Lesebericht zu „Der Räuberbräutigam“ von Eudora Welty

Eudora Welty_Der Raeuberbraeutigam, Blog, Buch, Oliver SteinhäuserDrei Männer treffen auf der Suche nach einem Schlafplatz in einem Wirtshaus aufeinander. Während zwei der Männer um einen Schlafplatz suchen, hegt der Dritte ein Verbrechen. Er hat es auf das Vermögen des Pflanzers Clemens Musgrove und des Räuberhäuptlings Jamie Lockhart abgesehen.
Nur der Kühnheit des Jamie Lockhart hat der naive Clemens sein Leben zu verdanken, denn dieser wittert bereits die ausgehende Gefahr und bringt ihn und sich selbst in Sicherheit. Zu Hause angekommen erzählt Clemens seiner zweiten Frau Salome sowie seiner Tochter Rosamond (aus erster Ehe), welch ehrenwerten Mann er auf seiner Reise kennen gelernt hat und dass er eben diesen zum Dank in den kommenden Tagen zu Besuch erwartet.
In der Hoffnung die gehasste Stieftochter Rosamond loszuwerden, schickt Salome sie wiederkehrend zum hintersten Waldrand, um dort die besten Kräuter zum Kochen zu suchen. Dort, so hofft sie, reißt sie ein wildes Tier oder entführt sie ein Indianerstamm. Es dauert nicht lange, da wird das Mädchen von einem Räuber ihrer sämtlichen Kleider beraubt – von keinem geringeren als dem ehrenwerten Jamie Lockhart. Doch als dieser einige Tage daraufhin im Hause Musgrove zu Gast ist, erkennen er und Rosamond sich nicht. Denn er trägt keine Räubertarnung mehr und das Mädchen ist vom Arbeiten im Haushalt von oben bis unten verdreckt. Gemeinsam wird beschlossen, dass Lockhart Rosamonds Peiniger aufspüren soll. Als das Mädchen eines Tages wieder im Wald Kräuter sammeln muss, trifft sie erneut auf ihren Räuber und beginnt mit ihm ein gemeinsames Leben. Ohne über dessen Doppelleben zu wissen.

„Der Räuberbräutigam“ ist ein modernes Märchen, das auf typisch fabelhaften Elementen aufbaut. Merkmale sind etwa sprechende Tiere, notorische Lügner sowie ausufernde Naivität. Diese Zügellosigkeit dient allein dem Zweck, seinen Lesern eine Lehre zu sein und ihnen die Gefahren der Welt begreiflich zu machen. Dazu gehört auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens. Etwa begegnen dem aufmerksamen Leser die als „sieben Todsünden“ bekannten schweren Sünden des Katechismus der katholischen Kirche:
Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia und Acedia (Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit).
Hinter dem Deckmantel des Märchens erzählt Welty mit einer erbarmungslosen Neutralität von Mord, Menschenraub, sexuellen Übergriffen und Überfällen, als seien es Ereignisse ohne jedwede Auslösung menschlich-seelischen Gefühls. Zwischen Zeitsprüngen erheblichen Ausmaßes, Vorenthaltung prägender Geschehnisse sowie dem plötzlichen Verschwinden und unerwarteten Wiederauftauchen von Charakteren gleitet der Leser in ein poetisch-bildhaftes Märchen gleich der Impressionen, die uns die Welten der Gebrüder Grimm bereits in frühen Kindheitstagen prägten.

Eudora Welty
Der Räuberbräutigam
ISBN: 978-3-608-96028-0

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Lesebericht zu „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Rezension von Oliver SteinhäuserDas plötzliche Auftauchen eines kleinwüchsigen Mannes von grauenhafter Gestalt erweckt das Interesse des Gabriel Utterson, Freund und Notar des Dr. Henry Jekyll. Das äußerst schlechte Benehmen des ihm unbekannten Mannes, der auch vor Gewalt nicht zurück schreckt, jagt ihm ein Schauer über den Rücken, denn ausgerechnet zugunsten dieser mysteriösen Gestalt lautet das Testament des Dr. Jekyll. Der Anwalt Utterson begibt sich auf die Suche nach der Verbindung zwischen dem wahrhaften Übeltäter und dem angesehenen Doktor.

