Lesebericht zu „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo CognettiAm Montag, den 11. September 2017, erschien „Acht Berge“

Der Umzug der Familie nach Mailand entzieht ihnen das vertraute Leben und Wandern in den Bergen ihrer Heimat, des Veneto. Paolos Mutter setzt mit ihrem steten Willen den Entschluss durch, ein kleines Haus in Grana zu mieten. Eine Sommerresidenz, die das Kleinod der Familie werden würde. Während Paolo und seine Mutter in den Sommermonaten im Bergdorf wohnen, kommt der Vater an den Wochenenden dazu und findet beim Bezwingen der Berge den nötigen Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit in Mailand.
Schnell lernt Paolo Bruno kennen, ein Jungen seines Alters, der mit seiner Familie in den Bergen und auf den Almen Granas zu Hause ist. Der nichts anderes kennt, als das Hüten der Kühe, das Bauen von Unterschlüpfen sowie das Durchstreifen seiner heimischen Natur.

Es sind zwei Welten die in „Acht Berge“ aufeinandertreffen: Bildungsbürgertum und selbstversorgende Bauern. Eine Kombination, die ganz offensichtlich nicht zusammen passen kann. Doch genau das tut sie. Denn es sind keine Erwachsenen, die aufeinander treffen, sich intellektuell messen müssen oder sich durch ihr materielles Leben profilieren müssen. Nein, es sind Bruno und Paolo, zwei Kinder, die die Welt, in die sie hineingeboren wurden und in der sie leben, mit kindlicher Naivität betrachten. Zwei Jungen, deren alleiniger Wert in der gemeinsam verbrachten Zeit liegt. Es tut gut zu sehen, dass sich das auch im Altern nicht zwangsläufig ändern muss. Immer wieder kehrt Paolo zu Besuch zu seinem Freund Bruno in die Berge von Grana zurück. Dass er studiert hat, Bruno aber immer noch Kühe hütet interessiert dabei keinen von beiden.

„Acht Berge“ ist ein episodenweise sehr melancholischer Roman über zwei Freunde, die trotz ihrer unterschiedlichen Lebenskonzepte immer wieder zueinander finden. Die es schaffen, die Vertrautheit ihrer kindlichen Vergangenheit auch in der Zeit des Erwachsenwerdens nie zu verlieren und sich immer als familiären Halt sehen. Cognetti schafft es, seinen Leser in eigene Erinnerungen abtauchen zu lassen. Es versetzt ihn zurück in seine eigene Kindheit, in eine Zeit, in der wir uns nicht primär in bestimmten Milieus aufgehalten haben, ganz einfach daher, weil wir keine Klassifizierung kannten. Weil wir unserem Gegenüber weitestgehend unvoreingenommen und zweifelsfrei entgegneten.
Paolo Cognetti erinnert sich in seinem Roman an die eigene Kindheit. Er bringt sich dem Leser aus der Ich-Perspektive in einer der aufregendsten Zeiten des Lebens näher: Dem Ende der Kindheit und der einsetzenden Adoleszenz. Die Phase im Leben, die den Charakter eines Menschen deutlich prägt und die ihm den Weg in ein selbstständiges Leben bereitet.
Auch wenn die beiden Männer in der Mitte ihres Lebens räumlich sehr weit voneinander entfernt sind, ist die prägende Nähe ihrer gemeinsamen Kindheit niemals auf der Strecke geblieben. Ohne Vorwürfe nehmen sich Paolo und Bruno ernst. Ersterer, der Reisen will, der andere, der seine vertrauten Berge nicht verlassen kann.

Welches davon der richtige Weg ist, bestimmt allein man selbst!

Paolo Cognetti
Acht Berge
ISBN: 978-3-421-04778-6

 

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Lesebericht zu „Underground Railroad“ von Colson Whitehead

Underground Railroad_Colson Whitehead_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch_Blog_Literatur„Schwarze Hände haben das Weiße Haus, den Sitz der Regierung unseres Landes gebaut. Das Wort wir. Wir sind nicht ein Volk, sondern viele verschiedene Völker. Wie kann ein einziger Mensch für diese großartige, schöne Rasse sprechen – die nicht eine einzige Rasse ist, sondern viele, mit einer Million Sehnsüchten, Hoffnungen und Wünschen für sich selbst und ihre Kinder?
Denn wir sind Afrikaner in Amerika. Etwas Neues in der Geschichte der Welt, ohne Vorbild für das, was aus uns werden wird.
Die Farbe muss genügen. […] Alles, was ich wirklich weiß, ist, dass wir gemeinsam aufsteigen und gemeinsam untergehen, eine einzige farbige Familie, die Tür an Tür mit einer einzigen weißen Familie lebt. Mag sein, dass wir den Weg durch den Wald nicht kennen, aber wir können einander aufhelfen, wenn wir hinfallen, und wir werden gemeinsam ankommen.“
(S. 327)

