Hörbericht zu „Todesurteil“ von Andreas Gruber

Todesurteil-Andreas Gruber-Rezension-Hörbuch-Oliver Steinhaeuser-BuchblogGanz unverhofft erhält Sabine Nemez einen der begehrten Studienplätze an der Akademie des BKA in Wiesbaden. Unterrichtet wird sie von Maarten S. Sneijder, einem der angesehensten Fallanalytiker und Ausbilder des Bundeskriminalamtes. Zusammen mit ihm analysieren die angehenden Analytiker ungeklärte Mordfälle. Sabine sieht als einzige im Kurs Zusammenhänge zwischen mehreren dieser Fälle. Doch Sneijder schenkt ihren Erkenntnissen keinerlei Beachtung. Lässt sie immer wieder abblitzen und ermahnt Sabine, sich nicht in ihren haltlosen Theorien zu verrennen. Allerdings befeuert der erfahrene Ausbilder damit nur den Ehrgeiz Sabine Nemez´. Während sie sich ehrgeizig Zutritt zu verschlossenem Material verschafft, dabei konsequent allen Regeln trotzt, wird sie zur Geheimwaffe von Maarten S. Sneijder. Denn der hat nichts anderes im Sinn, als mit ihrem Drang Verbotenes zu tun, endlich die Zusammenhänge der Fälle herzustellen.
Zeitgleich taucht in einem Wiener Wald Clara wieder auf. Ein seit einem Jahr verschwundenes Mädchen, dessen Rücken mit Motiven aus Dantes Inferno tätowiert wurde. Staatsanwältin Melanie Dietz übernimmt den Fall, denn Clara ist die Tochter ihrer verstorbenen besten Freundin. Zusammen mit ihrem Therapiehund Sheila und dem Kommissar Hauser ermittelt sie. Dabei tauchen weitere misshandelte Mädchen auf. Tot. Mit gehäuteten Rückenpartien.
Die beiden Handlungsstränge haben, bis weit in die Geschichte hinein, keine erkennbaren Gemeinsamkeiten. Erst die Ermittlung einer Wiesbadener IP-Nummer im Wiener Entführungsfall, führt zur allmählichen Erschließung der Umstände.
Darüber hinaus treiben die Zwischenkapitel „Schlund der Hölle“ die Spannung auf ein Höchstmaß, da sie gut versteckte Vernehmungsprotokolle Sneijders mit dem Tatverdächtigen der ungeklärten Fälle sind. Dass diese Tonbänder jedoch nebulöse Zwiegespräche des Fallanalytikers selbst sind, um in die Gedankenwelt des Täters einzudringen, erkennt Sabine Nemez erst später.

„Todesurteil“ ist ein absolut spannendes Buch, das zeigt, wie beeinflussbar labile Menschen sein können. Zu welchen Taten sie getrieben werden, nur um ein wenig Anerkennung zu erhalten. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Fäden aller ungelösten Wiesbadener Fälle sowie der Wiener Entführungsfall an einem Punkt zusammenlaufen. Die Vermutung, dass alle Fälle von einer Person ausgeführt wurden, bestätigt sich jedoch nicht. Hinter den Anschlägen steckt ein perfider Racheplan dreier Menschen, die sich hinter ihren öffentlichen Ämtern verstecken und Beweise optimal manipulieren können.
Achim Buch gibt den zahlreichen Charakteren des Titels eigende und individuelle Stimmen, sodass der Hörer stets weis, wer in den zahlreichen Dialogen gerade spricht. Es sind die feinen Nuancen in der Betonung der Aussprache sowie Dialekte, die „Todesurteil“ zu einem echten Hörgenuss mit Hochspannung machen.

Andreas Gruber
Todesurteil
Gelesen von Achim Buch

 

Lesebericht zu „Heimweh“ von Marc Raabe

Heimweh, Marc Raabe, Buchblog, Inhaltsangabe, Oliver Steinhäuser„Verschwommen sah er die Gestalt am Rand der Grube auftauchen. Ein riesiges schwarzes Insekt mit einer Schaufel in der Hand. Schon prasselte die erste Schippe Erde auf sein Gesicht, begrub den Himmel und das letzte Stück Hoffnung“.
Immer wieder der selbe Albtraum, und die Fragen nach dessen Herkunft, die dich plagen. Jahrelang. Es muss einen Auslöser dafür geben. Schauergeschichten und Ängste entstehen nicht einfach. Sie werden geschürt!

