Schadensbericht zu „Mach dieses Buch fertig“ von Keri Smith

Jeder kennt diesen Wunsch, besser nicht so lange auf einer Party geblieben zu sein. Zu gehen, bevor ein kritischer Punkt überschritten wird, der am kommenden Morgen bitter schmerzt. Nämlich der Moment einer jeden Feier, zu dem man sich am kommenden Morgen beim Erwachen fragt, wie es nur so weit kommen konnte.
Bierdosen, Weinflaschen, Papierfetzen, Kartoffel- und Käsestempel sowie getrocknete Kakaomasse sind kreuz und quer in der Wohnung verteilt. Mittendrin eine schwarze Kamera, die mich verlockend anschaut. „Seht eure Schandtaten an“, schreit sie mich förmlich an. Und ich nehme sie zur Hand, schalte den Wiedergabemodus an und erschrecke:
Es ist noch schlimmer, als ich dachte.

Eine Umzugsparty der besonderen Art wollte ich veranstalten. Den Freunden, die uns beim Aus- und Einräumen der Wohnung so tatkräftig geholfen hatten, einen besonderen Spaß bereiten. Was wäre da besser geeignet, als im Kollektiv etwas Kreatives zu schaffen.
An dieser Stelle kommt ein besonderes Buch ins Spiel. Eines, das seinem Leser Mut und Unerschrockenheit abverlangt. „Brich den Buchrücken“, weist es seinen Besitzer draufgängerisch an. „Reiß diese Seite heraus. Akzeptiere den Verlust“, spottet es weiter. Unglaubliche Anweisungen, beim dem der Puls eines jeden Bücherfans stockt. Doch mich, als Hersteller für Bücher, stellt dieses Diktat auf eine ganz besondere Probe:
Die Zerstörung meines täglichen Schaffens. Das kann ich unmöglich alleine durchstehen. Dazu brauche ich Verstärkung. Und die hole ich mir bei meinen Umzugshelfern, also meinen Freunden und Nachbarn. Auch sie sind teils Blogger oder Verlagshersteller und mein Vorhaben wird auch sie sicherlich ebenso stark treffen, wie mich.
Doch im Kollektiv – so meine Hoffnung – sind wir stark genug um einen Abend lang zu vergessen, womit wir sonst unser Geld verdienen:
Mit dem Kulturgut Buch.

Wie alles begann

Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie erfahren, was sich hinter meiner vagen Ankündigung eines „literarischen Happenings“ verbirgt. Doch ich lese auch eine gewisse Neugier in ihren Augen, nachdem sie den Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch liegen sehen.
Liegt die Autorin von „Mach dieses Buch fertig“ mit ihrem Untertitel „Erschaffen ist Zerstören“ vielleicht doch nicht so falsch?
Wir werden es erleben und am Ende ein Buch in den Händen halten, dessen Seiten beklebt, beschmiert und durchgekaut sind. Einige sind sogar herausgerissen, manche wieder eingeklebt, einige auf ewig verschwunden. Das Buch wird einen ganzen Abend lang erlebt, zum Kunstobjekt ernannt und unaufhaltsam bearbeitet. Mit dem Ansteigen des Alkoholpegels fällt zunehmend unsere Verlegenheit und wir beginnen, die Seiten mit den zerstörerischen Anweisungen, nicht konsequent zu überblättern, sondern sie zu befolgen. Koste es was es wolle.
Unter Gelächter, Herzklopfen und gegenseitigem Ansporn entsteht eine unaufhaltsame Gruppendynamik, die dazu führt, dass ich mich am Morgen danach schmutzig und schuldig fühle. Was haben wir da nur getan?

Warum steht ein angeleintes Buch im Flur?
Zum Trocknen, ist doch klar!

„Warum steht denn ein angeleintes Buch im Hausflur?“, fragt mich eine der Hausbewohnerinnen am folgenden Morgen erstaunt, als wir uns zufällig beim Bäcker begegnen. Und schon ist das letzte Foto des vorangegangenen Abends wieder präsent:
„Leine das Buch an. Gehe eine Runde mit ihm und schleife es hinter dir her.“
Ich sehe uns um unseren großen Esstisch sitzen, jeder eine Kordel in der Hand, die er um sein Buch bindet, um mit ihm als krönenden Abschluss Gassi zu gehen. Dass es mittlerweile zu regnen begonnen hat, bemerkte durch die geschlossenen Jalousien keiner. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Wir haben dem Besuch versprochen, ihn und die Bücher zur U-Bahn zu begleiten. Ehrenworte werden eingehalten!
Doch genau dieser letzte Akt treibt uns auch noch nach Tagen danach in den Wahnsinn. Das arme Buch! Trotz mehrfachen wilden Schüttelns, fällt selbst heute immer noch Rollsplitt aus den Seiten.

