Reisebericht vom Comer See – Teil 1 – Como – Bellagio – Madonna del Ghisallo

Teil 1       (Teil 2 erscheint in 14 Tagen, am 23.11.2018)
Reisezeit: August


Zwei Wochen nehmen wir uns Zeit, um den oberitalienischen Comer See zu bereisen. Ein von Villen gesäumtes und von prominenten Persönlichkeiten geschätztes Feriendomizil mit einer mediterranen Flora und Fauna. Auch der Filmindustrie bietet der See immer wieder tolle Kulissen. Was so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, möchte auch der Buch- und Medienblog einmal erleben und begibt sich auf Entdeckungsreise in die Lombardei.

Die einen machen jahrelang voller Überzeugung Urlaub am Comer See, andere waren dort und zogen sofort weiter. Gespaltener kann die Meinung vorab unserer Reise kaum sein. Nach sorgfältiger Planung mit dem Reisebuch des Michael Müller Verlags geht es gemischter Gefühle los. Im Hinterkopf stets die Frage, mit welchen Eindrücken wir den Comer See nach 14 Tagen verlassen.

Aufgrund der relativ kurzen Anreise von Stuttgart (500 km), planen wir auf der Hinreise einen Stopp am Rheinfall in Schaffhausen (CH) ein. Ein wunderbares Bild bietet sich, sobald man ihn von einem der Rheinfall Parkplätze in Neuhausen vor sich sieht. Doch richtig beeindruckend wird der 23 Meter hohe und 150 Meter breite Wasserfall erst, sobald man sich ihm mit einem der Boote nähert. Dafür reicht bereits eine 15-minütige Ausfahrt, während der man sich zwei Mal an das tosende Gewässer tastet, bis sich das schäumende Wasser schließlich imposant auftürmt.
Weiter geht es durch die Schweiz, bis wir schließlich die italienische Grenze passieren und bereits fünf Minuten später durch Como hindurch auf die westliche Uferstraße in Richtung Menaggio und Cadenabbia fahren, von wo wir mit der Autofähre nach Bellagio übersetzen. Hier beziehen wir im vier Kilometer entfernten Dorf Limonta der Gemeinde Oliveto Lario unser Quartier und planen die Tagesausflüge für die kommenden Wochen.

Da wir uns gluten- und laktosefrei ernähren, brechen wir bereits am ersten Tag nach Como auf, um nach einem Spaziergang durch die Altstadt und den Hafen im Anschluss im Lidl Italia in Fino Mornasco einzukaufen.
Bevor wir Como zum Einkaufen wieder verlassen, kehren wir in Hafennähe im Restaurant „El Merendero“ am Piazza de Orchi ein. Hier gibt es wunderbare gluten- und laktosefreie Burger Menüs zu einem unschlagbaren Preis; und das Personal ist bestens mit der gebotenen Vorsicht bei Zöliakie vertraut!
Nachdem wir uns bei Lidl Italia mit Fleisch, Käse, Wurst etc. für die folgenden 14 Tage eingedeckt haben, können wir den Rest des Urlaubs beinahe einkaufsfrei genießen.

Verkehr am Comer See

Bereits an dieser Stelle möchte ich einige Hinweise zum Straßenverkehr rund um den Comer See geben:
Gemütliche Ausfahrten mit dem PKW auf den Uferstraßen des Gebiets Triangolo Lariano (Dreieck zwischen den beiden See Armen) sind beinahe nicht möglich, da die Straßen teilweise extrem eng sind. Hier ist oft absolute Konzentration angesagt. Die vereinzelt angelegten Parkplätze sind aufgrund der Felsen, die manchmal bis direkt an die Straße und das Ufer ragen, eher überschaubar und meist bereits belegt. Auch ausgedehnte Spaziergänge am Ufer sind, zumindest in den von mir rot markierten Abschnitten, nicht möglich. Die beengte Lage zwischen Fels und See bedingt, dass die schmalen Uferstraßen, wenn überhaupt, sporadisch mit Gehwegen ausgestattet sind. Und an den Ufern direkt befinden sich keine Spazierwege.
Dies empfinden wir gerade mit Kinderwagen und zum Joggen zu gefährlich und steigen dementsprechend für jeden noch so kurzen Ausflug ins Auto.

Bellagio besuchen wir des Öfteren. Gerade der Botanische Garten der Villa Melzi lädt aufgrund seiner Weitläufigkeit ein. Der alleeartig bepflanzte Uferweg spendet auch an heißen Tagen Schatten und verführt zum Entspannen auf Steinbänkchen oder auf dem Rasen. Wer das Tagesticket gelöst hat, kann den Park verlassen und bis 18 Uhr jederzeit wieder erneut betreten, was sich besonders dann anbietet, wenn man auf die kostenlosen Gemeindeparkplätze etwas zentrumsferner zurückgreift und den Park als Transit ins Stadtzentrum von Bellagio mitnutzen möchte.
Lebensmittel können gleich in zwei Supermärkten (Sigma & Migross) in der Via Alessandro Volta gekauft werden. Zusammengenommen bieten beide Märkte ein umfangreiches gluten- und laktosefreies Sortiment an. Eine Querstraße weiter, in der Via Lazzaretto befindet sich außerdem ein Parkplatz, sowie eine Wasserstation. Hier kann sowohl stilles als auch gekühltes Sprudelwasser für 0,05€/l gezapft werden.

