Lesebericht zu „Nummer Zwei“ von Claus Probst

Nummer Zwei_Fischer_Claus ProbstWas bewegt einen unbescholtenen Bürger dazu, eine getötete junge und hübsche Frau zu entführen? Was geht in einem Kopf vonstatten, wenn dieser Mann diese provokant positionierte Frau in seinen Wagen lädt, sie nach Hause bringt und in der Tiefkühltruhe mit dem Liebslingskuscheltier seiner eigenen Tochter versteckt?

Klappentext:
Am frühen Morgen findet er sie: die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, schutzlos. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort und bringt es zu sich nach Haus. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der schon zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber er muss so handeln.
Fallanalytikerin Lena Böll sucht nach einem vermissten jungen Mädchen. Doch der Serienmörder brüstet sich per SMS bereits der Tat. Aber nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Lena Böll beginnt ein hochriskantes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Bereits die ersten Seiten des Titels fesseln den Rezipienten und werfen in ihm eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser ominöse Mann, der die tote Frau vom Tatort entfernt, dabei Spuren verfälscht und zerstört, sein Fehlverhalten erkennt und trotzdem genau so handelt? Faszination, Spannung und Irritation begleiten den Leser von Anfang an, während Claus Probst langsam die ersten Rätsel lüftet, die bahnbrechenden Aspekte doch nur sehr zögerlich illustriert.
„Nummer Zwei“ versetzt den Leser auf eine stürmische Reise, die begleitet von einem aufbäumen der Gefühle und Emotionen in einem glorreichen Finale endet.
Die einzigartige Geschichte arbeitet alle Beteiligten sehr gut heraus, erweckt sie zum Leben und verzichtete dabei auf die genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, ohne dabei an Spannungsarbeit zu sparen.
Claus Probst zeichnet seine sehr originell gestalteten Charaktere mit einer Tiefgründigkeit, die er auf eine feinfühlige und menschliche Art beschreibt. „Nummer Zwei“ überzeugt durch die erzählten Hintergrundgedanken der Charaktere, da sie dem Leser ein sehr genaues Bild vor Augen führen. Es ist detailreich geschrieben, ohne langatmig zu sein. Die sukzessive eingestreuten Details aus den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren – vergleichbar mit Hinweisen für den Leser – fügen das Gesamtbild des Buches fortlaufen zusammen. Dank einer sehr gut durchdachten Konzeption hat man jedoch immer ausreichend Information um die aktuelle Situation nachvollziehbar erfassen zu können, ohne etwas vorweggenommen zu bekommen oder an Spannung zu verlieren.

Claus Probst arbeitet in „Nummer Zwei“ mit dem psychologischen Aspekt der Traumabewältigung, welches das Buch stark thematisiert und dem Leser die facettenreichen Charakteren verdeutlicht.

Claus Probst
Nummer Zwei
Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19691-3

Lesebericht zu „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss

Musik, Stille, Identität, Buch, BlogNach der Lektüre von „Die Musik der Stille“ fragt man sich, was man gerade auf den vergangenen 170 Seiten gelesen hat. Worum dreht sich die Geschichte, die im Buch allein von dem jungen Mädchen Auri erzählt. Was erzählt sie uns? Warum wird uns die Geschichte erzählt?