Erst am späten Nachmittag, nach meinem Sportprogramm, bemerke ich in unserem Bad eine kleine Rettung aus den düster nachwirkenden Erinnerungen: Ein kleines Papierschiffchen steht zwischen unserer Anker- und Muscheldekoration neben der Dusche.
„Diese Seite beim Nachbarn verstecken“, lautet die Anweisung der Autorin für diese Seite und ich danke unserer Nachbarin, dass sie uns diesen Lichtblick beschert. Schnell blättere ich mein Exemplar durch, bis ich auf diese Seite stoße:
„Erstelle eine Liste mit weiteren Möglichkeiten, dieses Buch fertig zu machen“. Ich kralle mir ein Stift und notiere die Lösung meines Problems:

  • schneide alle vom Spaziergang beschmutzen Seiten, Buchkanten etc. weg

Ich vermutete bereits beim Aufkeimen dieser verrückten Idee, dass unsere Umzugshelferparty ein experimentelles Unterfangen werden würde. Dass es so emotional und begeisternd zugehen würde, konnte ich nicht ansatzweise ahnen. Deshalb freut es mich umso mehr!
Allen gehemmten sei zum Einstieg folgendes Buch zu empfehlen: „Mach einen Strich“.
Besonders Tapfere oder Fortgeschrittene dürfen ihren Mut auch direkt mit „Mach dieses Buch fertig“ testen. Doch Vorsicht! Ihr werdet euer Buch danach nie wieder in seinem ursprünglichen und unschuldigen Glanze sehen.

Keri Smith
Mach dieses Buch fertig
ISBN: 978-3-88897-914-9

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Lesebericht zu „Moonglow“ von Michael Chabon

Wenn Großväter ihre alten Geschichten erzählen und Anekdoten zum Besten geben, horchen Enkel besonders gerne zu. Manch Unglaubliches erfährt man über seine Familie. Überwiegend sind es familiäre Annalen, mit denen die Erzählungen ihren Beginn nehmen. Doch umso länger man seinen Großeltern zuhört, sie einfach erzählen lässt, desto einschneidender werden die Erlebnisse, die die Erinnerung zu Tage fördert. Werden nicht nur ganz neue Aspekte für Enkel offengelegt, sondern auch längst vergessene Schwindeleien des Erzählenden entlarvt.

Auch wenn des Großvaters Geschichten fesseln, erfährt der Protagonist Mike Unglaubliches aus seiner Familiengeschichte. Zum Beispiel von der Begeisterung des Großvaters für den deutschen und späteren US-Amerikanischen Raketenwissenschaftler Wernher von Braun.
Oder den Gefängnisaufenthaltes des Opas sowie der Unterbringung seiner Großmutter in der Psychiatrie.
Typisch einer jeden Biografie besteht auch die des Großvaters in „Moonglow“ aus vielen Einzelgeschichten, bei denen es oft scheint, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Auch das ist nicht untypisch, besteht das Leben doch aus so vielen oft zufälligen und unscheinbaren Facetten. Wie jede Lebensgeschichte, setzt sich am Ende die Summe aus allem Erlebten zu dem Menschen zusammen, den wir lieben und schätzen gelernt haben.

Durch die Zeit, die Michael Chabon als sein Protagonist Mike am Sterbebett seines Großvaters weilt und im einfach zuhört, erfahren wir Leser das, was Chabon uns über seinen Ursprung erlaubt zu erfahren. Ob das Geschriebene immer dem entspricht, was sein Großvater tatsächlich erlebt hat oder gerne so erlebt hätte ist dabei irrelevant. „Ich hatte das Gefühl, meine Geschichte sozusagen „auf die Kette bekommen“ zu müssen, im Hirn wie im Herzen. Wenn möglich, musste ich die Beziehung zwischen den Dingen, die ich in meiner Jugend und Kindheit über meine Familie und deren Geschichte gehört und erfahren hatte, und dem herausarbeiten, was Fakt war.“ S. 412

Aufgrund der angesammelten Vielzahl der Lebensgeschichten am Ende einer Biografie, entwickelt der Zuhörer und Leser eigene Präferenzen. Pickt sich seine Lieblingsanekdoten heraus und möchte alles darüber erfahren. „Moonglow“ eignet sich aus diesem Grund nicht zum linearen Lesen, auch wenn der Roman genau dazu angelegt ist. Dem Buch hätte ein Inhaltsverzeichnis sehr gut gestanden, durch das man – wenn man seine persönliche Lieblingsgeschichten ausgemacht hat – genau zu deren Fortführungen hätte springen können. Ohne dieses hat man gelegentlich das Gefühl halbherzig in weniger beliebten Geschichten zu versinken, ohne sie umschiffen zu können.