Nach Lezzeno zieht es uns am vierten Tag, denn wir möchten die im Reisebuch angesprochene Grotta dei Bulberi – die blaue Grotte ansehen. An der Touristeninformation Nähe des Fährstegs bestellen wir Tickets zur Besichtigung. Ungläubig werden wir beäugt und erhalten die Info, dass dies nur mit einem privaten bzw. einem gemieteten Boot ginge. Dazu fehlt im Reisebuch leider der Hinweis. Kurzerhand blättern wir ein paar Seiten weiter und entscheiden uns zu einem PKW Ausflug via Nesso, weiter über kurvige Straßen zur Sternwarte und Aussichtsplattform Colma di Sormano und von dort zur Madonna del Ghisallo in Magreglio. Die kleine Kapelle geht auf das 17. Jahrhundert zurück und in ihr befindet sich ein Gemälde mit der Beata Vergine Maria – die schöne Jungfrau Maria, genannt Madonna del Ghisallo. Diese erklärte Papst Pius XII im Jahr 1946 zur Schutzpatronin der Radfahrer.
In Blickweite schließt sich ein Fahrradmuseum an.

Der Reisebericht zum Comer See wird am 23. November 2018 fortgesetzt.
Vorschau: Brunate – Varenna – Bellano – Bergamo

Ein Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserVorbereitung der Reise durch:
Eberhard Fohrer
Comer See
ISBN 978-3-95654-133-9

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Lesebericht zu „Der Bozzetto“ von Beyeler & Schneeweis

Bozzetto_Rezension_Blog_Oliver SteinhaeuserVöllig unverhofft nimmt ein fremder Mann telefonischen Kontakt zum ehemaligen Anwalt und Autor Maximilian Prückner auf. Als dieser das Telefonat annimmt, ahnt er noch nichts von den Vorhaben des Anrufers Hans Albert Bilgrin. Anstoß des Anrufes ist der seit Jahren veröffentlichte Roman Prückners über den Bozzetto, Michelangelos Entwurf zum Fresko „Das Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle in Rom. So wie Prückner, interessiert sich auch der schweizer Galerist und Mäzen Bilgrin, für den Weg des Bozzetto im Laufe der Geschichte seit seiner Entstehung. Sein Vorschlag an Prückner: Beider Wissen zusammenzufügen, den Bozzetto ausfindig zu machen, zu erwerben und zurück in den Vatikan zu bringen. Denn allein hier sollte sein Platz sein. Nur dort ist die positive Wirkung des Jüngsten Gerichts stärker als seine negative Seite.

Gleich der künstlerischen Darbietung des Jüngsten Gericht mit seiner himmlisch guten und der teuflisch bösen Seite, treten sich auch im Roman beide Seiten gegenüber. So kommt es, dass die Recherche Prückners und Bilgrins auch diejenigen auf den Plan ruft, die den Bozzetto ebenfalls dringend für die Verwirklichung ihre (bösen) Absichten benötigen. Eine hitlerfanatische Gruppe, die sich NAD nennt und mit Hilfe der Macht des Bozzetto ihren Führer Adolf Hitler wieder auferstehen lassen will. Mit seiner Hilfe soll im Anschluss das Vierte Reich entstehen.
Was absurd klingt, ist jedoch seit dem Untergang des Dritten Reichs gut vorbereitet. Mit Hilfe amerikanischer und deutscher Geheimdienste sind Posten der neuen deutschen Regierung mit Nazis besetzt worden, die seit dem die Regierung lenken und auch manipulieren. Stets in der Hoffnung auf die Wiedergeburt Hitlers und mit ihr der Machtübernahme Europas.

Von all dem ahnen Prückner und Bilgrin zu Beginn ihres Abenteuers nichts. Erst mit der Entdeckung der Idola, einer kodierten Schrift zur Entschlüsselung der Geheimnisse des Bozzetto, gerät ihr expeditionsartiges Leben aus den Fugen. Es wird gefährlich.
Alles beginnt mit einer neuen Sicht auf die geschichtlichen Gegebenheiten in Deutschland um 1945. Erzählt bekommen sie dies von Bruno Luger, einem angesehener Kunsthändler, dem in der NS-Zeit die Koordination des Kunstraubs zugeteilt war. Von ihm lernen die beiden eine ganz neue Sicht der Geschehnisse zum Untergang der Diktatur. Eine Version, wie sie sich in Wahrheit abgespielt hat, nicht, wie Siegermächte sie später in Geschichtsbüchern für alle Ewigkeit wiedergeben.
Bruno Luger kennt die unglaubliche Macht, die dem Bozzetto inne wohnt. Er selbst hat sie auf den Beutezügen der Nazis erlebt und weiß, dass allein die Macht eines Herrschers reinen Blutes den Entwurf des Jüngsten Gerichts führen kann. Luger weiß auch, dass der NAD gleiches vorhat. Aus diesem Grund übergibt er den beiden die Idola. Prückners und Bilgrins hehre Ziele werden es wohl schaffen, den Bozzetto sicher an seinen angestammten Platz im Vatikan zurück zu bringen.

