Lesebericht zu „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle_Dave Eggers_KiWiWie viel technologischen Fortschritt verträgt die Menschheit? Ab wann verdrängt die Gier nach Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken ein authentisches und natürliches Miteinander?

Themenschwerpunkt in Dave Eggers „Der Circle“ ist die totale Vernetzung des Lebens mit sozialen Diensten, Arbeitgebern und staatlichen Institutionen. Durch den starken Bekanntheitsgrad des Internetunternehmens „Der Circle“ entsteht in der Bevölkerung ein großes Interesse an den Tätigkeiten der Firma und dessen Projekten. Ein intrinsisches Verlangen nach völliger Transparenz durchbricht schlagartig die unternehmensinternen Interessen und breitet sich in einem Großteil der Gesellschaft aus, die fortan alles über jeden wissen möchte und keine Mühe scheut auch den entlegensten Winkel der Erde mit Kameras auszustatten.

Während sich Mae Holland, die 24-jährige Protagonistin, stetig den digitalen Konventionen des Circles angleicht, verliert sie zunehmend die analoge Welt aus den Augen. Menschen die ihr immer wichtig waren, die sie liebte, sind plötzlich eine Minderheit. Denn sie wollen nicht gläsern sein, nicht alle Gefühle, Situationen und Meinungen mit der Öffentlichkeit teilen. Doch für Mae zählen nur noch Parolen wie: Geheimnisse sind Lüge – Teilen ist Heilen – Privatshäre ist Diebstahl. Ihr entgleiten zwischenmenschliche Fähigkeiten, wie das Zuhören oder eine Unterhaltung zu führen, weil sie einer permanenten Reizüberflutung durch mobile Medien gegenüber steht. Sie wird sozial völlig autistisch.

Während die Transparenz der Menschheit dafür sorgen soll, alles Menschliche zu verstehen und keinen Raum für Fehlinterpretationen zuzulassen, geschieht doch letzten Endes genau das. Kein überwachter Mensch verhält sich so, wie er es in Freiheit tun würde. Ständig muss man auf sein eigenes Tun achten, sich stets verhaltensoptimiert präsentieren, um dem „Publikum“ – den Viewern – zu gefallen und um die meisten „Smiles“ zu erhalten.

Dave Eggers Ausblick auf die mögliche Zukunft ist weitaus mehr, als Fiktion. Soziale Netzwerke sind bereits jetzt ein Werkzeug zur optimierten Präsentation seines Selbst. „Der Circle“ ist ein Spiegel, der jeden von uns auffordert, seine Motive und Aktivitäten innerhalb solcher Parallelwelten zu reflektieren. Das Werk zeigt auch sehr imposant, welche Divergenzen sich bereits jetzt zwischen einer einzelnen Generation durch rasante technische Neu- und Weiterentwicklungen herauskristallisieren.

image_manager__av_image_full_circle_screenUnd während ich weitere Einladungen zu „Gefällt-mir-Seiten“ bekomme und sensationsgierige selbstschönende Posts aufploppen, hoffe ich, dass uns vor dem vollendeten geistigen Verfall noch eine lange schöne Zeit bevorsteht.

Hier noch eine schöne Website des Verlags zum Buch!

Dave Eggers
Der Circle
ISBN: 978-3-462-04675-5
560 Seiten, gebunden, mit Zeichenband

 

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5 Gedanken zu “Lesebericht zu „Der Circle“ von Dave Eggers

    • Hey Anna,
      nachdem ich mich anfangs anhalten musste, am Ball zu bleiben, kam ich mit dem letzten drittel des Buches in der Tat schneller voran.
      Denn gerade zum Ende hin (z.B. Mercers „Flucht“) entwickelte die Geschichte eine gewisse Rasanz.

      Viele Grüße
      Oliver Steinhäuser

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  1. Pingback: Lesebericht zu “Schlusstakt” von Arno Strobel | Der Buch- und Medienblog

  2. Nachdem ich den brillanten Roman “The Circle” von Dave Eggers im Urlaub am Strand von Callantsoog gelesen hatte, machte ich mich auf der Suche nach Rezensionen. Dabei bin ich über eine Rezension gestolpert, die mich dazu bringt, hier jetzt eine prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten zu formulieren. Die Rezension stammt von Dr. Susanne Rikl. Sie schreibt:

    “‘WAHNSINN, DACHTE MAE. Ich bin im Himmel.’ So beginnt die deutsche Übersetzung von Eggers’ Roman. In diesem harmlosen Satz deutet der Autor auf geniale Weise an, was mit seiner weiblichen Hauptfigur passieren wird. Wahnsinn bedeutet “Geisteskrankheit, geistige Umnachtung, Torheit, Unsinn, abwegiger und meist auch gefährlicher Einfall” (frei nach Wahrig), ist aber auch – und hier so gemeint – ein Ausruf der Begeisterung.”

    Der Autor deutet also mit dem Wort “Wahnsinn” etwas auf geniale Weise an. Dave Eggers ist auch meiner Meinung nach ein genialer Autor, allerdings nicht wegen der Benutzung des Wortes “Wahnsinn” im ersten Satz, denn er hat dieses Wort nicht benutzt!

    Im Original heißt es: “MY GOD, MAE thought. It’s heaven.” Das bedeutet: “MEIN GOTT, dachte MAE. Das ist der Himmel.” Da steht nichts von Wahnsinn. Zwar hebt die Großschreibung “MY GOD, MAE” einen Satzteil hervor, der “MEIN GOTT, MAE” bedeutet, eine Betonung, die in der direkten Übersetzung verloren geht, aber ein “Wahnsinn” ist selbst dort nicht zu finden.

    Die “geniale” Andeutung stammt somit nicht von dem Autor Dave Eggers, sondern von den Personen, die den Roman in die deutschen Sprache übersetzt haben. Sie heißen Ulrike Wassl und Klaus Timmermann. Daher hier eine prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten:

    Wer einen Autoren rezensieren will, muss seinen Text in seiner Sprache gelesen haben!

    In dem Wikipedia-Artikel zu dem Roman steht:

    “In den Buchbesprechungen wird durchweg die literarische Qualität des Romans bemängelt.”

    Das mag für die deutsche Presselandschaft stimmen, in der englischsprachigen Presse jedoch wurde die litererariasche Qualität durchweg hervorgehoben.

    “Eggers at his fluent best.” (Observer)

    “Fluent prose, instinctive storytelling, wonderful comic.” (New York Times)

    “Prescient, scary, unputdownable.” (The Times)

    “An elegantly told, compulsively readable parable for the twenty-first century.” (Vanity Fair)

    Diesem Lob schließe ich mich uneingeschränkt an und sage mal so: Wenn das englische Original eines Romans als elegant erzählt und fließende Prosa vom Besten mit wunderbarer Komik bezeichnet wird, die literatische Qualität der deutschen Übersetzung jedoch bemängelt wird, liegt die Vermutung nahe, dass das Versagen nicht beim Autor liegt, sondern beim Übersetzer. Ich wiederhole daher meine Verhaltensregel:

    Wer einen Autoren rezensieren will, muss seinen Text in seiner Sprache gelesen haben!

    http://tapferimnirgendwo.com/2015/08/12/prinzipielle-verhaltensregel-fur-rezensenten/

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  3. Pingback: 6 Gedanken über das Buch "Der Circle" von Dave Eggers

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