Nun kann dieser Kritik aus einer anderen Warte entgegengesetzt werden, dass genau dieses ineinander schwimmen der Geschichten absichtliches Stilmittel ist. Denn dem scheidenden Leben ist die Reihenfolge weniger wichtig, als die generelle Erleichterung und Freude über das Erlebte zu sprechen. Und wer einmal erzählt, der springt automatisch zwischen nicht durchweg nachvollziehbaren Sequenzen hin und her.

Wer das Glück noch lebender Großeltern hat und sich auch deren Geschichten gelegentlich anhört, wird feststellen, dass sich während der Lektüre seine eigenen Geschichten mit denen des Autors mischen und dadurch ganz neue Version entstehen können.
Besonders spannend findet der Buch- und Medienblog die Beziehung des Großvaters zu seiner Frau, die Umstände ihres Kennen Lernens und dem bedingungslosen Zusammenhalt bis ans Ende ihrer Tage. Gerade weil das Leben der Großmutter auf ein unglaubliches Lügengerüst gebaut. Nicht absichtlich, sondern weil schwere Zeiten besondere Maßnahmen erforderten.

Michael Chabon
Moonglow
ISBN: 978-3-462-05074-5

Lesebericht zu „Helvetia 2.0“ von Urs Augstburger

Urs Augsburger_Helvetia 2.0_Rezension_Buchblog_Literatur_Oliver SteinhäuserDie Wasmeier Consulting bedroht die klassischen Medienkanäle der Schweiz. Sie kauft Tageszeitungen, Radiostationen und andere Medienunternehmen auf, um sie von innen heraus neu zu strukturieren. Der Strukturierungsplan „Helvetia 2.0“ soll sie auf die digitale Transformation vorbereiten. Eine solche Veränderung trifft auch den Kult Radio DJ Anders Droka, der mit seiner Abend- und Nachtsendung eines der letzten Urgesteine live übertragener Radiounterhaltung in der Schweiz ist. Ausgerechnet am Abend, als Anders erfährt, dass die Umstrukturierung des Senders durch die Consulting Gruppe seinen bisherigen Job wegrationalisiert, ist er, ohne den Unfallgegner zu kennen, in einen kleinen Verkehrsunfall mit einem der leitenden Mitarbeiter der Consulting Firma verwickelt. Diesem folgt Anders nach dessen Fahrerflucht und wird Zeuge der Ermordung des Mannes. Als die Mörder merken, dass sie von dem DJ beobachtet wurden, nehmen sie seine Verfolgung auf. Zum Glück entkommt er. Als Droka am kommenden Morgen durch die Nachrichten erfährt, dass der getötete Mann verantwortlich für seine Entlassung ist, und dass dieser Selbstmord begangen hätte, wird im klar, dass es kein Zurück in sein altes Leben gibt. Die Lage ist verzwickt, vor allem, da sogar der Lack seines Motorrads am Wagen des Ermordeten hängt. Anders Droka muss untertauchen und recherchieren.

Urs Augstburger manövriert seinen Romanhelden in eine irrwitzige Geschichte habgieriger Consultingfirmen, deren höchste Ziele die Steigerung ihres eigenen Profits sind. Und ausgerechnet Bender, ein alter Schulkamerad Drokas, besetzt eine führende Position in der Wasmeier Consulting. Auch ihn beobachtet Droka dabei, wie er die gleiche Adresse aufsucht, wie der ermordete Kollege Benders. Eine Adresse, die zu einer jungen Frau führt, die auch ihm nicht völlig unbekannt ist. Liegt in der Beziehung zu dieser Dame der Dreh- und Wendepunkt aller Vorkommnisse?
Der Kult Radio DJ fasst einen Entschluss: Er heftet sich an die junge Sängerin und folgt ihr bis nach Saint Tropez. Während dieser Verfolgung erlebt Droka Erinnerungssequenzen aus seiner Jugend, in der er mit seiner Clique, zu der auch Bender gehörte, einen fatalen Fehler gemacht hatte, der einen Jungen das Leben kostete. „Eine gute Idee zur Charakterisierung“, denkt sich der Leser. „Das bietet einen Zugang zur emotionalen Welt der Protagonisten“, überlegt man weiter. Doch das Ausmaß der damaligen Geschichte, das Resultat langwieriger Vertuschung und der inneren Zerrissenheit, ahnt der Leser zu diesem Zeitpunkt keineswegs.