Dieses anstrengende Vorhaben wird zusätzlich von Eingriffen und Manipulationen des NAD deutlich erschwert, sodass sie sich sogar gegen die Idola und deren Entschlüsselung entscheiden und sie dem NAD überlassen, um ihr eigenes Leben nicht aufs Spiel zu setzen.
Am Ende steht eine rasante Verfolgungsjagd. Prückner, Bilgrin, eine gemeinsame Freundin und der Bozzetto auf der einen, ein Liebespärchen des NAD in einem Leichenwagen samt Hitlers Leichnam auf der anderen Seite. Unterwegs wollen das NAD-Pärchen die drei überwältigen und endlich die Zusammenkunft Hitlers mit dem Bozzetto zu vollführen.

Seit dem Erscheinen dieses Buches, steht mein von Gerd J. Schneeweis signiertes Exemplar auf meiner Vitrine, stets mit dem Gedanken an die spannende Geschichte, die sich hinter den Buchdeckeln verbergen mag. Ausgerechnet zum Urlaub am Comer See finde ich endlich in die magische Geschichte des Bozzetto und stelle mit Freude fest, dass viele Orte im Buch gerade einen Steinwurf von mir entfernt sind. Sei es Lugano, Campione oder Como selbst.


Beschäftigt man sich einen Moment mit den Autoren Beyeler und Schneeweis erkennt man sofort: Die Geschichte des Bozzetto ist ihr Abenteuer und mit dem Roman verwirklichen sie sich den Wunsch, selbst die Retter des Bozzetto zu sein. Besonders der Charakter des Galeristen Hans-Albert Bilgrin (HAB genannt) zeigt nicht nur namentlich eindeutige Übereinstimmungen mit dem Autor Hermann-Alexander Beyeler (HAB).

Hermann Alexander Beyeler & Gerd J. Schneeweis
Der Bozzetto
978-3-7245-2178-5

Lesebericht zu „Das Eis“ von Laline Paull

Das Eis_Laline Paull_Blog_Oliver Steinhäuser_RezensionSean Cawson ist ein wirklich reicher Mann geworden. Zu verdanken hat er dies seiner größten Liebe: Die Arktis.
Die Besessenheit vom ewigen Eis, seiner Unberührtheit und die daraus resultierenden Möglichkeit großer Entdeckungen ziehen ihn seit dem Tag, an dem er sich seinen unbekannten Vater als Polarforscher vorstellt, an. Sean kommt aus der unteren Gesellschaftsschicht, schafft durch seine starke Willenskraft den Eintritt in die studentische Gesellschaft der verschollenen Polarforscher und lernt darüber den Investor und seinen späteren Mentor Joe Kingsmith kennen. Ihm verdankt er seine erste Reise in die Arktis.
Doch eins nach dem anderen. Zuerst sitzt Sean Cawson desorientiert, traumatisiert und  verzweifelt in der gerichtlichen Untersuchung zur Tragödie auf Spitzbergen in der Arktis, bei dem sein bester Freund Tom das Leben ließ und er selbst dem Tod nur knapp entkam.

Mit der Verbindung zum Geschäftsmann Joe Kingsmith begann für Sean die Erfüllung seiner Wünsche. Kingsmith ist es, der Sean die finanziellen Mittel zur Expedition in die unerforschte Arktis zur Verfügung stellt. Informationen zur Reise sind seine Gegenleistung. Sean wird zum Informant und Entdecker, liefert damit Wissen, das sein Mentor nutzt, um es durch Spekulation zu monetarisieren. Gelder fließen und sorgen auch bei Sean für den finanziellen Aufstieg. Und plötzlich steht für ihn ein historischer Moment an: Spitzbergen in der Arktis steht zum Verkauf. Und er weiß, dass er dieses Grundstück haben muss. Nicht nur aus Verliebtheit in die unglaubliche Natur, sondern weil er weiß, dass jeder andere Interessent dieses Land weniger naturbewusst nutzen wird als er. Aus diesem Grund holt er seinen Freund und Naturaktivist Tom Harding mit ins Boot und erhält zusammen mit ihm und einem Konsortium mit Joe Kingsmith und zwei weiteren den Zuschlag.

