Lesebericht zu „Trügerisches Licht“ von Patríca Melo

Patício Melo, Klett-Cotta, Buchblog, Oliver SteinhäuserHeute, am 23. Juli 2016 erscheint „Trügerisches Licht“ von Patrícia Melo

Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!
Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Gleich der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio. Vor Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.
Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben in einer Gesellschaft voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu tolerieren scheint. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser vollends eingebunden wird.
Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsbetont ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

Patríca Melo
Trügerisches Licht
ISBN: 978-3-608-50215-2

Advertisements

Besuch aus Glutenville

Textbeitrag des Buch- und Medienblog zum Gewinnspiel „Willkomme in Nightvale“
Für Kenner und Liebhaber des Titels


Willkommen in Nightvale

Wer bin ich?

Gemütlich sitzen sie im Big Ricco´s Pizza. Den runden Tisch hat er sich ausgesucht, damit alle daran ansitzen können.
„Wenn Sie sich anhand eines Möbelstücks beschreiben sollen, welches würden Sie auswählen, um ihre Persönlichkeit zu verdeutlichen?“, fragte ihn der erfahrene Mann damals. Zur Antwort wählte er den Tisch. Rund muss er sein. Denn nur so passen viele Menschen daran. Gemütlichkeit, Gastfreundschaft und Zusammenhalt prägen einen guten Tisch. Und ihn selbst. Wer er ist weiß man nicht. Nur, dass er schlecht sitzen kann.
So sitzen Jackie, Lucinda, Diane und Troy zusammen und warten auf die heiß ersehnte glutenfreie Pizza. Er selbst hängt mehr als dass er sitzt. Ricco hatte es geschafft seine Rezeptur anzupassen und auf das verbotene Weizenmehl zu verzichten. Bei ausgezeichnetem Geschmack.

Wir sehen die uns bekannten Akteure. Und ihn, den uns Unbekannten.
Heiß dampfend serviert Ricco seinen Gästen die bestellte Riesenpizza. Gierig schnappen sie zu, zerteilen die Stücke und führen sie ihren lüsternen Schlünden zu. Ein grausamer Schrei zerschneidet die von italienischen Gewürzen und gebackenem Käse dominierte Luft. Markerschütternde Töne kreischen durch das Restaurant und lassen es erzittern. Die Schwere von Eisen entfaltet sich und bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg in die Bronchien der Freunde. Fontänen aus roter Tomatensoße wandeln sich in dickflüssige Sturzbäche aus rotem Blut, das schwallartig aus der Pizza strömt. Rote Wasserfälle preschen über die dunkle Tischkante, schlagen hart auf dem Fußboden auf. Fein zerstäubter Nebel steigt in Schwaden auf und legt sich über die Szenerie. Lange fingerähnliche Fäden sprießen aus dem Mais, krallen sich in die Tischplatte, wedeln herum und suchen verzweifelt nach Halt. Sie packen Diane´s Schultern und rütteln sie. Entsetzt schaut sie auf den Tisch. „Josh! Oh mein Gott, Junge.“ Ihr Sohn liegt blutend auf dem Tisch vor ihr. Reste von Salami und Mais kleben ihm an den Schultern und zeugen davon, dass er sich wieder einmal verwandelt hat. Unbemerkt. Kälte umgibt die junge Mutter. Ihr Herz türmt sich auf, versucht zu fliehen und fleht in ihrer Brust nach Gnade. Beunruhigt drückt es gegen seinen Käfig aus Rippen. Doch ihr Sohn ist wieder verschwunden. Übrig bleibt nur die eisige, labbrige Pizza.

Krachend fliegt die Schwingtür zur Küche auf. Heller Schein brandet aus ihr hervor und verwehrt jegliche Sicht. Staub wirbelt vom Boden auf und hüllt die aus dem gleißenden Lichtschein tretende Silhouette in ein graues Gewand.
„Ich weiß wer ich sein möchte, und was ich machen möchte, Mama. Ich werde Pizzabäcker.“ Erleichtert schauen Jackie, Lucinda und Troy auf. „Er lebt“, seufzen sie im Chor. Seine Mutter Diane springt auf und umarmt ihn freudig. „Danke Josh, du hast uns einen riesen Schock bereitet. Doch du weißt nun wer du sein möchtest und wie du fortan in Erscheinung trittst. Ich bin stolz auf dich!“
„Ich habe alles gesehen, was ich erfahren muss!“, posaunt der uns Unbekannte. „Ihre Pizza hat alles, was sie haben muss. Und ihr fehlt sämtliches, was sie nicht haben darf. Sie blutet, sie schreit und schnappt. Sie ist Weizenfrei. So muss Pizza sein! Ich komme aus Glutenville und leite das staatliche Gesundheitsamt.“ Mit einem Knicks und den Worten „Mein Name ist Mr. Zöliakie und ich wünsche ihnen alles Gute“ verpufft er im Nichts. Einem Nichts, das Alles ist. Und allem, das nichts ist. Denn Nichts ist nur die Abwesenheit von Etwas.


