Lesebericht zu „Das Scherbenhaus“ von Susanne Kliem

Das Scherbenhaus von Susanne KliemWie entrinnst du einem Stalker, der dir absurde Fotos schickt und dich in Angst und Schrecken versetzt? Meist sind die Möglichkeiten einer Flucht begrenzt. Zelte können nicht einfach abgebrochen werden, das Bestreiten eines Lebensunterhalts löst sich nicht plötzlich in Wohlgefallen auf. In der Regel.
Doch für Carla ergeben sich all diese Umstände und sie kann dank eines Erbes an einen scheinbar sicheren Ort ziehen. Weit weg von der Erinnerung an ihren Stalker. Allerdings hat Carla diese Geschichte nicht verfasst. Oft sind Dinge anders, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie ist lediglich Teil eines irren aber detailliert ausgearbeiteten Plans.

Die von Susanne Kliem in „Das Scherbenhaus“ gezeichneten Personen sind mit Charaktereigenschaften ausgestattet, die man in ähnlicher Form auch aus anderen Geschichten kennt. Diese werden plötzlich aufgedeckt und lassen die bisherige Tarnung einer Person auffliegen und das darauf aufgebaute Lügengerüst zusammenfallen. Das Verwenden dieser „Bekannten“ ist nicht einmal schlimm, doch ist das Gerüst um eine solche Täuschung in diesem Buch nicht konsequent genug aufgebaut.
Andererseits veranschaulicht „Das Scherbenhaus“ die Möglichkeit der Instrumentalisierung labiler Menschen zumal wenn Unsicherheit und seelische Abhängigkeit auf gespielte Fürsorge, Wohlwollen und Schutz treffen. Das ergibt eine Kombination, die nicht selten zur Ausbeutung führt und Menschen zu Akteuren in einem geschickt durchdachten Marionettenspiel werden lässt.

Zeitgleich stellt dieses Buch die Frage nach dem Konzept eines Psychothrillers. Welche Details muss eine Geschichte aufweisen, damit sie dem Genre der Psychothriller zuzuordnen ist?
„Der psychische und/oder geistige Zustand einer Figur ist der Ausgangspunkt für die Bedrohung.“, schreibt Dr. Anette Huesmann auf ihrem Blog „Die Schreibtrainerin“.
Auf das „Scherbenhaus“ bezogen ist die Wahl des Genre zwar formal korrekt. Trotzdem hat der Leser das Gefühl, es passiere bis weit über die Hälfte des Buches nichts wirklich Schlimmes. Obwohl die Stiefschwester der Protagonistin Carla stirbt, Carla selbst gestalkt wird und ein absurd modernes Haus in Berlin erbt, erfährt der Leser nur wenig über die Panik und Bedenken der Protagonistin.
Das liegt an der Wahl der Figur, von der die oben genannte „psychische Bedrohung“ ausgeht. Es ist nämlich nicht Carla selbst, die diese Störung in sich trägt. Obwohl der Leser die Geschichte aus ihrer Perspektive betrachtet. Der psychopatische Charakter in „Das Scherbenhaus“ ist erstaunlicherweise ein extern Handelnder. Dieser wirkt sich auf die Geschichte aus, dringt mit seinen psychopatischen Gedanken und Fantasien allerdings nicht in die Gefühlswelt des Lesers ein. Als latente Gefahr steuert er gezielt Dritter, die sein Vorhaben ausführen. Das hat zur Folge, dass wir die psychische Störung lediglich von außen betrachten können und sich somit die Tiefe ihres Wahns nicht vollständig offenbart.
Der Aufbau dieser fehlenden Spannung hätte sehr effektiv durch eine weitere Ich-Perspektive stattfinden können. Wirre Fantasien, bei dem der Leser die Psychose oder Paranoia direkt und ungefiltert von äußeren Umständen mitbekommt. Dabei muss nicht ersichtlich sein, wem diese Gedanken zugehörig sind. Diesem Buch hätte es zu mehr „Psycho“-Spannung verholfen.

Susanne Kliem
Das Scherbenhaus
ISBN: 978-3-641-19743-8

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Welttag des Buches – Buchverlosung

Es ist wieder soweit! Heute ist der Welttag des Buches.

Bücher sind ein wunderbares Medium, um Menschen mit spannenden Geschichten zu unterhalten, sie zusammenzubringen und mit lehrreichen Beiträgen in ihrem persönlichen Reifungsprozess und dem Aufbau moralischen Verständnisses zu unterstützen.

Getreu des Motto des Buch- und Medienblogs „Du siehst, was du liest“ verlose ich „Mona“, ein Thriller zum Thema Cyberkriminalität.

Obwohl das Buch Schwachstellen im Spannungsbogen aufweist, ergeben sich aus dem Buch interessante Erkenntnisse zwischen zwei kulturell und religiös divergierenden Menschen.
Hier geht es zur Rezension!