Riesige Baumwollfelder zur Stoffproduktion müssen in den Vereinigten Staaten von Amerika bestellt, gepflegt und abgeerntet werden. Eine harte und undankbare Arbeit, für die der Amerikaner eine Lösung hat: schwarze Menschen aus den afrikanischen Ländern.
Nachts fallen Negerfänger in afrikanischen Dörfern ein, sortieren Menschen aus, als sei es Vieh, und entführen die starken Männer sowie gebärfähige junge Frauen und Mädchen für die Produktion.
Alles zur Sicherung der Baumwollexpansion. Amerika braucht mehr Neger, also müssen sie sich auf den Plantagen ihrer Besitzer kontrolliert vermehren können, um somit das Werkzeug zur Ernte herzustellen: Junge Negerkinder, die ohne Kenntnis über Freiheit anstaltslos ihren Besitzern gehorchen. Die alles machen, denn etwas anders steht ihnen nicht zu. Sie sind Besitz und Eigentum eines anderen, der über sie verfügt. Leibeigene. In allen Lebenslagen, in allen Stimmungslagen. Im Hass, wie in der Lust, wie im Tod.

Die Tragweite der Versklavung im 16. bis 19 Jahrhundert erfährt der Leser durch Generationen hinweg. Protagonistin ist Cora, deren Mutter Marbel sowie Großmutter Ajarry Opfer der Sklaverei wurden. Während die tragische Geschichte mit der Verschleppung Ajarrys aus Afrika beginnt und den Einstieg in die Geschichte bildet, wächst die Geschichte um Marbel, der Mutter Coras. Bis diese schließlich von der Plantage flieht und ihre Tochter Cora den Weißen schutzlos überlässt. Durch sie erfahren wir schließlich, was es heißt, allein unter dem Regime der Unterdrückung, Folter und Misshandlung aufzuwachsen und zu überleben. Obwohl Cora die alleinige Flucht der Mutter unbegreiflich ist, hält auch sie das Leben auf der Baumwollplantage nicht aus und flieht. Dabei erfährt sie Hilfe von weißen Sympathisanten und Helfern fliehender Sklaven. Freiheit erlangt sie jedoch zu keiner Zeit, denn ihr Besitzer hat Sklavenfänger auf sie angesetzt. Diese sollen sie einfangen und ihrem rechtmäßigen Besitzer wiederbringen.
Jede Freude, die sie durch kleine Freiheiten erlangt, währt nur Momente, bevor ihr stärkster Widersacher, Ridgeway, sie wieder einfängt und versucht, Cora zurück in den Süden zu liefern. Ein Katz- und Mausspiel, bei dem kein Sieger auszumachen ist. Denn was bedeutet Freiheit wirklich? Ist ein Leben auf der Flucht und in Verstecken ein Leben in Freiheit, nur weil man nicht mehr unter Zwang arbeiten muss? Oder ist man dann gar freier auf einer Plantage, von der man zwar nicht fliehen kann und abhängig ist, auf der man allerdings nicht als Vogelfreier und Gesellschaftsloser in totaler Isolation lebt? Was heißt nun frei zu sein und in Freiheit zu leben?


Man muss keine Gesellschaftswissenschaft studiert haben, kein Ethnologe oder Anthropologe sein, um einer unausweichlichen Kenntnis klar zu werden:
Der Kampf um Freiheit entsteht allein aus Gefangenschaft;
das Blutvergießen zum Erlangen von Recht und Achtung allein aus Misshandlung und Missachtung;
der Wunsch nach mehr nur aus weniger.


