Lesebericht zu „Wer ist B. Traven?“

B_Traven_Torsten Seifert_Rezension_Buchblog_Oliver SteinhäuserOtto Feige, Ret Marut, Traven Torsvan und Hal Croves. All das sind Pseudonyme eines bis heute in Teilen nicht greifbaren deutschen Autors der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Seinen Wunsch nach Anonymität formulierte er selbst mit den Worten: „Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“

Torsten Seifert begibt sich in seinem Roman „Wer ist B. Traven“ auf die Suche nach Antworten und schickt seinen Protagonist, den Journalisten Leon Borenstein, auf die Reise nach Mexico. Dort soll er am Filmset zur Verfilmung von B. Travens „Der Schatz der Sierra Madre“ Informationen zur Identität Travens sammeln. Die Tarnung seiner Mission ist der erstmalige Auslandsaufenthalt des Schauspielers Humphrey Bogart, den Leon augenscheinlich journalistisch dokumentieren möchte. Doch anstatt sich unauffällig dem Vertreter B. Travens am Filmset zu nähern, verbringt Leon den Großteil seines Aufenthaltes in Mexico tatsächlich während etlicher Schachpartien mit dem Schauspieler Humphrey Bogart. Als er eines Morgens im Frühstückssaal des Hotels auf die hübsche Maria trifft, verliert der Journalist seinen Auftrag völlig aus den Augen.

Der Ehrgeiz, einem Phantom hinterherzujagen, erscheint Leon deutlich unspektakulärer, als sich mit der attraktiven und reizenden Maria durch den Tag treiben zu lassen. Er vernachlässigt den Auftrag seines Vorgesetzten, dem die Enttarnung B. Travens unter den Nägeln brennt. Er will, dass seine Zeitung durch die Demaskierung des Bestsellerautors Bekanntheit erringt. Doch Leon geht lieber privaten Vergnügungen nach. Als er nach einer aufregenden Nacht mit Maria erwacht, ist nicht nur sein Flirt, sondern auch all seine Rechercheunterlagen zu Traven verschwunden. Warum sabotiert Maria seine Suche?
Erst mit der Veröffentlichung des Kinofilms „Der Schatz der Sierra Madre“, keimt die Erinnerung an Leons Zeit in Mexiko wieder auf. Als ihm ein Brief von Maria zugestellt wird, kehrt er auf die Fährte B. Travens zurück. Denn auch ihr Interesse gilt Traven. Doch im Gegensatz zu den Traven-Anhängern, ist ihr Ziel die Wahrung seiner geheimen Identität.
Wie es der Zufall will, entsendet Leons Chef ihn für Recherchen nach Wien. Die Stadt, von der Maria in ihrem Brief behauptet, dass er dort weitere Informationen zu Traven fände. Die Stadt, die seine Euphorie nach B. Traven entfacht und dafür sorgt, dass erneut nach Mexico reist und sich an die Versen des persönlichen Vertreters von B. Traven heftet: Hal Croves. Dass Leon Borenstein und Hal Croves auf dieser Mexico Reise aufeinandertreffen und durch einen Unfall ins Gespräch kommen verrät der Buch- und Medienblog noch. Die Inhalte des Gesprächs während dieser offensichtlich ausweglosen Situation behalte ich aber für mich.

Wer ist B. Traven?
Torsten Seifert findet in seinem Roman einen Weg, der zielsicher auf eine Person hindeutet: Hal Croves, den Berater und Vertreter B. Travens. Er kennt alle Romandetails detailliert, delegiert die Anforderungen Travens so präzise wie kein anderer. Wer so viel über einen anderen Menschen und seine literarisch-künstlerische Welt weiß, macht sich verdächtig, eben dieser Mensch selbst zu sein.
Was aber macht Maria in Seiferts Roman? Warum verhindert sie die Enttarnung Travens durch das Verbreiten von Falschmeldungen über B. Traven?

Es ist die Sprunghaftigkeit Leon Borensteins, durch die der Roman so authentisch wird. Der junge Journalist kommt den Anweisungen seines Vorgesetzten anfangs nur zögerlich und leidenschaftslos nach; das weckt Empathie. Als er immer rasantere Details über Traven erfährt, erwacht Leons eigener Tatendrang und er bricht auf, um selbst das Geheimnis um den Bestsellerautor zu lüften. Mit einem Mal wird aus Aufdiktiertem Leidenschaft.