Auri, die im Unterding lebt – einem von der Welt abgeschieden und verlassenen Ort – wartet nur darauf, dass ER sie am siebenten Tag endlich wieder besuchen wird. Für seine Ankunft im Unterding bereitet Auri alles vor. Sämtliches muss an seinem Platz sein. Jeder Gegenstand, jedes noch so nichtig erscheinende Objekt muss seine genau bestimmte Position einnehmen. Jeder vorhandene und gerade neu entdeckte Gegenstand ist für das Mädchen etwas ganz Besonderes, weil es diese Objekte selbst sind, die Auri mitteilen, welchen Platz sie in den Räumen ihrer Welt und ihrer Räumlichkeiten einnehmen möchten.
Um Auri verstehen zu können, muss man erkennen, dass sie ein Geschöpf mit zwanghaften Störungen ist. Sie ist getrieben von einem Ordnungswahn, der sie dazu zwingt, die Räume ihrer Welt so herzurichten, dass sie „richtig“ sind. Alles muss zueinander passen und miteinander in harmonischem Einklang sein. Das gilt auch für die Gegenstände, die in ihrer Vorstellung ebenso Persönlichkeit sind wie sie selbst. Nur dann sind alle glücklich und die Ordnung ihres Lebens befindet sich im Gleichgewicht.
Die Protagonistin weiß, dass in ihrem Inneren vieles nicht zum Besten steht und ist sich im Klaren darüber, dass die Unordnung in ihrem Inneren sie zu einer einsamen Person macht.
Glück extrahiert sie aus den Momenten, in denen sie Räume und Objekte zueinanderpassend vereint. Traurig stimmen sie Situationen, in denen sie nicht den richtigen Platz für ihre Heiligtümer finden, denn sie selbst ist es, die für die Weltordnung zuständig ist. Und sei diese Welt auch nur in ihrem Kopf vorhanden. Sie muss sich an deren stringente Gesetzmäßigkeit halten.

„Die Musik der Stille“ ist ein Werk, das – wie Rothfuss es selbst bestätigt – den Regeln der Literatur vollständig widerspricht. Das Buch ist zunächst weder spannend, noch ist es lehrreich – abgesehen davon, dass man im Anschluss in etwa weiß, wie Seife hergestellt wird. Aber es zieht den Leser auf eine merkwürdig erfolgreiche Weise in seinen Bann.
Es ist rückblickend betrachtet ein Werk, mit dem sich jeder partiell identifizieren kann. Denn es ist die Verwirrtheit und Unsicherheit der Protagonistin, die jeder von uns erfahrungsgemäß gemacht hat oder noch durchleben wird. Es ist das Umsetzen und Verwirklichen seiner eigenen Identität, die getrieben von inneren Prozessen unter Mithilfe von Selbstzweifel und Verzweiflung geformt wird, bis sie eines Tages mehr oder weniger gefestigt ist.

Patrick Rothfuss erweckt mit seiner besonderen Sprache eine Geschichte zum Leben, die auf den ersten Blick alltäglich und unbedeutend wirkt. Doch wer sich auf „Die Musik der Stille“ einlässt, erfährt auch einiges über sich selbst. Das Buch bietet Zeit zur Reflexion. Es erzählt seinen Rezipienten, dass es verrückt ist. „Die Geschichte ist für all die leicht angeknacksten Leute da draußen. Ich bin einer von euch. Ihr seid nicht allein. Und in meinen Augen seid ihr alle schön“, wie Patrick Rothfuss es in seiner Nachbemerkung treffend erklärt.

Patrick Rothfuss
Die Musik der Stille
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96020-4

Lesebericht zu „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse

Buch, Reise, Bibliothek, Blog„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist ein Feuerwerk der Gefühle, die durch die Kuriosität seiner Protagonisten zu einer liebenswerten Lektüre wird, die man gar nicht weglegen möchte. Die Beziehung des Lesers zu Bobby Nusku entwickelt sich dabei zu einer geradezu brüderlichen Verbundenheit, von der man sich nur schweren Herzens nach 314 Seiten trennen kann.


Als ich vor zwei Wochen im Büro saß, hatte ich gerade einen Kriminalroman gelesen, in dem der Täter eine Bäckereiverkäuferin ausspäht, um deren zeitlichen Tagesablauf genau zu dokumentieren. Da er jeden Tag seine Backwaren bei dieser Frau kauft, kennt sie seine Vorlieben und übergibt ihm – noch bevor er bestellen kann – seine Ware. Meine Kollegin erzählt mir tags darauf leicht betrübt, dass die Verkäuferin der Bäckerei, in der sie jeden Morgen ihr Brötchen holt, nicht mehr da sei, und „Der Neue“ gar nicht weiß, was sie jeden Tag zum Frühstück essen möchte. Ich erzähle ihr daraufhin, dass im Leben immer genau das passiert, was in den Büchern steht, die man gerade liest. Das Phänomen nennt sich „Involvement“ – also die Einbezogenheit in das gerade Geschehende.