Die dabei aufgedeckten Umstände können abstruser nicht sein, denn in dem rechtschaffenden und vielgeschätzten Dr. Henry Jekyll lauert eine bestialische, sich nach Gewalt sehnenden Seite, deren Unterdrückung ihm zusehends außer Kontrolle gerät. Schuld daran ist sein zufällig entwickeltes Elixier, dass seine Böse von der Guten Seite zu trennen vermag. Mr. Hyde tritt in Erscheinung, in dessen Form Jekyll fortan unerkannt und ungesühnt seiner gewaltlüsternen Perversion nachgehen kann.
Doch birgt das Spiel auch für den Doktor eine Gefahr: Seine Experimente bleiben nicht ohne Folgen. Der in Jekyll schlummernde Mr. Hyde verlangt immer öfter nach einem öffentlichen Auftritt und drängt sich in das Leben des Jekyll, der seine Persönlichkeitsstörung immer weniger zu steuern vermag. Aus Angst die Kontrolle über seinen guten Ruf zu verlieren, richtet er sich selbst und beendet damit den merkwürdigen Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Dissoziative Störungen entwickeln in der modernen Kriminalliteratur und Psychothrillern eine steigende Popularität, durch die Autoren es immer wieder schaffen, ihre Leser auf falsche Fährten zu führen und sie zu hintergehen. Das Böse in jedem Menschen bietet auch nach Jahren noch immer umfassende Faszination, die Robert Louis Stevenson bereits im Jahre 1886 zum Anlass nahm, seine berühmte Ausformulierung des Doppelgängermotivs in der Weltliteratur zu verankern. Seine Novelle führt uns die Gefahr des Drogenkonsums vor Augen. Der Verzicht, Dr. Jekylls Elixier näher zu beschreiben, lässt einen allgemeinen Rückschluss zum Umgang mit Drogen und dessen Auswirkungen auf unser Leben zu. Bereits legale Drogen wie Alkohol führen bei stetigem und missbräuchlichem Konsum zu Wesensveränderungen und enden nicht selten in Gewalt und einem gewissen Kontrollverlust (vgl. dazu das Korsakow-Syndrom). Durch das Übertragen dieser Kenntnis auf den Konsum harter Drogen, wird die exponentiell ansteigende Gefahr der Bildung einer Schizophrenie und der damit verbundene Entwicklung weiterer Persönlichkeiten erschreckend deutlich.
Die gewohnt expressionistisch ausgeführten Zeichnungen Robert de Rijn´s (illustrierte 2014 „Der Nibelungen Untergang“) runden die düstere Geschichte mit spannenden Bildern ab.

Robert Louis Stevenson
Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde
ISBN: 978-3-15-011002-7

Lesebericht zu „Blood on Snow – Der Auftrag“ von Jo Nesbø

Jo Nesbø, Blood on Snow, Der Auftakt, Buch Blog, Oliver SteinhaeuserWas passiert, wenn ein einfältiger aber effektiver Auftragskiller die Frau seiner Träume trifft, die noch dazu sein nächster Mordauftrag ist? Welche Dummheiten mag der naive Olav Johansen, Protagonist, Auftragskiller und Erzähler in der Ich-Perspektive wohl begehen, um seine neu gewonnene Liebe – die Frau seines Aufraggebers – in Sicherheit zu bringen?

Der Auftragsmörder Olav ist nur schwer zu beschreiben. Während er einerseits kaltblütig mordet, ist er gerade bei Frauen sehr milde gestimmt. Seine samariterähnlichen Züge werden ihm beim Mordauftrag seines Chefs Hoffmann zum Verhängnis. Anstatt Corinna, die Ehefrau Hoffmanns, zu ermorden, tötet Olav den Geliebten Corinnas. Er bringt es einfach nicht übers Herz, Frauen etwas anzutun. Allerdings ist Hoffmann alles andere als erfreut über diese unverhoffte Wendung. Denn der ermordete Liebhaber war sein eigener Sohn.
Um des Rachemordes zu entgehen, versteckt Olav sich mit Corinna, und plant Hoffmann zu beseitigen. Während er und Corinna sich an einem sicheren Ort befinden, führt er die Ermordung an seinem Chef Hoffmann aus, und ahnt nicht, dass seine Naivität ihn in eine noch viel größere Falle gelockt hat.

Während des Lesens von „Blood on Snow“ blickt man anfangs unentwegt auf, unterbricht die Geschichte und fragt sich: „Warum bin ich bereits so vertraut mit den Geschehnissen? Und warum ist mir dieser dumme Auftragskiller so sympathisch?“ Zum einen wird dem Leser mit Nesbøs Auftaktthriller ein bekanntes, aber auf den ersten Blick nicht direkt zu identifizierendes Genre präsentiert: Den „Film Noire“, der besonders durch seine pessimistische Weltansicht sowie einem hohen Maß an Zynismus auffällt. Während die sogenannten „Schwarzen Filme“ die amerikanische Filmwelt der 1940er und 1950er Jahre prägten, adaptiert Jo Nesbø das Genre ins Oslo der 1970er Jahre. Eine Stadt, die zu dieser Zeit mit hoher Kriminalität zu kämpfen hatte. Jo Nesbø zeichnet starke Charaktere, die sich hauptsächlich durch ihre Handlungen, und weniger durch eine äußerliche Beschreibung präsentieren.
Nesbø erzeugt eine sehr interessante Balance zwischen Düsterkeit und komischen Entlastungsmomenten. Dieses aufeinander abgestimmte Zusammenspiel, macht selbst einen kalkulierenden Mörder irgendwie sympathisch. Vor allem dann, wenn dieser davon erzählt, wie er an einer vermeintlich Taubstummen immer wieder übt, einer Frau seine Liebe zu gestehen. So wie er auch Schießtraining an torsoähnlichen Gegenständen absolvierte, um sich für den Ernstfall zu rüsten.

„Blood on Snow – Der Auftrag“ ist eine neue Erfahrung und ein interessanter Auftakt, bei dem das Zuordnen eines Genres kaum möglich ist.

Jo Nesbø
„Blood on Snow – Der Autrag“
ISBN-13 9783550080777