Torsten Seifert
Wer ist B. Traven?
ISBN: 978-3-608-50347-0

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Lesebericht zu „Sarajevo Disco“ von David Gray

Sarajevo Disco_David Gray_Pendragon_Rezension_Oliver Steinhäuser_BuchblogDer Mord an einem hochrangigen Bandenmitglied in einer Hamburger Disco scheint der Auftakt zu einer erschreckenden Bandenrivalität im Hamburger Kiez zu sein. Als ein weiteres Mitglied einer rivalisierenden Bande brutal ermordet wird, ziehen der Leiter der Mordkommission Lewis Boyle und seine Mannschaft scheinbar logische Schlüsse:
Auf den ersten Mord folgte nun der Vergeltungsschlag.
Allerdings besteht Hamburg aus mehr als nur zwei kriminellen Banden. Die Polizei befürchtet, dass auch die Anführer der anderen kriminellen Vereinigungen auf der Abschussliste stehen. Doch wessen Liste wird in diesem Fall abgearbeitet, und wer ist der Kopf hinter dieser rücksichtslosen Aktion der Marktsäuberung?

David Gray verpasst dem deutschen Polizeiapparat einen US-amerikanischen Anstrich. Seine Figuren interagieren derb und nicht zimperlich, sodass man schnell vergessen könnte, dass der Kriminalroman in Hamburg, und nicht in Los Angeles spielt. Mit der Integration der Hamburger Straßensprache holt er seine Leser jedoch immer wieder zurück in die Hansestadt.
Gray zwängt seinen Protagonisten kein Korsett aus gespielter Intellektualität auf. Ebenso wenig vergibt er seinen Akteuren Vorbildfunktionen. Das empfindet der Leser anfangs als störend und ungeschliffen. Dahinter verbirgt sich jedoch genau jene Authentizität, die wir aufgrund erlernter Verhaltensmuster aus anderen und bekannteren Thriller verinnerlicht haben und uns über die „Sarajevo Disco“ deshalb zu Beginn fälschlicherweise ein voreiliges Urteil bilden.
Gray legt besonderen Fokus auf die Außergewöhnlichkeiten des Umfeldes seines Kommissars Lewis Boyle und der Polizisten Jale Arslan. Beide stammen aus einem sozial schwachen Umfeld. Wer Boyle aus dem Vorgängertitel „Kanakenblues“ kennt, weiß, dass er eine kriminelle Vergangenheit hat und zum Gangsterboss Teddy Armin eine seit Kindheitstagen andauernde Freundschaft pflegt. Als Ermittler kämpft er daher ständig gegen einen Generalverdacht.
Als die Ermittler auf die Spur einer völlig unbekannten Bande treffen, nimmt der Druck auf sie zu. Denn die mit Helmut-Kohl-Masken getarnten Männer drücken nicht nur Gratisdrogen auf den Markt, sondern sind auch diejenigen, die die Morde der getöteten Kiezgrößen zu verantworten haben. Wer steckt hinter diesem Arrangement? Ist es eine der bekannten Hamburger Banden, oder bemüht sich eine neue kriminelle Truppe um Marktanteile?

Zur ermittlungstechnischen Komplexität dieses Falls kämpft Lewis Boyle gegen politische Manöver des Polizeipräsidenten, des Hamburger Bürgermeisters sowie eines Senators, die ihre Gunst beim Volk nicht verwirken wollen. Während die „Bonzen“ des Präsidiums sich gegen eine öffentliche Warnung vor den tödlichen Gratisdrogen entscheiden und sich lediglich für eine Bandenrazzia aussprechen, muss Boyle sich die Frage stellen, ob er seinen Anweisungen nachkommt, oder seinem Gewissen nachgeht und die Öffentlichkeit vor der offensichtlichen Gefahr warnt. Mit dem unausweichlichen Ergebnis einer Suspendierung.

