Lesebericht zu „Das Geheimnis der Grays“ von Anne Meredith

Das Geheimnis der Grays_Anne Meredith_Rezensiert von Oliver Steinhäuser_Buch_Blog_LiteraturNicht mehr lange, dann steht Weihnachten wieder vor der Tür. Es gestaltet sich nicht immer einfach, allen familiären Verpflichtungen mit der nötigen Gelassenheit entgegenzutreten.
Allen bleibt zu hoffen, dass uns kein ebenso tragisches Ende, wie den Grays widerfährt, deren Vater am Weihnachtsmorgen tot aufgefunden wird. Erschlagen von einem seiner eigenen Kinder.Unverhofft trifft am Weihnachtsmorgen die Todesnachricht seine Kinder wie ein Schlag ins Gesicht. Sind alle doch gestern extra angereist, um dem Alten etwas Geld aus den Rippen zu leiern. Missgünstig beäugen sich die sechs Geschwister, suchen unter ihresgleichen nach dem Täter. Nach dem, der den Vater getötet und damit die Hoffnung auf finanzielle Erlösung ausgelöscht hat.

Nur eines der Kinder, Hildebrand, kennt den genauen Tathergang, war er es doch, der den Briefbeschwerer dem Vater im Zorn gegen die Schläfe geschlagen und Beweise manipuliert hat. Auch er sucht einen Schuldigen, der ihn vor der Enttarnung und dem Gang zum Galgen bewahrt.

Damit sich der Leser ein Bild von der Familie machen kann, werden alle Familienmitglieder und das Familienoberhaupt Adrian Gray im ersten Kapitel nacheinander vorgestellt. Diese Protagonistenliste erinnert an einen Vorabdruck für ein Theaterstück und ist den Lesern später dienlich. In dieser ersten Personenübersicht erfahren wir, welches Motiv die Kinder Adrian Grays antreibt, auch in diesem Jahr wieder der Einladung des Vaters zu folgen. Wohl ist es dabei keinem der Abkömmlinge. Denn alle benötigen wieder einmal eine Finanzspritze. Diese Hoffnung ist gleichzeitig alleiniger Grund, dem Vater und seinen eigenen Geschwistern zu begegnen.
In seinem Schwager Eustace findet der schuldige Hildebrand den perfekten Sündenbock. Jeder weiß um seine windigen Geschäfte, in dem auch der Vater seine Aktien hält. Dank seines Talents für das Nachahmen von Hand- und Unterschriften, gelingt ihm ein glaubhaft ausgefüllter Scheck des Vaters an Eustace. Den Scheck verbrennt er, den Kontrollabriss aber belässt er im Scheckheft. Dass sein Schwager mit alldem nichts zu tun hat und alles abstreiten wird, stört Hildebrand nicht weiter. Denn er wiederum weiß, dass seine Geschwister zwar auch ihn verdächtigen, er mit seinem gefälschten Beweis jedoch den größten Groll auf seinen Schwager Eustace lenkt.

Nach einem Viertel der Geschichte steht bereits fest, wer der Mörder ist: Das Geheimnis der Grays dreht sich demnach weniger um die Enttarnung eines Mörders, sondern konzentriert sich auf das Innenleben des schuldigen Protagonisten Hildebrand. Dem Leser offenbart er nämlich schnell, dass er der Täter ist und lässt ihn auch an der Tat teilhaben. Das wahre Geheimnis hinter seiner Tat liegt in seinen Gedanken, seinen Ängsten und Hoffnungen. Dem Leser wird dies Stück für Stück klarer. Der Originaltitel „Portrait of a Murderer“ verdeutlicht, dass die Geschichte kein klassischer Krimi der Sorte „whodunit“ ist. Der Leser lässt sich daher weniger auf eine polizeiliche Verfolgung, sondern das Innenleben eines Mörders, mit all seinen Gefühlen ein.


Das Geheimnis der Grays wird dominiert vom innerlich ausgefochtenen Zwiespalt seiner Protagonisten.


Das letzte Geheimnis des Hildebrand Gray liegt in der Beurteilung seiner Selbst durch den Leser.
Ist er ihm ans Herz gewachsen, versteht oder verabscheut man ihn gar?
Darüber wird hier nichts geschrieben.
Das ist eure Entscheidung!

Anne Meredith
Das Geheimnis der Grays
ISBN: 978-3-608-96299-4

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