Stattdessen beobachtet er den DJ bei seiner optischen Transformation in die Anonymität, durch die der Kontakt zur jungen Sängerin erst gelingt. Denn auch sie kennt Droka. Gemeinsam kommen sie hinter das perverse Doppelleben der Wasmeier Consulting, die einerseits indirekter Kern politischer Hetze gegen Flüchtlinge betreibt, jedoch gleichzeitig Millionen mit einem flüchtlingsrelevanten Geschäftsmodell scheffelt.

Trotz der unglaublich menschenverachtenden Machenschaften der Wasmeier Consulting sowie der Enthüllung der wahren Geschehnisse aus den Jugendtagen Benders und seiner gemeinsamen Clique mit Droka, entstehen in „Helvetia 2.0“ traumhafte Bilder von Sandstränden und dem abenteuerlichen Leben zweier sich ineinander verliebender Menschen. Momente in denen es zur völligen Ignoranz der Außenwelt kommt. In denen sich Zweisamkeit und Euphorie mit der turbulenten Wirklichkeit die Hand reichen.
Urs Augsburger erweckt unter dem störrigen und wenig greifbaren Titel „Helvetia 2.0“ einen wunderbaren Roman, dem man nur schwer wieder entkommt. Das Buch fesselt durch die unglaubliche Geschichte aus politischen Machenschaften und Geldgier sowie der Verstrickung alter Jugendsünden bis in die Gegenwart hinein. Zusätzlich projiziert Augsburger durch seinen Text unglaubliche Bilder von Sonne, Meer und aufkeimender Liebe.

Urs Augstburger
Helvetia 2.0
ISBN: 978-3-608-50344-9

Surrogate – Eine Welt aus Trug und Schein

Surrogate - Oliver W. Steinhäuser - LiteraturblogEs handelt sich nicht etwa um ein neues Raumschiff, auch wenn der Name dies auf den ersten Blick suggerieren könnte. Es handelt sich vielmehr um einen Ersatz, bestimmt für eine Welt des Scheins und der Ersatzstoffe, die mit geringem Einsatz ein neues Gefühl des kleinen Luxus vermitteln.

Zischend liegt das Steak auf dem Grill und verbreitet den Duft garenden Fleischs. Es ist April, und der Buch- und Medienblog eröffnet die Grillsaison. Knackend birst die Pelle der Wurst und holt  das rauchige Grillaroma bis ihr Inneres. Erst beim Biss in das vermeintliche Fleisch erkennt der Gelegenheitsgriller den Schlamassel. Eine Konsistenz, einzuordnen zwischen heißgefahrenen Semislicks von Michelin und viel zu hart gepresstem Weichkäse, verschreckt die orale Genusssucht und gesteht, was mit Süßstoff als Ersatz für Zucker seinen Anfang nahm: Das Surrogat.

Der Ersatzstoff für ein teures, unerträgliches oder gar zweifelhaftes Produkt. Das ist der Stoff, aus dem die Lebensmittelindustrie billige Ersatzstoffe zur Steigerung ihrer Margen in ihren Waren fabriziert. Denn die geschmacksverwandten Kunstprodukte reduzieren Produktionszeiten und -kosten und sollen dennoch Geschmackswunder produzieren.
Derlei Tricksereien haben früher die Menschen hochgradig empört. Heute gieren sie förmlich danach: Fleisch aus Pflanzen, Kaffee ohne Koffein und Bier ohne Alkohol. Die Lebensmittelproduzenten kommen diesen Wünschen nur allzu gerne nach, haben sie doch immer das Auge auf den Absätzen. Nebenbei produzieren sie dann einfach noch den sogenannten Analogkäse, der dank Palmöl, Wasser, Stärke, Aromen und Emulgatoren ein tolles Käsesurrogat auf den Tisch legt. Schmilzt schön, schmeckt schön, sieht einigermaßen gut aus, riecht dank moderner Duftstoffe annehmbar und ist sogar vegan. Enthielte dieser Käse kein Palmöl, wäre er sogar politisch korrekt.
Da hat jeder Bergbauer mit seinen 25 freilaufenden, handgemolkenen, mit Mozart beschallten Kühen das Nachsehen!

