Lesebericht zu „Halbe Helden“ von Erin Jade Lange

Halbe Helden Cover, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Blog, Rezension, Erin Jade Lange, Magellan VerlagZwei Jugendliche treffen in ihrer trostlos heruntergekommenen Nachbarschaft aufeinander. Äußerlich betrachtet verbindet die beiden lediglich ihre Vaterlosigkeit und die Aussicht auf ein Leben im sozialen Brennpunkt. Während Dane ein ausgeklügeltes Schlitzohr ist, der Konflikte bevorzugt mit seinen Fäusten klärt und die Wahrheit als flexibles Konstrukt interpretiert, ist Billy D. eine treue und ehrliche Seele. Lügen kann er nicht. Und er versteht auch nicht, warum Menschen flunkern, hinterlistig und verdorben sind, denn Billy D. leidet unter dem Down-Syndrom und sieht die Welt aus vorurteilsfreieren, aufrichtigeren (und auch naiveren) Augen.

Nachdem der neu zugezogene Billy D. sich auf der Suche nach Anschluss an die Fersen seines Nachbarn Dane haftet, wird er prompt mit dessen Gefühlskälte konfrontiert. Kein anderer Jugendlicher würde sich ihm derart aufdrängen, sondern vor ihm kuschen – aus Angst von ihm verprügelt zu werden. Nicht so Billy D., der Neue in der Straße. Unerschrocken folgt er Dane auf Schritt und Tritt, denn er möchte sein Freund sein. Zu fürchten braucht er sich vor dem gewaltbereiten Dane nicht, denn der gibt ihm deutlich zu verstehen, dass er keine „Mongos“ schlägt. Obwohl Dane überhaupt keine Lust hat mit einem behinderten Menschen in der Schule gesehen zu werden, ist es Billy D., der zu seiner letzten Chance wird und der ihn vor einem Rausschmiss von der Schule bewahren kann. Widerwillig lässt Dane sich auf diese besondere Verbindung ein und merkt plötzlich, dass die Tatsache, dass beide vaterlos aufwachsen sie zusammenschweißt und zu echten Gefährten werden lässt.
Auf der Suche nach Billys Vater erleben die beiden Abenteuer, schlagen sich durch und müssen herbe Rückschläge einstecken. Die gemeinsamen Unternehmungen fördern einen Einstellungswandel anderen Menschen gegenüber zu Tage. Dem rücksichtslosen Dane wird durch den Kontakt zu Billy nach und nach bewusst, dass Menschen in der Regel den Hang dazu haben, andere, von der Norm abweichende Mitmenschen, stets als Opfer zu verurteilen.

„Halbe Helden“ ist ein Reflexionsroman, der seinem Leser in einer außergewöhnlichen und zugleich rührenden Geschichte einen großen Pool an menschlichem Verhalten präsentiert. Das Zusammenspiel der beiden ungleichen Jungs lehrt auf unterhaltsame Weise, was es bedeutet, ein „nicht genormtes“ Leben zu führen. Es zeigt auch, dass nicht nur echte körperlich/geistige Einschränkungen Hürden im Leben bedeuten. Denn auch Dane „behindert“ sich mit seinem aggressiven Lebensstil immer wieder selbst. Umso schöner ist es, das beide von ihren Schwächen und Fehlern lernen, ihr Verhalten reflektieren und sich an einem positiven Wandel versuchen.
Auch wenn man den beiden liebgewonnenen Jungen einen positiven Ausgang wünscht, wartet das Buch nicht mit klischeehaften Schlusstakten auf. Denn so spielt das Leben nicht. Nicht jeder bekommt was er sich wünscht und erwartet. Und nicht jeder bekommt was er verdient.

Erin Jade Lange
Halbe Helden
ISBN: 9783734850103

 

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Lesebericht zu „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan

Buchblog, Oliver Steinhaeuser, David LevithanWas bedeutet es, jeden Tag jemand anderes zu sein? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich am Abend schlafen legst und nicht weißt, wer du am folgenden Morgen bist? Für dich selbst ist es nicht relevant, was du mit diesem einen Tag im Leben eines anderen machst und wie du diesen einen Tag steuerst. Doch das Leben all der anderen kannst du erheblich beeinflussen. Fluch oder Segen?