Wer ist eigentlich dieser Mr. Zöliakie?

Falsch: Ein Flugfuchs isst Gurken und Honigmelonen.

Richtig: Mr. Zöliakie isst eine als Gurke und Honigmelone getarnte glutenfreie Pizza.

Klar, dass er mehr am Tisch hängt und nicht sitzt. Würde ich auch so machen!

Hier geht es zm Buch
Joseph Fink & Jeffrey Cranor
ISBN: 978-3-608-96137-9

Lesebericht zu „I am Death – Der Totmacher“ von Chris Carter

Chris Carter, I am Death, Der Totmacher, Ullstein, Blog, Buchblog, Oliver SteinhäuserWie viel Leid erträgst du, ohne selbst zum Monster zu werden? Kannst du gar zu einem Verhalten konditioniert werden, dass du dir selbst in deinen schlimmsten Träumen nicht vorzustellen vermagst? „Weißt du, wie man sich fühlt, wenn man einen Menschen tötet? Mächtig… stark… unvergleichlich. Niemand kann dir je wieder sagen, dass du nichts wert bist, denn in dem Augenblick weißt du, dass du wichtiger bist als Gott.“
Es gibt eine Antwort. Du findest sie hier, denn:
Ich. bin. der. Tod.

Detective Robert Hunter und sein Partner Garcia stoßen in ihrem neuen Fall erneut auf einen besonders perfiden Mörder, der seine Opfer unter unvorstellbaren Qualen leiden lässt und sich an deren langsamen und schmerzvollen Tod labt. Nichts Neues eigentlich für die beiden Detectives der Abteilung für besonders gewaltvolle Morde – des Ultra Voilent Department. Innerhalb weniger Tage werden mehrere geschundene Frauenleichen aufgefunden. Aus Ermittlersicht würden diese Fälle nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, da alle Opfer unterschiedliche Todesursachen aufweisen. Doch der Mörder hinterlässt den Ermittlern Botschaften, denn sie sollen wissen, dass sie ein Genie der Verwandlung jagen, dessen Modi Operandi nicht unkontrollierter intrinsischer Natur entstammen, sondern ganz bewusst und gezielt variabel gewählt werden. Denn er hat einen vorgegebenen Plan, dem er strikt folgt. Höchstes dieser Ziele ist es, von Robert Hunter zur Strecke gebracht zu werden. Auch um seinem eigenen, ganz persönlichen Leid ein Ende zu bereiten.
In einem Parallelstrang wird die Geschichte eines entführten Jungen erzählt, der unter den täglichen Erniedrigungen und Misshandlungen seines Peinigers leidet. Besonderes Geschenk des Entführers an ihn sind die grauenhaften Frauenmorde, die er mit ansehen muss.

I am Death - Chris Carter, Buchblog Oliver Steinhäuser

Idylle vs. Alptraum

Die Szenenwechsel zwischen der Gefangenschaft des Jungen und der Ermordung der jungen Frauen sorgen für eine abwechslungsreiche Geschichte. Wie in den Vorgängerbänden sorgen auch in „I am Death – Der Totmacher“ etliche Cliffhanger der meist kurzen Kapitel für einen Spannungsaufbau. Sie fördern den Drang nach mehr. Chris Carter erzeugt durch kurze Charakteristiken der Opfer sowie deren Alltag eine gute Vorstellung davon, dass all die jungen Frauen mitten aus ihren Leben gerissen wurden und sich plötzlich in ihrem schlimmsten Alptraum wiederfinden. Man leidet mit ihnen.
„I am Death“ ist ein Thriller wie man ihn erwartet. Er ist, wie seine Vorgänger sehr blutig, nervenaufreibend und schonungslos. Wer zart besaitet ist, sollte von diesem Titel Abstand nehmen. Für diejenigen, die den Stil des Autors kennen und seine Hunter-Thriller liebgewonnen haben, bietet Carter ein bodenständiges Spektakel, ohne jedoch zur Höchstform aufzulaufen.

Chris Carter
I am Death – Der Totmacher
ISBN-13 9783548287133