Was mit Austauschstoffen in der Nahrungsmittelindustrie begonnen hat, findet mittlerweile in beinahe allen Lebensbereichen der durch Schnelligkeit und Konkurrenzdenken getriebenen Gesellschaft statt: immer bessere Ersatzprodukte des erträumten Luxus:
Die Getriebenen finden ihren Seelenfrieden auf künstlich angelegten Stadtstränden, begrünten Dachterrassen oder in Freizeitbädern wie dem „Tropical Islands“. Der Traum aus Südseefeeling mit Palmen, türkis angehauchtem Wasser und einem importierten Sandstrand vermitteln ganz neue Wellnesshochgefühle.
Kulisse hin Kulisse her, die Fotopostings in Sozialen Medien lässt das kühl. Karibik und Karibikfeeling kennt keine Unterschiede. Unsere Gesellschaft beginnt, sich mit dem Leben in einer Kulisse zu begnügen. Moderne Zeiten verlangen moderne Konzepte. Das wirklich Wahre ist räumlich oft weit entfernt, da bietet das Als-ob-Prinzip mittels immer neuer Surrogate schnelle Abhilfe und vermittelt Zufriedenheit. Ein Gewinn, betrachtet man den stetig steigenden Aufwand der alltäglichen Realitätsbewältigung.
Die Sehnsucht hat die Ebene der rein ernährungspolitischen Korrektheit längst durchbrochen. Die Imagination eines Ortes scheint ungleich relevanter zu werden, als der Ort selbst, zumal lange Flugreisen, hohen Reisekosten und Gefahren aller Art vermieden werden. So wird vieles zum Erlebnis, das sonst nur in weiter Ferne zu bekommen wäre und für dessen Authentizität und Originalität man sich beim klassischen Erleben langwierig und nachhaltig vorbereiten müsste. Das Als-ob-Prinzip erspart all diese Planung und ermöglicht ein temporäres Abtauchen ohne lästigen Zeitverlust.
Genau dieses Plus an Zeit gibt uns im Nachhinein die Möglichkeit das selbstdarstellerische Leben in den Sozialen Medien aufzubereiten. Wir genießen ein Leben, das den Glücksmoment nicht im Augenblick kennt, sondern erst in seiner Nachbereitung des Erlebten so richtig aufblüht. Es dreht sich fröhlich die Spirale aus Belohnung, wiederkehrendem Belohnungsbedürfnis, der erneuten Befriedigung mit eintreffender Belohnung und so weiter und so fort. Erleben mit allen Sinnen – und vor allem für seine eigenen Sinne – tritt in den Hintergrund. Das Erlebte wird folglich für Dritte erlebt. Der Wert eines Ausflugs orientiert sich nur noch an den Likes für einen Beitrag.

Schade, denn so finden Ruhesuchende sich doch wieder nur in einer kompetitiven Umgebung wieder und hätten auch in ihren Büros bleiben können!

Denkmal der Jugend

Einst war uns die Jugend ein herrliches Fest,
öffneten sich Türen und Tore, gar manches Portal.
Segnete Unsinn den Leichtsinn,
statt Schwere die Leere.
Floss der Wein so rein, kristallklare Zähre.
Bejubelten wir Lenze durch Tänze,
niemand fand seine Grenze;
Die Scheide an der des Menschen Sinn überschnappt.
Wollen fliegen, doch sind vorm Schwindel nicht gefeit.
Einst hieltst du in der Reifezeit kaum einen Taumel fest,
erst heute er uns zweifeln lässt.
Bald zieht ein weiterer Lenz vorbei,
stößt Lawinen los, tritt Zweifel breit.
Findest du wohl zurück zum einstigen Schneid?
Macht sich aus der Intuition der Heiterkeit
die Institution des Zweifelns breit?
Es ist ein Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt!
Es ist mir als schluckte ich das heiße Gift der ewigen Qual,
Könnt besser kaum brennen, wir sind alle mortal.
Und zur letzten Stunde schluckt dich das Vergessen
und niemand erinnert sich an dich.
Hebst die Jugend auf ihren Throne,
sie hält den Zepter,
reichst du ihr die Krone?
Fortuna steh mir bei!

© Oliver W. Steinhäuser

Reisebericht aus „Sizilien“ Teil 2 – Selinunte – Marina di Ragusa – Catania – Ätna

Reiseführer_Sizilien_Reise Know-how_Reisebericht_Oliver Steinhäuser_BlogTeil 2 des Sizilien-Reiseberichts von Anne        (Teil 1 finden Sie hier)

Sizilien strotzt vor Ausgrabungsstätten. Die laut Reise-Know-How schönste und weitläufigste haben wir uns angesehen. Sie liegt in Selinunte und wurde aufgrund ihrer Weitläufigkeit zu einem Park erklärt. Wir teilen die Meinung der Reiseführerautoren und waren beeindruckt. Einige Säulen und Tempelteile einer griechischen Metropole wurden wieder aufgerichtet und restauriert. So erahnt man das Ausmaß, das diese historischen Bauten einst hatten. Im Park sind einige Ruinenfelder, deren Besichtigung lohnt. Einen halben Tag verbrachten wir dort, wanderten umher und lasen sitzend zwischen den alten Steinen die umfangreiche Geschichte zu den verschiedenen Tempeln und Befestigungsanlagen im Reiseführer.

