Lesebericht zu „Transition – Das Programm“ von Luke Kennard

Transition_Luke Kennard_Rezension_Oliver Steinhäuser_Blog_BuchblogDu bist Mitte dreißig, hast Schulden und arbeitest mehr oder weniger freiberuflich als Texter. Den Bedürfnissen deiner geliebten aber psychisch labilen Freundin möchtest du jedoch trotzdem irgendwie gerecht werden.
Durch den Aufbau einer Kreditkarten-Blase wahrt Karl den Schein eines einigermaßen soliden Lebens. Mit dem Zerplatzen dieser Traumwelt ist der Beitritt bei Transition der letzte Ausweg vor einer Gefängnisstrafe. Eine Organisation, die verspricht, sich um ihre sogenannten Protegés zu kümmern und sie durch gute Ausbildungen wieder zu rechtschaffenden Mitgliedern der Gesellschaft zu formen.

Der verschuldete Karl und seine Frau Genevieve werden bei ihren Mentoren empfangen. Die einzige Einschränkung scheint auf den ersten Blick das Einbehalten ihrer Gehälter zu sein. Damit sollen Schulden abgetragen und zukunftsfähiges Kapital aufgebaut werden. Das ergibt für Karl zunächst auch Sinn und ist allemal besser, als seine Schulden in einer Gefängniszelle abzusitzen. Doch während Karls Skepsis ihn dazu leitet zu hinterfragen, was der Sinn dieses „wohltätigen“ Programms ist, blüht seine Frau Genevieve geradezu auf und wandelt ihren alten Trott durch neuen Aufgaben und Tätigkeiten bei Transition. Geblendet vom Schein entgeht ihr, was Transition mit der Chance für Straftäter wirklich erreicht. Sie nehmen nämlich ausschließlich auserwählte Paare auf. Es geht weniger um die Chance des Rechtsbrechers auf Besserung, sondern um die Aufnahme ihrer loyalen Partner. Denn wer sich einem extrovertierten Partner jahrelang unterordnete, der bringt auch Transition gegenüber seine volle Geduld und Regelkonformität entgegen. Der gute Zweck ist demnach nur Schein und dient zur Rekrutierung beeinflussbarer und kontrollierbarer Persönlichkeiten.


„Transition“ knüpft nicht an „Der Circle“ von Dave Eggers an. Weder thematisch noch stilistisch. Wer das Buch mit dieser Erwartungshaltung kauft, wird meiner Einschätzung nach enttäuscht.


Da Luke Kennards Schreibstil mich von Beginn an nicht fesseln konnte, haderte ich sehr lange mit dieser Rezension. Ich fand keinen Zugang ins Buch hinein, verlor zwischendrin mehrfach die Lust und habe erst zum Ende hin eine persönliche Freude entdeckt.
Sie gilt der Idee, wie Transition ihre „Schützlinge“ aufnimmt und sie in A und B Klassen drängt. Dabei nutzen sie Naivität aus und suggerieren, dass sie ein Programm seien, bei dem jeder Teilnehmer gewinnt. Auf der Suche nach genau diesen gutgläubigen Menschen ist das Programm Transition. Doch selbst wer nur über rudimentäre Wirtschaftskenntnisse verfügt, weiß, dass das Anheben des eigenen Gewinns ab einer gewissen Grenze nur noch über das Herabsetzen der Margen dritter Wirtschaftsteilnehmer funktioniert. Im Fall von Transition erfolgt dies einerseits über die Beschäftigung der B-Protegés am Existenzminimum. Es erfolgt jedoch auch über das indirekte Herabsetzen des Selbstwerts der A-Teilnehmer. Sie werden augenscheinlich zwar emotional aufgebaut und man trägt Sorge, dass sie sich selbst als essentiell und wertvoll wahrnehmen. Rücklings sorgt ihre Loyalität aber auch dafür, dass sie Transition ihre Ideen mitteilen und das Programm an den daraus generierten Einkünften beteiligen. Genau so gehen Selbstwertaufbau und -verlust Hand in Hand.

