Lesebericht zu „Etta und Otto und Russell und James“ von Emma Hooper

Emma Hooper, Buchblog, Oliver SteinhaeuserMit dem heute publizierten Buch „Etta und Otto und Russell und James“ erscheint ein emotionsgeladener Roman, dessen Thema das Vergessen ist. Feinfühlig beschreibt Emma Hooper die kriegsgeprägten Erinnerungen alter Freundschaften. Sie schafft eine Ausgewogenheit zwischen Traumatischem, Romantischem und Dramatischem, die es dem Leser ermöglicht, sich auf die Geschichte einzulassen. Ein Gleichgewicht, das ihn in temporäre Trauer, episodische Romantik und in sequenziellen Übermut versetzt. Und dabei kontinuierlich die Lebenserinnerungen dreier Protagonisten erzählt, die sich in einem Stadium aus Vergessen und Erinnern befinden. Gerade der Spagat zwischen Tragik und Wonne, sowie die Leichtigkeit Hoopers Worte, machen „Etta und Otto und Russell und James“ zu einem unvergesslichen Erlebnis einer noch existierenden Generation.

Die Handlung baut auf zwei Perspektiven auf. Vordergründig handelt das Buch von der Reise der 83-jährigen Etta, die in ihrem Leben wenigstens einmal das Meer gesehen haben möchte. Ergänzt wird ihre Reise mit der Lebensgeschichte Ettas, ihres Ehemannes Otto, und Russell, dem engsten Freund der beiden.
Ihr Mann Otto lässt sie ziehen – trotz aller Sorge. Er ist vor vielen Jahren selbst zu einer großen Reise aufgebrochen, um in einem fernen Land zu kämpfen. Ihr gemeinsamer Freund Russell hingegen will Etta zurückholen und verlässt zum ersten Mal in seinem Leben die heimische Farm. Auf ihrer Wanderung trifft Etta den Kojoten James, der sie durch das staubtrockene Land begleitet. Je näher Etta der Küste kommt, desto lebendiger werden die Erinnerungen der drei alten Freunde – Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, an Zeiten des Krieges, an Hoffnungen und versteckte Gefühle, aber auch an Erfahrungen, die sie nicht miteinander geteilt haben.

Bereits zu Beginn des Buches fällt auf, dass auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede gänzlich verzichtet wird. Was zunächst für Verwirrung beim Lesen sorgt, ist ein Stilmittel, das nicht geschickter hätte gewählt werden können. Es erzeugt einen nahtlosen Übergang zwischen Gesprochenem und Gedachtem, betont den Fließtextcharakter und mindert Unterbrechungen im Erzählfluss. Ein typografisch-stilistischer Kniff, der den Inhalt der Geschichte – das Verschwimmen, Vergessen und Wiederfinden von Erinnerungen – konsequent nach außen transportiert.
„Etta und Otto und Russell und James“ lehrt uns diverse Erkenntnisse einer Kriegsgeneration, deren Werte sich bis heute nicht verändert haben, jedoch leider oft in Vergessenheit geraten sind. Der Roman hält uns vor Augen, was räumliche Distanz, für sich liebende Menschen, vor rund 65 Jahren bedeutete. Dass es ein wesentlich intensiveres Festhalten und Daran-Glauben bedeutete, als dass es in unserer durch Medien durchfluteten Generation der Fall ist.
Emma Hopper schreibt einen Roman, in dem es nicht immer geordnet zugeht. Die Gestaltung mancher Kapitel ist so gewählt, dass auf eine real existierende Handlung eine Illusion folgt, dass Ettas Gedanken plötzlich in die Ottos münden. Eine Verwirrung, die die Hilflosigkeit des Vergessens und der Einbildung widerspielgelt. Eine Verwirrung, die Zeit zur Entfachung eigener Gedanken schürt.

Und während James sich auf die Suche nach Etta macht, finden Otto und sie wieder zueinander. Vereint. Im Tod.

Emma Hooper
Etta und Otto und Russell und James
ISBN: 978-3-426-28108-6

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