Lesebericht zu „Das Büro der einsamen Toten“ von Britta Bolt

Rezension Oliver Steinhäuser, Amsterdam, Büro der einsamen Toten, GrachtenAmsterdam, die Stadt der Kuriositäten wird Schauplatz einer leger lässigen Geschichte. Wie kann es da anders sein, als dass der strafversetzte Pieter Posthumus im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen arbeitet und mit seiner euphorischen Genauigkeit jedes Detail der unbekannt verstorbenen Menschen unter die Lupe nimmt?

Eines Morgens wird ein Mann, gekleidet mit einer traditionellen Djellaba, in einer Gracht aufgefunden. Ertrunken. Die Identität des Toten ist zunächst unbekannt und die Polizei schließt Fremdverschulden aus. Daher landet der Fall im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen, wo Pieter Posthumus sich diesem annimmt. Als er sich gemeinsam mit seinem Kollegen in der Wohnung des Toten umsieht, um Hinweise auf dessen Identität zu finden sowie eine Bestandaufnahme seines Nachlasses zu ermitteln, wird er von einem Stromschlag aus einem Teaser außer Gefecht gesetzt. Jeder andere würde sich davon einschüchtern lassen, oder zumindest vorsichtiger vorgehen. Nicht jedoch PP – wie er von seinen Freunden genannt wird. Seine Neugier wird von dieser Tat geradezu beflügelt und sein detektivischer Trieb geweckt.
Während Pieter Posthumus seinen Untersuchungen nachgeht, ermittelt parallel der niederländische Staatsschutz, um die unter Terrorverdacht stehende „Amsterdamer Zelle“ dingfest zu machen. Dabei wechselt sich die Betrachtung der beiden Erzählstränge ab, sodass der Leser die Zusammenhänge kennt, die Posthumus verborgen bleiben.

Man könnte meinen, PP sei ein kleinlicher Mensch, der seinen Mitmenschen die Arbeit erschwert, da er immer mehr wissen möchte, als es für den jeweiligen „Fall“ notwendig wäre. Er ist ein echter Amsterdamer, denn das ist es, was den Charme dieser Stadt und ihrer Menschen ausmacht. Sie sind keinesfalls kleinlich, sondern eher sehr detailverliebt. Sie interessieren sich für ihre Umgebung nicht nur oberflächlich. Sie sind wirklich an individuellen Geschichten und Bekanntschaften interessiert, denn im Gegensatz zu unserer deutschen Stressmentalität, nimmt man sich in Amsterdam Zeit für Fremde. „Amsterdam, dieses merkwürdige Spinnennetz von einer Stadt, hatte die Eigenschaft, seine Form zu wechseln, je nach Standort – wie ein Kaleidoskop, dessen Muster sich durch leichtes Schütteln veränderte“ (S.45). Hier ist man aufgeschlossen und unbekümmert. Und Zeit hat man in der Regel auch fast immer. Denn man nimmt sie sich!

„Das Büro der einsamen Toten“ ist trotz der Verarbeitung terroristischer Aspekte ein wunderbar leichter Roman, der es schafft, den Rezipienten in die merkwürdige Welt des Pieter Posthumus zu entführen. Eine Welt, in der zwischen Terrorismus, Unheil, Zeitmangel und Erfolgsdruck eben doch noch Zeit bleibt, sich um Menschen zu kümmern, deren Schicksal es ist, von der Gesellschaft völlig ungeachtet gewesen zu sein. Für PP ist sein Job eher eine Mission, bei der es irrelevant ist, ob er eine Beerdigung ohne Publikum organisiert, weil es keinerlei Verwandte gibt, oder ob er für ausgekundschaftete Hinterbliebene Seelsorge betreibt.Stadtplan Amsterdam2Das Vor- und Nachsatzpapier bilden jeweils den Stadtplan des Amsterdamer Zentrums ab. Dies ist besonders spannend, da der Leser die Wege der Protagonisten verfolgen kann und das Bild der Stadt Amsterdam sich ihm anschaulich einprägt.

Britta Bold
Das Büro der einsamen Toten
ISBN: 978-3-455-40528-6

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