Reisebericht aus Amsterdam

amsterdam_cityMarihuana, Heineken, Grachten und Rotlicht. Das sind wohl die ersten Suggestionen, die uns zur niederländischen Hauptstadt einfallen. Attraktionen, die jedes Jahr von über 17 Million Touristen besucht werden, was mehr als der siebzehnfachen Menge der städtischen Einwohner entspricht. Neben den genannten Besonderheiten bietet Amsterdam jedoch auch eine Vielzahl an Museen, Kirchen und vor allem Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen.

Einige Stunden (ca. 6) haben wir, um durch die Stadt zu spazieren. Ein Zeitfenster, dass – möchte man ein Großteil der Stadt erkunden – keine Museumsbesuche zulässt. Ein Tipp des Michael Müller Verlags gefällt mir besonders: Ein persönlicher und geführter Stadtspaziergang, angeboten von Amsterdam Your Walk. Leider ist die Dame für diesen Tag bereits gebucht.

Spaziergang durch Amsterdam

Spaziergang durch Amsterdam

Aus diesem Grund stellen wir uns aus drei der insgesamt zwölf im Stadtführer vom Michael Müller Verlag vorgeschlagenen Touren einen noch individuelleren Besichtigungsspaziergang zusammen. Auf der ca. 6 Kilometer langen Strecke passieren wir das Multatuli Museum, das Huis mit de Hoofden, das Tulpenmuseum, das Anne-Frank-Haus, das Hausbootmuseum, das Hash Marihuana & Hanf Museum, Europas größten buddhistischen Tempel sowie die Oude Kerk inmitten des Rotlichtviertels. Und eine Grachtenfahrt ist auch noch drin.

Da Amsterdam aufgrund seiner Grachten für den PKW Verkehr nur bedingt geeignet ist, empfiehlt sich die Anreise mit dem Zug. So dachte auch ich bislang. Doch wer auf sein Fahrzeug nicht verzichten möchte, kann sehr gut im Parkhaus Interparking IJDock – kaum mehr als fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt – parken. Mit 3 € pro 23 Minuten erreicht man sehr schnell utopische Preise, weshalb sich ein Online-Check-In lohnt. Tagestickets können frühestens einen Tag vor Einfahrt online gebucht und per Kreditkarte bezahlt werden. Sie kosten dann nicht mehr als 15 Euro. Ein faszinierendes Schnäppchen.
Bares Geld kann auch bei einer Grachtenfahrt gespart werden. Mit 18 € schlägt beispielsweise eine einstündige Fahrt pro Erwachsenen zu Buche, steigt man in eines der Boote am Hauptbahnhof. Während unseres Spaziergangs stoßen wir auf Höhe der Straßenbahnstation Amsterdam Rokin zufällig auf die Reederei P. Koo´J, die bei gleicher Fahrdauer lediglich 11 € verlangt.

Obwohl ich Amsterdam etliche Mal besucht habe, ist der diesjährige Ausflug etwas Besonderes. Schlenderte ich sonst ohne konkreten Plan durch die verwinkelten Grachten und Gassen, entdeckte ich oft zufällig wunderbare Orte, Kneipen und Cafés. In der Regel blieben dies einmalige Entdeckungen, denn bei keinem der kommenden Besuche, fand ich erneut den Weg dorthin.
Umso besser, dass der Amsterdam Stadtführer diesmal einen Plan stellt. Nicht nur in Form seiner herausnehmbaren Faltkarte, sondern auch mit hochinteressanten Details zur historischen Stadtentstehung und der modernen Stadtentwicklung.
Im Kapitel „Architektur“ und „Venedig des Nordens“ findet der Leser viele Hintergrundinformationen, die die Begriffsherkunft erläutern. Der vorwiegend morastige und weiche Erdboden macht eine Ständerbauweise nötig, die der Venedigs gleicht. Tausende Baumstämme verankern die Bauwerke der Stadt in tragenden Erdschichten in einer Tiefe von 10-20 Metern.
Der Status der Niederlande als ehemalige Kolonialmacht schaffte die heutige kulturelle Vielfalt, die nicht nur in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam gelebt wird.

Mit dem Stadtführer MM-City Amsterdam findet man sich vor Ort sehr gut zurecht.
Vorweg werden Leser sehr hilfreich unterhalten und lernen viel über die Besonderheiten Amsterdams.
Ergänzen können Reisende ihr Stadtwissen durch die einstündige Grachtenfahrt, auf der beispielsweise die Immobilienbesteuerung an den Grachten thematisiert wird. Diese Besteuerung ist der Grund, warum die Häuser so schmal sind. Denn sie wurde nicht etwa auf die Fläche eines Hauses, sondern pro laufenden Meter an einer Gracht berechnet. Geld sparte also, wer schmal und in die Tiefe baute.