Marc Raabe erzählt eine außergewöhnliche Geschichte, die mit den Misshandlungen des jungen Jesse und dessen baldige Unterkunft in ein Kinderheim mit integriertem Internat ihren verschwörerischen Anfang nimmt. Der Thriller splittet sich in einen Erzählstrang aus den Jahren 1979 bis 1981 sowie zwei Perspektiven der gegenwärtigen Handlungen. Darin setzt Jesse alle Hebel in Bewegung, um den Mörder seiner Exfrau Sandra und gleichzeitig Entführer seiner Tochter Isa, ausfindig zu machen. Dazu begibt er sich zusammen mit Jule, einer Freundin seiner Exfrau, nach Adlershof, dem Heim seiner Kindheit und Jugend. Ergänzt werden seine Bemühungen durch Einschübe des Entführers, der sich nicht nur Isa, sondern auch den ehemaligen Heimleiter Arthur aufgegriffen hat und beide zusammen gefangen hält.
Raabe führt seine Leser anhand eines klaren roten Fadens durch „Heimweh“. Zum Ende eines Kapitels, lässt er den Leser nahezu stetig mit einer offenen Frage zurück. Antwort darauf findet sich bereits meist im Folgekapitel. Gelungen ist an dieser Stelle vor allem, dass die Fragen nicht einfach durch Antworten abgearbeitet werden, sondern die gegenwärtigen Ungereimtheiten sich durch den Erzählstrang des 32 Jahre zurückliegenden Heimaufenthaltes aufheben.
Während dem Leser verschiedene Verdächtige präsentiert werden, läuft die Gegenwart mit der Vergangenheit doch erst kurz vor dem rasanten Schluss des Buches zusammen, und offenbart dem Leser die schaurige Wahrheit: Der Insektenmann steht Jesse näher, als jeder andere Mensch. Und er hat schon einmal versucht ihn zu töten.

„Heimweh“ steckt voller Überraschungen und deckt dabei viele Facetten eines Heimlebens auf, auf das man mit gemischten Gefühlen blickt. Einerseits gibt es kaum bedrückendere Lebensumstände, als wenn junge Menschen aus ihren Familien gerissen werden und sich an unterster Stelle einer Rangordnung in Heimen stellen müssen. Andererseits wecken die „alten Geschichten“, mit ihren Geheimgängen, den nächtlichen Ausbrüchen aus den Schlafräumen und den Liebesgeschichten, eine starke Sehnsucht: Die Flucht, zurück in die analoge Welt, die das Wesen eines Menschen wesentlich deutlicher prägt – ihm Form und Kanten gibt – als es digitale Welten je vermögen werden.

Marc Raabe
Heimweh
ISBN-13 9783548286907

Lesebericht zu „Eisige Schwestern“ von S. K. Tremayne

Zwillinge, Eisige Schwestern, Schottland, BuchblogEineiige Zwillinge sind ein aufregendes Phänomen und bieten gerade in jungen Jahren oft Anlass zur Verwechslung. Machen sie sich einen Spaß darauß, ihre Identitäten zu vertauschen, um ihre Mitmenschen zu verwirren, kann es passieren, dass ihnen selbst die eigenen Eltern auf den Leim gehen. Doch welche schaurigen Auswirkungen hat es, wenn ein Ko-Zwilling ums Leben kommt, und die Familie den falschen Zwilling tot glaubt?

