Lesebericht zu „Bretonisches Leuchten“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonisches Leuchten_Jean-Luc Bannalec_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch-und Medienblog, BlogIn der vergangenen Woche erschien der neue Kriminalroman von Jean-Luc Bannalec
Kommissar Dupins sechster Fall

Kommissar Georges Dupin hat frei! Weit weg von seinem Büro in Concarneau, macht er mit seiner Freundin Claire zwei Wochen Urlaub. Schon die Vorstellung an die erzwungene Ruhe und des Nichtstuns setzen dem arbeitswütigen Dupin zu. Nun liegt er allerdings tatsächlich am Strand der Côte de Granit Rose und soll endlich einmal seine Kriminalfälle und den Alltagsstress vergessen. So wünschen es zumindest Claire und auch die Kollegen in Concarneau.

Aus Sehnsucht nach Ermittlungen, kauft Dupin sich eines seiner geliebten Clairefontaine Notizbücher. Nicht wie üblich in rot, sondern blau. Er hat schließlich Urlaub. Wenn er schon nicht arbeiten darf, könne er sich wenigstens einen Fall konstruieren und fiktiv ermitteln.
Doch so weit kommt es nicht, denn aus seinem Feriendomizil verschwindet eine Frau spurlos. Schnell spricht sich im Hotel und auch im Ort Trégastel herum, dass der Besucher Georges Dupin der bekannte Kommissar aus Concarneau ist und wird umgehend um seinen Rat gebeten. Da der Hotelier, die beiden Gendarme, die Inhaberin des Presse- und Tabakladens, der Friseur etc. gewissermaßen über etliche Ecken verwand und verschwägert sind, bilden sie ein eingefleischtes Team. Jetzt, da auch noch der unbeliebte Kommissar aus Lannion den Fall offiziell übernommen hat, arbeiten alle Instanzen des Örtchens zusammen, informieren sich gegenseitig und legen größten Wert auf das Knowhow Dupins. Sie wollen die Tatumstände selbst herausfinden und Ergebnisse abliefern. Neben dem erteilten Arbeitsverbot seiner Freundin Claire, muss Georges Dupin zudem gegen die Drohungen des Kommissars aus Lannion achten. Der fühlt sich durch seine heimlichen Aktionen und die als Urlaubsplausch getarnten Befragungen in seinem Hoheitsgebiet und seiner Ehre übergangen.
Als eine Attacke auf die Lokalabgeordnete Madame Rabier stattfindet und plötzlich eine weibliche Leiche im Steinbruch gefunden wird, nehmen die Ereignisse schlagartig zu. Besonders, da die Tote im Steinbruch zunächst für die verschwundene Frau aus Dupins Hotel gehalten wird. Dem ermittlungssüchtigen Kommissar lässt das natürlich keine Ruhe. Um Claire nicht aufzuregen, muss er sich ausgefallene Ausreden ausdenken. Gut nur, dass auch sie sich nicht ganz konsequent an die Abmachung des arbeitsfreien Urlaubs zu halten scheint.

Wie die fünf Vorgänger der Reihe um den Kommissar Georges Dupin, ist auch der neue Krimi von Jean-Luc Bannalec ein sonniger und wohliger Ausflug in den Sommer der Bretagne.
Er eignet sich wie immer für all diejenigen, die im Sommer zu Hause bleiben, denn Dank der wunderbar bildlichen Sprache kann man das Meer trotzdem riechen und die Bretagne spüren. Die Krimis dienen auch hervorragend zur Vorbereitung und Einstimmung des eigenen Urlaubs im westlichsten Zipfel Frankreichs.

