Lesebericht zu „In jedem Augenblick unseres Lebens“ von Tom Malmquist

9783608983128_Tom Malmquist_Rezension_Besprechung_In jedem Augenblick unseres Lebens_Oliver Steinhäuser_Blog_Buch_LiteraturDie Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, zu dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach,  und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle „Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit seiner Freundin Karin innerhalb kürzester Zeit die Tür des Vertrauten und Geborgenen für immer zuschlägt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die zerschmetternde Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.
Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.
Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist ein Buch. Gegenwart und Erinnerung finden darin einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebt sein, an die Freuden und den Zweifeln. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz aller Umstände zu jeden Moment unserer Existenz leben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während den tragischen Ereignissen. Ohne sie drohen dem Leser der Verlust der Struktur und das Verschwimmen der Zeilen. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Sie verschwimmen im Kummer, ja Ohnmacht, und sind für Tom kaum in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.
Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, die Tom zu bewältigen hat, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge – Informationen, mit denen sich nur Eltern identifizieren können: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht – in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot und das erschwert den Vorgang ungemein. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
In jedem Augenblick unseres Lebens
978-3-608-98312-8

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Lesebericht zu „Die Vermissten“ von Caroline Eriksson

Die Vermissten von Caroline Eriksson, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Rezension, PsychothrillerMeine Gedanken schweifen ständig ab, ich sehe und fühle schreckliche Dinge. Ich liebe einen verheirateten Mann dessen Autorität mich wie besessen an ihn fesselt. Mich in den Bann zieht, obwohl er mich demütigt und unterdrückt. „Du bist schon ein bisschen verrückt. Hast nicht mehr alle Latten am Zaun, was?“, gibt er mir gelegentlich zu verstehen. Die Grenze meiner Realität und den Dingen die wirklich existent sind, ist ein immer schmaler werdender Pfad, an dessen Endpunkt Unglaubwürdigkeit und Irrsinn warten.
Mein Name ist Greta. Willkommen in meiner Paranoia.

Während eines Bootsausflugs auf dem mysteriösen Maransee, dem Nachtmaar, verschwinden bei einer Inselerkundung Gretas Freund sowie seine Tochter spurlos. Panisch sowie hin- und hergerissen sucht Greta, die während der Erkundung im Boot gewartet hat, die Insel nach den beiden ab. Doch sie sind spurlos verschwunden. In ihrer aufkeimenden Panik erkennt der Leser bereits einiges über Gretas Geisteszustand. Sie handelt völlig irrational, ist apathisch und total überfordert. Bereits das zweite Kapitel lässt erahnen, in welch desolatem Zustand Greta sich befindet. Es kristallisiert sich eine Paranoia heraus, die es ihr unmöglich macht, klare Gedanken zu formen.
Auf ihrer Suche trifft sie auf eine Jugendgruppe, die Tiere quält, randalieren und ihre Mitmenschen in Angst und Schrecken versetzen. Der Leser befindet sich in einem ständigen Zwiespalt zwischen dem Glauben an real geschehende Ereignisse und dem Verdacht auf eine Fantasie der Protagonistin. Durch die konsequente Betrachtung aus der „Ich-Perspektive“ verschleiert Caroline Eriksson dies und lässt keinen eindeutigen Rückschluss zu. Das führt in einigen Thrillern zum Spannungsaufbau, da der Leser zeitweise zu falschen Schlussfolgerungen getrieben wird. Diesem Titel hätte ein Perspektivwechsel jedoch nicht geschadet. Vor allem, da am Ende nicht alle Trugschlüsse ausgeräumt werden. Es kommt kein Licht ins Dunkel:
„Es ist mitten in der Nacht. Es ist der Punkt, an dem man genauso weit von der Abenddämmerung entfernt ist wie vom Morgengrauen. Dunkelheit von allen Seiten, Dunkelheit, wohin ich mich auch wende.“ So geht es nicht nur der Protagonistin.

Eriksson verdeutlicht, auf welch erschreckende Weise Menschen einander manipulieren und indoktrinieren können. Dabei ufert ihre Protagonistin so sehr aus, dass der Kontext verloren geht und der Leser sich im Nirwana einer geistig verwirrten Persönlichkeit verliert. Man könnte gar vom Verlust der Kontextualisierung sprechen. Sie bedeutet, dass komplexe und vielschichtige Wörter aus ihrem sprachlichen Zusammenhang heraus betrachtet werden müssen, ganz so, wie auch kulturelle Objekte nur in deren spezifischen Zusammenhängen heraus betrachtet Sinn ergeben.
Diesen Mangel an Informationen zur Herstellung der Bezüge ist die große Schwachstelle dieses Psychothrillers.

Caroline Eriksson
Die Vermissten
ISBN: 978-3-328-10038-6