David Gray
Sarajevo Disco
ISBN: 978-3-86532-585-3

Lesebericht zu „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert

Dunkels Gesetz_Sven Heuchert_Rezension von Oliver Steinhaeuser_Blog_Buchblog_KrimiAls Richard Dunkel den Auftrag zur Grundstücksbewachung annimmt, ahnt er nichts von den kriminellen Machenschaften des Tankstellenbesitzers Achim und seinen Freunden. Diese erhoffen sich durch den Einstieg in den Drogenhandel ein besseres und sorgenfreies Leben. Auch sie wollen ein Stück des riesigen Kuchens aus dreckigem Geld abbekommen und aus ihrem perspektivenlosen Dasein ausbrechen. Eine Existenz aus schlechter Laune, dem antipathischem Begehren einer Schutzbefohlenen und dem dummen Irrglaube an ein existenzsicheres Leben durch Drogenherstellung und -handel.


Wer sich diesen Kriminalroman zulegt, sollte unbedingt beachten, dass es sich um einen Krimi-Noir handelt!


Dunkel bezieht einen Campingwagen auf dem Gelände der stillgelegten Chemiefabrik. Von hier hat er den besten Blick über das abgesperrte Areal und gibt sich seiner Tätigkeit als Wachmann hin. Wesentlich ausgeprägter gibt er sich jedoch seiner Larmoyanz hin. Ein Grübeln über die alten Zeiten, als er noch Söldner war. Aus dieser Zeit verpasste er den Absprung ins Jetzt, sodass Gegenwart und Vergangenheit wie zwei Gewichte an ihm und seinem Gemüt zerren. Alkohol für seine einsamen Nächte kauft er in Achims Tankstelle. Dem wird er zunehmend ein Dorn im Auge, da Dunkel sich zunehmend für die Geschichte eines Jungen interessiert, dessen Todesumstände nie lückenlos aufgeklärt wurden. Weiterhin gefährdet Dunkels Neugier zunehmend die Drogenherstellung Achims und seiner Freunde.

„Dunkels Gesetz“ ist durch stumpfe und abgehakte Dialoge dominiert. Die dadurch erzeugte Gleichgültigkeit und Antriebslosigkeit der Charaktere ist typisch für einen „Krimi Noir“. Noir ist keine Genrekennzeichnung, sondern präzisiert die Art der Grundstimmung in einem Werk. Wie alle Romane oder Filme dieser Gattung, verträgt auch „Dunkels Gesetz“ keine Hektik, aufregende Verfolgungsjagden oder Schusswechsel. Dadurch ergibt sich für den Leser lediglich eine latente Wahrnehmung von Gewalt und Bedrohung.
Ein toter Junge – Ermittlungen eingestellt; eine saufende Alte – wir kennen sie kaum; Richard Dunkels traumatische Vergangenheit – wir erfahren nichts darüber; Achims neue Freundin – kommt irgendwoher aus der Stadt aber keiner kennt sie. Es ist frustrierend! Wenn man Detailreichtum gewohnt ist, macht das Fehlen von Hintergrundinformationen nervös. Doch das ist das Konzept: Absichtliche Informationslücken und dass das Unklare einfach ungeklärt bleibt.

Sven Heuchert
Dunkels Gesetz
ISBN-13 9783550081781

Kritik zu „Leons Erbe“ von Michael Theißen

Leons Erbe_Michael Theißen_Buchblog_Rezension_Oliver SteinhaeuserWas geht in dir vor, wenn deine Schwester seit Monaten ohne jede Spur verschollen ist und dein 16 Jahre alter Sohn plötzlich durch einen Unfall aus dem Leben scheidet? Antriebslosigkeit, Lethargie und Verwirrtheit? Oder schaffst du es in der tiefsten Phase deiner Trauer alle Energie zu sammeln und dich selbst auf die Suche nach den Hintergründen zu begeben?
Katja ist einer derjenigen Menschen, die sich aufraffen, die all ihren Mut zusammennehmen und auf eigene Faust recherchieren. Dass sie dabei auch auf einige Familiengeheimnisse stößt, lässt sie zwar straucheln aber nicht von der Mission abbringen: Sie will den Todesfahrer ihres Sohnes finden!