Der geschlechts- und körperlose A wacht seit seiner Geburt, jeden Tag in einem anderen Körper auf und muss sich auf das Leben des ihm geliehenen Körpers einlassen, um auf dessen Alltag möglichst geringe Auswirkungen zu nehmen. Lange Zeit hat A sich auf dieses Leben eingestellt, sodass es funktioniert und er die Existenz der geliehenen Körper nicht durcheinander bringt. Bis A eines Tages auf Rhiannon trifft, in die er sich verliebt.
Der Leser lernt den 16 jährigen A am 5994 Tag seines Lebens kennen, und begleitet ihn für 41 Tage. Die einzigen Konstanten in seinem Leben ergeben sich daraus, dass A stets im Körper gleichaltriger Jugendlicher, in relativer räumlicher Nähe zu seinem letzten Aufenthaltsort erwacht.
Durch die Liebesgeschichte zwischen A und Rhiannon, lernt der Leser eine Menge junger Menschen kennen und erfährt sehr viel über deren Gewohnheiten und Eigenheiten. Trotz der Vielzahl an verschiedenen Charakteren, sind die Eigenschaften der Individuen sehr detailliert ausgearbeitet. Levithan schafft ein breites Spektrum Jugendlicher, in einer der spannendsten Phasen des Lebens. Selbstfindung, Revolte und Zweifel sind nur einige der aufreibendsten Perioden im Leben eines Teenagers. 41 Charaktere, die durch ihre Herkunft, Lebenssituation und ihrem Äußeren kaum unterschiedlicher sein könnten, ermöglichen einen Blick über die Vielfalt unserer Gesellschaft. Und deren Ängste: Sucht, Depressionen, Selbstmord, Homosexualität und Glaube.
Neben all diesen Fragen einer ganzen Generation, geht es auch um die Frage, ob es möglich ist, eine körper- und gestaltlose Person lieben zu können. Einem Menschen, dessen Erscheinungsbild einem täglichen Wandel unterzogen ist. Dessen Inneres jedoch absolut beständig ist und immer gleich bleibt. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ beschreibt den Zwiespalt des A, der in einem fremden Körper steckt, und sich fragt, ob er diesen auch für seine Bedürfnisse benutzen darf.

David Levithan nimmt seine Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die zum Nachdenken anregt. Dabei schreibt er in einer bildlichen und flüssigen Sprache. Dass die Identifikation mit A schwerfällt, ist der inneren Zerrissenheit des Protagonisten geschuldet, dem eine eigene Identität selbst lieber wäre, als mit dem täglichen Wandel zu leben. Letztendlich ist er zwar immer da, aber nie wirklich nah.
Die Geschichte überwindet alle Grenzen der Liebe und des Lebens, und hinterlässt, gerade in unserer vom äußeren Eindruck geprägten Zeit, den Wunsch nach Anerkennung innerer Werte.

David Levithan
Letztendlich sind wir dem Universum egal
ISBN: 978-3-10-402437-0

Lesebericht zu „Janusmond“ von Mia Winter

Mia Winter, Janusmond, Zwillinge, Oliver Steinhäuser, BuchblogEinzigartige Verbindungen sagt man ihnen nach. Dass sie einander oft näher stehen, als es ihnen selbst und außenstehenden bewusst ist. Familiäre Nähe und Vertrautheit in der eigenen Verwandtschaft ist oft ein besonderes Gut und hilft bei der Identifikation seiner selbst. Doch wie weit würdest du gehen, um deiner Schwester zu zeigen, wie stark du sie liebst? Und wie bringst du es ihr bei, dass du mehr für sie empfindest, als es je ein anderer Mann in ihrem Leben tun wird. Wen wird es zerstören, wenn du dich deinen Fanatismus zu ihr gegenüberstellst? Sie, oder dich?