Lesen, Literatur, Blog, Oliver SteinhäuserUnd dann sitze ich auf dem Weg zum Büro im Zug und schlage eine neue Seite in „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ auf:
„ ‚In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben’, sagte sie. ‚Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch erleben.’“
Meine anfängliche Skepsis an den Titel ist sofort verflogen, denn es schließt sich der Kreis. Die Geschichte, die in einem anderen Buch anfing, geht hier weiter, bestätigt meine Gedanken und zieht mich in ihren Bann!

Das Buch beginnt mit seinem Ende. Der Bücherbus steht an der Kante einer Klippe, umzingelt von Polizeiwagen. Inspektor Jimmy Samas ist besorgt, dass die Frau am Steuer die mobile Bibliothek, in der er außerdem zwei Kinder und ein entflohener Häftling vermutet, in den Abgrund steuern könnte. Um das entstandene Bild zu verstehen, entführt David Whitehouse uns in das Leben des jungen Bobby Nusku, einen Jungen, der unter dem Verlust seiner Mutter und seinem ausfallend und gleichgültigen Vater leidet und weiterhin schutzlos den Schikanen durch Mitschüler gegenüber steht. Als Bobby eines Tages auf die geistig behinderte Rose und deren Mutter Val Reed trifft, entsteht in ihm der Wunsch nach Zuwendung, Geborgenheit und Wertschätzung. Als plötzlich auch noch sein einziger Freund Sunny – nach mehrfachen schmerzvollen Versuchen sich in einen Cyborg umzuwandeln, um Bobby zu beschützen – wie vom Erdboden verschwindet, findet Bobby in Val und Rose eine Familie, wie er sie sich seither ersehnte.

Die Kernaussage des Werkes ist die Suche nach einer Familie, auch wenn diese nicht aus der biologischen Formation von „Vater, Mutter, Kind“ bestehen muss. Sie muss einfach nur die richtigen Gefühle in uns erwecken und dabei ergeben sich familienähnliche Konstrukte fernab derjenigen Zustände, in die manche Menschen hineingeboren wurden.

Während Val Reed Bobby immer wieder erzählt, dass kein Buch ein Anfang oder ein Ende habe, weil es nur eine kurze Sequenz einer Geschichte enthalte, die auch immer etwas von seinem Leser enthält, zeigt David Whitehouse jedem von uns, dass für jedes Problem, dem man gegenübersteht, in zahllosen letzten Buchkapiteln längst eine Lösung präsentiert wird. Gefühle wie Liebe, Verlust und der Tod, die über einen Menschen hereinbrechen können, sind in Büchern so oft überwunden worden, dass man ihnen nie wieder allein gegenüberstehen muss.

David Whitehouse
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50148-3

Lesebericht zu „Die Lebenden und die Toten“ von Nele Neuhaus

Nele Neuhaus_Die Lebenden und die TotenNele Neuhaus thematisiert in „Die Lebenden und die Toten“ Machenschaften innerhalb der Organtransplantationsmedizin. Ein Mörder erschießt scheinbar wahllos unbescholtene Bürger. Während das Ermittlerduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein zu Beginn des Buches noch völlig im Dunkeln tappen, zeichnet sich dem Leser sukzessive ein Bild aus Rache und Vergeltung. Der Mörder beschreitet dabei einen perfiden Weg, der aus der Ermordung von Angehörigen besteht. Durch dieses Vorgehen schaltet er seine Widersacher nicht einfach nur aus, sondern lässt ihnen den gleichen Schmerz zuteilwerden, den diese ihm und seiner Familie in der Vergangenheit zugefügt haben. Sie alle müssen sterben, weil die Handlung eines Angehörigen den Vergeltungsdrang des Täters geweckt hat.
Während die Ermittler den Mörder finden wollen, ermittelt die Tochter des in den Handlungsstrang verstrickten Arztes Dr. Prof. Rudolf auf eigene Faust. Doch im Gegensatz zu den polizeilichen Nachforschungen, geht es Karoline Albrecht nicht darum den Mörder zu finden, sondern die Wahrheit über ihren Vater, der offensichtlich durch den Tod seiner Ehefrau für illegale Organtransplantationen bestraft werden soll. Zu Beginn ihrer eigenen Recherche stellte der Charakter der Karoline Albrecht für mich zunächst einen störenden Faktor dar. Dies änderte sich jedoch, als sie durch das Aufspüren der Freundin einer zentralen Person des Buches, an bahnbrechende Informationen gelangt, die es der Polizei erstmals erlaubt das Geschehen wirklich zu durchdringen.