Lydia und Kirstie waren Zwillinge. Unzertrennlich. Nachdem Lydia einen Sturz vom Balkon nicht überlebte, entwickelt sich Kirstie zur Einzelgängerin. Kein Gleichaltriger möchte seine Zeit gemeinsam mit ihr verbringen. Und sie selbst sucht verzweifelt nach ihrer Schwester, die sie so sehr vermisst. Der Umzug von London, auf eine Privatinsel der schottischen Hebriden, soll den Start in ein neues Leben, fernab der tragischen Vergangenheit werden, und Kirstie ein Leben in neutraler Umgebung ermöglichen. Doch plötzlich eröffnete sie ihrer Mutter Sarah: „Ich bin nicht Kirstie! Ihr habt den falschen Zwilling beerdigt!“
S. K. Tremayne führt seine Leser in das winterlich dunkle, windig und kalte Schottland. Tage, die von Dunkelheit geprägt sind, bilden die Kulisse, in der die aus London zugezogene Familie ihr neues Leben zu starten versucht. Aufgrund der Enthüllung ihrer Tochter, sie sei der beerdigte Zwilling Lydia, richtet die Familie eine zweite Trauerfeier aus. Allerdings ergibt sich auch aus dieserm Abschied keine Ruhe vor den Umständen der Geschehnisse des Unfalls, im vergangenen Jahr. Mutter Sarah interpretiert die Aussagen und das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter zum Nachteil ihres Mannes Angus und wirft ihm vor, seiner Tochter näher gekommen zu sein, als er es hätte tun dürfen.

Während das Ehepaar Moorcroft bis dahin verzweifelt versuchte, ihre wankende Liebe zu stützen und das gegenseitige Vertrauen neu zu ergründen, leitet Sarah mit diesen Vorwürfen ein Spiel ein, dass sie nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Ihre Beziehung wird zunehmend von Misstrauen bestimmt. Weder Angus noch Sarah zeigen ihre wahren Ansichten dem anderen Gegenüber.
S.K. Tremayne konstruiert in „Eisige Schwestern“ eine Familie, deren Gefühle und Umgang miteinander, mit dem rauhen schottischen Wetter korrespondiert. Der Buchtitel, das Wetter und die Gefühlswelten der Protagonisten ergeben ein perfektes Zusammenspiel: Eisige Kälte, schockierende Gedanken und schauererregende Szenen. Dadurch, dass Tremayne seine Charaktere kaum beschreibt, sondern sie aktiv handeln lässt (Show, don’t tell), präsentiert er, in Bezug auf die Gefühlsebene, sehr authentische Personen. Dank den detailliert ausgearbeiteten und authentischen Handlungen der Familie Moorcroft, kommt das Buch ohne ausschweifende optische Finesse in der Charaktergestaltung aus.

S. K. Tremayne
Eisige Schwestern
ISBN: 978-3-426-51635-5

 

Lesebericht zu „Nummer Zwei“ von Claus Probst

Nummer Zwei_Fischer_Claus ProbstWas bewegt einen unbescholtenen Bürger dazu, eine getötete junge und hübsche Frau zu entführen? Was geht in einem Kopf vonstatten, wenn dieser Mann diese provokant positionierte Frau in seinen Wagen lädt, sie nach Hause bringt und in der Tiefkühltruhe mit dem Liebslingskuscheltier seiner eigenen Tochter versteckt?

Klappentext:
Am frühen Morgen findet er sie: die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, schutzlos. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort und bringt es zu sich nach Haus. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der schon zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber er muss so handeln.
Fallanalytikerin Lena Böll sucht nach einem vermissten jungen Mädchen. Doch der Serienmörder brüstet sich per SMS bereits der Tat. Aber nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Lena Böll beginnt ein hochriskantes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Bereits die ersten Seiten des Titels fesseln den Rezipienten und werfen in ihm eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser ominöse Mann, der die tote Frau vom Tatort entfernt, dabei Spuren verfälscht und zerstört, sein Fehlverhalten erkennt und trotzdem genau so handelt? Faszination, Spannung und Irritation begleiten den Leser von Anfang an, während Claus Probst langsam die ersten Rätsel lüftet, die bahnbrechenden Aspekte doch nur sehr zögerlich illustriert.
„Nummer Zwei“ versetzt den Leser auf eine stürmische Reise, die begleitet von einem aufbäumen der Gefühle und Emotionen in einem glorreichen Finale endet.
Die einzigartige Geschichte arbeitet alle Beteiligten sehr gut heraus, erweckt sie zum Leben und verzichtete dabei auf die genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, ohne dabei an Spannungsarbeit zu sparen.
Claus Probst zeichnet seine sehr originell gestalteten Charaktere mit einer Tiefgründigkeit, die er auf eine feinfühlige und menschliche Art beschreibt. „Nummer Zwei“ überzeugt durch die erzählten Hintergrundgedanken der Charaktere, da sie dem Leser ein sehr genaues Bild vor Augen führen. Es ist detailreich geschrieben, ohne langatmig zu sein. Die sukzessive eingestreuten Details aus den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren – vergleichbar mit Hinweisen für den Leser – fügen das Gesamtbild des Buches fortlaufen zusammen. Dank einer sehr gut durchdachten Konzeption hat man jedoch immer ausreichend Information um die aktuelle Situation nachvollziehbar erfassen zu können, ohne etwas vorweggenommen zu bekommen oder an Spannung zu verlieren.