In unseren Köpfen ist das Wort Neger schon längst verpönt und seine Verwendung nicht mehr gesellschaftsfähig. In der Literatur entfachte der Austausch dieses diskriminierenden Begriffs in literarischen Werken im Jahr 2013 zuletzt emotionslose Diskussionen. Durch die Konfrontation mit der „Negerfrage“ und die Verwendung dieses Begriffes sowie der noch wesentlich diskriminierenden Schimpfbezeichnung für versklavte Afrikaner in den USA, rüttelt Colson Whitehead seine Leser wach. Er erinnert in der „Underground Railroad“ an die längst verdränge Zeit der Versklavung. Die Herabwürdigung der Sklaven durch Verwendung von diskriminierenden Begriffen ist dabei seine Kunstform zur Erinnerung.
„Wenn die Nigger frei sein sollten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm nicht gehören.“ (S. 97)
Passagen wie diese sorgen allerdings auch dafür, dass man in der Straßenbahn nicht nur das Buch vor den neugierigen Blicken potentieller Mitlesen schützt, sondern vor allem einer potentiellen Verurteilung seiner selbst.

Colson Whitehead
Underground Railroad
ISBN 978-3-446-25774-0

Erlebnisbericht zu den „Germanische Götter- und Heldensagen“

Die Rezension bezieht sich auf den Band der Germanischen Götter- und Heldensagen
griechische-und-germanische-goetter-und-heldensagenEs ist Odin, der Gottvater der Asen, den jeder von uns kennt. Zumindest namentlich. Spätestens jedoch seit der Verfilmung der US-amerikanischen Action- und Science-Fiction Spielfilme über den Donnergott „Thor“ aus dem Jahr 2011 sind die alten germanischen Göttersagen für die Massen des 21. Jahrhundert audiovisuell reanimiert worden. Während sich kaum ein Kinobesucher über den Einzug der germanischen Götter in unsere moderne Medienlandschaft wundern wird, finden Wissensdurstige die Geschichte der Götter, ihr Entstehen sowie den Einzug nach Asgard im ersten Buch des zweibändigen Schubers „Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen“ vom Reclam Verlag.

Geboren wurde der erste Gott durch die Riesin Bestla. Odin lautet sein Name und er war beteiligt an der Erschaffung der drei Welten Utgard, Midgard und Asgard. Und trotz des Ursprungs der Götter in den Riesen, wohnen die meisten von ihnen in der niedersten und kargsten der Welten – in Utgard. Durch ständiges Misstrauen und Kräftemessen leben Götter und Riesen im Zwiespalt. Midgard gehört den Menschen. Asgard ist der Sitz aller vom Geschlechte Odins abstammenden Götter, den Asen und Asinnen.
Doch auch innerhalb des göttlichen Asgard wird der Zusammenhalt der Götter und der durch sie aufgenommenen Wesen (z. B. Loki) immer häufiger auf die Probe gestellt, sodass sich die Götterwelt zunehmend vom goldenen Zeitalter, der Gründungszeit, entfernt und die ursprünglich definierten Werte, Tugenden und Moral stets hanebüchener interpretiert und gelebt werden.
Besonders lohnend ist die genauere Betrachtung der Figur des Loki, der als Riese geboren, durch Thors Empfehlung und die Blutsbruderschaft mit Odin Einzug nach Asgard erhält. Somit ist er Teil der Götterwelt. Gleichzeitig ist er allerdings auch der Vater der drei Weltenfeinde. Mit der Riesin Angrboda zeugte er den Fenriswolf, die Midgardschlange sowie die Totengöttin Hel, die von den Göttern Asgards genauestens beobachtet bzw. verbannt wurden.

In Loki steckt so viel mystisches Potential, dass auch die US-amerikanischen Heavy Metal Ikonen Manowar ihm einen Song gewidmet haben, dessen Text Loki nicht treffender beschreiben könnte:


Die Götter- und Heldensagen sind voneinander getrennt. Sie sind jeweils in viele Kapitel getrennt. Nun muss man zwischen den Göttersagen und den Heldengeschichten differenzieren.

Zu den (germanischen) Göttersagen:
Ich lese ein solches Werk gerne quer und informiere mich über die Geschichten oder Teilgeschichten konsultierend, nach Lesart eines Lexikons. Das gestaltet sich in diesem Fall unmöglich, da in jedem der genannten Kapitel so viele Dinge passieren, dass sie niemals alle in einer Überschrift abgebildet werden können. Eine Marginalspalte wäre die beste Möglichkeit zur schnellen Auffindbarkeit einzelner Aspekte der Kapitel. Diese würde jedoch eine Verkleinerung des Satzspiegels bedeuten, und somit den Seitenumfang vergrößern. Letzten Endes kann der Leser auch das gesamte Werk lesen, erfährt somit viele kleine und interessante Details. Und seine Marginalspalte kann er – wie der Buch- und Medienblog es getan hat – auch handschriftlich hinzufügen. Der Stift sollte dann stets in greifbarer Nähe liegen, denn er kommt kaum zur Ruhe.