Um dies zu bewerkstelligen spricht sie mit Leons Lehrern, Mitschülern und einem Augenzeuge, der die Unfallflüchtige gesehen hat und beschreiben kann. Sie befindet sich offensichtlich auf einer heißen Spur, denn irgendjemand wurde durch ihre Fragen und Unternehmungen aufgescheucht und folgt ihr. Durch ihre Nachforschungen wird Katja jedoch auch von dubiosen familiären Verhältnissen und Geheimnissen überrumpelt. Nicht ansatzweise hätte sie mit solchen Überraschungen und Enttäuschungen innerhalb ihres vertrauten Kreises gerechnet.

Der Leser folgt der Protagonistin der Lektüre aus ihrer Perspektive (Ich-Erzählung). Dabei kommt es mir so vor, als lies Michael Theißen sich zu wenig auf weibliche Gefühlswelten ein. Seine Protagonistin Katja wirkt sehr gezeichnet. Gezeichnet nicht im Sinne ihrer durchlebten Umstände sondern als existiere sie nicht real. Der Grund dafür ist die Art und Weise wie Theißen sie dem Leser präsentiert. Er beschreibt und erklärt in den meisten Szenen das Verhalten von Katja allein durch Adjektive. Das bedeutet, dass wir zwar wissen, dass sie traurig, aufgekratzt, unschlüssig usw. ist, aber die tatsächliche Traurigkeit, Aufgekratztheit und Unschlüssigkeit erfahren wir somit nicht. Um diese zutiefst intrinsische Welt verstehen zu können, ja sie gar selbst zu spüren, benötigt der Leser mehr als Worte. Er braucht das wahrhaftige Durchleben dieses Chaos. Das erhält man durch das bildhafte Beschreiben sowie dem Heranziehen von Vergleichen zu Situationen die dem Leser bekannt sind. Es ist der Aufbau von Sinnesbildern und -eindrücken, die dem Leser zusätzlich zur Erzeugung und Reflexion eigener Emotionen, Unterstützung zur Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit bieten.
Vielleicht liegt es auch genau an diesem Umstand, dass Katja einen ziemlich widersinnigen Eindruck beim Leser hinterlässt. Jede ihr potentiell verdächtig erscheinende Person schafft es, sie davon zu überzeugen, kein Motiv an Leons Unfalltot und dem Verschwinden ihrer Schwester zu haben. Jeglicher Gedanke an Skepsis verschwindet, sobald Katja mit ihrem Gegenüber ins Gespräch tritt. Das schadet ihrer Glaubwürdigkeit.

Michael Theißen
Leons Erbe
978-3-7413-0014-1

Reisebericht „Gardasee“ Teil 2 – Cascata della Varone – Madonna di Montecastello – Monte Baldo – Torri del Benaco – Malcésine

Teil 2 des Reiseberichts vom Gardasee        (Teil 1 finden Sie hier)