Jean-Luc Bannalec
Bretonisches Leuchten
ISBN: 978-3-462-05056-1

Lesebericht zu „Bretonische Flut“ von Jean-Luc Bannalec

bretonische-flut_bannalec_buch_blog_oliver-steinhaeuser_rezensionDer nahende 75te Geburtstag seiner Mutter setzt Kommissar Dupin seelisch zu. Da kommt ihm der Mordfall in der Fischhalle, der seine Anwesenheit auf diesem Jubiläum in Gefahr bringt, beinahe gelegen. Doch als kurz darauf zwei weitere Mordopfer gefunden werden, beginnt für Georges Dupin eine mit Mythen gepickte Ermittlung, die ihn an die Grenzen seiner eigenen Vorstellungskraft bringt.


Gerade nun, wo die Tage kürzer werden, sich der Frühtau zu kleinen störrischen Eiskristallen verwandelt und die Wiesen bedeckt, wünscht man sich in die idyllische sommerliche-warme Bretagne.


Im Zentrum des Buches steht, wie kann es anders sein, die Mordermittlung. Allerdings nutzt Bannalec „Bretonische Flut“ auch zur Expedition in die bretonische Geschichte sowie in die Welt der Sagen und Legenden der im äußersten Westen gelegenen Region Frankreichs. In diesem Gleichgewicht steht und fällt die Urteilsfindung des Lesers. Man kann wahrlich von einem Gleichgewicht aus Ermittlung und Mythen sprechen, da die Legenden mehr als ein schmückendes Beiwerk sind. Sie nehmen eine zentrale Rolle in Dupins Fall ein und ziehen den Leser immer wieder fort in beeindruckende Sagenwelten. Beeindruckend, wenn man empfangsbereit für Abschweife und glorifizierte Erzählungen ist. Demjenigen, der sich bevorzugt allein dem Fall widmen möchte, dem kann diese Ablenkung auch zu viel werden. So geht es dem Kommissar zu Beginn auch. Dupin gibt nicht viel auf die ausschweifenden Erzählungen seines Inspektors Kadeg. Noch weniger glaubt er den mystischen Geschichten, die dieser ihm über die Orte der Ermittlungen erzählt. Doch Dupin wird eines besseren belehrt, denn dieser Fall bringt auch ihn an seine mentale Grenze. Oder ist es gar ein bretonischer Fluch, der ihm ein Streich spielt? Und was steckt hinter der bretonischen Legende um die goldene Stadt Ys, die ihren Untergang in den Wellen des Meeres fand, weil die gierige Königstochter sich einst mit dem Teufel einließ?

Wieder möchte man wissen, wo sich der Kommissar in seinem neuen Fall aufhält, welche Seewege es sind, die ihm so zusetzen. Unweigerlich bedient man sich einer Online-Suchmaschine, sucht die Gegen um Douarnenez kategorisch ab und findet in der Tat die Orte des Geschehens wieder.


griechische-und-germanische-goetter-und-heldensagenBei all den Legenden und Sagen der Bretagne
geht dem Buch- und Medienblog
auch dieses Buch nicht mehr aus dem Kopf:
Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen


Ich sitze in der S-Bahn, schlage das Buch zu und zerbreche mir den Kopf über den verschwundenen Fund Dupins. Gedankenversunken stehe ich auf, denn meine Haltestelle naht. An der Tür macht mir ein Herr Platz, indem er sein Buch vor seine Brust nimmt. Es ist „Bretonische Flut“. Automatisch zücke ich während des Aussteigens mein Exemplar aus der Tasche, schmunzle und zeige es ihm. Ob auch er dem bretonischen Bann erlegen ist? Jedenfalls ist mein Tag – nach einem turbulenten Tag im Büro – gerettet.