Zu den (germanischen) Heldensagen:
Der Großteil der Heldensagen dreht sich um den Hort der Nibelungen. Auch hier kann der Leser zwischen den Kapiteln hin- und her springen, wenn er quer lesen möchte. Allerdings ist die Geschichte um Siegfried – dem jeder als Drachentöter bekannt sein dürfte – die Nibelungen, Burgunden und Hunnen linear aufgebaut und daher besser chronologisch zu lesen.

Reclam hat aus dem Kulturgut der Götter- und Heldensagen einen wunderbaren Schuber hergestellt. Um ihn noch haltbarer zu machen, hat der Buch- und Medienblog die beiden Bände noch foliert, damit die alten Götter und Helden nicht nur das Bücherregal hüten, sondern eine aktive Rolle einnehmen können.


„Hier entsteht Diskussionsbedarf über den Verlauf der Geschichte, darüber wer mit wem in Verbindung steht und warum manch ein König seinen über allen Zweifel hinweg loyalen Freund verrät und damit dessen Tod mitverschuldet. Und vor allem: Wo genau mag wohl der Schatz der Nibelungen liegen?“, schrieb ich im März 2015 zu Heinrich Steinfests Mischung aus Sage und Komödie „Der Nibelungen Untergang“, ebenfalls bei Reclam erschienen. So stelle ich mir eine wichtige Frage erneut: Woraus besteht der Schatz? Gold und materieller Reichtum, oder ist er möglicherweise nur Sinnbild für Wissen und Reichtum durch Erkenntnis?


Reiner Tetzner & Uwe Wittmeyer
Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen
ISBN: 978-3-15-030053-4
Zwei Bände geb. in Kassette.

Reisebericht „Allgäu“ – Nesselwang-Starzlachklamm-Grüntensee-Lechbruck-Hahnenkamm

allgaeu_reisebuch_reisebericht_rezension_oliver steinhaeuser_BuchblogReisezeit: Juni/Juli
Fünf Tage. Das ist unser Zeitrahmen. Urlaub ist das noch nicht, doch dank der Distanz von nur 200 Kilometern zu Stuttgart, bietet das Allgäu ein sehr attraktives Reiseziel für verlängerte Wochenendausflüge. Aufgrund des neuen Vorsatzes des Buch- und Medienblogs, lassen wir diese freien Tage nicht einfach so verstreichen, sondern nutzen jeden Tag. Es gibt ein richtiges Programm. Zur Vorbereitung dieser Ausflüge dient das Reisehandbuch „Allgäu“ des Michael Müller Verlags. Damit werden zum ersten Mal fünf Tage genau durchgeplant.

Im Nesselwanger Ortsteil Hertingen beziehen wir unser Quartier, von wo aus die Ziele unserer Exkursionen sich in einem Radius von ca. 30-40 Kilometern Entfernung befinden. Baden mit Bergblick, Wandern mit Fernblick und Seilbahn fahren inklusive Adrenalinkick. Eine bunte Mischung aus Spaß und Erholung.

Der Plan: Badetag am Grüntensee – Floßfahrt auf dem Lech – Seilbahnfahrt auf den Hahnenkamm (Tirol) – Buchenegger Wasserfälle

Die Reihenfolge: Wetter- und Gemütsabhängig

Die Sonne scheint und die Autobahn ist trotz frühmorgendlicher Abreise in Stuttgart immer wieder überlastet. Daher bestimmt bereits die dreistündige Autofahrt nach Nesselwang unseren ersten Ausflug. Staufrust und Hitze ziehen uns an den Grüntensee, der mit Blick auf den Grünten panoramareichen Badespaß bietet. „Wächter des Allgäus“ wird er auch genannt, obwohl er mit 1738 Metern bei weitem nicht der höchste Berg der Allgäuer Alpen ist. GrüntenseeSeinen Namen Grünten verdankt er der frühen und flächendeckenden Abholzung des Gipfels ab 1471 zur Nutzung als Brennmaterial in Bergwerken und Schmelzöfen. Eine von Menschenhand erzeugte Frisur – Der Glatzkopf. Ein großer Parkplatz befindet sich direkt neben dem „Grüntensee-Camping“ und ermöglicht stressfreies Parken sowie einen Zugang zum See und Campingplatz, der mit einem Steg in den Grüntensee gerade für Familien Badespaß bietet.