Mit dem 50-fach Zoom der Kamera begebe ich mich während des morgendlichen Seebads auf Entdeckungsreise am gegenüberliegenden Westufer. Das hatte ich auf meiner Reiseplanung ausgespart, da die Wege mit dem Auto zwangsläufig über das Nord- oder Südufer des Gardasees führen und lange Autofahrten bedeuten würden. Doch gerade das Unbekannte reizt oft umso mehr, sodass wir uns spontan entscheiden, die Kirche Santuario della Madonna di Montecastello zu besichtigen. Vor allem, da man sie von unserer Ferienwohnung sowie dem Ufer sehen kann. Abends schmieden wir einen Plan: Mit dem PKW nach Malcésine – Übersetzen mit den Fähre nach Limone – Weiterfahrt zum Montecastello nähe Gardola – danach wieder übersetzen mit der Fähre von Toscalano-Maderno nach Torri del Benaco.
Ein guter Plan, doch nicht bis ins letzte Detail bedacht: Bereits an der ersten Station in Malcésine stellen wir fest, dass wir genau in der Mittagszeit liegen, zu der zwei Stunden lang kein Fährverkehr stattfindet. Kurzerhand improvisieren und aktualisieren wir den Tagesausflug und fahren weiter in den Norden über Riva nach Varone. Dort besichtigen wir den Parco Grotta Cascata del Varone, der mit einem kleinen botanischen Garten, aber vor allem mit einem imposanten und wilden Wasserfall sowie einer Grotte beeindruckt. Gesehen hat man alles sehr zügig, weshalb man den Aufenthalt im kühlenden Sprühregen des Wasserfalls am besten einige Zeit lang genießt.
Von Varone fahren wir auf der Gardesane Occidentale am Westufer weiter. Dabei passieren wir Limone. Da die Zeit bereits ziemlich vorangeschritten ist, verzichten wir auf eine Stadtbesichtigung und fahren weiter in den Süden durch Gardola nach Prebione. Von hier aus findet man die Madonna di Montecastello dank guter Beschilderung sehr schnell. Nun darf man entscheiden:
Man stellt das Auto auf dem Parkplatz ab und läuft einen kleinen Pilgerweg, oder man wählt die kleine Auffahrt, die über drei/vier Serpentinen bis hinauf zur Kirche führt. Steigung bis zu 25%. Wir entscheiden uns für die motorisierte Variante und schalten sicherheitshalber die Klimaanlage aus, sodass die ganze Motorkraft auf der Straße landet. Mehr aus Spaß und unbekümmert, als aus echter Besorgnis über zu wenig Motorleistung. Doch genau diese Unbeschwertheit holt uns kurz nach der vorletzten Kehrtwende ein, denn es kommt uns ein Fahrzeug entgegen, dessen Fahrer mit den Gepflogenheiten im Berg nicht vertraut zu sein scheint. Anstatt ganz rechts zu warten, sodass wir passieren können, fährt er weiter und zwingt uns somit zum Halten. Nach dem zweiten Versuch wieder anzufahren qualmen die Reifen vom Durchdrehen. Außerdem stinkt die Kupplung und bettelt um Erlösung. Langsam rollen wir zurück bis in eine flachere Kehrtwende und starten neu durch. Ohne Gegenverkehr bis auf dem Schotterplatz vor der Madonna di Montecastello. Die Luft riecht noch nach geschmortem Gummi und heißer Kupplung, aber die Aussicht ist fantastisch! Und die Überbleibsel unserer selbstgebackenen Pizza vom Vorabend rundet das italienische Flair vollständig ab.
Den Rückweg nach Assenza bestreiten wir unter anderem mit einer Fährfahrt von Toscalano-Maderno nach Torri del Benaco. Da wir es zeitlich geradeso schaffen, die Fähre pünktlich zu erreichen, entfällt ein Bummel durch Maderno. Der Stadt, die das Papier der Bibel herstellte, die Martin Luther als Grundlage für seine Übersetzung verwendete.

Mittlerweile ist es bereits Samstag und wie haben uns für den sechsten Urlaubstag ein wenig Ruhe verschrieben. Da wir dem zusätzlichen Strom von Wochenendausflüglern entgehen möchten, entscheiden wir uns für einen gediegenen Badetag, der jedoch jäh von dunklen Wolken und einem heftigen Gewitter mit Sturmböen beendet wird. Der Temperatursturz um 12°C auf 24°C erlaubt es dem Buch- und Medienblog endlich auf eine erneute Joggingrunde bis Malcésine und retour zu gehen. Wie vermutet haben Starkregen und Wind für eine Aufklärung der diesigen Luft gesorgt, sodass der Blick bis weit in den Süd/Südwesten reicht. Perfektes Wetter, um den Monte Baldo zu erklimmen. Auch die Mitreisenden ahnten bereits, mit welcher Idee ich vom Joggen am Ufer zurückkehren würde und packten bereits eine kleine Ausflugtasche mit Pullovern und Proviant. Durch ein Telefonat mit dem Betreiber der Seilbahn erfahre ich, dass der Betrieb trotz des Sturms „im Moment“ nicht unterbrochen sei.
Die Fahrt zwischen Tal- und Mittelstation verläuft reibungslos. Auf die Anschlussfahrt hinauf auf die Bergstation müssen wir uns jedoch über eine halbe Stunde lang gedulden, da der Betreiber die Bahnen einmal unbesetzt fahren lässt. Dabei sorgen Windböen immer wieder für Unterbrechungen der Leerfahrt. Die schunkelnden Gondeln führen zu einem kollektiv mulmigen Gefühl unter den Wartenden. Trotzdem steigen alle ein und die Seilbahn tritt ohne Unterbrechung die bemannte Bergfahrt an. Informationen zur „Geisterfahrt“ erhielten wir keine. Ich vermute jedoch, dass das Personengewicht an der Mittelstation deutlich höher war, als das Gewicht der Personen an der Bergstation und man mit der Leerfahrt eine künstliche Verzögerung erzeugte, sodass weitere Reisende (Wanderer etc.) von der Bergstation talabwärts fahren würden und ein Gleichgewicht entstehen würde.
Das Warten wird bereits beim Ausstieg mit dem Blick auf die wolkenverhangenen Dolomiten belohnt. Wie ein Seidenschal liegen die Wolken zwischen den Bergen und erzeugen ein tolles Gefühl vom Sein über den Wolken. Wir laufen einige Meter weiter nordwärts einen Schotterweg hinauf, bis sich mit einem Mal der Blick auf den Gardasee lichtet und der Auslöser der Kamera unter Dauerfeuer steht. Hinauf auf die Steine, posieren, klick, klick. Drehung, klick, klick, klick. Es ist eine ganz wundervolle Aussicht, die man vom Kamm des Monte Baldo aus hat.