Auf dem Weg zur Ermittlung des Täters, begegnet der Rezipient sehr vielen Charakteren aus Familie, Umfeld, Zeugen sowie Nebenrollen. Jeder könnte der Mörder gewesen sein. Wer hat etwas zu vertuschen? Wer hat eine alte Schuld offen? Wer fühlt sich verletzt und hätte dadurch ein eindeutiges Motiv? Wer ist in diesem Transplantations-Skandal eigentlich Opfer und wer Täter? Und die allerspannendste Frage: Wer darf sich „Der Richter“ nennen?

Obwohl die „Lebenden und die Toten“ ein Kriminalroman ist, arbeitet Nele Neuhaus unverblümt die Skandale der Transplantationschirurgie auf und vermittelt ein erschreckendes Bild davon, wenn Gier, Ruhm und Narzissmus Antrieb lebensrettender Mediziner sind.
Des Öfteren schlug mir in den Meinungen zu dem Titel eine eindeutige Kritik bezüglich des angesprochenen Themas entgegen. Ist „Die Lebenden und die Toten“ möglicherweise eine Entmutigung potentieller Organspender? Meine Meinung dazu ergibt sich aus einem Vergleich anderer Lebenssituationen und Umständen:
Fakt ist, dass es in allen Bereichen des Lebens Menschen gibt, die anderen helfen wollen. Und an Stellen, an denen geholfen wird, wird auch ausgebeutet. Egal ob dies Textilspenden, Hilfsgüter oder eben Organspenden betrifft. Falsche und heuchlerische Intentionen sind nun einmal vielerorts präsent, doch sollte man sich nicht von solchen Ausnahmen entmutigen lassen, selbst zu helfen!

Nele Neuhaus
Die Lebenden und die Toten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13 9783550080548

Lesebericht zu „Das stille Land“ von Tom Drury

1331_TitelRuecken_Drury_StilleLand.inddVeröffentlichungstermin: HEUTE (31.01.2015)
Dieser Beitrag ist auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Was macht das Leben mit dir, wenn du es einfach geschehen lässt? Mit welchen Kuriositäten wartet das Dasein in dieser Welt auf, wenn man gedankenverloren in jeden neuen Tag startet, frei von jeglichen Konventionen?

Pierre Hunter, der Protagonist in „Das stille Land“ lebt genau dieses Leben. Er hat den Hang dazu, sich kopfüber in Situationen zu stürzen, die er vorab nicht abzuschätzen kann. Nachdem Pierres Jugend durch den Tod seiner Eltern und das Ende seiner Beziehung zu Rebecca ein jähes Ende nimmt, arbeitet er als Barkeeper im noblen Jack of Diamonds. Genau wie die Spontanität seines Lebens, so unverblümt wird der Rezipient mit auf die Reise genommen, stets mit der Devise, dass keiner weiß, in welche Richtung sich das Leben entwickelt und wohin es den Protagonisten Pierre Hunter trägt. Pierre lebt in den Tag hinein. Unbeschwert. Als ihm die rästelhafte Stella das Leben rettet, nachdem er beim Schlittschuhfahren im Eis eingebrochen ist, bekommt sein Lebensweg einen Knick. Stella hat ein leerstehendes Haus am See. Prompt verlieben die beiden sich ineinander. Pierres Ausflug nach Kalifornien zieht ihm den Zorn eines gefährlichen Mannes zu, der auf Rache sinnt und ihn verfolgt. Stella erwartet die beiden schon mit einem schaurigen Geheimnis.

Alle Ereignisse bauen auf einer These aus Pierres Collegezeit auf: „Jeder Erfolg schafft die Bedingungen für dessen eigenen Niedergang. Ein einfaches Beispiel wäre das Feuer, das verzehrt, wovon es sich ernährt, und dann erlischt.“ (S. 90)
Auf seinem Weg trifft er eine Reihe von Menschen, von denen einige die Chance bekommen, in seinem Leben mitzuspielen, mit ihm weiterzuziehen, um weitere lapidare Begegnungen zu machen. Alle tragen gleichermaßen dazu bei, dass Pierres Leben temporär die Laufbahnen eines geordneten Lebens verlässt, um ihn im Anschluss mit Eifer auf die Bühne eines der aufregendsten Theaterstücke schleudert: Das Leben.

