Lesebericht zu „Blood on Snow – Das Versteck“ von Jo Nesbø

Jo Nesbø, Das Versteck, Blood on Snow, Ullstein, BuchblogDa ist er wieder und flimmert über die imaginäre schwarz-weiße Mattscheibe. Erneut darf der Leser seinen liebgewonnenen Olav, Ulf oder wie immer er sich selbst gerade nennt, beobachten. Ihm zuschauen wie er sich in seiner Naivität um Kopf und Kragen redet und seiner Umwelt oft schutzlos ausgeliefert ist. Und das obwohl er ein gesuchter Auftragskiller ist.

Wir begleiten unseren Protagonisten auf der Suche nach einem sicheren Versteck. Einem Zufluchtsort, an dem ihn sein letzter Auftragsgeber, der „Fischer“ um keinen Preis finden soll. Da Ulf ihn um eine Menge Geld betrogen hat, droht ihm die Vollstreckung seines eigenen Todesurteils. Im hohen Norden Norwegens hofft er seiner in Oslo ausgesprochenen Hinrichtung entgehen zu können.
Im Zentrum der Handlung steht – wie im Vorgängerband „Blood on Snow – Der Autrag“ – Ulfs kräftezehrende Beziehung zum weiblichen Geschlecht. Denn er verliebt sich in die streng gläubige Lea Sara, die ihn bei der Reinigung der Kirche eben dort schlafend auffindet. In ihrer Naivität steht sie Ulf in nichts nach. Aus diesem Grund gibt sie ihm völlig zweifelsfrei die Flinte ihres Mannes, damit er erste Schießübungen in der Jagdhütte inmitten der Finnmark absolvieren kann. Man benötigt kein sonderlich ausgeprägtes zwischenmenschliches Gespür um zu bemerken, dass die beiden sich annähern werden. Doch die Beschreibung der offensichtlichen Einfältigkeit ist die Kunst der konsequenten Ausarbeitung der Charakterzüge des Protagonisten. Das ist es auch, das dem Leser dieser unfähigen Drogenhändler und Kleinkriminelle so sympathisch werden lässt.

Neben der Liebesgeschichte durchzieht „Das Versteck“ auch den Zwiespalt mit dem Glauben und mit den inneren Geistern, die jeden von uns immer wieder auf die Probe stellen und einschneidende Entscheidungen von uns fordern. Gleichermaßen, wie zu treffende Entscheidungen auf dem Lebensweg eines Menschen, verhält es sich mit der Gläubigkeit. „Die Vernunft wohnt im Kopf, der Glaube im Herzen. Das sind nicht immer gute Nachbarn.“ Denn egal ob wir meinen zu wissen oder denken zu glauben, müssen wir uns doch auf beiden Wegen zu etwas bekennen.
Am Ende des Tages brauchen wir uns um unseren Protagonisten nicht sorgen. Obwohl das Leben ihn immer wieder in Erklärungsnot bringt schiebt sich im letzten Moment das Schicksal ein und liefert ihm eine plausible Geschichte. Wir können sogar etwas von ihm lernen:
Egal wie oft du scheiterst, solltest du nicht liegen bleiben, sondern aufstehen und weitermachen!

Jo Nesbø
Blood on Snow – Das Versteck
ISBN-13 9783550080784

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Lesebericht zu „Blood on Snow – Der Auftrag“ von Jo Nesbø

Jo Nesbø, Blood on Snow, Der Auftakt, Buch Blog, Oliver SteinhaeuserWas passiert, wenn ein einfältiger aber effektiver Auftragskiller die Frau seiner Träume trifft, die noch dazu sein nächster Mordauftrag ist? Welche Dummheiten mag der naive Olav Johansen, Protagonist, Auftragskiller und Erzähler in der Ich-Perspektive wohl begehen, um seine neu gewonnene Liebe – die Frau seines Aufraggebers – in Sicherheit zu bringen?

Der Auftragsmörder Olav ist nur schwer zu beschreiben. Während er einerseits kaltblütig mordet, ist er gerade bei Frauen sehr milde gestimmt. Seine samariterähnlichen Züge werden ihm beim Mordauftrag seines Chefs Hoffmann zum Verhängnis. Anstatt Corinna, die Ehefrau Hoffmanns, zu ermorden, tötet Olav den Geliebten Corinnas. Er bringt es einfach nicht übers Herz, Frauen etwas anzutun. Allerdings ist Hoffmann alles andere als erfreut über diese unverhoffte Wendung. Denn der ermordete Liebhaber war sein eigener Sohn.
Um des Rachemordes zu entgehen, versteckt Olav sich mit Corinna, und plant Hoffmann zu beseitigen. Während er und Corinna sich an einem sicheren Ort befinden, führt er die Ermordung an seinem Chef Hoffmann aus, und ahnt nicht, dass seine Naivität ihn in eine noch viel größere Falle gelockt hat.

Während des Lesens von „Blood on Snow“ blickt man anfangs unentwegt auf, unterbricht die Geschichte und fragt sich: „Warum bin ich bereits so vertraut mit den Geschehnissen? Und warum ist mir dieser dumme Auftragskiller so sympathisch?“ Zum einen wird dem Leser mit Nesbøs Auftaktthriller ein bekanntes, aber auf den ersten Blick nicht direkt zu identifizierendes Genre präsentiert: Den „Film Noire“, der besonders durch seine pessimistische Weltansicht sowie einem hohen Maß an Zynismus auffällt. Während die sogenannten „Schwarzen Filme“ die amerikanische Filmwelt der 1940er und 1950er Jahre prägten, adaptiert Jo Nesbø das Genre ins Oslo der 1970er Jahre. Eine Stadt, die zu dieser Zeit mit hoher Kriminalität zu kämpfen hatte. Jo Nesbø zeichnet starke Charaktere, die sich hauptsächlich durch ihre Handlungen, und weniger durch eine äußerliche Beschreibung präsentieren.
Nesbø erzeugt eine sehr interessante Balance zwischen Düsterkeit und komischen Entlastungsmomenten. Dieses aufeinander abgestimmte Zusammenspiel, macht selbst einen kalkulierenden Mörder irgendwie sympathisch. Vor allem dann, wenn dieser davon erzählt, wie er an einer vermeintlich Taubstummen immer wieder übt, einer Frau seine Liebe zu gestehen. So wie er auch Schießtraining an torsoähnlichen Gegenständen absolvierte, um sich für den Ernstfall zu rüsten.