Kleiner Geheimtipp für Eisliebhaber in Assenza: Die Bar Lido hat montags bis donnerstags von 20-21 Uhr Happy Hour und man bekommt zwei anstatt einer Portion Eis zum Mitnehmen.


Je näher das Urlaubsende näher rückt, desto schneller scheinen die verbleibenden Tage zu vergehen. Am achten Tag fahren wir daher ins 17 km entfernte Torri del Benaco, schlendern durch den kleinen Hafen, schauen uns die Kirche Santi Pietro e Paolo an und setzen uns mit Blick auf den See und die barocke Pfarrkirche auf die Außenterrasse eines Cafés. Auf dem Rückweg besichtigen wir die Skaligerburg, die nach einer Mittagspause ab 16:30 Uhr wieder geöffnet hat. Der darin angelegte Limonengarten sowie mehrere Themenräume zur Fischerei und dem Olivenanbau ergeben ein kleines Museum. Alles zusammen kann für fünf Euro besichtigt werden. Vom Turm des Kastells hat man auch hier eine schöne Aussicht auf den Hafen, den Gardasee sowie auf ufernahen Kalksteine, die – ähnlich wie in Sirmione – türkise Farbakzente setzen.

Wer das Kastell in Torri angeschaut hat, kommt nicht drum herum, auch die größere und besser erhaltene Skaligerburg in Malcésine zu besichtigen. Hier ist der Eintritt gerade einmal einen Euro teurer. Man bekommt ebenfalls verschiedene Themenräume geboten:
Fische und Lebewesen im und um den Gardasee mit abspielbaren Tierstimmen als auditives Erlebnis; einen botanischen Raum mit der Möglichkeit olfaktorischer Riecherlebnisse sowie einen Raum mit Skizzen des Skaligerkastells aus der Feder J. W. Goethes.

„Heute Abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen Umweg belohnt.“
(Italienische Reise – 12. September 1786)

Auf dem Nachhauseweg legt der Buch- und Medienblog einen Zwischenstopp in Bozen/Südtirol ein. Dort verbrachte er in den Jahren 1995-2009 seine Osterfeste und verbindet die Region daher mit vielen Kindheits- und Jugenderinnerungen. Ein Halt zum Mittagessen auf dem Bozener Waltherplatz ist daher obligatorisch. Und da das Walthers´ neben der traditionellen italienischen Küche auch gluten- und laktosefreie Pizzen sowie Pasta serviert, ist es auch für Allergiegeplagte ein schöner und genussvoller Ort.

Könnte man womöglich eines Tages die 15 Jahre Osterurlaub neu erleben und eine erneute Reise in die schönen Dörfer Südtirols planen?
Kann in der Erinnerung gar der Keim für die nächste Reise liegen?