Der Tag, an dem das gesamte Investorenteam zum ersten Mal und gemeinsam ihr Land und das darauf errichtete Luxusresort Midgard Lodge besichtigten, kommt es zwischen den beiden Freunden Tom und Sean zu einem Konflikt. Tom entdeckt in der Lodge Umstände, denen er auf keinen Fall zustimmen kann. Doch bevor er dies kundtun kann, kommt es bei der Besichtigung einer Eishöhle zu einem tragischen Unfall, bei dem Tom sein Leben lässt.
Erst der Kalbungsprozess im Eis lässt große Eismassen ins Meer stürzen. Mit ihnen wird nach drei Jahren auch Toms Leichnam wieder freigegeben. Es kommt zu einer gerichtlichen Untersuchung, in der Sean Cawson allen Fragen Antwort stehen muss und der Verzweiflung nahe ist.

Laline Paulls Roman zieht den Leser in eine Welt voller skrupelloser Geschäftsmänner, Investoren und Politikern, die in der Arktis mehr als einen atemberaubenden Ort sehen. Nämlich den Profit, den Standortvorteil und weitere eigennützige Faktoren. Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit oder Umweltschutz sind diesen mächtigen Parteien egal. Was zählt sind illegale Waffengeschäfte, Korruption und Macht. Sean, der verzweifelte Protagonist, befindet sich irgendwo in einer Grauzone aus Naivität und zu später Erkenntnis. Paull versteht es, den Leser in ein beklemmendes, glaubwürdiges und aufgrund der fortschreitenden Klimaerwärmung nahendes Szenario zu versetzen. Es ist eine Welt, in der das Eis in der ressourcenreichen Arktis durch den Klimawandel zum Großteil geschmolzen ist. Dies eröffnet neue Transitrouten für den Schiffsverkehr und die Regierungen der Anrainerstaaten buhlen ebenso wie mächtige Wirtschaftsunternehmen um eine Positionierung, denn niemand lässt freiwillig einen Standortvorteil ungenutzt.

Laline Paull
Das Eis
ISBN: 978-3-608-50352-4

Lesebericht zu „Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino

Yukiho Nishimoto, die sich später aufgrund einer Adoption im Buch Yukiho Karasawa nennt, Makoto Takamiya und sein Freund Kazunari Shinozuka, Tomohiko Sonomura oder Ryo Kirihara sind nur einige der Namen, die in „Unter der Mitternachtssonne“ eine wichtige Rolle spielen. Da erscheint der Name des Autors – Keigo Higashino – als reine Entspannung zwischen all den japanischen Namen. Doch trotz all dieser exotischen Namen schafft es der Autor auch diesmal wieder, komplexe Handlungen über mehrere Zeitebenen spannend zu erzählen.

Die Ereignisse dieses Romans ziehen sich über 19 Jahre hin. Macht man sich ertmal mit den vielen Erzählsträngen und den 19 relevantesten Personen vertraut, offenbart sich  Keigo Higashinos Thriller als ein Sammelsurium mehrerer Altersgruppen und Gesellschaftsschichten Japans in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er zeichnet das Bild einer ganzen Epoche.
Es ist die Epoche der massentauglichen Computerspielentwicklung – ohne den Schutz von Copyright – wie wir ihn heute kennen – und der dadurch einsetzenden firmenübergreifenden Piraterie und des Schwarzhandels von Quellcodes. Eine von bahnbrechenden digitalen Entwicklungen geprägte Zeit, die, aufgrund mangelnden Wissens in den zuständigen Unternehmen, von vielen Kriminellen zur eigenen Bereicherung schamlos ausgenutzt wurde.
So auch von Ryo, dem Sohn des ermordeten Pfandleihers Yosuke Kirihara. Verdächtigt wurden damals viele, einen Täter konnte die Polizei nicht liefern. Der Fall bleibt ungeklärt und der Leser begleitet das Leben des damals 12-jährigen Ryo Kirihara, der auf den insgesamt 720 Seiten schließlich 31 Jahr alt wird.

Zunehmend rückt der ungeklärte Mord an dem Pfandleiher in den Hintergrund und andere kriminelle Akteure, Weggefährten und Detektive betreten die Bühne. Unter ihnen entwickelt auch die hübsche Yukiho, Tochter der damaligen Hauptverdächtigen, einen profitablen Geschäftssinn und eröffnet eine Boutique nach der anderen.
Obwohl der Mord bereits verjährt ist, beschäftigt sich der damalige Mordermittler Sasagaki selbst in seinem Ruhestand noch mit diesem Fall. Vor allem die abgebrühte und unberechenbare Yukiho lässt ihm keine Ruhe, vermutet er doch in ihr den Schlüssel, der ihm helfen könnte, endlich die Wahrheit aufzudecken. Erst ein plötzlich verschwundener Detektiv, der auf sie und Ryo angesetzt war, bringt den alten Ermittler allmählich auf eine verheißungsvolle Spur.
So wie Higashino seine Leser immer wieder an bekannte Stellen und Details aus der Vorgeschichte führt, fügt sich auch für den pensionierten Ermittler langsam ein Puzzleteil an das andere.

Für Sasagaki bleibt die hübsche und gewiefte Yukiho der Dreh- und Wendepunkt der Geschichte. Der Blick hinter ihre mystisch düstere Aura bleibt ihm und dem Leser jedoch konstant verwehrt.
Erst als die Witwe des vor 19 Jahren ermordeten Pfandleihers ihr Schweigen bricht, kommt der Ermittler wieder auf eine heiße Spur und Sasagakis privaten Ermittlungen nehmen Fahrt auf, obwohl er weiß, dass sein Tun niemanden mehr rechtskräftig verurteilen kann.

