittene dürfen ihren Mut auch direkt mit „Mach dieses Buch fertig“ testen. Doch Vorsicht! Ihr werdet euer Buch danach nie wieder in seinem ursprünglichen und unschuldigen Glanze sehen.

Keri Smith
Mach dieses Buch fertig
ISBN: 978-3-88897-914-9

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Lesebericht zu „Moonglow“ von Michael Chabon

Wenn Großväter ihre alten Geschichten erzählen und Anekdoten zum Besten geben, horchen Enkel besonders gerne zu. Manch Unglaubliches erfährt man über seine Familie. Überwiegend sind es familiäre Annalen, mit denen die Erzählungen ihren Beginn nehmen. Doch umso länger man seinen Großeltern zuhört, sie einfach erzählen lässt, desto einschneidender werden die Erlebnisse, die die Erinnerung zu Tage fördert. Werden nicht nur ganz neue Aspekte für Enkel offengelegt, sondern auch längst vergessene Schwindeleien des Erzählenden entlarvt.

Auch wenn des Großvaters Geschichten fesseln, erfährt der Protagonist Mike Unglaubliches aus seiner Familiengeschichte. Zum Beispiel von der Begeisterung des Großvaters für den deutschen und späteren US-Amerikanischen Raketenwissenschaftler Wernher von Braun.
Oder den Gefängnisaufenthaltes des Opas sowie der Unterbringung seiner Großmutter in der Psychiatrie.
Typisch einer jeden Biografie besteht auch die des Großvaters in „Moonglow“ aus vielen Einzelgeschichten, bei denen es oft scheint, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Auch das ist nicht untypisch, besteht das Leben doch aus so vielen oft zufälligen und unscheinbaren Facetten. Wie jede Lebensgeschichte, setzt sich am Ende die Summe aus allem Erlebten zu dem Menschen zusammen, den wir lieben und schätzen gelernt haben.

Durch die Zeit, die Michael Chabon als sein Protagonist Mike am Sterbebett seines Großvaters weilt und im einfach zuhört, erfahren wir Leser das, was Chabon uns über seinen Ursprung erlaubt zu erfahren. Ob das Geschriebene immer dem entspricht, was sein Großvater tatsächlich erlebt hat oder gerne so erlebt hätte ist dabei irrelevant. „Ich hatte das Gefühl, meine Geschichte sozusagen „auf die Kette bekommen“ zu müssen, im Hirn wie im Herzen. Wenn möglich, musste ich die Beziehung zwischen den Dingen, die ich in meiner Jugend und Kindheit über meine Familie und deren Geschichte gehört und erfahren hatte, und dem herausarbeiten, was Fakt war.“ S. 412

Aufgrund der angesammelten Vielzahl der Lebensgeschichten am Ende einer Biografie, entwickelt der Zuhörer und Leser eigene Präferenzen. Pickt sich seine Lieblingsanekdoten heraus und möchte alles darüber erfahren. „Moonglow“ eignet sich aus diesem Grund nicht zum linearen Lesen, auch wenn der Roman genau dazu angelegt ist. Dem Buch hätte ein Inhaltsverzeichnis sehr gut gestanden, durch das man – wenn man seine persönliche Lieblingsgeschichten ausgemacht hat – genau zu deren Fortführungen hätte springen können. Ohne dieses hat man gelegentlich das Gefühl halbherzig in weniger beliebten Geschichten zu versinken, ohne sie umschiffen zu können.

Nun kann dieser Kritik aus einer anderen Warte entgegengesetzt werden, dass genau dieses ineinander schwimmen der Geschichten absichtliches Stilmittel ist. Denn dem scheidenden Leben ist die Reihenfolge weniger wichtig, als die generelle Erleichterung und Freude über das Erlebte zu sprechen. Und wer einmal erzählt, der springt automatisch zwischen nicht durchweg nachvollziehbaren Sequenzen hin und her.

Wer das Glück noch lebender Großeltern hat und sich auch deren Geschichten gelegentlich anhört, wird feststellen, dass sich während der Lektüre seine eigenen Geschichten mit denen des Autors mischen und dadurch ganz neue Version entstehen können.
Besonders spannend findet der Buch- und Medienblog die Beziehung des Großvaters zu seiner Frau, die Umstände ihres Kennen Lernens und dem bedingungslosen Zusammenhalt bis ans Ende ihrer Tage. Gerade weil das Leben der Großmutter auf ein unglaubliches Lügengerüst gebaut. Nicht absichtlich, sondern weil schwere Zeiten besondere Maßnahmen erforderten.

Michael Chabon
Moonglow
ISBN: 978-3-462-05074-5