Mona, buchblog, medien, thriller, cyberkriminalität, computervirusDie Teilnahme an der Verlosung des Thrillers erstreckt sich über eine Woche und endet am Sonntag, den 30.04.2017. Zur Teilnahme, kommentieren Sie diesen Beitrag. Beachten Sie auch, dass nur Teilnehmer mit deutscher Postanschrift an der Verlosung teilnehmen können!
Der Gewinner wird in der ersten Mai-Woche per E-Mail informiert!

Viel Spaß und einen schönen Tag des Buches!
Oliver W. Steinhäuser

 

Lebensbericht zu „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ von Johannes Krätschell

Herr Schlau-Schlau wird erwachsen_Johannes Krätschell_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Blog_Buchblog_PeriplanetaHannes ist 35 Jahre alt, als ihm seine Eltern mitteilen, dass sie umziehen werden und er sich nun eine eigene Wohnung suchen müsse. Eine Katastrophe, denn dieser Umzug bedeutet, dass seine täglichen Strukturen aus dem Ruder laufen werden. Wo soll er nur seine viertausend Bücher umfassende Bibliothek und das Lesesofa unterbekommen? Wo seine Zeitung kaufen und Pakete abgeben? Der Kiosk, an dem er all das sonst erledigt hat, ist von seiner neuen Wohnung zu weit weg, um dort täglich hinzulaufen. Zu allem Überfluss steht bereits am ersten Abend in seiner eigenen Wohnung der Nachbar Hupe vor seiner Tür, möchte Hannes kennen lernen und ihm seine Hilfe anbieten. Hannes ist perplex, denn gehört es sich nicht genau anders rum? Obwohl Hannes sich vor dem Verlust seiner eingefahrenen Struktur und Ordnung fürchtet, ist es Hupe, der ihm zum Ausbruch aus seinen mentalen Fesseln verhilft, ihm Neues zeigt und ihm die Existenz eines lebensfrohen Daseins neben seiner Parallelwelt aus Büchern zeigt.


„Deine Lorbeeren von heute sind schon morgen der Kompost im Garten deines Lebens.“ (S.99)


Dieses Buch legt man nur widerwillig zur Seite, denn es bedeutet, dass man von Melancholie erfasst wird. Hupe, Holger und Hannes sind dem Leser wahrhaftig ans Herz gewachsen. Sie leben ein Leben, indem jeder für den anderen einsteht, so wie beste Freunde es in der heutigen, von Hektik getriebenen Zeit fast nicht mehr imstande sind zu tun. Dabei kennen viele der Charaktere sich erst seit kurzer Zeit und durch mehr oder weniger unfreiwillige Umstände. Die Konstellation der Charaktere ist besonders gelungen, denn jeder stammt aus einem anderen sozialen Milieu. Was die Protagonisten und den Leser beim ersten Aufeinandertreffen abschreckt, ist der Kitt auf den zweiten Blick. Eine Gleichheit und Menschlichkeit die durch die zu meisternden Lebensumstände entsteht. Es ist so, als habe jeder nur eine Kernkompetenz und erst das Zusammenrücken der so unterschiedlichen Menschen ermöglicht ihnen das gegenseitige Profitieren voneinander. Ermöglicht ihnen echte Vielfalt.
Für Hannes bedeutet es den Ausbruch aus seiner starren Bücherwelt, die ihn bislang an die Theorie gebunden hielt. Er findet auf einmal Gefallen an der Praxis, denn sie ist das Leben.

Dass einige der Texte auch auf der CD zur Verfügung stehen, macht aus „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ einen besonderen und authentischen Ausflug in die Hauptstadt Deutschlands. Gerade Hupe sorgt mit seinem Berliner Dialekt für besondere Authentizität, sodass selbst ick beim Verfassen meener Meinung Obacht geben muss, meine Jedanken uff Hochdeutsch zu sortieren. Dit kann ja sonst ooch keener les’n.
schlau-sky
Durch die Zusammenkunft dieser grundverschiedenen Menschen, erzählt uns die Geschichte von Herrn Schlau-Schlau etwas über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimat. Der Leser fühlt die stille Sehnsucht nach Gleichgesinntheit, auch wenn diese – besonders in einer durch Anonymität geprägten Großstadt – oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.
„Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ fordert den Leser zum Überschreiten seiner Komfortzone auf, erinnert ihn an die Existenz des Neuen, nicht ausschließlich als Verlust von Gewohnheit und Selbstvertrauen, sondern auch als Chance zum positiven Wandel, zum Erweitern seines Horizonts und der Reflexion seiner eigenen Einstellungen. Neues bringt eben neben Ungewohntem gleichzeitig auch Abenteuer und Erfahrung. Diese lohnen sich für den Protagonisten Hannes. Und wir haben Spaß daran, wenn wir merken, das augenscheinlich divergierenede Intelligenzen sich wunderbar ergänzen.

Johannes Krätschell
Herr Schlau-Schlau wird erwachsen
ISBN: 978-3-95996-030-4