Der letzte Akt ist eine Tragödie. Aber der Leser erfährt durch ihn doch endlich die Motive des damaligen Täters.

Keigo Higashino
Unter der Mitternachtssonne
ISBN: 978-3-608-50348-7

Reisebericht aus Südtirol – Teil 2 – Oberbozen – Barbianer Wasserfall – Trostburg

Teil 2 des Reiseberichts aus Südtirol        (Teil 1 finden Sie hier)
Reisezeit: Ende März


Am fünften Tag laufen wir die Strecke, die wir bereits gestern mit der Rittner Schmalspurbahn erkundeten: von Klobenstein nach Oberbozen.
Im Wanderführer „Wandern mit Kindern – Südtirol“ wird diese Wanderung mit „Pyramixweg“ bezeichnet. Diesem Begriff begegnen wir unterwegs nicht, er sorgt allerdings nicht für Verwirrung, denn der Weg hat eine Wanderwegnummer (15) und ist bestens ausgeschildert. Unterwegs trifft man auf ein Bienenmuseum, läuft gelegentlich parallel zur Rittner Schmalspurbahn und kann in den kleinen Haltehäuschen Unterstand oder eine Rast zur Brotzeit finden. Besonders schön ist diese Wanderung vormittags, wenn die historischen Wagen der Rittner Bahn im Einsatz sind.
Zurück nach Klobenstein geht es im Anschluss von Oberbozen mit der Bahn.

Am Karfreitag wollen wir zum Barbianer Wasserfall aufsteigen. 350 Höhenmeter sind dazu über schmale und teilweise felsige Wegstücke zu meistern. Durch die Baustelle und die werktags gesperrte Straße zwischen Saubach und Barbian, lassen wir uns bei der Anfahrt verwirren und parken unser Auto aus Versehen in Saubach, anstatt in Barbian. Das fällt uns zunächst gar nicht auf, denn auch hier steht eine Kirche, an der wir unsere Route wie im Wanderführer beschrieben starten. Auch ein Haus mit dem Namen „Pennhof“ lassen wir links liegen. Doch irgendwie sind auf der Wanderkarte, die für jeden Tourvorschlag abgedruckt ist, wesentlich mehr Häuser und Straßen verzeichnet, als wir sehen können. Wir zweifeln bald daran, dass wir auf der richtigen Route gehen, vor allem als wir auf einmal auf einem Privatweg stehen und nicht mehr weiterkommen. Wir drehen um und laufen zurück zum Auto. Dabei treffen wir auf andere Wanderer, die wir einfach fragen, woher sie denn gerade kommen. Viele Möglichkeiten kann es hier direkt am Berg schließlich nicht geben. Wie vermutet kommt die Gruppe gerade vom Wasserfall zurück und klärt uns über unseren Fehler auf. Wir steigen ins Auto und fahren die restlichen 3 km bis nach Barbian weiter. Dort finden wir uns mit der Beschreibung sofort zurecht. Wir laufen die Strecke entgegengesetzt der im Wanderführer beschriebenen Route. Das liegt daran, dass wir das steile und felsige Stück zwischen dem unteren und oberen Wasserfall hoch-, nicht hinuntersteigen möchten. Das ist ungefährlicher mit der Kraxe auf dem Rücken.
Heute bekommen wir zu spüren, dass der Wanderführer – wie könnte es anders sein – von einer aktiven Wanderfamilie geschrieben wurde. Gerade die 15 kg Gepäck erschweren auf den felsigen Pfad den 350 Meter hohen Anstieg zum oberen Wasserfall. Erschwerend kommt leichter Regen hinzu, der uns zeitweise zum Innehalten unter unseren Regenschirmen zwingt.
Sobald der Aufstieg jedoch geschafft ist, belohnt uns die Sicht auf den oberen Teil des Barbianer Wasserfalls.
Der Abstieg erfolgt auf einem breiter werdenden Weg und quert immer wieder die Almstraße. Diese nutzen wir hin und wieder zur Vermeidung der steilsten Streckenabschnitte.