Jean-Luc Bannalec
Bretonische Flut
ISBN: 978-3-462-04937-4

Lesebericht zu „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

9783869711287Ganz selbstverständlich steht der presseaffine Mensch heut zu Tage, im 21. Jahrhundert, vor einem Zeitungsregal, vergleicht die vielseitig und aufwändig gestalteten Titelblätter der Tagespresse und entscheidet sich für das interessanteste, informativste und dem investigativen Journalismus zugeordnete Zeitungsprodukt. Dass der Weg bis dahin sehr beschwerlich war, vergessen dabei viele. Allerdings ist die moderne Gesellschaft lange aus der Wiege der Presseprodukte herausgewachsen. Das einzige Monopol, Informationen über weltliches Geschehen aus den Tageszeitungen zu erfahren, ist durch das Zeitalter des Internets lange vorüber. Schnell fragt man sich, welchen Mehrwert die gedruckte Zeitung noch bietet, wenn alle darin befindlichen Informationen auch durch kostenfreie Internetangebote zugänglich gemacht werden?

Michael Angele verfasst in „Der letzte Zeitungsleser“ nicht nur eine Hommage an die Tageszeitung, sondern an das gedruckte Wort im Allgemeinen. Doch er liebt weit mehr als den Inhalt. Es ist die Gesamterscheinung, die ihn und viele andere Zeitungsleser fesselt. Das Rascheln, der Geruch, die Haptik, ja und auch den Platz, den der Zeitungsleser bei seiner Lektüre unweigerlich in Anspruch nehmen muss. Und weil auch die Anmutung eines in Spalten gesetzten Textes ein Alleinstellungsmerkmal ist, enthalten die Seiten in „Der letzte Zeitungsleser“ die Optik eines Einspalters, umrahmt von viel Weißraum, der, wie ich es finde, wunderbaren Platz zu Randbemerkungen bietet. Hier kommt kein Gefühl von künstlicher Ausdehnung des Textes auf. „Der letzte Zeitungsleser“ braucht Platz für Gedanken, ist nicht nur Information, sondern Erinnerung, Anregung und Reflexion.

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: "Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport"

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: „Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport“

Angele zieht sich zur Beschreibung seines idealen Zeitungslesers den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard zu Rate, durchleuchtet seine Gewohnheiten, seine Sucht und Sehnsucht nach der Tageszeitung. Ihm gelingt dabei der Spagat zwischen dem Beschreiben des Faktischen und der gelebten Realität, des Unwirsch Seins, das uns im Leben eines Zeitungslesers immer wieder widerfährt.
Sein Werk dient dazu sich selbst zu verstehen, zu reflektieren. Wir erkennen uns darin wieder, sehen, dass nicht nur wir Zeitungsartikel sammeln, das Lesen solange aufschieben, bis an die Rezeption der Artikel beinahe nicht mehr zu denken ist, weil sich eine schiere Flut zusammengefunden hat. Ein unbezwingbares Massiv, das nur dann noch das Recht zur Aufbewahrung erfährt, wenn wir es zur Sammlung titulieren. Auch wenn es dadurch nicht rational wird, so wird es doch wenigstes verständlich.

Was also haben wir davon, die Tageszeitung zu lesen, wenn sich doch alle Informationen im Internet jederzeit in einer schier unermüdlichen Konjunktur befinden?
Es ist die von Journalisten und Redaktionen ausgewählte Zusammenstellung eben dieser, die durch ihre Gatekeeping-Funktion vorsortieren und uns die eigene Recherchezeit verkürzen. Vor allem aber tragen ausgewählte Themen mit Differenzierungsmöglichkeiten (z. B. „Pro & Contra“; „Meinung & Gegenmeinung“) dazu bei, eigene Gedanken anzustreben und nicht der Gefahr zu verfallen unreflektiert Meinungen anzunehmen und zu kopieren. Gerade diese meinungsbildenden Seiten einer Tageszeitung ermöglichen es einen Gesinnungs- & Sinneswandel anzuregen. Sie bieten dem Leser gewissermaßen die Grundlage zur eigenen Mündigkeit.
Diese Mündigkeit durchzieht die gesamten Milieus der Gesellschaft. Sie ist nicht an Lebensstil und Wertehaltung gekoppelt, denn für jedes Sinus-Milieu (hier die typischen Eigenschaften der Milieus) existieren meinungsbildende Tageszeitungen.