SelinunteErice

 

 

 

 

 

 

 

 

Generell bietet Sizilien sehr viel Geschichtliches, dessen Entdeckung lohnt. Deshalb besuchten wir ein weiteres Highlight aus dem Reiseführer:
die auf einem Kalksteinfelsen in 751 Meter erbaute Stadt Èrice. Uns wurde nicht zu viel versprochen. Zunächst fuhren wir mit einer Seilbahn von Trapani aus direkt vor das Eingangstor des Städtchens. Während der Fahrt hat man einen wunderbares Panorama der Landschaft, des Meers und auf die Stadt Trapani mit seinen vielen Salinen. Wir waren wieder einmal froh, in der Nebensaison unterwegs zu sein. Nicht auszudenken wie voll es in dem kleinen Städtchen im Sommer sein muss. Wir genossen die mittelalterliche Kulisse beinahe alleine und deckten uns mit typischen Süßigkeiten von Èrice ein.

Unsere dritte Station zog uns weiter ganz in den Süden. Nach einer vierstündigen Fahrt entlang der Südküste, sind wir im Badeort Marina di Ragusa angekommen. Im Reisführer kommt dieses Örtchen nicht gut weg, da es im Sommer wahrscheinlich auch wirklich überfüllt ist. Es ist ein reiner Ferienort und bietet kaum Sehenswürdigkeiten. Perfekt also, um ein paar Sonnentage am Strand zu genießen. Den schönen und großen Stadtstrand, direkt neben Hafen, hatten wir fast für uns alleine. Und die Sonne gab ihr Bestes. Ragusa, die nächstgelegene größere Stadt, beeindruckt durch zwei Stadtkerne. Zum einen gibt es Ragusa Ibla, den verwinkelten Barockteil der Stadt und den modernen Teil, Ragusa Superiore, der systematisch und geometrisch angelegt ist. Beide Stadtteile sind über eine lange Treppe verbunden. Wieder waren wir beeindruckt von den engen Gassen, den kleinen alten Häuschen sowie den verschnörkelten Kirchen. Auch die Ansammlungen sizilianischer Männergrüppchen, die sich in Cafés oder auf Parkbänken zum Plausch treffen, sind einzigartig und durchbrechen mit Lebensfreude und Ausgelassenheit die Barriere zu unserem von Hektik geprägten Alltag.

Unsere letzte Station bezogen wir in der Nähe von Catania und des Vulkan Ätna, ohne dessen Bewunderung man Sizilien nicht wieder verlassen darf. Hier haben wir uns an einem Unterkunftstipp aus dem Reiseführer bedient und wurden nicht enttäuscht. Wir buchten einen Bungalow in Acireale auf einem Campingplatz „La Timpa“ der hoch über dem Meer war und man über einen Lift, der innerhalb der Felsen gebaut wurde, zum Wasser hinuntergelangen konnten. Das war wirklich etwas Neues. Da so wenig los war, bekamen wir den schönsten Bungalow inklusive eines atemberaubenden Ausblicks. Von hier aus unternahmen wir zwei Ausflüge: Zunächst fuhren wir nach Taormina und fanden zum ersten Mal die Touristenmassen, von denen die Autoren schreiben. Wie voll das wohl im Sommer sein mag wollten wir uns gar nicht erst vorstellen. Eine Seilbahn führt direkt von Mazzaro aus in das hoch über dem Meer gelegene Ortzentrum. Bekannt ist Taormina für sein griechisch-römisches Theater. Unglaublich, was die Menschen vor so langer Zeit geschaffen haben.
Das letzte Highlight auf unsere Reise war der Vulkan Ätna. Hierzu finden sich im Reiseführer sehr gute Tipps für Wanderungen und welche Möglichkeiten es für den Aufstieg auf den Vulkan gibt. Da uns die Auffahrt mit der Seilbahn zu teuer war, entschieden wir uns für eine panoramareiche Wanderung auf der Halbhöhe Taorminas mit Blick auf den Ätna, der immer wieder mit spuckenden Rauchwölkchen imponierte.