Den siebten und letzten Urlaubstag wollten wir ursprünglich ganz der Entspannung in der Sauna und am Pool widmen. Da uns das nach der gestrigen Tour jedoch nun zu langweilig scheint, entscheiden wir uns für eine Besichtigung. Gestern erhaschten wir bereits von Barbian aus, am gegenüberliegenden Berg den Eingang zum Grödner Tal und eine Burg. Nach kurzer Recherche wissen wir: Es ist die Trostburg in Waidbruck und sie kann um 11, um 14 und um 15 Uhr besichtigt werden. Die Trostburg ist mit dem PKW nicht zu erreichen. Die Zufahrt über die Via Burgfrieden endet nach etwa 700 m mit einem Verbotsschild. Ca. fünf Autos finden dort eine Parkmöglichkeit. Sicher ist, wer entweder vom Friedhof in der Via Burgfrieden (Burgfriedenstraße) über die geteerte Straße läuft oder vom Dorfplatz in Waidbruck aus dem steilen, kürzeren und am Dorfplatz gut beschilderten Pfad zur Trostburg folgt.
Wir entscheiden uns heute für die entspanntere Variante und fahren über die “Via Burgfrieden“ bis zu dem kleinen, in den Berg hineingetriebenen PKW Abstellplatz auf halber Strecke zwischen dem Friedhof in Waidbruck und der Trostburg. Den Rest laufen wir mit dem Kinderwagen hinauf.
Dort werden wir sehr herzlich zur einstündigen Führung durch die äußerst gut erhaltene und schöne Burg begrüßt.

Diesmal waren wir froh, mit einem Reisebuch als auch dem Wanderführer für Südtirol doppelt ausgestattet zu sein. Die Ideen zu den sehenswerten Orten entnahmen wir dem Reisebuch, zur Vertiefung und bei der Planung unserer Wander- und Spazierausflügen unterstützte uns im Anschluss der Wanderführer.
Kleine Dossiers zur Kultur, dem kulinarischen Südtirol sowie seinen Menschen bieten dem Leser im Reisebuch weiterführende Informationen zum Land und dessen Besonderheiten.

Ein Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserVorbereitung der Reise durch:

Eugen E. Hüsler & Udo Bernhart
Südtirol – Zeit für das Beste
ISBN-13: 978-3-7343-2403-1

sowie
Wilfried und Lisa Bahnmüller
Wanderspaß mit Kindern Südtirol
ISBN-13: 978-3-7343-0826-0

Reisebericht aus Südtirol – Teil 1 – Lengmoos – Lana – Rastenbachklamm – Klobenstein

Teil 1       (Teil 2 finden Sie hier)
Reisezeit: Ende März


Bereits im vergangenen Sommer legten wir auf unserer Heimreise vom Gardasee einen Zwischenstopp in Bozen ein. Dass ein Mittagessen allein die Sehnsucht nach Südtirol nicht stillen würde war klar. Der Buch- und Medienblog begab sich deshalb sehr bald auf die Suche nach dem richtigen Quartier für den Osterurlaub Ende März 2018. Umso besser, dass der Bruckmann Verlag auf der Frankfurter Buchmesse ausgerechnet mit seinem neuen Reiseführer „Südtirol – Zeit für das Beste!“ aufwartet!

Das Reisebuch orientiert sich an der Route über den Fern- und Reschenpass. Kurvenreiche und gerade zur Ferienzeit vollgestopfte Straßen durch das Allgäu und den Vinschgau. Fünfzig Stationen stellen die beiden Autoren Hüsler und Bernhart auf der Tour durch Südtirol vor, angefangen am Reschensee, über Meran, Bozen und Umgebung bis zu den drei Zinnen im Osten Südtirols (östliche Dolomiten). Durch den Verzicht auf eine genauere Unterteilung in die Regionen Südtirols, erhält der Leser während der Reiseplanung das Gefühl, als ginge er auf einen Road Trip durch Südtirol. Was zunächst ungewohnt ist, verleitet den Buch- und Medienblog jedoch dazu, zumindest das Ankommen in Südtirol durch den Vinschgau genau entlang dieser Route zu planen.

Die Regionen Südtirols

Die Regionen Südtirols

Da sich unsere Reise aufgrund einer Starthilfe durch den ADAC um über zwei Stunden verzögert und der Osterverkehr bereits das Überqueren des Fernpasses zu einer Tortur macht, entscheiden wir uns unterwegs, auf die A13 in Österreich auszuweichen und über die Brennerautobahn anstatt über den Reschenpass zu fahren.

Unser Quartier beziehen wir in Mittelberg auf dem Ritten. Es liegt direkt am Kaiserweg, der schon vor dem Einziehen der Touristenscharen von manchen Pilgern und deutschen Königen begehrt war. Die einen zogen über den Ritten nach Rom der Vergebung wegen, andere zur Kaiserkrönung. Der beschwerliche Weg über die Berge war stets dem durch Täler vorzuziehen. Die Anstrengungen bei der Überwindung der Höhenmeter in jedem Fall sicherer, drohte im Tal doch stets die Gefahr der Überflutung.
Von Mittelberg unternehmen wir unsere erste Tour, denn die Erdpyramiden in Lengmoos sind zu Fuß erreichbar. Der Tourismusverband des Ritten hat hier an einer Aussichtsplattform außerdem Postkarten, einen Briefkasten sowie eine Tafel mit dem Ansporn „Grüß die Welt“ aufgestellt. Von hier können Postkarten an die Lieben verschickt werden und der Verband sponsert die Karten sowie den Versand. Diese tolle Idee hat der Buch- und Medienblog gleich getestet – und nur eine Woche später erfreuten die Grußkarten ihre Empfänger.