Unsere Ferienwohnung im östlich von Nesselwang auf einer Anhöhe gelegenen Ortsteil Hertingen bietet einen guten Blick auf die Burgruinen „Eisenberg“ und „Hohenfreyberg“ sowie auf den „Falkenstein“, Deutschlands höchstgelegene Burganlage. Nur einige Meter entfernt finden Ruhesuchende den „Ge(h)zeitenweg“, der an dem Parkplatz „Rindegger Tanne“ des Ortsteils Rindegg startet und mit sechs Stationen in der Natur zur inneren Einkehr einlädt. Feld- und Waldstücke eignen sich ebenso zum Laufen und Spazieren. Ein Rundweg um den Attlesee lohnt sich in jeden Fall, da hier eine Badestelle mit Umkleidekabinen und Toiletten eingerichtet wurde.

Nach der morgendlichen Joggingrunde brach der Buch- und Medienblog nach Lechbruck am See auf. Ein Ort, der vor dem Eisenbahnzeitalter vor allem von der Flößerei und dem Transport von Holz, Bausteinen und Kalk lebte. Auf den ersten Blick ist das heute nicht mehr zu erkennen. Lech mit FloßLechbruck am See
Doch das Reisebuch „Allgäu“ erinnert an diese Floßfahrten und nennt die Website der Touristen-Information. Wer voller Euphorie von täglichen Fahrten ausgeht übersieht leider schnell, dass die Flößer lediglich dienstags und donnerstags fahren. So steht es auf der Website – aber nicht deutlich genug. Wer nicht leer ausgehen möchte, sollte also unbedingt telefonisch im Voraus buchen. Dass wir wenigstens die Fahrt eines ausgebuchten Floßes über den Lech gesehen haben, war reiner Zufall. Doch auch ohne den Ausflug auf dem Lech, bietet dieser ein schönes Ufer mit einigen großen Holzliegebänken, einem Spielplatz sowie dem Eiscafé Venezia. Besonders lecker: Quella – Weißes Schokoladeneis mit Nutella.

Eine Wanderung mit tierischem Erlebnis bietet uns am dritten Tag der Hahnenkamm in Höfen bei Reutte in Tirol, Österreich. Mit der Kabinenbahn der Reuttener Bergbahnen geht es hoch zur Bergstation, von der aus der ca. 1900 Meter hohe Abstieg auf einer Strecke von 9 km inmitten von Kuhherden gewandert werden kann. Das ist leider nicht nur idyllisch. Gerade wenn Kälber mit auf den Weiden stehen, kann schnell eine unruhige Stimmung zwischen Kuh und Mensch entstehen. Deshalb: Augen auf, die Umgebung genau beobachten und nicht auf die Tiere zugehen. Wer für alle Umstände gerüstet sein möchte, führt einen (Wander-)Stock bei sich. Ein gezielter Schlag auf die Schnauze der Kuh stoppt sie im äußersten Notfall. Aber dennoch gilt: Sicherheitsabstand reduziert das Aufkommen einer Gefahrensituation ungemein, wohingegen Kleidungsstücke in Signalfarbe den Kick beim Abstieg erheblich erhöhen: Die angegebene Laufzeit von drei Stunden wird durch den tierischen Rückenwind auf die Hälfte reduziert.
Auf der Strecke laden ein paar Sitzbänke zur Rast und zum Ausblick ein. Ca. 20 Minuten nach Beginn des Abstiegs erreicht man eine Bank, die den Blick auf den Segelflugplatz Reutte-Höfen sowie auf die Burgruine Ehrenberg, von der aus der Zutritt auf die highline179 möglich ist. Die Fußgängerhängebrücke ist mit einer Länge von 406 m und einer Höhe von 114,6 m, laut Eintrag im Guinness Buch der Rekorde, die die längste Fußgängerhängebrücke der Welt in der Kategorie Hängebrücken für Fußgänger im Tibet Style.