Wer mehr zum geschichtlich/historischen Entstehen und dem Verlauf der Tageszeitung lesen möchte, findet in meinem Aufsatz „Fortschritte des Nachrichtenwesens dargestellt an den Entwicklungsstufen Flugblatt und Zeitung“ weitere Informationen.images


Der letzte Zeitungsleser
Michael Angele
ISBN: 978-3-86971-128-7

 

Lesebericht zu „In Andrews Kopf“ von E. L. Doctorow

In Andrews Kopf_E.L. Doctorow_Buch-und Medienblog_Oliver Steinhaeuser„Ich kann Ihnen von meinem Freund Andrew erzählen, dem Kognitionswissenschaftler. Es ist aber nicht schön.“
So startet E. L. Doctorow seinen letzten Roman „In Andrews Kopf“. Und er hat Recht. Es ist nicht schön, denn alles in Andrews Leben scheint normwidrigen Regeln zu folgen. Wir blicken in die Psyche eines Mannes, dessen Leben aus Unfällen, Verlusten und Trauer besteht. Ein Mensch, der in freudigen Momenten bereits vorahnen muss, dass die Glückseligkeit nicht ewig währt. Andrew erzählt seine Geschichte, offenbart sich seinem Therapeuten. Vertraut seinem Gegenüber seine innersten Gefühle an. Uns. Den Lesern. Seinen Therapeuten?

Nachdem sein erstes Kind durch einen nachlässigen Fehler starb, ging die Beziehung zu seiner ersten Frau Martha in die Brüche. Jahre später sucht er sie allerdings erneut auf. Denn nach dem Tod seiner zweiten Frau Briony, möchte Andrew seiner Exfrau sein zweites, mit Briony gezeugtes Kind überlassen.
Durch die Therapiesitzungen erfahren wir sukzessive, wie der Kognitionswissenschaftler Andrew seine Welt wahrnimmt, wie er seine Umgebung, seine Mitmenschen, den Geist und die Seele studiert, um sie zu verstehen. Um sie für ihn zugänglicher und verständlicher zu machen. In mehreren wirren Teilen erfährt der Leser des Reflexionsromans die Dramen des Protagonisten.
Freude und Hochgefühl berühren uns, wenn wir über die Beziehung zu seiner zweiten Frau Briony lesen. Eine Frau mit skurrilen und witzigen Wurzeln, die durch den Zusammenfall des World Trade Centers am 9. September 2001ein jähes Ende fand.
Schwermut überkommt uns, wenn wir durch abschweifende Gespräche mit seinem Therapeuten erfahren, dass Andrew auf der Suche nach dem Ursprung seiner Wesensart und seines Handelns ist. Nur, um mit Hilfe seiner Fähigkeiten in der Neurobiologie zu bestimmen, ob sein Schicksal bestimmten vererbbaren Verhaltensmustern entspricht, die möglicherweise zu relativieren sind.
E. L. Doctorow präsentiert einen Pechvogel par excellence, der letztendlich vor dem Versuch ein normales Leben zu erleben kapituliert und sich seiner Anomalien annimmt. Die Erkenntnis, dass Erinnerungen immer Teil seines Lebens sein werden, führt zur Entwicklung seines eigenen dunklen Humors, den er bis ins Bizarre anwachsen lässt.

„Im tiefsten Innern, im Grunde meiner Seele, falls es die gibt, bin ich letztendlich unberührt von dem, was ich getan habe. Ein leiser Hauch des Bedauerns über tote Babys, über tote Ehefrauen, über die Brände, die ich unabsichtlich legte, und solche Katastrophen können mich in meinen Träumen alle irgendwohin laufen lassen, wo ich kein Unheil anrichten kann, aber im wachen Leben lässt meine Schuld mich kalt.“

Für all diejenigen, die nach Erkenntnis und Sinn suchen, ist dieses Buch nur wenig geeignet.
All diejenigen, die auf ihrer temporären Realitätsflucht originelle Geschichten zu Rate ziehen möchten sei dieser Roman wärmstens empfohlen, denn die Wissenschaft ist wie ein sich stetig verbreiternder Scheinwerferstrahl, der immer mehr vom Universum erhellt. Doch während der Stahl breiter wird, nimmt auch die Dunkelheit an Umfang zu.