Schweren Herzens packten wir nach drei Wochen unsere Sachen und fuhren wieder zum Flughafen. Eine vollständige Umrundung der Insel haben wir nicht geschafft. Auch auf die liparischen Inseln, die im Reiseführer als besonders sehenswert beschrieben werden, hat es uns leider nicht mehr gereicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

Alles in Allem war uns der Reiseführer „Sizilien“ eine gute Hilfe. Er bot uns einen ersten Eindruck und Überblick zu den Regionen. Da er die ganze Insel abdeckt, ist er aber oft recht oberflächlich. Es gibt viele Informationen zur Geschichte, Gebäuden und Kirchen. Für uns war dies genau im richtigen Maß. Wer jedoch tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, benötigt auf jeden Fall ausführlicheres Material. Es gibt zahlreiche Tipps für Unterkünfte, Restaurants und praktische Informationen. Wir hätten uns manchmal mehr Hinweise für besondere Strände oder kleinere Wanderungen und Spaziergänge gewünscht. Wie auch im Reiseführer vermerkt, sollte man sich zum Wandern auf jeden Fall noch zusätzliche Wanderkarten oder Wanderführer besorgen. Als Reisezeit ist der Oktober für Sizilien wirklich toll. Es sind sehr wenige Touristen unterwegs. Menschenleere Strände und Wanderwege. Überall kann man gut parken und kommt bei Sehenswürdigkeiten ohne Schlange stehen hinein. Das Wetter war an der Nordküste wechselhaft und windig. Im Süden war es herrlich warm und sonnig. Sizilien ist ein wunderbares Reiseziel und es gibt hier noch vieles zum Entdecken. Wir kommen definitiv wieder.

Ein Reisebericht von Anne für den Buch- und Medienblog


Vorbereitung der Reise durch:
FriedrichKöthe & Daniela Schetar
Sizilien
ISBN 978-3-8317-2786-5

Reisebericht aus „Sizilien“ – Teil 1 – Cefalù – Palermo – Castellammare del Golfo

Allzu schnell gewöhnt der Mensch sich an Vertrautes. So auch bei den Reiseberichten vom Buch- und Medienblog.
„Da weiß man, was man bekommt“, sagen die einen. „Kaum Abwechslung“, wohl die anderen?

Damit nicht nur über kindgerechte und familientaugliche, bis ins Detail vorausgeplante Ausflüge auf dem Blog berichtet wird, gibt es nun einen Gastbeitrag von Anne.
Sie ist Spontanreisende und hat sich den Reiseführer „Sizilien“ vom Reise-Know-How Verlag für den Buch- und Medienblog angeschaut und mit ihm eine Rundreise auf Sizilien erlebt.

Teil 1       (Teil 2 erscheint in 14 Tagen, am 16. März 2018)


Reiseführer_Sizilien_Reise Know-how_Reisebericht_Oliver Steinhäuser_BlogErst zwei Wochen vor unserem Urlaubsbeginn legten wir uns auf das Reiseziel Sizilien fest. Wichtig bei der Entscheidung waren folgende Kriterien: ein paar warme Sonnenstrahlen, dass man wandern kann und die Anreise nicht allzu lange dauert.
Sizilien scheint all das zu erfüllen. Sonne, ein noch warmes Meer zum Baden, viele Berge und sogar ein Vulkan. Das großartige Essen nicht zu vergessen.

Als erstes buchten wir die Flüge nach Catania und einen Mietwagen, bevor wir uns anschließend grob überlegten, welche Route wir nehmen möchten. Der Reiseführer „Sizilien“ von Reise-Know-How half uns, einen ersten Überblick über die Insel zu erlangen. Die Übersichtskarte zu Beginn sowie die kurzen Zusammenfassungen am Anfang jedes Kapitels waren dabei sehr hilfreich. Die Unterteilung des Reiseführers in einzelne Streckenabschnitte führt zu einer ordentlichen Strukturierung, sodass der Reisende sich sehr gut und schnell zurechtfindet.
Der Abschluss unserer Reise sollte in Flughafennähe liegen, damit wir am Abreisetag nicht zusätzlich zum Rückflug nach Deutschland eine weite Anreise zum Flughafen mit dem Mietfahrzeug haben würden.
Daher entschieden wir uns, die Rundreise im Norden der Insel zu starten und mit etwa drei bis vier Stationen über den Süden wieder im Osten in der Nähe von Catania zu enden. Wir buchten nur die erste Unterkunft. Den Rest erledigten vor Ort. Da der Oktober zur Nachsaison in Sizilien gehört, war das kein Problem. So behielten wir den Wunsch nach Flexibilität bei und konnten an schönen Orten spontan länger bleiben.

Cefalù_Rocca di Cefalù_BurgfelsUnsere erste Unterkunft bezogen wir bei Cefalù, etwa 80km östlich von Palermo. Im Reiseführer sind Highlights mit einer gelben Hinterlegung markiert und wir entschieden uns für folgendes: ein wunderschönes Cottage außerhalb der Stadt. Erhöht auf einem Berg und mit einer tollen Aussicht auf das Meer und den berühmten Burgfels Rocca di Cefalù der Stadt. Wie im Reiseführer beschrieben, hat die Stadt einen besonderen Charme, der zum Schlendern durch die alten Gassen einlädt. Der farblich gekennzeichnete Tipp der Autoren zum Aufstieg auf den Felsen war super. Oben erwartete uns die Ruine einer Burg. Die Besteigung ist schweißtreibend, der Ausblick über die Stadt und das Meer ist jedoch fantastisch und die Mühen wert.