Da das katholisch geprägte Südtirol neben etlichen Kirchen, Burgen und Ruinen eine prächtige Flora und Fauna bietet, ziehen wir zu unserer Wanderplanung zusätzlich den Wanderführer Südtirol aus der Reihe „Wanderspaß mit Kindern“ zu Rate. Dieser gibt auf jeder Startseite seiner insgesamt 47 Tourvorschlägen durch Piktogramme eine schnelle Übersicht zu Laufdauer, Entfernung und ob Wege beispielsweise mit dem Kinderwagen befahren werden können. Das ist besonders nützlich für Eltern, die Wert auf einen gesunden Mix aus Wandern mit der Kraxe und den rückenschonenderen Spaziergängen mit dem Wagen legen.

Wir starten den zweiten Tag mit einem Spaziergang über den Marlinger Waalweg und genießen die Sonne. Von Lana aus laufen wir in Richtung Meran. Ein Ziel haben wir nicht vor Augen. Unterwegs stoßen wir irgendwann auf ein Restaurant und entscheiden uns für ein Eis und die Umkehr.

Erlebnisreicher gestaltet sich der dritte Urlaubstag, an dem wir uns die Rastenbachklamm bei Kaltern anschauen. Damit es nicht so anstrengend wird, fahren wir bis zum Wanderparkplatz Müllereck im Kalterner Ortsteil Altenburg. Da unser Navigationssystem in den Tagen zuvor oft Schwierigkeiten bei der Zielfindung hatte, freuen wir uns besonders über die GPS-Koordinaten im Wanderführer. Durch sie finden wir zweifelsfrei zum richtigen Ort und starten den Abstieg vom Parkplatz durch die Klamm, die wir auf demselben Weg auch wieder hinaufsteigen, um auf dem Aussichtspunkt an der Hangkante hinunter zum Kalterer See zu blicken. Auf der Plattform rasten wir für eine Brotzeit und fahren anschließen ca. 5 km zur Standseilbahn hinauf den Mendelpass.

Auf die Fahrt mit der Rittner Schmalspurbahn am vierten Urlaubstag freut der Buch- und Medienblog sich ganz besonders, ist es doch sein eigenes kleines Geburtstagsgeschenk. Mit dem historischen Triebwagen geht es vom Bahnhof Klobenstein bis nach Oberbozen. Hier erfolgt der Umstieg in die Rittner Seilbahn, die beinahe mitten hinunter ins Bozener Zentrum führt. Nach der gluten- und laktosefreien Stärkung im Walthers´ am Waltherplatz schlendert man entspannt über die Bozener Wassermauer (Lungotalvera Bolzano)an der Talfer entlang, vorbei am Castel Mareccio (Schloss Maretsch) bis hin zum Castello di Sant’Antonio (Schloss Klebenstein). Dort befindet sich der Zugang zur Oswaldpromenade, die sich zu einem Höhenweg hinaufschlängelt und bis in den Bozener Stadtteil St. Magdalena führt. Wir folgen jedoch vorher der Beschilderung nach Bozen und gelangen so fast direkt bis zur Talstation der Rittner Seilbahn.

Der Reisebericht zu Südtirol wird HIER am 29. Juni2018 fortgesetzt.
Vorschau:
Oberbozen – Barbianer Wasserfall – Trostburg in Waidbruck

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserEin Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Vorbereitung der Reise durch:

Eugen E. Hüsler & Udo Bernhart
Südtirol – Zeit für das Beste
ISBN-13: 978-3-7343-2403-1

sowie
Wilfried und Lisa Bahnmüller
Wanderspaß mit Kindern Südtirol
ISBN-13: 978-3-7343-0826-0

Schadensbericht zu „Mach dieses Buch fertig“ von Keri Smith

Jeder kennt diesen Wunsch, besser nicht so lange auf einer Party geblieben zu sein. Zu gehen, bevor ein kritischer Punkt überschritten wird, der am kommenden Morgen bitter schmerzt. Nämlich der Moment einer jeden Feier, zu dem man sich am kommenden Morgen beim Erwachen fragt, wie es nur so weit kommen konnte.
Bierdosen, Weinflaschen, Papierfetzen, Kartoffel- und Käsestempel sowie getrocknete Kakaomasse sind kreuz und quer in der Wohnung verteilt. Mittendrin eine schwarze Kamera, die mich verlockend anschaut. „Seht eure Schandtaten an“, schreit sie mich förmlich an. Und ich nehme sie zur Hand, schalte den Wiedergabemodus an und erschrecke:
Es ist noch schlimmer, als ich dachte.

