Lesebericht zu „Moonglow“ von Michael Chabon

Wenn Großväter ihre alten Geschichten erzählen und Anekdoten zum Besten geben, horchen Enkel besonders gerne zu. Manch Unglaubliches erfährt man über seine Familie. Überwiegend sind es familiäre Annalen, mit denen die Erzählungen ihren Beginn nehmen. Doch umso länger man seinen Großeltern zuhört, sie einfach erzählen lässt, desto einschneidender werden die Erlebnisse, die die Erinnerung zu Tage fördert. Werden nicht nur ganz neue Aspekte für Enkel offengelegt, sondern auch längst vergessene Schwindeleien des Erzählenden entlarvt.

Auch wenn des Großvaters Geschichten fesseln, erfährt der Protagonist Mike Unglaubliches aus seiner Familiengeschichte. Zum Beispiel von der Begeisterung des Großvaters für den deutschen und späteren US-Amerikanischen Raketenwissenschaftler Wernher von Braun.
Oder den Gefängnisaufenthaltes des Opas sowie der Unterbringung seiner Großmutter in der Psychiatrie.
Typisch einer jeden Biografie besteht auch die des Großvaters in „Moonglow“ aus vielen Einzelgeschichten, bei denen es oft scheint, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Auch das ist nicht untypisch, besteht das Leben doch aus so vielen oft zufälligen und unscheinbaren Facetten. Wie jede Lebensgeschichte, setzt sich am Ende die Summe aus allem Erlebten zu dem Menschen zusammen, den wir lieben und schätzen gelernt haben.

Durch die Zeit, die Michael Chabon als sein Protagonist Mike am Sterbebett seines Großvaters weilt und im einfach zuhört, erfahren wir Leser das, was Chabon uns über seinen Ursprung erlaubt zu erfahren. Ob das Geschriebene immer dem entspricht, was sein Großvater tatsächlich erlebt hat oder gerne so erlebt hätte ist dabei irrelevant. „Ich hatte das Gefühl, meine Geschichte sozusagen „auf die Kette bekommen“ zu müssen, im Hirn wie im Herzen. Wenn möglich, musste ich die Beziehung zwischen den Dingen, die ich in meiner Jugend und Kindheit über meine Familie und deren Geschichte gehört und erfahren hatte, und dem herausarbeiten, was Fakt war.“ S. 412

Aufgrund der angesammelten Vielzahl der Lebensgeschichten am Ende einer Biografie, entwickelt der Zuhörer und Leser eigene Präferenzen. Pickt sich seine Lieblingsanekdoten heraus und möchte alles darüber erfahren. „Moonglow“ eignet sich aus diesem Grund nicht zum linearen Lesen, auch wenn der Roman genau dazu angelegt ist. Dem Buch hätte ein Inhaltsverzeichnis sehr gut gestanden, durch das man – wenn man seine persönliche Lieblingsgeschichten ausgemacht hat – genau zu deren Fortführungen hätte springen können. Ohne dieses hat man gelegentlich das Gefühl halbherzig in weniger beliebten Geschichten zu versinken, ohne sie umschiffen zu können.

Nun kann dieser Kritik aus einer anderen Warte entgegengesetzt werden, dass genau dieses ineinander schwimmen der Geschichten absichtliches Stilmittel ist. Denn dem scheidenden Leben ist die Reihenfolge weniger wichtig, als die generelle Erleichterung und Freude über das Erlebte zu sprechen. Und wer einmal erzählt, der springt automatisch zwischen nicht durchweg nachvollziehbaren Sequenzen hin und her.

Wer das Glück noch lebender Großeltern hat und sich auch deren Geschichten gelegentlich anhört, wird feststellen, dass sich während der Lektüre seine eigenen Geschichten mit denen des Autors mischen und dadurch ganz neue Version entstehen können.
Besonders spannend findet der Buch- und Medienblog die Beziehung des Großvaters zu seiner Frau, die Umstände ihres Kennen Lernens und dem bedingungslosen Zusammenhalt bis ans Ende ihrer Tage. Gerade weil das Leben der Großmutter auf ein unglaubliches Lügengerüst gebaut. Nicht absichtlich, sondern weil schwere Zeiten besondere Maßnahmen erforderten.

Michael Chabon
Moonglow
ISBN: 978-3-462-05074-5

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