Klappentext:
Die französische Stadt Louisson leidet unter der Hexenhitze, als der Deutsche Leon Bernberg dort auftaucht, um nach seiner Zwillingsschwester Lune zu suchen. Diese hat vor zehn Jahren hier gelebt – und verschwand damals spurlos. Leon will sie nun offiziell für tot erklären lassen und bittet den Polizisten Christian Mirambeau um Hilfe. Doch durch Leons Erzählungen gerät auch Christian in den Bann der verschwundenen Fremden. Er beginnt Nachforschungen in dem Fall anzustellen – nicht ahnend, dass er damit sein eigenes Glück bereits verspielt hat …

Mia Winter teilt ihr Buch „Janusmond“ in zwei Erzählstränge. Leons Suche nach seiner Schwester beschreibt die aktuellen Vorkommnisse. Der zweite Handlungsstrang besteht aus einer Briefsammlung, die Lune ihrem Bruder aus Louisson geschrieben hat, bis zu dem Tag als sie verschwand. In ihren Briefen erzählt Lune von ihrem Leben in der Stadt, weit weg von ihrem zu Hause. Fernab der Familie, die in ihr das personifizierte Böse sieht. Sie trägt eine ausgeprägte dunkle Seite in sich, der auch all jene verfallen, die mit ihr im engeren Kontakt stehen, denn ihr Spiel mit Reizen und Macht, treibt andere zu dunklen Versuchungen an.
Der Leser wird in eine finstere Welt aus Lüge, Verzweiflung, Intrige und Sehnsucht gezogen, die auch in ihm die Frage nach seiner zweiten Seite aufwirft.
Zu Beginn des Buches geht man davon aus, dass es Leons Geschichte ist, der man Glauben schenken kann. Doch zunehmend verstrickt auch er sich in perfide Handlungen und Gedanken, sodass im Verlauf des Buches berechtigte Zweifel an der Echtheit seiner Geschichte entstehen.

Eine düstere Aura umgibt die gesamte Geschichte, die es dem Rezipient ermöglicht, etwas über die tiefen Abgründe der menschlichen Seele zu erfahren und in fremde und skurrile Welten Eintritt zu erhalten.
Ein schwarzer Buchschnitt unterstreicht in „Janusmond“ die Story. Die äußere Wirkung des Buches bildet die Brücke zwischen Fantasie und der visuellen und haptischen Welt.

Mia Winter
Janusmond
ISBN 978-3-8025-9790-9

Lesebericht zu „Schlusstakt“ von Arno Strobel

Gefahren der Casting-Shows, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Schlusstakt, Arno StrobelWelchem Druck sind junge Menschen durch Casting-Shows ausgesetzt? Wie weit sind sie bereit zu gehen, um den ersehnten Ruhm zu erreichen, den ihnen solche Plattformen in der Öffentlichkeit versprechen?

Arno Strobel zeichnet ein erschreckendes Bild von Casting-Shows. Seine Show „Germany´s MegaStar“ ist eine verschärfte und ausbeuterische Weiterentwicklung aller bisher dagewesenen und vergleichbaren Shows. Im Gegensatz zu den konkurrierenden Formaten, sollen die Teilnehmer durch „Germany´s MegaStar“, das tatsächliche Leben eines Stars am eigenen Leib erfahren. Und das bedeutet neben Ruhm und Reichtum eben auch Stress, Konkurrenzkämpfe und Inszenierungen. Alles zum alleinigen Zweck, die Persönlichkeit eines jungen Menschen marktkonform zu vermarkten. Auch wenn das bedeutet, dass Schönheitsfehler – in „Schlusstakt“ auf Verhalten und Kleidungsstil bezogen – korrigiert werden, um scheinbar authentische Szenen drehen zu können. Worte werden den Teilnehmer in den Mund gelegt, im Anschluss aus dem Kontext gerissen und ausgestrahlt. Alles für den Showerfolg. Alles für die Quote. Authentizität sucht man bei „Germany´s MegaStar“ vergeblich.
Als plötzlich eine Teilnehmerin tot aufgefunden wird, verschärft sich das Leben auf der Insel und wird zu einer Phase in der zu den bestehenden Konkurrenzkämpfen Verdächtigungen und Vorverurteilungen hinzukommen. Und inmitten dieses Chaos, entdecken die Teilnehmer, dass sie nicht nur offiziell gefilmt und vertont werden, sondern dass die gesamte Insel mit versteckten Aufnahmegeräten und Kameras versehen ist.