Claus Probst arbeitet in „Nummer Zwei“ mit dem psychologischen Aspekt der Traumabewältigung, welches das Buch stark thematisiert und dem Leser die facettenreichen Charakteren verdeutlicht.

Claus Probst
Nummer Zwei
Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19691-3

Lesebericht zu „Narbenkind“ von Erik Axl Sund – Band 2 der Victoria Bergman Trilogie

142_48118_148170_xlWährend im ersten Band der Victoria Bergman Trilogie („Krähenmädchen“) die ermordeten Jungen im Fokus der Ermittlungen stehen, dreht sich „Narbenkind“ hauptsächlich um die Ermordung eines ranghohen Geschäftsmannes, der auf bestialische Weise getötet und zerteilt wurde. Ebenso wie im Auftakt der Trilogie, bleibt es auch in „Narbenkind“ nicht bei diesem einen Mord.
Um die weiteren Ermordungen flicht sich ein Netz, das sich zunehmend um Victoria Bergman legt und klare Verbindungen zu ihrer Person enthält.
Da die Mordermittlungen zu den vier Jungen aus Band eins vorerst auf Eis liegen, müssen sich die Ermittler Jeanette Kihlberg und Jens Hurtig zunächst um die aktuellen Fälle bemühen, stellen jedoch immer wieder heimliche Ermittlungen zu den missbrauchten Kindern an. Während dem Leser vermeintlich immer deutlicher wird, wie die Fälle in Verbindung stehen, verzeichnet die Polizei weiterhin kaum Ermittlungserfolge.

„Narbenkind“ ist das, was ich als absolut logische Fortführung des Werkes „Krähenmädchen“ bezeichne. Erneut steht die Ergründung dissoziativer Störungen im Vordergrund.
Die durch eine geschützte Identität verborgene Victoria Bergman gibt den Ermittlern ein Rätsel auf, während dem Rezipienten bereits in Band eins der Trilogie die Analogie dieser Person offengelegt wurde. Man kann – da die Reihe nicht auf nervenzerreißende Spannung, sondern auf Durchdringung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten ausgelegt ist – nur erahnen, unter welcher Spannung die beiden Ermittler Kihlberg und Hurtig nach derart erfolglosen Ermittlungsepisoden stehen müssen.

Handlungsschwerpunkt des Buches ist die Suche nach der „Rachemörderin“, die allem Anschein nach etwas mit Victoria Bergman verbindet. Während der Leser im Verlauf zunehmend Victoria Bergman als ebendiese Rachemörderin im Verdacht hat, erscheint schemenhaft eine weitere Person, die mit ihr eine besonders ausgeprägte Gemeinsamkeit hat. Ist dieses Mädchen möglicherweise die Rächerin aller früheren Vergehen an Victoria?
Mit „Narbenkind“ begibt man sich auf eine Gratwanderung zwischen realem Geschehen, schnellen Perspektivwechseln und den Gedankengängen multipler Persönlichkeiten.

Während die Psychologin Sofia Zetterlund weiß, dass sich ihre Persönlichkeit zu gleichen Teilen aus Masochismus und Dissoziation zusammensetzt, sie sich selbst quält und die Eigenschaften ihres Quälgeistes annimmt, um dadurch immer wieder ihre eigene Hölle zu durchleben, fragt man sich:
Wer in diesem Spiel ist echt und wer ist nur ein fantasievoller Streich, um genau dieser Hölle wieder zu entfliehen?