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserEin Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Vorbereitung der Reise durch:
Eberhard Fohrer
Gardasee
ISBN 978-3-95654-201-5

Reisebericht „Gardasee“ Teil 1 – Lago die Tenno – Madonna della Corona – Sirmione

Teil 1       (Teil 2 erscheint in 14 Tagen, am 24. November 2017)


Zehn Tage Gardasee:
Da kann man sich schon fragen, ob man diese badend, sporttreibend, wandernd oder reisend erleben möchte. Es sind 36° C, Städtetrips fallen daher beinahe flach. Den ganzen Tag badend in der Sonne liegen jedoch auch – vor allem mit Kind. Joggen möchte man, trotz wundervoller Aussicht und entspannendem Wasserplätschern an den Uferpromenaden zwischen Brenzone und Malcésine, bei diesen Temperaturen aber auch nicht und gewandert sind wir vor einigen Wochen bereits im Allgäu (→ zum Reisebericht Allgäu)ausgiebig.
Wir werden also einen Urlaub mit Badezeiten am Morgen und am Abend haben. Dazwischen werden wir den Lago di Tenno, die Madonna della Corona, die Grotten des Catull in Sirmione, das Skaligerkastell in Malcésine, den Monte Baldo, die Cascata della Varone, die Santuario della Madonne di Montecastello, Toscalano-Maderno und Torri del Benaco gesehen haben.
Alle Ausflüge wurden mit dem Auto bestritten. An den meisten Tagen dank Klimaanlage wohl temperiert, manches Mal mit qualmenden Reifen und heißer Kupplung.
Doch eins nach dem andern:

Die morgendliche Abreise um 4:30 Uhr beschert uns freie Straßen aus Stuttgart heraus und an Kempten vorbei. Wer die Reisekosten gering halten möchte, tankt in Österreich und spart auf der Gesamtstrecke von ca. 1200km leicht 20 € im Vergleich zum Tanken an deutschen oder italienischen Tankstellen. Erst ab der Autobahnabfahrt bei Trient beginnt der Verkehr etwas zu stocken. Über Torbole gelangen wir auf die Gardesane Orientale, die uns via Malcésine nach Assenza führt. Ein Dorf, das mit 15 weiteren kleinen Orten zur Gemeinde „Brenzone sul Garda“ zusammengefasst ist. Hier beziehen wir inmitten eines Olivenhains unsere ruhige, nur 300 Meter von Ostufer entfernt gelegene Ferienwohnung. Da wir im nördlich des Sees gelegenen Riva unseren Lebensmitteleinkauf erledigen möchten, bietet sich ein vorheriger Ausflug zum Lago di Tenno an. Ein kleiner See, der strahlend Türkis aus der grünen Landschaft sticht und einen Badeausflug wert ist. Mit seinen steil abfallenden Kiesufern muss man sich arrangieren, oder gegebenenfalls auf die kleine „Badeinsel“ im See ausweichen. Bereits jetzt wird das Reisebuch Gardasee des Michael Müller Verlags konsultiert. Unter der geöffneten Heckklappe unseres Kombis fragen wir uns: „Nehmen wir den Kinderwagen, oder die Bauchtrage?“
„[…]führt neben dem Hotel Stella Alpina ein Stufenweg […]“, weist der Reiseführer uns auf die Gegebenheiten hin. Wir brauchen also die Trage und einen Rucksack!

Unseren „Zehn-Tages-Einkauf“ erledigen wir wohl temperiert in Riva. Aufgrund von Lebensmittelunverträglichkeiten achten wir beim Einkauf auf gluten- und laktosefreie Produkte, weshalb die Wahl zu Lidl Italia, der mit einem überraschend großen Angebot dieser Produkte aufwartet, schnell fällt. Zwischen Milchtüten, Reismehlmischungen, Fleisch und Gemüse reift ein Speiseplan für die gesamten zehn Tage. Schließlich möchten wir das Flair des Sees und seiner Umgebung genießen, und uns nicht durch Supermärkte quälen.

