Kritik zu „Leons Erbe“ von Michael Theißen

Leons Erbe_Michael Theißen_Buchblog_Rezension_Oliver SteinhaeuserWas geht in dir vor, wenn deine Schwester seit Monaten ohne jede Spur verschollen ist und dein 16 Jahre alter Sohn plötzlich durch einen Unfall aus dem Leben scheidet? Antriebslosigkeit, Lethargie und Verwirrtheit? Oder schaffst du es in der tiefsten Phase deiner Trauer alle Energie zu sammeln und dich selbst auf die Suche nach den Hintergründen zu begeben?
Katja ist einer derjenigen Menschen, die sich aufraffen, die all ihren Mut zusammennehmen und auf eigene Faust recherchieren. Dass sie dabei auch auf einige Familiengeheimnisse stößt, lässt sie zwar straucheln aber nicht von der Mission abbringen: Sie will den Todesfahrer ihres Sohnes finden!

Um dies zu bewerkstelligen spricht sie mit Leons Lehrern, Mitschülern und einem Augenzeuge, der die Unfallflüchtige gesehen hat und beschreiben kann. Sie befindet sich offensichtlich auf einer heißen Spur, denn irgendjemand wurde durch ihre Fragen und Unternehmungen aufgescheucht und folgt ihr. Durch ihre Nachforschungen wird Katja jedoch auch von dubiosen familiären Verhältnissen und Geheimnissen überrumpelt. Nicht ansatzweise hätte sie mit solchen Überraschungen und Enttäuschungen innerhalb ihres vertrauten Kreises gerechnet.

Der Leser folgt der Protagonistin der Lektüre aus ihrer Perspektive (Ich-Erzählung). Dabei kommt es mir so vor, als lies Michael Theißen sich zu wenig auf weibliche Gefühlswelten ein. Seine Protagonistin Katja wirkt sehr gezeichnet. Gezeichnet nicht im Sinne ihrer durchlebten Umstände sondern als existiere sie nicht real. Der Grund dafür ist die Art und Weise wie Theißen sie dem Leser präsentiert. Er beschreibt und erklärt in den meisten Szenen das Verhalten von Katja allein durch Adjektive. Das bedeutet, dass wir zwar wissen, dass sie traurig, aufgekratzt, unschlüssig usw. ist, aber die tatsächliche Traurigkeit, Aufgekratztheit und Unschlüssigkeit erfahren wir somit nicht. Um diese zutiefst intrinsische Welt verstehen zu können, ja sie gar selbst zu spüren, benötigt der Leser mehr als Worte. Er braucht das wahrhaftige Durchleben dieses Chaos. Das erhält man durch das bildhafte Beschreiben sowie dem Heranziehen von Vergleichen zu Situationen die dem Leser bekannt sind. Es ist der Aufbau von Sinnesbildern und -eindrücken, die dem Leser zusätzlich zur Erzeugung und Reflexion eigener Emotionen, Unterstützung zur Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit bieten.
Vielleicht liegt es auch genau an diesem Umstand, dass Katja einen ziemlich widersinnigen Eindruck beim Leser hinterlässt. Jede ihr potentiell verdächtig erscheinende Person schafft es, sie davon zu überzeugen, kein Motiv an Leons Unfalltot und dem Verschwinden ihrer Schwester zu haben. Jeglicher Gedanke an Skepsis verschwindet, sobald Katja mit ihrem Gegenüber ins Gespräch tritt. Das schadet ihrer Glaubwürdigkeit.

Michael Theißen
Leons Erbe
978-3-7413-0014-1

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Lesebericht zu „18 – Zahlen des Todes“ von Mia Winter

18 - Zahlen des Todes, Buchblog, Egmont Lyx, Oliver Steinhäuser, Thriller, Mia WinterZu wem wirst du, wenn dich ein schreckliches Ereignis komplett aus der Bahn wirft und dein altes Leben, ein Leben in Geborgenheit und im Glauben an das Gute im Mensch, nie mehr so sein wird, wie es war. Was machst du? Du, das 18-jährige Mädchen, das sich seit dem schlimmen Ereignis damals im Wald in sich verkriecht, versuch neu zu starten und – getrieben von wiederkehrenden Zweifelsmomenten – all seine Vorhaben verwirft, weil das stete Wandern ihrer Gedanken auf dem Grat zwischen Leben und Tod ihr Lebenskonzept durcheinanderbringen.

Die junge Frau heißt Monika Stammer. Die grauenhafte Massenvergewaltigung zerstörte ihr Leben für immer und beförderte sie in eine lethargische Opferrolle. Als sie eines Tages auf der Rheinbrücke steht und erneut am Sinn ihres Lebens zweifelt, begegnet ihr eine glückliche Familie. Als sie erkennt, dass es sich um einen der damaligen Peiniger handelt, fasst sie einen Entschluss. Er muss sterben. Und alle sechs Mittäter auch!
Hier kommt Leana Meister ins Spiel. Sie ist die neue Leiterin des Kompetenzcenter. Für ihre neue Herausforderung verlässt die intelligente Ermittlerin Südafrika, wo sie seit Jahren an Fällen von Misshandlung arbeitete. Mit ihren ehemaligen Tätigkeiten verlässt sie auch ihre Familie und erhofft sich in Düsseldorf einen Neustart. Nicht jeder der neuen Kollegen ist ihr von Beginn an wohlgesonnen und Leana muss sich ihren Weg in das Team zeitweise hart erkämpfen.

Mia Winter zeichnet verschiedene Charaktere, von denen keiner nur einschichtig und klischeehaft wirkt. Genau wie die zwischen Leben und Tod wandelnden Gedanken der Protagonistin, sind die Personen in „18 – Zahlen des Todes“ weder absolut gut oder schlecht. Winter schafft Personen, wie jeder von uns sie kennt: vielschichtig, manchmal sympathisch oder intrigant, kontrolliert oder zügellos und triebhaft.
Obwohl die Jagd nach der Mörderin, die an dem Tag, als sie einen ihrer damaligen Peiniger wiedertrifft den Entschluss fasst aus ihrer Opferrolle herauszuwachsen und selbst zum Täter wird, zentraler Punkt des Buches ist, erfährt der Leser interessante Aspekte zum Verhalten von Menschen in Gruppen, der sekundären Viktimisierung (durch die Gesellschaft) und den Gefahren sozialer Medien.

Der etwas zähe Start wird mit Fortschreiten der Geschichte wettgemacht. Gerade die Schilderungen der lebendsverändernden Gewalttat an der Protagonistin sowie die Ergründung der Motive bringen Spannung und lösen beim Leser Verzweiflung und Ohnmacht aus.
„18 – Zahlen des Todes“ ist ein unterhaltender Serienauftakt dessen Nachfolger („21 – Zahlen des Todes“) man im Auge behalten kann.
Wer „Janusmond“ von Mia Winter gelesen sollte keine zu euphorische Erwartungshaltung haben, da die Story mit weniger Abstrusität und Spannung ausgestattet ist.

Mia Winter
18 – Zahlen des Todes
978-3-8025-9937-8