Lesebericht zu „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan

Buchblog, Oliver Steinhaeuser, David LevithanWas bedeutet es, jeden Tag jemand anderes zu sein? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich am Abend schlafen legst und nicht weißt, wer du am folgenden Morgen bist? Für dich selbst ist es nicht relevant, was du mit diesem einen Tag im Leben eines anderen machst und wie du diesen einen Tag steuerst. Doch das Leben all der anderen kannst du erheblich beeinflussen. Fluch oder Segen?

Der geschlechts- und körperlose A wacht seit seiner Geburt, jeden Tag in einem anderen Körper auf und muss sich auf das Leben des ihm geliehenen Körpers einlassen, um auf dessen Alltag möglichst geringe Auswirkungen zu nehmen. Lange Zeit hat A sich auf dieses Leben eingestellt, sodass es funktioniert und er die Existenz der geliehenen Körper nicht durcheinander bringt. Bis A eines Tages auf Rhiannon trifft, in die er sich verliebt.
Der Leser lernt den 16 jährigen A am 5994 Tag seines Lebens kennen, und begleitet ihn für 41 Tage. Die einzigen Konstanten in seinem Leben ergeben sich daraus, dass A stets im Körper gleichaltriger Jugendlicher, in relativer räumlicher Nähe zu seinem letzten Aufenthaltsort erwacht.
Durch die Liebesgeschichte zwischen A und Rhiannon, lernt der Leser eine Menge junger Menschen kennen und erfährt sehr viel über deren Gewohnheiten und Eigenheiten. Trotz der Vielzahl an verschiedenen Charakteren, sind die Eigenschaften der Individuen sehr detailliert ausgearbeitet. Levithan schafft ein breites Spektrum Jugendlicher, in einer der spannendsten Phasen des Lebens. Selbstfindung, Revolte und Zweifel sind nur einige der aufreibendsten Perioden im Leben eines Teenagers. 41 Charaktere, die durch ihre Herkunft, Lebenssituation und ihrem Äußeren kaum unterschiedlicher sein könnten, ermöglichen einen Blick über die Vielfalt unserer Gesellschaft. Und deren Ängste: Sucht, Depressionen, Selbstmord, Homosexualität und Glaube.
Neben all diesen Fragen einer ganzen Generation, geht es auch um die Frage, ob es möglich ist, eine körper- und gestaltlose Person lieben zu können. Einem Menschen, dessen Erscheinungsbild einem täglichen Wandel unterzogen ist. Dessen Inneres jedoch absolut beständig ist und immer gleich bleibt. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ beschreibt den Zwiespalt des A, der in einem fremden Körper steckt, und sich fragt, ob er diesen auch für seine Bedürfnisse benutzen darf.

David Levithan nimmt seine Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die zum Nachdenken anregt. Dabei schreibt er in einer bildlichen und flüssigen Sprache. Dass die Identifikation mit A schwerfällt, ist der inneren Zerrissenheit des Protagonisten geschuldet, dem eine eigene Identität selbst lieber wäre, als mit dem täglichen Wandel zu leben. Letztendlich ist er zwar immer da, aber nie wirklich nah.
Die Geschichte überwindet alle Grenzen der Liebe und des Lebens, und hinterlässt, gerade in unserer vom äußeren Eindruck geprägten Zeit, den Wunsch nach Anerkennung innerer Werte.

David Levithan
Letztendlich sind wir dem Universum egal
ISBN: 978-3-10-402437-0

Lesebericht zu „Nummer Zwei“ von Claus Probst

Nummer Zwei_Fischer_Claus ProbstWas bewegt einen unbescholtenen Bürger dazu, eine getötete junge und hübsche Frau zu entführen? Was geht in einem Kopf vonstatten, wenn dieser Mann diese provokant positionierte Frau in seinen Wagen lädt, sie nach Hause bringt und in der Tiefkühltruhe mit dem Liebslingskuscheltier seiner eigenen Tochter versteckt?

Klappentext:
Am frühen Morgen findet er sie: die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, schutzlos. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort und bringt es zu sich nach Haus. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der schon zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber er muss so handeln.
Fallanalytikerin Lena Böll sucht nach einem vermissten jungen Mädchen. Doch der Serienmörder brüstet sich per SMS bereits der Tat. Aber nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Lena Böll beginnt ein hochriskantes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Bereits die ersten Seiten des Titels fesseln den Rezipienten und werfen in ihm eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser ominöse Mann, der die tote Frau vom Tatort entfernt, dabei Spuren verfälscht und zerstört, sein Fehlverhalten erkennt und trotzdem genau so handelt? Faszination, Spannung und Irritation begleiten den Leser von Anfang an, während Claus Probst langsam die ersten Rätsel lüftet, die bahnbrechenden Aspekte doch nur sehr zögerlich illustriert.
„Nummer Zwei“ versetzt den Leser auf eine stürmische Reise, die begleitet von einem aufbäumen der Gefühle und Emotionen in einem glorreichen Finale endet.
Die einzigartige Geschichte arbeitet alle Beteiligten sehr gut heraus, erweckt sie zum Leben und verzichtete dabei auf die genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, ohne dabei an Spannungsarbeit zu sparen.
Claus Probst zeichnet seine sehr originell gestalteten Charaktere mit einer Tiefgründigkeit, die er auf eine feinfühlige und menschliche Art beschreibt. „Nummer Zwei“ überzeugt durch die erzählten Hintergrundgedanken der Charaktere, da sie dem Leser ein sehr genaues Bild vor Augen führen. Es ist detailreich geschrieben, ohne langatmig zu sein. Die sukzessive eingestreuten Details aus den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren – vergleichbar mit Hinweisen für den Leser – fügen das Gesamtbild des Buches fortlaufen zusammen. Dank einer sehr gut durchdachten Konzeption hat man jedoch immer ausreichend Information um die aktuelle Situation nachvollziehbar erfassen zu können, ohne etwas vorweggenommen zu bekommen oder an Spannung zu verlieren.

Claus Probst arbeitet in „Nummer Zwei“ mit dem psychologischen Aspekt der Traumabewältigung, welches das Buch stark thematisiert und dem Leser die facettenreichen Charakteren verdeutlicht.

Claus Probst
Nummer Zwei
Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19691-3