„Blood on Snow – Der Auftrag“ ist eine neue Erfahrung und ein interessanter Auftakt, bei dem das Zuordnen eines Genres kaum möglich ist.

Jo Nesbø
„Blood on Snow – Der Autrag“
ISBN-13 9783550080777

Lesebericht zu „Der Sohn“ von Jo Nesbø

Der Sohn-Jo Nesbo-Buchblog-Oliver SteinhäuserZu welchen Taten kann uns das Lüften eines Geheimnisses beflügeln? Was sind wir imstande zu tun, wenn wir erfahren, dass das eigene Leben auf einer Lüge aufbaut. Und warum lässt diese innere Zerrissenheit zu, dass wir Mord als eine Option der Rache sehen, und wir mit einem kaltblütigen Mörder sympathisieren?

Sonny, dessen Vater scheinbar ein korrupter Maulwurf bei der Polizei war, der sich durch Selbstmord seiner Verantwortung entzog, sitzt seit seinem 18. Lebensjahr im Gefängnis. Für Morde, die er nicht begangen hat. Seine Drogenabhängigkeit führt dazu, dass er auch weitere Delikte auf sich nimmt. Denn im Gegenzug erhält er, im Wissen der Gefängnisdirektion, Drogen. Als Sonny eines Tages erfährt, dass sein Vater weder korrupt war, noch Selbstmord begangen hat, will er Rache. Er bricht aus dem Gefängnis aus und begibt sich auf einen Rachefeldzug, bei dem er alle töten will, die mit dem Tod seines Vaters zu tun hatten und weitere unschuldige Menschen umgebracht haben.

Jo Nesbø kritisiert in seinem Thriller korrupte Verwicklungen der Politik und der organisierten Kriminalität mit bestechbaren Behörden des Vollzugs sowie den Drogen- und Menschenhandel.
Er beschränkt sich in der detaillierten Ausführung seiner zahlreichen Charaktere nicht nur auf die echten Protagonisten. Durch die Sorgfalt in der Beschreibung, erhält der Rezipient ein scharfes Bild aller beteiligten Personen. Dies führt dazu, dass es scheinbar keine Randdarsteller in „Der Sohn“ gibt, da man stets das Gefühl hat, jede einzelne Rolle vollständig zu kennen. Diesen Effekt erzeugt Nesbø durch die aufregende Betrachtung des „Sohnes“ Sonny, aus der Sicht der direkt beteiligten Menschen. Jede neue Persönlichkeit wird stets durch die Betrachtung Sonnys und seine Handlungen integriert und führt dazu, dass wir die Motive des Mannes besser verstehen. Diese Art der Betrachtung erlaubt es dem Leser weiterhin, die Person, die Sonnys Handeln sequenziell betrachtet, aus einer inneren Ansicht kennenzulernen. Eine Betrachtung durch den allwissenden Erzähler entfällt. Die Spannung steigt.
Als sich die Situation zuspitzt, nehmen die Alleingänge von Kommissar Simon Überhand. Er bemerkt Beweise, die kein anderer Polizist wahrnimmt, behält sie für sich und geht im Alleingang auf die Suche nach dem rachesüchtigen Sonny, dessen Mission die Eliminierung des wahren Maulwurfs ist. Simon findet Sonny, denn sie verbindet etwas: Er war der beste Freund seines verstorbenen Vaters Ab Lofthus. Simons Job wäre es, Sonny den Behörden auszuliefern, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Stattdessen hilft er dem jungen Mörder, seinen Rachefeldzug erfolgreich zu beenden, denn auch Simon verbirgt ein dunkles Geheimnis, dem er nicht mehr länger gegenüberstehen kann.

Zwischen all diesem knallharten Stoff, ist es Sonny Lofthus, dem der Rezipient eine sehr starke Sympathie entgegenbringt. Er leidet mit seiner auf Lügen gebauten Vergangenheit, trauert um seine verpassten Chancen und hofft insgeheim, dass der junge Mann sein Ziel erreicht und der Geschichte ohne Blessuren und wohlauf entfliehen kann. Der Umstand, dass er sich in seiner Naivität in die junge Martha verliebt, ist die Krönung der Geschichte, denn die Frau ist der rettende Treibstoff, als Sonnys Motor zu stottern beginnt.

„Der Sohn“ ist eine wahnsinnig mitreißende Geschichte, die durch die Themenauswahl, als auch die kraftvoll beschriebenen Charaktere, ihre Einmaligkeit entfaltet. Beobachtet der Leser Kommissar Simon aufmerksam, fällt ihm auf, dass seine Art der Betrachtung von Situationen, sich sehr prägend auf das gesamte Buch niederschlägt. Denn Simon wechselt stets den Blickwinkel während seiner Analyse eines Tatortes, sieht immer etwas mehr als andere. Genau wie der Leser dank der Betrachtung Sonnys durch andere, immer eine Nuance mehr über den jungen Mann weiß und somit ein sehr scharfes Bild seiner Umstände entsteht.

Jo Nesbø
Der Sohn
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13 9783550080449