E. L. Doctorow
„In Andrews Kopf“
ISBN: 9783462048124

Lesebericht zu „Bretonischer Stolz“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonscher Stolz-Jean-Luc-Bannalec-Kommissar Dupin-Buch-Blog-Oliver SteinhaeuserKommissar Dupins vierter Fall
Mit „Bretonischer Stolz“ erscheint ein Kriminalroman, der dem Leser Ruhe gönnt. Ihn, dank zweier Morde, in eine Welt aus Austern, Flut und Ebbe sowie einer reichen Flora und Fauna führt, in die man sich zunehmend hineinfühlt und sie in vollen Zügen genießt.

Madame Bandol stößt bei ihrem morgendlichen Spaziergang auf eine Leiche. Doch als Kommissar Georges Dupin zum Tatort gelangt, fehlt von dem toten Mann jede Spur. Bei seinen Ermittlungen stößt Dupin in den Hügeln der Mont d´Arrée auf eine weitere Leiche. Bald wird klar, dass die beiden Morde miteinander in Verbindung stehen müssen. Kommissar Dupin mobilisiert, zu den Polizisten vor Ort, sein gesamtes Team aus Concarneau, und richtet sich am Port Belon eine kleine Ermittlungszentrale ein. Zügig bestätigen seine Kollegen, dass es sich tatsächlich um zwei Tote handeln muss. Die beiden Schotten Mackenzie und Smith, die, aufgerüttelt durch ein Foto in einer schottischen Dudelsackzeitschrift, umgehend in die Bretagne gereist sind. Ein Foto, auf dem sie einen gemeinsamen, jahrelang totgeglaubten Bekannten wieder erkannt haben. Während Dupin sich allmählich den Zusammenhang zwischen diesem Zeitungsfoto und den jugendlichen Schandtaten der Schotten erschließt, wird für ihn klar, dass die beiden Männer auf einen alten Bekannten gestoßen sein müssen. Ein ehemals Vertrauter, der sich auf ihre Kosten ein neues Leben weitab der schottischen Justiz aufgebaut hat.
Durch die Untersuchungen der Polizei, erfahren wir sehr viel über das Leben und die Menschen in der Bretagne. Großartig detailreiche Ausführungen und Beschreibungen der bretonischen Vegetation, des Meeres, der Flüsse „Belon“ und „Aven“, die beide in den Atlantik münden, und dank der Tiden einen atemberaubenden Lebensraum zur Austernzucht ergeben. Darüber hinaus sind kulturelle bretonische Einflüsse auf angrenzende Länder ein großes Thema, da gerade die Schotten ein ebenso mächtiges keltisches Volk darstellen. Lokale und regionale Vereine der Bretonen und der Schotten stehen zur Wahrung der „Interceltisme“ in engem Kontakt.

Der Kriminalroman „Bretonischer Stolz“ verbindet historisch-mythische Ereignisse, kulturelle Bräuche und das dadurch geprägte Leben der Bretonen, mit dem Mord an zwei Schotten, und legitimiert somit eine facettenreiche und interkulturelle Ermittlung. Überwältigt von der Austernzucht und dem Leben in der Bretagne, öffne ich während des Rezensierens fortwährend meinen Browser, suche Routen nach Port Belon, recherchiere Flüge sowie Unterkünfte. Rieche dabei das Meer und das bretonische Aroma. Diese Eindrücke bleiben haften und erwecken Reiselust.


