Lesebericht „Der Fall“ von Gert Heidenreich

Dieser Beitrag ist auch auf dem Klett-Cotta Blog erschienen!

Blogschreiben ist ansteckend. Lesen auch, und „Der Fall“ allemal.

Wie ermittelt ein Mensch aus dem Jenseits? Können Tote bei der Aufklärung eines Mordfalls helfen? Frei von den sonstigen Zwängen haben sie eine viel besseren Überblick, können womöglich besser kombinieren, stehen im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen und können aufgrund ihres Abstandes zur Welt die Fakten unvoreingenommen kombinieren und das Rätsel lösen.

Die skurrile Idee, ein verstorbener Kriminaler könne seinen eigenen Mordfall aufdecken, erweckte meine sofortige Aufmerksamkeit. Die Geschichte wirft trotz Kennzeichnung als Kriminalroman die Frage nach dem Genre auf.

Klappentext: Der pensionierte Kriminalkommissar Alexander Swoboda will die Steilküste der Normandie malen. Da stürzt vor ihm ein Mensch von den 40 Meter hohen Klippen. Als Expolizist müsste er zu dem Toten gehen. Als Maler wendet er sich ab. Doch dann wird er selbst erschossen. Seine Pflicht endet damit nicht. Bloß – wie soll er aus dem Jenseits einen Mord aufklären?

Authentisch beschreibt Gert Heidenreich den Künstler Swoboda, der bei der Aufklärung der Morde schon mal gerne die Gesichter der Täter zeichnet. Sein ganzes Berufsleben wurde ständig durch die Kunst begleitet. Gerade im Ruhestand angekommen, kann er sich nun vollständig der Kunst widmen, sein plötzliches, eher zufälliges Ende durch die Kugel eines Mörders, trifft nicht sein Pflichtbewusstsein. Er lässt es durch diese neue Seinsform nicht nehmen, den Mord an sich selber aufzuklären. Man hat ja ein Berufsethos. Neben der Kunst und Kultur erfahren wir den Grund der Morde: Habgier, Geltungsdrang und Steuerbetrug einer ganzen Bande, die Gesellschaft der Trinker, auf höchst ausgeklügeltem Niveau.

Beim Lesen des Werkes erschließt sich dem Leser eine Welt, die nicht nur im Roman existiert, sondern unser tägliches Leben begleitet. Gert Heidenreich schafft durch den raffgierigen Steuerberater Rakowski eine Figur, an der dem Rezipient nur allzu gut deutlich wird, welchen extremen Wandel ein Mensch vollziehen kann, wenn er beginnt sich durch Reichtum und Arroganz zu definieren.

Grandios ist, mit welcher Leichtigkeit Gert Heidenreich dem Leser immer wieder die Augen öffnet. Während er den Leser in den meisten Episoden mitten im Geschehen verankert, involviert und Teil der Geschichte ist, entzieht Heidenreich ihn jedoch temporär aus der Geschichte und ermöglicht – fast unbemerkt – das Geschehende von außen zu betrachten, zu analysieren und zu reflektieren.

Möglich wird dies durch das Anwenden eines auktorialen Erzählers, der dem Leser nicht nur allwissend die Geschichte erzählt, sondern ihn nach „Shakespeare-Manier“ immer wieder persönlich anspricht. Dieser Stil erzeugt folglich nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch deren subjektive Wertung.

Ein wirklich gelungenes Buch, das zwischen dem Diesseits und dem Jenseits verbindet, ohne dabei unrealistisch zu werden. Gert Heidenreich schafft es, die reelle Welt und einen Ort, von dem keiner weiß ob er existiert in ein glaubwürdiges Zusammenspiel zu bringen.

Gert Heidenreich
Der Fall
1. Aufl. 2014, 319 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98019-6

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Ein Gedanke zu “Lesebericht „Der Fall“ von Gert Heidenreich

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