Erik Axl Sund
Narbenkind
Paperback, Klappenbroschur, 512 Seiten
ISBN: 978-3-442-48118-7

Lesebericht zu „Krähenmädchen“ von Erik Axl Sund – Band 1 der Victoria Bergman Trilogie

Krähenmädchen_Victoria Bergman TrilogieBevorzugt werfe ich zu Beginn meiner Leseberichte Fragen zu den zentralen Themen eines Werkes auf. Das Krähenmädchen nimmt mir heute dabei die Arbeit ab und möchte wissen:
Wie viel Leid kann ein Mensch verkraften, ehe er selbst zum Monster wird?

Zum Auftakt der Victoria Bergman Trilogie durch das „Krähenmädchen“ wird der Leser mit einer Flut an Abscheulichkeiten wie Kindesentführung, -misshandlung und Mord konfrontiert. Polizistin Jeanette Kihlberg übernimmt zusammen mit ihrem Kollegen Jens Hurtig die laufende Ermittlung im Fall des in einem Park ermordet aufgefundenen Jungen. Allerdings bleibt es nicht bei dieser einen Leiche. Die Parallelen, die die misshandelten und getöteten Jungen aufweisen sind unverkennbar, und doch bewegen sich die Ermittler auf falschen Fährten und bleiben weitestgehend ergebnislos.

Zweifellos hochinteressant ist in „Krähenmädchen“ die durch Jeanette Kihlberg zu den Ermittlungen hinzugezogene Psychologin Sofia Zetterlund und deren Patientin Victoria Bergman. Während der Plot sich anfangs in enorm viele verwirrende Handlungsstränge gliedert, die das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen betrachten, ergeben sich für den Leser kaum verwertbare Verbindungen, um sich ein Gesamtbild zusammenzusetzen.
Im Verlauf des Buches erhält man schnell das Gefühl, dass die Psychologin Zetterlund und deren Patientin Bergman etwas verbindet. Gerade das stetige Ineinandergreifen der eigenen Vermutungen setzen beim Rezipient eine bittere Erkenntnis darüber zusammen, welch grausames Schicksal die beiden Frauen letzten Endes begleitet.

Das Duo Erik Axel Sund schreibt einen Thriller, der meiner Ansicht nach besonders durch seine psychologischen Aspekte begeistert. Das bedeutet allerdings, dass der Leser gewillt sein muss, sich durch verworrene Gedankengänge zu kämpfen und teils abstruse und zusammenhangslose Äußerungen und Taten in einen sinnigen Kontext zu bringen. Auch wenn das nicht immer leicht fällt, ist es doch genau dieses verzweifelte puzzeln, das dem Rezipient verdeutlicht, welche Verwirrung und Desorganisation in dissoziativ gestörten Menschen herrscht.

„Krähenmädchen“ endet mit einem Vorfall, der sich bereits etliche Jahre zuvor in etwa derselben Art zugetragen hat und erzeugt eine Spannung, der unbedingt nachgegangen werden muss.
Bei sehr detaillierter Betrachtung der einzelnen Subgeschichten kommen am Ende des ersten Buches viele Fragen auf, wie z.B.:

In Sofia Zetterlunds Praxis hängen ausgerechnet Bilder des Künstlers, mit dem Jeanette Kihlbergs Mann Åke eine gemeinsame Ausstellung haben wird. Spielt die Galeristin im weiteren Verlauf eine Rolle?

Was geschieht mit dem Pädophilen Lundström, der nach einem Suizidversuch derzeit im Koma liegt? Haben seine fantasierten Äußerungen zu Kindesmisshandlungen und organisierten Kinderschändern einen Wahrheitsgehalt?

Welche Rolle spielen Victoria Bergmans ehemaligen Internatsmitschülerinnen?

Darüber hinaus gibt es noch weitere Fragen, die ich aus spannungstechnischen Gründen jedoch an dieser Stelle noch nicht stellen kann.
Ich bin gespannt, ob und wie sich meine Fragen in den kommenden beiden Bänden beantworten werden und freue mich auf die Fortsetzung der Victoria-Bergman-Trilogie!