Zwischen allem Unerwartetem ist „Das stille Land“ eine Aufforderung an jeden einzelnen von uns: „Dass unser Planet und dieses Leben, das jedem von uns geschenkt wurde, Möglichkeiten bieten, die wir nicht begreifen. Daher verspielen wir sie Tag für Tag. Ich vermute, er hatte diese Einsicht ganz allein gefunden und wollte sie mit jemandem teilen.“ (S. 208)
Und am Ende bleibt insgeheim der Wunsch eines jeden, sich einfach einmal treiben zu lassen. Das Leben geschehen lassen und dessen Einmaligkeit zu genießen.

Das stille Land_Foto Oliver SteinhäuserSchon wache ich auf. Verkatert. Verschlafen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern und finde dieses Bild auf meiner Kamera:

Welch genialer Streich des Lebens!
Das stille Land – außer Rand und Band.

Tom Drury
Das stille Land
Klett-Cotta
1. Aufl. 2015, 216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98022-6

Lesebericht zu „Narbenkind“ von Erik Axl Sund – Band 2 der Victoria Bergman Trilogie

142_48118_148170_xlWährend im ersten Band der Victoria Bergman Trilogie („Krähenmädchen“) die ermordeten Jungen im Fokus der Ermittlungen stehen, dreht sich „Narbenkind“ hauptsächlich um die Ermordung eines ranghohen Geschäftsmannes, der auf bestialische Weise getötet und zerteilt wurde. Ebenso wie im Auftakt der Trilogie, bleibt es auch in „Narbenkind“ nicht bei diesem einen Mord.
Um die weiteren Ermordungen flicht sich ein Netz, das sich zunehmend um Victoria Bergman legt und klare Verbindungen zu ihrer Person enthält.
Da die Mordermittlungen zu den vier Jungen aus Band eins vorerst auf Eis liegen, müssen sich die Ermittler Jeanette Kihlberg und Jens Hurtig zunächst um die aktuellen Fälle bemühen, stellen jedoch immer wieder heimliche Ermittlungen zu den missbrauchten Kindern an. Während dem Leser vermeintlich immer deutlicher wird, wie die Fälle in Verbindung stehen, verzeichnet die Polizei weiterhin kaum Ermittlungserfolge.

„Narbenkind“ ist das, was ich als absolut logische Fortführung des Werkes „Krähenmädchen“ bezeichne. Erneut steht die Ergründung dissoziativer Störungen im Vordergrund.
Die durch eine geschützte Identität verborgene Victoria Bergman gibt den Ermittlern ein Rätsel auf, während dem Rezipienten bereits in Band eins der Trilogie die Analogie dieser Person offengelegt wurde. Man kann – da die Reihe nicht auf nervenzerreißende Spannung, sondern auf Durchdringung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten ausgelegt ist – nur erahnen, unter welcher Spannung die beiden Ermittler Kihlberg und Hurtig nach derart erfolglosen Ermittlungsepisoden stehen müssen.

Handlungsschwerpunkt des Buches ist die Suche nach der „Rachemörderin“, die allem Anschein nach etwas mit Victoria Bergman verbindet. Während der Leser im Verlauf zunehmend Victoria Bergman als ebendiese Rachemörderin im Verdacht hat, erscheint schemenhaft eine weitere Person, die mit ihr eine besonders ausgeprägte Gemeinsamkeit hat. Ist dieses Mädchen möglicherweise die Rächerin aller früheren Vergehen an Victoria?
Mit „Narbenkind“ begibt man sich auf eine Gratwanderung zwischen realem Geschehen, schnellen Perspektivwechseln und den Gedankengängen multipler Persönlichkeiten.

Während die Psychologin Sofia Zetterlund weiß, dass sich ihre Persönlichkeit zu gleichen Teilen aus Masochismus und Dissoziation zusammensetzt, sie sich selbst quält und die Eigenschaften ihres Quälgeistes annimmt, um dadurch immer wieder ihre eigene Hölle zu durchleben, fragt man sich:
Wer in diesem Spiel ist echt und wer ist nur ein fantasievoller Streich, um genau dieser Hölle wieder zu entfliehen?