Luke Kennard
Transition
ISBN: 978-3-426-28167-3

Advertisements

Ermittlungsbericht zu „Es klingelte an der Tür“ von Rex Stout

Es klingelte an der Tür_Rex Stout_Klassiker_Buchblog_Oliver Steinhäuser_Blog_Klett-CottaAm vergangenen Samstag, den 11. 03.2017, erschien „Es klingelte an der Tür“ von Rex Stout
Morgen (16.03.2017) findet um 19:30 eine Lesung im Gartencenter Kriesten in Leonberg statt. Thomas Klingenmeier, seit 1988 Krimikolumnist bei der Stuttgarter Zeitung, liest aus dem Werk.

Kein Wunder, dass Mrs. Bruner vom FBI überwacht wird. Wer tausende Exemplare eines Enthüllungsbuchs über diese mächtige staatliche Institution kauft und es landesweit dritten schickt, verhält sich nicht gerade staatsloyal und unterwürfig. Nun steht mir diese exzentrische Dame gegenüber und beauftragt mich mit der Unterbindung dieser Überwachung. Allerdings ist es eine ziemlich heikle Sache gegen das FBI vorzugehen. Doch genau damit beauftragt mich meine Klientin, Mrs. Bruner. In der Annahme der Unmöglichkeit einer Erarbeitung eines Planes zum Unterbinden der Überwachungstätigkeiten des FBI, vertröste ich sie skeptisch. An eine Erfüllung dieses Auftrags glaube ich zunächst nicht. Bis plötzlich der Polizeichef des Morddezernats aufschlägt.

Eben dieser unterbreitet meinem Assistent Archie Goodwin und mir, dass das Federal Bureau of Investigation mit dem Gedanken spiele, uns die Ermittlerlizenz als Detektive zu entziehen. Dass der Mordermittler zeitgleich einen ungelösten Mordfall auf dem Schreibtisch liegen hat und davon ausgeht, dass Agenten des FBI diesen verübt haben, scheint eine „Win-Win-Situation“ für mich, den Privatermittler Nero Wolfe sowie den leitenden Ermittler der Mordkommission, Mr. Cramer, zu sein.
Damit genug. Alles weitere erfahren Sie in dem Bericht meines Assistenten Archie Goodwin:
Das FBI ist geradezu unantastbar, kaum ernsthaft angreifbar. Mrs. Bruners Fall anzunehmen wäre Wahnsinn, da das Durchsetzen ihres Anliegens aussichtslos scheint. Doch was der Mordermittler Mr. Cramer mir, Archie Goodwin, im Vertrauen erzählt, passt geradezu perfekt zu unserem Auftrag. Es gibt für seinen ungelösten Mordfall einen Zeugen, der drei FBI-Agenten aus der Wohnung des Mordopfers kommen sah. Cramer ist davon überzeugt, dass das kein Zufall ist und möchte, dass Nero Wolfe und ich dem FBI den Mord nachweisen. Unantastbar bleibt die staatliche Institution allerdings noch immer.
Wolfe und ich glauben nicht, dass Agenten derart dilettantisch vorgegangen wären. Es muss einen anderen Mörder geben, jedoch ebenfalls berechtigte Interessen des FBI. Wir entschieden uns, zum Schein, gegen das FBI zu ermitteln. Im Stillen konzentriertenen wir uns allerdings auf die Entlarvung des tatsächlichen Mörders. Anders konnten wir es nicht bewerkstelligten, da wir seit Mrs. Bruners Besuch ebenfalls auf Schritt und Tritt überwacht wurden. Mehr verrate ich nicht.