Der vorletzte Tag des langen Wochenendes führt uns in die Starzlachklamm. Eine recht spontane Entscheidung am Frühstückstisch, da wir am Mittag einer Einladung nach Kempten folgen. Die Tagestour zu den Buchenegger Wasserfällen fällt aufgrund der Entfernung von ca. 60 Kilometern aus und wird durch einen Ausflug in die Starzlachklamm, südlich des Grünten, im Sonthofener Stadtteil Winkel ersetzt. Das halbiert die Anreise um 30 Kilometer, ohne auf rauschendes Wasser verzichten zu müssen. Für Familien mit Kindern empfiehlt sich der Weg bis zum Ende der Klamm und wieder zurück zum Parkplatz. Sie ist mit Handläufen, Brücken, Stegen erschlossen und das Ende der Klamm erkennt man durch das plötzliche Fehlen dieser Sicherungen. Hier geht es zur virtuellen Führung durch die Starzlachklamm. Es gibt einen großen Parkplatz unmittelbar zum Eingang in die Klamm, der schnell übersehen werden kann. Wer den Weg bis zum Friedhof gefahren ist, folgt dem für Busse gesperrten Weg und erreicht den Starzlachklammparkplatz. Das sanft auslaufende Ende der Klamm (10 min. entfernt vom Parkplatz & noch vor dem zahlungspflichtigen Einstieg) bietet vor allem Kindern einen natürlichen Spielplatz. Kieselsteine und langsam fließende Bachläufe ermöglichen das Bauen von kleinen Staudämmen, während die Picknickdecke auf einer der Kiesbänke ausgebreitet werden kann. Zahlreiche Bäume bieten dabei einen natürlichen Sonnenschutz.

Am Abend vor der Abreise sitze ich auf der Couch unserer Ferienwohnung in Hertingen und blättere im Reisebuch „Allgäu“. Auf jedem der beschriebenen Ausflüge war er unser Wegweiser. Nicht nur für den Buch- und Medienblog, sondern ebenfalls für die Mitreisenden. Wenn ich beim Aufbruch die Frage stellte, ob wir das Reisebuch wieder auf den Ausflug mitnehmen sollen, lautete die Antwort stets ‚Ja’. Er ist nicht nur Wegweiser, sondern Inspirationsquelle. Die von mir eingeklebten Post-Its sowie die Textmarkierungen machen ihn nun  zu unserem Tagebuch.

Alpspitze NesselwangEs fällt schwer am fünften Tag die Wohnung wieder zu räumen, ohne in Aufbruchsstimmung zu verfallen. Die Berg- und Talfahrt mit der Alpspitzbahn in Nesselwang lindert dieses Gefühl ein wenig. Um die letzten Stunden zu genießen fahren wir mit einem der Sessellifte der Kombibahn und atmen frische Bergluft. Nach dem Umstieg an der Mittelstation geht es weiter hinauf auf die Alpspitze, die mit einem tollen Berg- und Panoramablick Richtung Forggensee und Füssen auf uns wartet. Auch die Burgruine Falkenstein kann man von hier aus sehen.
Mit der Talfahrt und dem freien Blick auf Hertingen sowie die Joggingrunde um den Attlesee kommt am Ende nun doch Fernweh auf. Und ein Entschluss: Das Allgäu hat noch sehr viel mehr zu bieten. Der Buch- und Medienblog nutzt weitere lange Wochenenden und kommt wieder. Mit dabei ist dann in jedem Fall das Reisebuch „Allgäu“ des Michael Müller Verlag.

Ralph Raymond BraunReisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver Steinhäuser
Reiseführer Allgäu
ISBN 978-3-95654-422-4

„Der Reisebericht“ – Eine neue Rubrik für den Buch- und Medienblog

Der Buch- und Medienblog erweitert die Themen seiner Rezensionen.
Reiseberichte ergänzen künftig die vertrauten Leseberichte.

Die ersten Ziele sind bereits in Planung. Es geht ins Allgäu und danach an den Gardasee. Neben den stark frequentierten touristischen Attraktionen, die man gesehen haben muss, legt der Buch- und Medienblog gesteigerten Wert auf Ausflüge mit Entspannungsfaktor und Kontenance (aber ohne Wellnessoasen).


„Wenn wir vor zehn Jahren planlos Städte besucht haben, war das wichtigste an diesen Trips das Zusammensein mit den Mitreisenden. Zeit für kompromisslose und absolute Freundschafts- und Beziehungspflege. Sehenswürdigkeiten und Ausflüge standen dabei nicht im Fokus.“ (Oliver W. Steinhäuser)


Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserAb heute sind es eben nicht mehr nur die Menschen, mit denen der Buch- und Medienblog etwas unternehmen möchte. Es sind auch die Städte, die Orte und die Regionen, die wir erleben möchten. Der spezielle Flair des Neuen und Unbekannten wird im Mittelpunkt unserer Berichte stehen. Für die Reiseberichte ist es wichtig, nicht nur über sehenswerte Orte, leckere Restaurants etc. zu schreiben, sondern auch eine besondere Geschichte, Eigenheit und geografische Außergewöhnlichkeit mitzuteilen. Dazu ist es – im Gegensatz zu den Reisen der letzten Dekade – wichtig zu planen. Das fängt bereits mit der Auswahl eines geeigneten Reiseführers an, geht über das Sondieren der darin beinhalteten Informationen und Tipps, bis zum eigentlichen Reiseerlebnis.