Vor Ort haben wir uns dann ausführlicher der Lektüre des Reiseführers „Sizilien“ gewidmet und uns einzelne Ausflugsziele, die wir von Cefalù aus machen konnten, ausgesucht. Dies waren zum einen ein Städtetrip nach Palermo, der Hauptstadt Siziliens, und eine Wanderung im Naturschutzgebiet der Madonie im Landesinneren. Einen Wandervorschlag gab der Reiseführer von Reise-Know-How nicht. Es empfiehlt sich vorzusorgen und einen zusätzlichen Wanderführer einzupacken. Bei strahlendem Wetter haben wir den zweithöchsten nichtvulkanischen Berg Siziliens, den Pizzo Carbonara (1979 m) bestiegen. Auf dem Weg zu Spitze entdeckten wir nur einige Meter entfernt eine Rehherde, deren Hirsche uns dank der einsetzenden Brunftzeit ein wunderbares Konzert boten. Wir trafen kaum einen Menschen während der Wanderung und hatten die wunderschöne, doch sehr grüne Landschaft für uns. Die Aussicht auf dem Gipfel war wunderschön und wir konnten in der Ferne Europas höchsten Vulkan, den Ätna bestaunen.
Ein weiteres Highlight bot uns Palermo. Mit dem Zug ging es von Cefalù direkt ins Zentrum. Der Reiseführer hat uns hier leider etwas enttäuscht. Auf der Umschlagklappe war von Spaziergängen durch Palermo die Sprache. Wirkliche Spaziervorschläge bzw. -strecken haben wir dann jedoch nicht gefunden. Alle wichtigen historischen Gebäuden, Kirchen, Tipps für Märkte waren beschrieben, aber die Orientierung ohne eine Skizze auf dem Stadtplan war uns zu kompliziert. Um uns nicht krampfhaft zu binden, ließen wir den Reiseführer außen vor und trieben ohne Unterstützung durch die Stadt. Da einige Straßen für Autos gesperrt sind, war das entspannt möglich. Entgegen den Ausführungen im Reiseführer, empfanden wir den Verkehr in Palermo nicht sonderlich chaotisch – sicherlich das Ergebnis der Nebensaison. Palermo hat seinen ganz eigenen Charme. Etwas morbide und heruntergekommen, fühlt man sich zum Teil hunderte Jahre zurückversetzt. Die alten historischen Gebäude und Marktstände in den engen Gassen sind herrlich anzuschauen. Und so viel Wäsche, die zwischen den Häusern hoch über dem Kopf in den Gassen hängt, haben wir noch nie gesehen.

Palermo_1Palermo_2

 

 

 

 

 

 

Auch das Baden kam in den ersten Tagen nicht zu knapp. Selbst im Oktober ist das Wasser noch warm und das allerschönste – man hat die Strände für sich alleine. Im Reiseführer haben wir einen „Geheimtipps für Strände/Buchten“ vermisst. Die regulären Strände sind genannt, darüber hinaus gibt es allerding wirklich zahlreiche und einzigartig schöne Strände, die keine Erwähnung finden. Deshalb recherchierten wir kurzerhand selbst und entdeckten nur 5 km von Cefalù sicher einen der schönsten Strände der Insel.

Unsere nächste Station war Castellammare del Golfo, nördlich von Parlemo. Hier bezogen wir eine Wohnung in der barocken Altstadt und konnten von unserer Dachterrasse einen kleinen Blick aufs Meer erhaschen. Das Wetter lud hier nicht zum Baden ein, weshalb wir viele Ausflüge in die Umgebung unternahmen. Ein Highlight, wie auch im Reiseführer ausführlich beschrieben, war eine Küstenwanderung im Naturpark Zingaro. Ein großer Spaziergang an Badebuchten vorbei und auf dessen Wegesrand können immer wieder kleine Museen besucht werden können, z.B. das Mueso Naturalistico über die Pflanzenwelt im Naturpark.

Der Reisebericht zu Sizilien wird am 16. März 2018 fortgesetzt.
Vorschau:
Selinunte – Marina di Ragusa – Catania – Ätna

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserEin Reisebericht von Anne für den Buch- und Medienblog


Vorbereitung der Reise durch:
FriedrichKöthe & Daniela Schetar
Sizilien
ISBN 978-3-8317-2786-5