rex-stout_es-klingelte-an-der-tuerMehr Informationen bekommen Sie auch vom Buch- und Medienblog nicht, außer, dass „Es klingelte an der Tür“ eine wunderbar erzählte Detektivgeschichte ist, dessen Seiten man mit Bedacht umblättert, weil man weiß, dass sie sich Blatt für Blatt dem Ende einer guten Unterhaltung nähert. Der Leser kommt um zwischenzeitliches Schmunzeln nicht umher. Etwa wenn Goodwin und Wolfe wieder einmal in den Absurditäten einer aussagelosen Kommunikation stecken, die keine klaren Schlüsse zulässt, weil sie von einer lückenlosen Überwachung des FBI ausgehen und ihre echten Erkenntnisse nicht verraten wollen.
Außerdem thematisiert Rex Stout bereits damals den Zwiespalt zwischen „Sicherheit vor Freiheit“. Diese Frage hat auch in unserer heutigen Gesellschaft, in der einige Personen(gruppen) inmitten einer diffusen Bedrohung als Gefahrenpotenzial wahrgenommen werden, nicht an Virulenz verloren.

Rex Stout
Es klingelte an der Tür
ISBN: 978-3-608-98111-7  (Leinenband)

Lesebericht zu „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle_Dave Eggers_KiWiWie viel technologischen Fortschritt verträgt die Menschheit? Ab wann verdrängt die Gier nach Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken ein authentisches und natürliches Miteinander?

Themenschwerpunkt in Dave Eggers „Der Circle“ ist die totale Vernetzung des Lebens mit sozialen Diensten, Arbeitgebern und staatlichen Institutionen. Durch den starken Bekanntheitsgrad des Internetunternehmens „Der Circle“ entsteht in der Bevölkerung ein großes Interesse an den Tätigkeiten der Firma und dessen Projekten. Ein intrinsisches Verlangen nach völliger Transparenz durchbricht schlagartig die unternehmensinternen Interessen und breitet sich in einem Großteil der Gesellschaft aus, die fortan alles über jeden wissen möchte und keine Mühe scheut auch den entlegensten Winkel der Erde mit Kameras auszustatten.

Während sich Mae Holland, die 24-jährige Protagonistin, stetig den digitalen Konventionen des Circles angleicht, verliert sie zunehmend die analoge Welt aus den Augen. Menschen die ihr immer wichtig waren, die sie liebte, sind plötzlich eine Minderheit. Denn sie wollen nicht gläsern sein, nicht alle Gefühle, Situationen und Meinungen mit der Öffentlichkeit teilen. Doch für Mae zählen nur noch Parolen wie: Geheimnisse sind Lüge – Teilen ist Heilen – Privatshäre ist Diebstahl. Ihr entgleiten zwischenmenschliche Fähigkeiten, wie das Zuhören oder eine Unterhaltung zu führen, weil sie einer permanenten Reizüberflutung durch mobile Medien gegenüber steht. Sie wird sozial völlig autistisch.

Während die Transparenz der Menschheit dafür sorgen soll, alles Menschliche zu verstehen und keinen Raum für Fehlinterpretationen zuzulassen, geschieht doch letzten Endes genau das. Kein überwachter Mensch verhält sich so, wie er es in Freiheit tun würde. Ständig muss man auf sein eigenes Tun achten, sich stets verhaltensoptimiert präsentieren, um dem „Publikum“ – den Viewern – zu gefallen und um die meisten „Smiles“ zu erhalten.

Dave Eggers Ausblick auf die mögliche Zukunft ist weitaus mehr, als Fiktion. Soziale Netzwerke sind bereits jetzt ein Werkzeug zur optimierten Präsentation seines Selbst. „Der Circle“ ist ein Spiegel, der jeden von uns auffordert, seine Motive und Aktivitäten innerhalb solcher Parallelwelten zu reflektieren. Das Werk zeigt auch sehr imposant, welche Divergenzen sich bereits jetzt zwischen einer einzelnen Generation durch rasante technische Neu- und Weiterentwicklungen herauskristallisieren.

image_manager__av_image_full_circle_screenUnd während ich weitere Einladungen zu „Gefällt-mir-Seiten“ bekomme und sensationsgierige selbstschönende Posts aufploppen, hoffe ich, dass uns vor dem vollendeten geistigen Verfall noch eine lange schöne Zeit bevorsteht.

Hier noch eine schöne Website des Verlags zum Buch!

Dave Eggers
Der Circle
ISBN: 978-3-462-04675-5
560 Seiten, gebunden, mit Zeichenband