Ein Reisebericht von Oliver W. Steinhäuser


Reisebericht vom Buch- und Medienblog_Stempel_Reisebericht_Oliver SteinhäuserVorbereitung der Reise durch:
Annette Krus-Bonazza
Amsterdam
ISBN 978-3-95654-125-4

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Lesebericht zu „Das Büro der einsamen Toten“ von Britta Bolt

Rezension Oliver Steinhäuser, Amsterdam, Büro der einsamen Toten, GrachtenAmsterdam, die Stadt der Kuriositäten wird Schauplatz einer leger lässigen Geschichte. Wie kann es da anders sein, als dass der strafversetzte Pieter Posthumus im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen arbeitet und mit seiner euphorischen Genauigkeit jedes Detail der unbekannt verstorbenen Menschen unter die Lupe nimmt?

Eines Morgens wird ein Mann, gekleidet mit einer traditionellen Djellaba, in einer Gracht aufgefunden. Ertrunken. Die Identität des Toten ist zunächst unbekannt und die Polizei schließt Fremdverschulden aus. Daher landet der Fall im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen, wo Pieter Posthumus sich diesem annimmt. Als er sich gemeinsam mit seinem Kollegen in der Wohnung des Toten umsieht, um Hinweise auf dessen Identität zu finden sowie eine Bestandaufnahme seines Nachlasses zu ermitteln, wird er von einem Stromschlag aus einem Teaser außer Gefecht gesetzt. Jeder andere würde sich davon einschüchtern lassen, oder zumindest vorsichtiger vorgehen. Nicht jedoch PP – wie er von seinen Freunden genannt wird. Seine Neugier wird von dieser Tat geradezu beflügelt und sein detektivischer Trieb geweckt.
Während Pieter Posthumus seinen Untersuchungen nachgeht, ermittelt parallel der niederländische Staatsschutz, um die unter Terrorverdacht stehende „Amsterdamer Zelle“ dingfest zu machen. Dabei wechselt sich die Betrachtung der beiden Erzählstränge ab, sodass der Leser die Zusammenhänge kennt, die Posthumus verborgen bleiben.

Man könnte meinen, PP sei ein kleinlicher Mensch, der seinen Mitmenschen die Arbeit erschwert, da er immer mehr wissen möchte, als es für den jeweiligen „Fall“ notwendig wäre. Er ist ein echter Amsterdamer, denn das ist es, was den Charme dieser Stadt und ihrer Menschen ausmacht. Sie sind keinesfalls kleinlich, sondern eher sehr detailverliebt. Sie interessieren sich für ihre Umgebung nicht nur oberflächlich. Sie sind wirklich an individuellen Geschichten und Bekanntschaften interessiert, denn im Gegensatz zu unserer deutschen Stressmentalität, nimmt man sich in Amsterdam Zeit für Fremde. „Amsterdam, dieses merkwürdige Spinnennetz von einer Stadt, hatte die Eigenschaft, seine Form zu wechseln, je nach Standort – wie ein Kaleidoskop, dessen Muster sich durch leichtes Schütteln veränderte“ (S.45). Hier ist man aufgeschlossen und unbekümmert. Und Zeit hat man in der Regel auch fast immer. Denn man nimmt sie sich!

„Das Büro der einsamen Toten“ ist trotz der Verarbeitung terroristischer Aspekte ein wunderbar leichter Roman, der es schafft, den Rezipienten in die merkwürdige Welt des Pieter Posthumus zu entführen. Eine Welt, in der zwischen Terrorismus, Unheil, Zeitmangel und Erfolgsdruck eben doch noch Zeit bleibt, sich um Menschen zu kümmern, deren Schicksal es ist, von der Gesellschaft völlig ungeachtet gewesen zu sein. Für PP ist sein Job eher eine Mission, bei der es irrelevant ist, ob er eine Beerdigung ohne Publikum organisiert, weil es keinerlei Verwandte gibt, oder ob er für ausgekundschaftete Hinterbliebene Seelsorge betreibt.Stadtplan Amsterdam2Das Vor- und Nachsatzpapier bilden jeweils den Stadtplan des Amsterdamer Zentrums ab. Dies ist besonders spannend, da der Leser die Wege der Protagonisten verfolgen kann und das Bild der Stadt Amsterdam sich ihm anschaulich einprägt.

Britta Bold
Das Büro der einsamen Toten
ISBN: 978-3-455-40528-6