„Schlusstakt“ erfüllt eine zielgruppengerechte und aufklärende Wirkung, konkretisiert Klischees und Vorurteile, die wir automatisch mit solchen Showformaten verbinden: Knebelverträge, Voyeurismus, das Leben auf einer phantastischen maledivischen Insel sowie sinnentstellende Zuschnitte der Filmaufnahmen. Man kann sich fragen, ob es notwendig ist, Gefahren von Casting-Shows in einer Story zu thematisieren, da es schließlich weitreichend bekannt ist, mit welchen Mitteln solche Sendungen arbeiten. Doch für die junge Zielgruppe bietet „Schlusstakt“ ein Werk, das sie nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren möchte, sondern anhand einer Geschichte plausibel verdeutlicht, welche Auswirkungen solche Produktionen auf deren Teilnehmer haben können. Bezüglich der heimlichen Film- und Tonaufnahmen auf der Insel, schneidet das Buch am Rande auch Aspekte der Überwachung an. Wer dies vertiefen möchte, dem sei der Roman „Der Circle“, der das Thema allgegenwärtiger Transparenz behandelt, empfohlen.
Der auf der Insel begangene Mord dient dem Werk als Magnetpunkt, mit dessen Hilfe Arno Strobel seine Zielgruppe gewinnt. Die Klassifizierung als „Jugendthriller“ erzeugt meiner Ansicht nach allerdings eine zu hohe Spannungserwartung.


In „Denkanstoß: Persönlichkeitstransformation durch Casting-Shows“ erfahren Sie mehr zum Thema Casting-Shows und deren Gefahrenpotential für heranwachsende Menschen.


Arno Strobel
Schlusstakt
ISBN 978-3-7855-7865-0

Denkanstoß: Persönlichkeitstransformation durch Casting-Shows

Gefahren der Casting-Shows, Buchblog, Oliver Steinhäuser, SchlusstaktWas Casting-Shows mit der Individualität ihrer Teilnehmer machen

Der neue Titel „Schlusstakt“ von Arno Strobel spricht in erfolgreichen Zeiten des „Bachelor“, „DSDS“, „Germanys next Topmodel“ usw. ein gesellschaftsrelevantes und spannendes Thema an. Was kann der Rezipient solchen Sendungen glauben? Was nicht? Gibt es überhaupt – zumindest sequenziell – eine glaubwürdige und realitätsgetreue Abbildung der Teilnehmer, oder gehen wir auf die für uns produzierten Wünsche und unserem ausgeprägten Voyeurismus auf den Leim?

Ich persönlich schaue keine Casting-Shows, da ich es nicht gut finde, Menschen anhand kurzer Bild- und Filmausschnitte zu bewerten. Solche Shows führen zu einer verzerrten Wahrnehmung von Individuen und können Charaktere vollkommen sinnentstellt präsentieren. Benötigt eine Casting-Show eine „Zicke“, werden durch die Produzenten ausschließlich diejenigen Ausschnitte öffentlich gezeigt, in denen diese Person sich streitet und unsozial verhält. Werden nun zusätzlich alle „normalen“ Situationen entfernt bzw. nicht ausgestrahlt, entsteht das Bild der „Zicke“ etc.
Durch das gezielte Auslassen von Filmsequenzen kann somit genau das Bild vermittelt werden, was der Zuschauer erwartet oder der Produzent gezielt verbreiten möchte.
Interessant bzw. Gefährlich dabei ist, dass durch diese Selektion jeder Teilnehmer zu einer völlig der Natur abweichenden Persönlichkeit geformt werden kann, ohne dass dies bei den Beteiligten sofort wahrgenommen wird, da sie zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht wissen, welche Sequenzen später in die Produktion einfließen. Ansprüche gegen die produzierte Sendung zu erheben ist letztendlich auch ausgeschlossen, da abgeschlossene Verträge zwischen den Vertragsparteien eine Ausstrahlung erlauben. Bei Abschluss eines Vertrages realisiert primär kein Teilnehmer, dass die von ihm getätigten Aufnahmen später komplett aus dem Kontext gerissen werden können, um eine Persönlichkeitstransformation vorzunehmen.

Die „Soul Beach“-Trilogie hat vor einiger Zeit schon deutlich gezeigt, welchem Druck junge Menschen durch solche Shows ausgesetzt sein können und wie sich dies auf das Leben der Angehörigen auswirken kann.

Casting-Shows sind ein hochaktuelles und starkes gesellschaftliches Phänomen, dem ich mich nicht aktiv anschließe.
Bücher darüber zu lesen und deren thematische Auseinandersetzung zu bewerten interessiert mich jedoch sehr stark. Ein Bericht zu „Schlusstakt“ folgt zeitnah.