Erik Axl Sund
Krähenmädchen
Paperback, Klappenbroschur, 480 Seiten
ISBN: 978-3-442-48117-0

Lesebericht „Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek

Augensammler

Der Augensammler spielt mit dir das wohl älteste Spiel der Welt: Verstecken.
Er tötet deine Frau, entreißt dir dein geliebtes Kind und versteckt es. Er schenkt dir exakt 45 Stunden, um es aus seinen Fängen zu befreien! Der Countwown läuft.

Klappentext:
Erst tötet er die Mutter, dann verschleppt er das Kind und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche. Das ist seine Methode. Nach Ablauf der Frist stirbt das Opfer in seinem Versteck. Doch damit ist das Grauen nicht vorbei: Den aufgefundenen Leichen fehlt jeweils das linke Auge. Bislang hat der »Augensammler« keine brauchbare Spur hinterlassen. Da meldet sich eine mysteriöse Zeugin: Alina Gregoriev, eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, durch bloße Körperberührungen in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen zu können. Und gestern habe sie womöglich den Augensammler behandelt.

Bereits zum dritten Mal hat der „Augensammler“ zugeschlagen, als Alexander Zorbach, der Ich-Erzähler die Bühne seines Grauen betritt.

Nachdem er während eines Einsatzes als Verhandlungsführer in einer Kindesentführung die geistig verwirrte Täterin erschoss, quittierte Zorbach den polizeilichen Dienst und bestreitet sein Leben seitdem als Polizeireporter einer Berliner Tageszeitung. In dieser Eigenschaft folgt er den Hinweisen des durch die Presse betitelten Augensammlers. Doch gerade die Erfahrungen und hilfreichen Kontakte zur Polizei werden ihm beim aktuellen, dem vierten Fall des Täters, möglicherweise zum Verhängnis. Sein sehr frühes Erscheinen am Tatort, das Auffinden seines verlorengegangenen Portemonnaies im Garten des Opfers sowie die Bekanntschaft mit der ermordeten Frau rücken ihn zunehmend in den Fokus der Ermittlungen.
Immer wieder zieht Zorbach sich in sein heimliches Versteck zurück, einem Hausboot, um seinen familiären Problemen und den polizeilichen Nachforschungen zu entfliehen.

Während sein ehemaliger Kollege Stoya diese Ermittlungen führt, verdichten sich die Indizien zunehmend gegen Zorbach, der nach und nach selbst an seiner Wahrnehmungsfähigkeit zweifelt. Noch mysteriöser wird die Geschichte, als er in seinem Hausboot auf die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev trifft, die behauptet, mit dem „Augensammler“ Kontakt gehabt zu haben. Da er selbst keinen anderen Anhaltspunkt zur Entkräftigung des Verdachtes gegen ihn hat, geht er dieser Spur nach und bildet mit Alina ein irrwitziges und sonderbares Duo.

Sebastian Fitzek arrangiert seine Geschichte aus mehreren, im Wechsel angelegten Perspektiven. Dominierend ist dabei dich Ich-Perspektive des Alexander Zorbach, zu der sich die weiteren Akteure gesellen. Mehrfach streut Fitzek des Weiteren die Gefühle und Gedanken des gefangenen Kindes Tobias Traunstein ein.

Den Kernpunkt des Buches „Der Augensammler“ legt der Autor auf die Suche der noch lebenden Opfer – Tobias Traunstein und seine Schwester – sowie das ablaufende Ultimatum. Diesen Wettlauf verdeutlicht Fitzek mit der Nummerierung der Kapitel sowie der Paginierung der Einzelseiten – denn die Zählung läuft jeweils rückwärts. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass das Buch mit dem Prolog endet und damit die Geschichte beginnt.

Durch diesen Kniff kann der Leser nicht abschließen mit dem Titel. Man steht letztendlich vor Spannung unter Druck und weis, es fängt erst richtig an!

 

Sebastian Fitzek
Der Augensammler
Taschenbuch, 464 S.
ISBN: 978-3-426-50375-1