Lesebericht zu „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo CognettiAm Montag, den 11. September 2017, erschien „Acht Berge“

Der Umzug der Familie nach Mailand entzieht ihnen das vertraute Leben und Wandern in den Bergen ihrer Heimat, des Veneto. Paolos Mutter setzt mit ihrem steten Willen den Entschluss durch, ein kleines Haus in Grana zu mieten. Eine Sommerresidenz, die das Kleinod der Familie werden würde. Während Paolo und seine Mutter in den Sommermonaten im Bergdorf wohnen, kommt der Vater an den Wochenenden dazu und findet beim Bezwingen der Berge den nötigen Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit in Mailand.
Schnell lernt Paolo Bruno kennen, ein Jungen seines Alters, der mit seiner Familie in den Bergen und auf den Almen Granas zu Hause ist. Der nichts anderes kennt, als das Hüten der Kühe, das Bauen von Unterschlüpfen sowie das Durchstreifen seiner heimischen Natur.

Es sind zwei Welten die in „Acht Berge“ aufeinandertreffen: Bildungsbürgertum und selbstversorgende Bauern. Eine Kombination, die ganz offensichtlich nicht zusammen passen kann. Doch genau das tut sie. Denn es sind keine Erwachsenen, die aufeinander treffen, sich intellektuell messen müssen oder sich durch ihr materielles Leben profilieren müssen. Nein, es sind Bruno und Paolo, zwei Kinder, die die Welt, in die sie hineingeboren wurden und in der sie leben, mit kindlicher Naivität betrachten. Zwei Jungen, deren alleiniger Wert in der gemeinsam verbrachten Zeit liegt. Es tut gut zu sehen, dass sich das auch im Altern nicht zwangsläufig ändern muss. Immer wieder kehrt Paolo zu Besuch zu seinem Freund Bruno in die Berge von Grana zurück. Dass er studiert hat, Bruno aber immer noch Kühe hütet interessiert dabei keinen von beiden.

„Acht Berge“ ist ein episodenweise sehr melancholischer Roman über zwei Freunde, die trotz ihrer unterschiedlichen Lebenskonzepte immer wieder zueinander finden. Die es schaffen, die Vertrautheit ihrer kindlichen Vergangenheit auch in der Zeit des Erwachsenwerdens nie zu verlieren und sich immer als familiären Halt sehen. Cognetti schafft es, seinen Leser in eigene Erinnerungen abtauchen zu lassen. Es versetzt ihn zurück in seine eigene Kindheit, in eine Zeit, in der wir uns nicht primär in bestimmten Milieus aufgehalten haben, ganz einfach daher, weil wir keine Klassifizierung kannten. Weil wir unserem Gegenüber weitestgehend unvoreingenommen und zweifelsfrei entgegneten.
Paolo Cognetti erinnert sich in seinem Roman an die eigene Kindheit. Er bringt sich dem Leser aus der Ich-Perspektive in einer der aufregendsten Zeiten des Lebens näher: Dem Ende der Kindheit und der einsetzenden Adoleszenz. Die Phase im Leben, die den Charakter eines Menschen deutlich prägt und die ihm den Weg in ein selbstständiges Leben bereitet.
Auch wenn die beiden Männer in der Mitte ihres Lebens räumlich sehr weit voneinander entfernt sind, ist die prägende Nähe ihrer gemeinsamen Kindheit niemals auf der Strecke geblieben. Ohne Vorwürfe nehmen sich Paolo und Bruno ernst. Ersterer, der Reisen will, der andere, der seine vertrauten Berge nicht verlassen kann.

Welches davon der richtige Weg ist, bestimmt allein man selbst!

Paolo Cognetti
Acht Berge
ISBN: 978-3-421-04778-6

 

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Online-Talk zu TTIP mit Thilo Bode

TTIP, Buch- und Medienblog, Oliver SteinhäuserHeute Abend (09.06.2015) macht Thilo Bode, der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, im Online-Talk mit Albert Duin (Landesvorsitzender der FDP Bayern) und Sebastian Matthes (Huffington Post) deutlich, was wir uns mit TTIP wirklich einhandeln.
Von 19.00-20.00 Uhr können Sie das Gespräch live im Internet verfolgen und über die Fragen-Box selbst mitdiskutieren. Auf litlounge.tv finden Sie den Live-Stream, können sich anmelden und über ein Eingabefeld Ihre Fragen ins Studio schicken. Sebastian Matthes wird sie dann in Ihrem Namen stellen.

Für weitere Informationen, lesen Sie meine Besprechung zu seinem Buch „TTIP – Die Freihandelslüge“.

Die Frage/Kommentar des Buch- und Medienblogs an Bode:
„Tierschutz, Verbraucherschutz und Ernährung bilden Kernthemen in „Die Freihandelslüge“. Alle drei sind Aspekte unserer Identität und Kultur.
Warum findet die deutsche Buchbranche mit ihrem besonders geschützten „Kulturgut Buch“ in Ihrem Werk keinerlei Erwähnung. In letzter Konsequenz hätte meiner Einschätzung nach gerade dieser Punkt Augen öffnen können. Denn unsere Gesellschaft schätzt die derzeitige literarische Vielfalt sehr, und würde unter TTIP leiden, da es die Buchpreisbindung zerstören und somit Dumpingpreise erzeugen würde. Dies impliziert wiederum einen Abfall von qualitativ hochwertigen Inhalten.“

Besprechung „Die Freihandeslüge“ von Thilo Bode

Die Freihandelslüge_Besprechung von Oliver SteinhäuserFluch oder Segen? Und für wen? Wo es Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Doch es existiert ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Gewichtung und Ausgeglichenheit dieser divergierenden Parteien. Das transatlantische Freihandelsabkommen betrifft Investitionsgeschäfte gleichermaßen wie materielle und immaterielle Güter und Werte. Es gefährdet den Finanzsektor und stuft die Lebensstandards unserer umwelt-, ernährungs- und kulturbewussten Gesellschaft durch Standardisierungen herab.