Die Reiseberichte bieten eine Dokumentation der Reiseplanung, über die Lektüre des Reisebuchs, der Planung der Ausflüge, deren Ausführung und dem Fazit. Die durch das Reisebuch/Reiseführer vermittelten Informationen und Tipps fließen in diese Punkte mit ein und sollen geprüft, ergänzt, und möglicherweise erweitert werden.

Da Reisen immer auf Individualität fußen, können nur Ausschnitte aus einem Titel betrachtet werden.

Lesebericht zu „Bretonisches Leuchten“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonisches Leuchten_Jean-Luc Bannalec_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch-und Medienblog, BlogIn der vergangenen Woche erschien der neue Kriminalroman von Jean-Luc Bannalec
Kommissar Dupins sechster Fall

Kommissar Georges Dupin hat frei! Weit weg von seinem Büro in Concarneau, macht er mit seiner Freundin Claire zwei Wochen Urlaub. Schon die Vorstellung an die erzwungene Ruhe und des Nichtstuns setzen dem arbeitswütigen Dupin zu. Nun liegt er allerdings tatsächlich am Strand der Côte de Granit Rose und soll endlich einmal seine Kriminalfälle und den Alltagsstress vergessen. So wünschen es zumindest Claire und auch die Kollegen in Concarneau.

Aus Sehnsucht nach Ermittlungen, kauft Dupin sich eines seiner geliebten Clairefontaine Notizbücher. Nicht wie üblich in rot, sondern blau. Er hat schließlich Urlaub. Wenn er schon nicht arbeiten darf, könne er sich wenigstens einen Fall konstruieren und fiktiv ermitteln.
Doch so weit kommt es nicht, denn aus seinem Feriendomizil verschwindet eine Frau spurlos. Schnell spricht sich im Hotel und auch im Ort Trégastel herum, dass der Besucher Georges Dupin der bekannte Kommissar aus Concarneau ist und wird umgehend um seinen Rat gebeten. Da der Hotelier, die beiden Gendarme, die Inhaberin des Presse- und Tabakladens, der Friseur etc. gewissermaßen über etliche Ecken verwand und verschwägert sind, bilden sie ein eingefleischtes Team. Jetzt, da auch noch der unbeliebte Kommissar aus Lannion den Fall offiziell übernommen hat, arbeiten alle Instanzen des Örtchens zusammen, informieren sich gegenseitig und legen größten Wert auf das Knowhow Dupins. Sie wollen die Tatumstände selbst herausfinden und Ergebnisse abliefern. Neben dem erteilten Arbeitsverbot seiner Freundin Claire, muss Georges Dupin zudem gegen die Drohungen des Kommissars aus Lannion achten. Der fühlt sich durch seine heimlichen Aktionen und die als Urlaubsplausch getarnten Befragungen in seinem Hoheitsgebiet und seiner Ehre übergangen.
Als eine Attacke auf die Lokalabgeordnete Madame Rabier stattfindet und plötzlich eine weibliche Leiche im Steinbruch gefunden wird, nehmen die Ereignisse schlagartig zu. Besonders, da die Tote im Steinbruch zunächst für die verschwundene Frau aus Dupins Hotel gehalten wird. Dem ermittlungssüchtigen Kommissar lässt das natürlich keine Ruhe. Um Claire nicht aufzuregen, muss er sich ausgefallene Ausreden ausdenken. Gut nur, dass auch sie sich nicht ganz konsequent an die Abmachung des arbeitsfreien Urlaubs zu halten scheint.

Wie die fünf Vorgänger der Reihe um den Kommissar Georges Dupin, ist auch der neue Krimi von Jean-Luc Bannalec ein sonniger und wohliger Ausflug in den Sommer der Bretagne.
Er eignet sich wie immer für all diejenigen, die im Sommer zu Hause bleiben, denn Dank der wunderbar bildlichen Sprache kann man das Meer trotzdem riechen und die Bretagne spüren. Die Krimis dienen auch hervorragend zur Vorbereitung und Einstimmung des eigenen Urlaubs im westlichsten Zipfel Frankreichs.