Oliver Steinhäuser, Buch, Blog, Literatur, LesenMotto des Buch- und Medienblog ist: „Du siehst, was du liest!“.
Und: „Bücher/Geschichten sind miteinander verbunden“. Jean-Luc Bannalec bestätigt genau das in seinem neuen Titel. Der Schauplatz wechselt in meinen Gedanken vom vorösterlichen Port Belon zur winterlich rauen Isle of Skye und der Stadt Portree in Schottland. Die Verbindung: Eisige Schwestern, ein in Mai 2015 veröffentlichter Psychothriller, der genau dort spielt. Es sind diese Brücken innerhalb verschiedener Geschichten, die das Lesen von Büchern so reizvoll gestalten. Die es schaffen, ganz persönliche Faszinationen auszulösen!


Jean-Luc Bannalec
Bretonischer Stolz
ISBN: 978-3-462-04813-1

 

 

Lesebericht zu „Mona“ von Dan T. Sehlberg

Mona, buchblog, medien, thriller, cyberkriminalität, computervirusWelche Auswirkungen wird der technologische Fortschritt auf unsere Gesellschaft nehmen, sobald es uns gelingt, computergesteuerte Systeme mit unseren Hirnen zu verbinden? Entstehen durch Computerviren reelle Bedrohungen für unsere neuronalen Netze, indem binäre Codes vom Gehirn verarbeitet werden und sich in gefährliche biologische Viren entwickeln?

Eric Söderqvist, IT-Professor der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm, forscht an einem System, das durch reine Gedankenkraft Computersysteme steuern kann. Seine Schnittstelle „Mind Surf“ soll den Aufbau eines dreidimensionalen Internets ermöglichen.
Samir Mustaf, libanesischer IT-Spezialist, entwickelt ebenfalls Computersysteme. Seine Intention ist allerdings eine andere. Er will Rache an der israelischen Finanzwelt ausüben. Rache dafür, dass seine Familie durch einen Angriff der Israelis ums Leben kommen musste.
Kurz nach einem ersten erfolgreichen Test mit „Mind Surf“, fällt Eric Söderqvists Frau Hanna, Mitarbeiterin einer israelischen Bank, in ein Koma. Eric wird klar, dass die Erkrankung seiner Frau mit dem Aufruf des vom Mona-Virus infiltrierten Bankennetzwerks zusammenhängen muss. Da die Ärzte in Stockholm nicht in der Lage sind, seiner Frau zu helfen, entscheidet er sich kurzerhand, die Entwickler von Mona ausfindig zu machen. Dabei begibt er sich auf eine gefährliche Reise in den Nahen Osten, in der Hoffnung einen Gegenvirus zu erlangen, der seiner Frau helfen kann.

Die Vorstellung, dass ein Computervirus sich einen Weg in die Nervenbahnen der Menschen bahnt, und das Leben eines Organismus angreift, ist erschreckend. Zu Beginn des Buches suggeriert die Aufteilung der Geschichte in verschiedene Handlungsstränge einen gelungenen Spannungsaufbau. Der Verbund aktueller Themen wie Cyberkriminalität, Terror durch extremistische Gruppierungen, Manipulation durch Geheimdienste und ausufernden technischen Fortschritt sind gesellschaftsrelevante Themen, die nur schwer zu umgehen sind.
Leider verpufft die Lesefreude bereits nach dem ersten Drittel des Werkes. Die Handlungsstränge laufen allmählich zusammen, bilden meiner Ansicht nach jedoch kein Symbiose. Meine Konzentration fällt zunehmend auf die Geschichte von Eric Söderqvist, der verzweifelt genug ist, eine Reise über Nizza und Tel Aviv nach Gaza anzutreten, um ein Gegenmittel zur Heilung seiner Frau zu finden. Dabei passiert ihm Unglaubliches. Das Buch bewegt sich zunehmend zu einem Politthriller. Es ist durchzogen von kuriosen Machenschaften des Mossad, des FBI und manipulierbaren schwedischen Behörden, die sich so sicher nicht zutragen würden.