Lesebericht zu „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse

Buch, Reise, Bibliothek, Blog„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist ein Feuerwerk der Gefühle, die durch die Kuriosität seiner Protagonisten zu einer liebenswerten Lektüre wird, die man gar nicht weglegen möchte. Die Beziehung des Lesers zu Bobby Nusku entwickelt sich dabei zu einer geradezu brüderlichen Verbundenheit, von der man sich nur schweren Herzens nach 314 Seiten trennen kann.


Als ich vor zwei Wochen im Büro saß, hatte ich gerade einen Kriminalroman gelesen, in dem der Täter eine Bäckereiverkäuferin ausspäht, um deren zeitlichen Tagesablauf genau zu dokumentieren. Da er jeden Tag seine Backwaren bei dieser Frau kauft, kennt sie seine Vorlieben und übergibt ihm – noch bevor er bestellen kann – seine Ware. Meine Kollegin erzählt mir tags darauf leicht betrübt, dass die Verkäuferin der Bäckerei, in der sie jeden Morgen ihr Brötchen holt, nicht mehr da sei, und „Der Neue“ gar nicht weiß, was sie jeden Tag zum Frühstück essen möchte. Ich erzähle ihr daraufhin, dass im Leben immer genau das passiert, was in den Büchern steht, die man gerade liest. Das Phänomen nennt sich „Involvement“ – also die Einbezogenheit in das gerade Geschehende.


Lesen, Literatur, Blog, Oliver SteinhäuserUnd dann sitze ich auf dem Weg zum Büro im Zug und schlage eine neue Seite in „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ auf:
„ ‚In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben’, sagte sie. ‚Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch erleben.’“
Meine anfängliche Skepsis an den Titel ist sofort verflogen, denn es schließt sich der Kreis. Die Geschichte, die in einem anderen Buch anfing, geht hier weiter, bestätigt meine Gedanken und zieht mich in ihren Bann!

Das Buch beginnt mit seinem Ende. Der Bücherbus steht an der Kante einer Klippe, umzingelt von Polizeiwagen. Inspektor Jimmy Samas ist besorgt, dass die Frau am Steuer die mobile Bibliothek, in der er außerdem zwei Kinder und ein entflohener Häftling vermutet, in den Abgrund steuern könnte. Um das entstandene Bild zu verstehen, entführt David Whitehouse uns in das Leben des jungen Bobby Nusku, einen Jungen, der unter dem Verlust seiner Mutter und seinem ausfallend und gleichgültigen Vater leidet und weiterhin schutzlos den Schikanen durch Mitschüler gegenüber steht. Als Bobby eines Tages auf die geistig behinderte Rose und deren Mutter Val Reed trifft, entsteht in ihm der Wunsch nach Zuwendung, Geborgenheit und Wertschätzung. Als plötzlich auch noch sein einziger Freund Sunny – nach mehrfachen schmerzvollen Versuchen sich in einen Cyborg umzuwandeln, um Bobby zu beschützen – wie vom Erdboden verschwindet, findet Bobby in Val und Rose eine Familie, wie er sie sich seither ersehnte.

Die Kernaussage des Werkes ist die Suche nach einer Familie, auch wenn diese nicht aus der biologischen Formation von „Vater, Mutter, Kind“ bestehen muss. Sie muss einfach nur die richtigen Gefühle in uns erwecken und dabei ergeben sich familienähnliche Konstrukte fernab derjenigen Zustände, in die manche Menschen hineingeboren wurden.

Während Val Reed Bobby immer wieder erzählt, dass kein Buch ein Anfang oder ein Ende habe, weil es nur eine kurze Sequenz einer Geschichte enthalte, die auch immer etwas von seinem Leser enthält, zeigt David Whitehouse jedem von uns, dass für jedes Problem, dem man gegenübersteht, in zahllosen letzten Buchkapiteln längst eine Lösung präsentiert wird. Gefühle wie Liebe, Verlust und der Tod, die über einen Menschen hereinbrechen können, sind in Büchern so oft überwunden worden, dass man ihnen nie wieder allein gegenüberstehen muss.

David Whitehouse
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50148-3