Eine Umzugsparty der besonderen Art wollte ich veranstalten. Den Freunden, die uns beim Aus- und Einräumen der Wohnung so tatkräftig geholfen hatten, einen besonderen Spaß bereiten. Was wäre da besser geeignet, als im Kollektiv etwas Kreatives zu schaffen.
An dieser Stelle kommt ein besonderes Buch ins Spiel. Eines, das seinem Leser Mut und Unerschrockenheit abverlangt. „Brich den Buchrücken“, weist es seinen Besitzer draufgängerisch an. „Reiß diese Seite heraus. Akzeptiere den Verlust“, spottet es weiter. Unglaubliche Anweisungen, beim dem der Puls eines jeden Bücherfans stockt. Doch mich, als Hersteller für Bücher, stellt dieses Diktat auf eine ganz besondere Probe:
Die Zerstörung meines täglichen Schaffens. Das kann ich unmöglich alleine durchstehen. Dazu brauche ich Verstärkung. Und die hole ich mir bei meinen Umzugshelfern, also meinen Freunden und Nachbarn. Auch sie sind teils Blogger oder Verlagshersteller und mein Vorhaben wird auch sie sicherlich ebenso stark treffen, wie mich.
Doch im Kollektiv – so meine Hoffnung – sind wir stark genug um einen Abend lang zu vergessen, womit wir sonst unser Geld verdienen:
Mit dem Kulturgut Buch.

Wie alles begann

Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie erfahren, was sich hinter meiner vagen Ankündigung eines „literarischen Happenings“ verbirgt. Doch ich lese auch eine gewisse Neugier in ihren Augen, nachdem sie den Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch liegen sehen.
Liegt die Autorin von „Mach dieses Buch fertig“ mit ihrem Untertitel „Erschaffen ist Zerstören“ vielleicht doch nicht so falsch?
Wir werden es erleben und am Ende ein Buch in den Händen halten, dessen Seiten beklebt, beschmiert und durchgekaut sind. Einige sind sogar herausgerissen, manche wieder eingeklebt, einige auf ewig verschwunden. Das Buch wird einen ganzen Abend lang erlebt, zum Kunstobjekt ernannt und unaufhaltsam bearbeitet. Mit dem Ansteigen des Alkoholpegels fällt zunehmend unsere Verlegenheit und wir beginnen, die Seiten mit den zerstörerischen Anweisungen, nicht konsequent zu überblättern, sondern sie zu befolgen. Koste es was es wolle.
Unter Gelächter, Herzklopfen und gegenseitigem Ansporn entsteht eine unaufhaltsame Gruppendynamik, die dazu führt, dass ich mich am Morgen danach schmutzig und schuldig fühle. Was haben wir da nur getan?

Warum steht ein angeleintes Buch im Flur?
Zum Trocknen, ist doch klar!

„Warum steht denn ein angeleintes Buch im Hausflur?“, fragt mich eine der Hausbewohnerinnen am folgenden Morgen erstaunt, als wir uns zufällig beim Bäcker begegnen. Und schon ist das letzte Foto des vorangegangenen Abends wieder präsent:
„Leine das Buch an. Gehe eine Runde mit ihm und schleife es hinter dir her.“
Ich sehe uns um unseren großen Esstisch sitzen, jeder eine Kordel in der Hand, die er um sein Buch bindet, um mit ihm als krönenden Abschluss Gassi zu gehen. Dass es mittlerweile zu regnen begonnen hat, bemerkte durch die geschlossenen Jalousien keiner. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Wir haben dem Besuch versprochen, ihn und die Bücher zur U-Bahn zu begleiten. Ehrenworte werden eingehalten!
Doch genau dieser letzte Akt treibt uns auch noch nach Tagen danach in den Wahnsinn. Das arme Buch! Trotz mehrfachen wilden Schüttelns, fällt selbst heute immer noch Rollsplitt aus den Seiten.

Erst am späten Nachmittag, nach meinem Sportprogramm, bemerke ich in unserem Bad eine kleine Rettung aus den düster nachwirkenden Erinnerungen: Ein kleines Papierschiffchen steht zwischen unserer Anker- und Muscheldekoration neben der Dusche.
„Diese Seite beim Nachbarn verstecken“, lautet die Anweisung der Autorin für diese Seite und ich danke unserer Nachbarin, dass sie uns diesen Lichtblick beschert. Schnell blättere ich mein Exemplar durch, bis ich auf diese Seite stoße:
„Erstelle eine Liste mit weiteren Möglichkeiten, dieses Buch fertig zu machen“. Ich kralle mir ein Stift und notiere die Lösung meines Problems:

  • schneide alle vom Spaziergang beschmutzen Seiten, Buchkanten etc. weg

Ich vermutete bereits beim Aufkeimen dieser verrückten Idee, dass unsere Umzugshelferparty ein experimentelles Unterfangen werden würde. Dass es so emotional und begeisternd zugehen würde, konnte ich nicht ansatzweise ahnen. Deshalb freut es mich umso mehr!
Allen gehemmten sei zum Einstieg folgendes Buch zu empfehlen: „Mach einen Strich“.
Besonders Tapfere oder Fortgeschrittene dürfen ihren Mut auch direkt mit „Mach dieses Buch fertig“ testen. Doch Vorsicht! Ihr werdet euer Buch danach nie wieder in seinem ursprünglichen und unschuldigen Glanze sehen.

Keri Smith
Mach dieses Buch fertig
ISBN: 978-3-88897-914-9