Zwischen der langwierigen Verarbeitung all der genannten politischen und sozialkritischen Themen, tauchen zeitweise Schmuckstücke zwischenmenschlicher Beziehungen auf. Als Eric Söderqvist endlich auf den Entwickler des Mona-Virus, Samir Mustaf, trifft, entwickeln sich interessante Gespräche zwischen den Männern. Trotz der Tatsache, dass sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen und divergierende Meinungen zum Thema Glauben haben, erlangen sie wahrhaftige Erkenntnisse, über die es sich lohnt nachzudenken.

Dan T. Sehlberg
Mona
Klappbroschur
ISBN: 978-3-462-04613-7

Lesebericht zu „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle_Dave Eggers_KiWiWie viel technologischen Fortschritt verträgt die Menschheit? Ab wann verdrängt die Gier nach Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken ein authentisches und natürliches Miteinander?

Themenschwerpunkt in Dave Eggers „Der Circle“ ist die totale Vernetzung des Lebens mit sozialen Diensten, Arbeitgebern und staatlichen Institutionen. Durch den starken Bekanntheitsgrad des Internetunternehmens „Der Circle“ entsteht in der Bevölkerung ein großes Interesse an den Tätigkeiten der Firma und dessen Projekten. Ein intrinsisches Verlangen nach völliger Transparenz durchbricht schlagartig die unternehmensinternen Interessen und breitet sich in einem Großteil der Gesellschaft aus, die fortan alles über jeden wissen möchte und keine Mühe scheut auch den entlegensten Winkel der Erde mit Kameras auszustatten.

Während sich Mae Holland, die 24-jährige Protagonistin, stetig den digitalen Konventionen des Circles angleicht, verliert sie zunehmend die analoge Welt aus den Augen. Menschen die ihr immer wichtig waren, die sie liebte, sind plötzlich eine Minderheit. Denn sie wollen nicht gläsern sein, nicht alle Gefühle, Situationen und Meinungen mit der Öffentlichkeit teilen. Doch für Mae zählen nur noch Parolen wie: Geheimnisse sind Lüge – Teilen ist Heilen – Privatshäre ist Diebstahl. Ihr entgleiten zwischenmenschliche Fähigkeiten, wie das Zuhören oder eine Unterhaltung zu führen, weil sie einer permanenten Reizüberflutung durch mobile Medien gegenüber steht. Sie wird sozial völlig autistisch.

Während die Transparenz der Menschheit dafür sorgen soll, alles Menschliche zu verstehen und keinen Raum für Fehlinterpretationen zuzulassen, geschieht doch letzten Endes genau das. Kein überwachter Mensch verhält sich so, wie er es in Freiheit tun würde. Ständig muss man auf sein eigenes Tun achten, sich stets verhaltensoptimiert präsentieren, um dem „Publikum“ – den Viewern – zu gefallen und um die meisten „Smiles“ zu erhalten.

Dave Eggers Ausblick auf die mögliche Zukunft ist weitaus mehr, als Fiktion. Soziale Netzwerke sind bereits jetzt ein Werkzeug zur optimierten Präsentation seines Selbst. „Der Circle“ ist ein Spiegel, der jeden von uns auffordert, seine Motive und Aktivitäten innerhalb solcher Parallelwelten zu reflektieren. Das Werk zeigt auch sehr imposant, welche Divergenzen sich bereits jetzt zwischen einer einzelnen Generation durch rasante technische Neu- und Weiterentwicklungen herauskristallisieren.

image_manager__av_image_full_circle_screenUnd während ich weitere Einladungen zu „Gefällt-mir-Seiten“ bekomme und sensationsgierige selbstschönende Posts aufploppen, hoffe ich, dass uns vor dem vollendeten geistigen Verfall noch eine lange schöne Zeit bevorsteht.

Hier noch eine schöne Website des Verlags zum Buch!

Dave Eggers
Der Circle
ISBN: 978-3-462-04675-5
560 Seiten, gebunden, mit Zeichenband