Thilo Bode ist es in „Die Freihandelslüge“ sehr gut gelungen, auch thematisch unerfahrene Leser in die Debatte um das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA einzuführen. Er erklärt anschaulich, dass Handelsabkommen zwischen Staaten, durch die Einführung gemeinsamer Richtlinien und Normen, der Verminderung von Zöllen, Verringerung bürokratischer Vorgänge etc., Handelsbarrieren abbauen können. Bode bezieht sich dabei auf Verträge zwischen handelsstarken Staaten und Entwicklungsländern, in denen keine hochentwickelten Märkte bestehen.
TTIP ist dagegen ein Vertrag zwischen zwei Staaten, zwischen denen bereits ein florierender Handel besteht. Man fragt sich, aus welchen Gründen nun ein solches Abkommen geschlossen werden soll? Thilo Bode identifiziert das Handelsabkommen als Werkzeug zum Aushebeln der politischen Souveränität der europäischen Länder, denn TTIP ist ein völkerrechtlicher Vertrag und hat daher Vorrang vor allen europäischen und nationalstaatlichen Gesetzen. Konkrete Auswirkungen ergeben sich durch die abweichenden Standards zwischen der EU und den USA. Akzeptieren die USA die europäischen Standards nicht – und das werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, da deren niedrigere Standards geringere Markteintrittsbarrieren bedeuten, als die geltenden Normen der EU – geht die Gefahr einer Abstufung der in den EU-Ländern bestehenden Vereinbarungen und Normen aus. Anpassungen nach untern (in Richtung der US-Standards) wären die Folge. Das liegt daran, dass völkerrechtliche Verträge Schutz vor Diskriminierungen eines Vertragspartners juristisch sicherstellen. Im Falle von TTIP bedeutet dies konkret, dass die USA gegen die EU ein Druckmittel haben und sie – in Form einer Klage – dazu zwingen könnten, etablierten Normen auf den geringen US-Standard anzupassen.
Grundsätzliche Unterschiede zwischen den Vertragsstaaten bilden beispielsweise das „Vorsorgeprinzip“, das in Europa gilt und das „Nachsorgeprinzip“ in den USA. In Europa werden Produkte vor deren Markeinführung auf Unschädlichkeit und Funktion getestet, um Gefahren für Mensch und Umwelt auszuschließen. In den USA hingegen, lässt man neue Produkte zunächst generell für einen Launch auf den Märkten zu, denn es gilt das Nachsorgeprinzip. Das führt dazu, dass schädliche Produkte erst durch die Nutzung von Kunden extrahiert werden. Der Schaden für Mensch, Tier und Umwelt ist dann jedoch für den konkreten Vorfall nicht mehr außer Kraft zu setzen.

Kernpunkte seiner Analyse in „Die Freihandelslüge“ bilden besonders die Themen Investitionsschutz sowie Tierschutz, Verbraucherschutz und Ernährung. Bode kommt in seinem Werk zu dem Schluss, dass das Aufweichen von Vereinbarungen und Normen nicht allein durch US-amerikanische Stellen befürwortet wird. Auch international handelnde europäische Chemie-, Automobil- und Agrarkonzerne wittern in dem transatlantischen Freihandelsabkommen ihre Chance auf steigende Umsätze. Es sind schließlich genau diese europäischen Großkonzerne, die an strenge Leitlinien gebunden sind, denen TTIP ein willkommenes Geschenk zur politischen Mitbestimmung bietet.

In dem von Thilo Bode erläuterten Spektrum an Auswirkungen für die Bereiche Umwelt, Tierschutz, Nahrung und Vorsorge, spannt er den Bogen leider nicht komplett. In letzter Konsequenz fehlt der Bezug auf die kulturelle Vielfalt in der EU. Unter anderem gibt es in Deutschland ein Gesetz zur Buchpreisbindung. Durch dieses Gesetz wird das „Kulturgut Buch“ besonders vor Ausbeutung und Dumpingpreisen auf dem Markt geschützt. Ein für 18 Monate festgelegter Preis gilt gleichermaßen für große als auch kleine Bestellmengen und führt dazu, dass ein Buch überall das gleiche kostet. Dies gewährt ein vielfältiges Buchangebot sowie eine flächendeckende Versorgung durch kleinere Buchhandlungen.
Bezogen auf TTIP, kann gerade dieses kulturschützende Gesetz Anlass zur Klage durch die USA werden, denn es stellt laut den vertraglichen Vereinbarungen eine Diskriminierung für US-amerikanische Märkte dar. Und im Zweifel werden Vorschriften nach unten reguliert.

„TTIP wäre ein weiterer verhängnisvoller Schritt Richtung jener ‚marktkonformen Demokratie’, in der sich alles den Freiheits- und Gestaltungsansprüchen globaler Konzerne unterordnen soll“, fasst Bode es in seinem Fazit treffend zusammen. Er hat mit „Die Freihandelslüge“ ein aufregendes Buch geschrieben, dass anhand einiger Beispiele anschaulich erklärt, welche Auswirkungen TTIP für jeden von uns bedeuten kann.

Thilo Bode
Die Freihandelslüge
ISBN: 978-3-421-04679-6