Jean-Luc Bannalec
Bretonisches Leuchten
ISBN: 978-3-462-05056-1

Lesebericht zu „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz

Des Teufels Gebetbuch_Markus Heitz_Blog_Oliver Steinhaeuser_RezensionIn illegalen Spielpartien zocken reiche Kartenbegeisterte um historische Karten. Ihr Einsatz ist eine Menge Geld und jeweils eine historische Spielkarte. Gespielt wird „Supérieur“, bei dem die Spieler nacheinander Karten aufnehmen. Die höchste Karte gewinnt, alle anderen verlieren ihren Einsatz pro Runde. Wer die „Pik-Ass“ zieht hat automatisch alles verloren. Auch sein Leben. So sehen es die historischen Spielregeln vor, denn der Verlierer seines gesamten weltlichen Besitzes findet seine Ruhe besser im Tod als im Leben.
Hyun, die die Nachricht über den Unfalltod ihres zockenden Verlobten nicht recht glauben möchte, will die Organisatoren des illegal arrangierten Spiels zur Rechenschaft ziehen und löst bei der nächsten Partie in Baden-Baden eine Lawine ungeahnten Ausmaßes aus, die mit dem Tod eines russischen Oligarchensohnes zudem noch einmal mehr an Rasanz gewinnt.

Des Teufels Gebetbuch ist eine gelungene Kombination aus dem historischen Entstehungsprozess der Spielkarten und der Wirkung von Kartenspielen in unserer Gesellschaft. Die Verwunderung über die Macht des historischen Kartendecks fesselt den Leser so stark an das Buch, dass die im Anhang mitgereichten Informationen über die Entstehung von Kartenspielen und deren Weg nach und in Europa mit Euphorie weiterstudiert werden.
Die Verwendung historisch nachweisbarer Fakten und echt existierender Charaktere in der Geschichte zum Teufels Gebetbuch erzeugt eine solche Authentizität, sodass der Leser keinen Zweifel an der Story hat – obwohl er natürlich weiß, dass es um einen Roman mit fiktiven Elementen handelt.

Richtig interessant wird die Thematik, sobald der Leser das Geschriebene reflektiert. Das historische Kartenspiel des Romans wurde im Auftrag des Teufels im Heiligen Römischen Reich um 1768 in Leipzig mit einem Kupferstich gedruckt. Man kann sich nun die Frage der Existenz des Teufels stellen. Dann muss man jedoch gleichzeitig über die Existenz Gottes grübeln. Sind das nun fantastische Elemente? Beim Teufel und Gott eher nicht. Wie dem auch sei: Ist es nicht das Spielen an sich, dass in uns Menschen das teuflische in Form von Habgier, Missgunst und Sucht auslöst? Ebenso wie das Göttliche nicht körperlich existiert, sondern durch unser Handeln als Mensch erst zu Vorschein kommt.


Achtung! Dieses Buch fesselt den Leser an sich. Ein Entkommen der eigenen Gedanken aus dem Buch ist auch nach Beenden der Lektüre kaum möglich!


Markus Heitz liefert in den beiden Erzählsträngen einerseits eine sagenhaft düstere Aura, durch die der Leser ins alte Leipzig des Heiligen Römischen Reichs entführt wird. Zurück in die Zeit, zu der der Kupferstecher Bastian Kirchner im Verlagshaus Breitkopf tätig ist und das Kartendeck herstellt. Im zweiten Erzählstrang befindet sich der Leser in der rasanten Gegenwart, die von der Jagd nach eben diesen historischen Karten – des Teufels Gebetbuch – dominiert wird. Dass einige Protagonisten, Tadeus Boch allen voran, über unglaubliche Fähigkeiten verfügen – er spricht und versteht beinahe jede Sprache – ist kaum zu begreifen und strapaziert die Glaubwürdigkeit. Aber es schadet dem Buch nicht. Die Geschichte selbst ist so unglaublich, dass dem Leser diese Makel zwar nicht entgehen, sie ihn aber nicht davon abhalten, mehr über des Teufels Gebetbuch erfahren zu wollen. Und sich zusammen mit Hyun und Tadeus in den entlegensten Winkeln Italiens, Frankreichs, Belgiens, Russlands und Westafrikas rumtreiben, um alle Karten des Decks zusammenzubekommen. Nachdem auch Tadeus der Aura einer Karte anheimgefallen ist und er ihre negative und böse Ausstrahlung auf sein Denken und Handeln bemerkt, ist es der beiden Ziel, die unzerstörbaren Karten wenigstens so zu verbergen, dass kein Mensch mehr sie erreichen soll.

Markus Heitz
Des Teufels Gebetbuch
ISBN: 978-3-426-65419-4