Aus diesem Grund werfen wir bereits am zweiten Tag unsere Decken und Handtücher am Ufer aus, schlagen den Sonnenschirm in den groben Kies, cremen unsere weißen Rücken ein und ergötzen uns an den Bergen, den Sportbooten und dem leisen Säuseln der Wellen. Wir sind noch in der Phase des Ankommens, durchblättern allerdings schon wieder die Seiten unseres Reisebuchs, um die von mir vorgeschlagenen Ausflüge zu selektieren, terminlich abzustimmen und uns mit weiterer Vorfreude aufzuladen.

Einen spannenden Ausflug bietet uns am dritten Tag die Wallfahrtskirche Madonna della Corona im Etschtal. Sie liegt nahe dem Ort Spiazzi, östlich des Gardasees im Monte Baldo Massiv und ist mit 773 Metern Höhe über dem Meeresspiegel eines der höchstgelegenen Wallfahrtsorte Italiens. Da die Kirche in den Fels hineingebaut wurde, besteht die Westwand sowie Teile der Nordwand aus Felsgestein. Wie ein Adlernest thront sie über dem Tal der Etsch. Der Zugang erfolgt am einfachsten vom KFZ-Parkplatz des Hotel/Restaurant Stella Alpina. Von dort kann man zu Fuß die Treppen oder die kleine Serpentinenstraße der Buslinie 499 nehmen, und ist in 20 Minuten vor der Kirche. Den lebensechten Kreuzweg Jesu erlebt man am besten zu Fuß auf der geteerten Serpentinenstraße. Achtung: Dem Bus 499 sollte man rechtzeitig Platz machen, während er sich halbstündlich lauthals durch die steilen und sehr engen 180° Kurven schraubt.

Den vierten Tag widmen wir einem Ausflug ins 60 km entfernte Sirmione am Südufer des Gardasees. Da die Anfahrt über die Uferstraße via Garda, Bardolino, Lazise und Peschiera erfolgt, benötigen wir die eingeplanten 1,5 Stunden. Geparkt werden muss außerhalb der überwiegend autofreien Altstadt. Am Skaligerkastell vorbei schlendern wir die ersten Meter des Panoramawegs, der sich entlang der Ostseite der Halbinsel bis zu den Grotten des Catull erstreckt. Die ersten Treppen überwinden wir noch mit dem Kinderwagen, danach entscheiden wir uns jedoch bald für das Durchqueren der Stadt und den Weg durch die Gassen Sirmiones. Der Panoramaweg ist auf Reifen ungeeignet!
Am nördlichsten Zipfel der zahlungspflichtigen Grotten des Catull schließt sich ein Olivenhain an, von dem aus man eine sehr schöne Sicht auf die Kalksteinterrassen hat. Diese 100 Meter breiten Formationen umgeben das gesamte Kap wie ein Band und sorgen durch ihre geringe Tiefe unter dem Wasserspiegel für türkise Akzente im blauen See.
Die Entstehung der Kalkterrassen ist auf die Eiszeit und der sich damals nordwärts zurückziehenden Gletscher zurückzuführen. Bei diesem Rückzug blieb die Halbinsel Sirmione als dünner Span im See bestehen.

Der Reisebericht zum Gardasee wird am 24. November 2017 fortgesetzt.
Vorschau:
Cascata della Varone – Santuario della Madonne di Montecastello – Monte Baldo – Torri del Benaco & Malcésine

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserEin Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Vorbereitung der Reise durch:
Eberhard Fohrer
Gardasee
ISBN 978-3-95654-201-5

Gardasee Spezial im November

Der November steht unter dem Motto „Gardasee“.

Am 10.11. und 24.11.2017 erscheint auf dem Buch- und Medienblog ein Reisebericht zum zehntägigen Aufenthalt am Gardasee im August diesen Jahres.

Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserFotos zieren den zweiteiligen Bericht über die Ausflüge zu:

  1. Lago di Tenno
  2. Assenza
  3. Madonna della Corona
  4. Madonna di Montecastello
  5. Torri del Benaco
  6. Monte Baldo
  7. Malcésine
  8. Cascata della Varone
  9. Sirmione

Wer sich einen Eindruck der Reiseberichte auf dem Buch- und Medienblog verschaffen möchte, findet hier bereits einen Bericht zum Allgäu.
Pressestimmen zum Allgäu-Reisebuch von Michael Müller finden Sie hier.