Erik Axl Sund
Narbenkind
Paperback, Klappenbroschur, 512 Seiten
ISBN: 978-3-442-48118-7

Lesebericht zu „Krähenmädchen“ von Erik Axl Sund – Band 1 der Victoria Bergman Trilogie

Krähenmädchen_Victoria Bergman TrilogieBevorzugt werfe ich zu Beginn meiner Leseberichte Fragen zu den zentralen Themen eines Werkes auf. Das Krähenmädchen nimmt mir heute dabei die Arbeit ab und möchte wissen:
Wie viel Leid kann ein Mensch verkraften, ehe er selbst zum Monster wird?

Zum Auftakt der Victoria Bergman Trilogie durch das „Krähenmädchen“ wird der Leser mit einer Flut an Abscheulichkeiten wie Kindesentführung, -misshandlung und Mord konfrontiert. Polizistin Jeanette Kihlberg übernimmt zusammen mit ihrem Kollegen Jens Hurtig die laufende Ermittlung im Fall des in einem Park ermordet aufgefundenen Jungen. Allerdings bleibt es nicht bei dieser einen Leiche. Die Parallelen, die die misshandelten und getöteten Jungen aufweisen sind unverkennbar, und doch bewegen sich die Ermittler auf falschen Fährten und bleiben weitestgehend ergebnislos.

Zweifellos hochinteressant ist in „Krähenmädchen“ die durch Jeanette Kihlberg zu den Ermittlungen hinzugezogene Psychologin Sofia Zetterlund und deren Patientin Victoria Bergman. Während der Plot sich anfangs in enorm viele verwirrende Handlungsstränge gliedert, die das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen betrachten, ergeben sich für den Leser kaum verwertbare Verbindungen, um sich ein Gesamtbild zusammenzusetzen.
Im Verlauf des Buches erhält man schnell das Gefühl, dass die Psychologin Zetterlund und deren Patientin Bergman etwas verbindet. Gerade das stetige Ineinandergreifen der eigenen Vermutungen setzen beim Rezipient eine bittere Erkenntnis darüber zusammen, welch grausames Schicksal die beiden Frauen letzten Endes begleitet.

Das Duo Erik Axel Sund schreibt einen Thriller, der meiner Ansicht nach besonders durch seine psychologischen Aspekte begeistert. Das bedeutet allerdings, dass der Leser gewillt sein muss, sich durch verworrene Gedankengänge zu kämpfen und teils abstruse und zusammenhangslose Äußerungen und Taten in einen sinnigen Kontext zu bringen. Auch wenn das nicht immer leicht fällt, ist es doch genau dieses verzweifelte puzzeln, das dem Rezipient verdeutlicht, welche Verwirrung und Desorganisation in dissoziativ gestörten Menschen herrscht.

„Krähenmädchen“ endet mit einem Vorfall, der sich bereits etliche Jahre zuvor in etwa derselben Art zugetragen hat und erzeugt eine Spannung, der unbedingt nachgegangen werden muss.
Bei sehr detaillierter Betrachtung der einzelnen Subgeschichten kommen am Ende des ersten Buches viele Fragen auf, wie z.B.:

In Sofia Zetterlunds Praxis hängen ausgerechnet Bilder des Künstlers, mit dem Jeanette Kihlbergs Mann Åke eine gemeinsame Ausstellung haben wird. Spielt die Galeristin im weiteren Verlauf eine Rolle?

Was geschieht mit dem Pädophilen Lundström, der nach einem Suizidversuch derzeit im Koma liegt? Haben seine fantasierten Äußerungen zu Kindesmisshandlungen und organisierten Kinderschändern einen Wahrheitsgehalt?

Welche Rolle spielen Victoria Bergmans ehemaligen Internatsmitschülerinnen?

Darüber hinaus gibt es noch weitere Fragen, die ich aus spannungstechnischen Gründen jedoch an dieser Stelle noch nicht stellen kann.
Ich bin gespannt, ob und wie sich meine Fragen in den kommenden beiden Bänden beantworten werden und freue mich auf die Fortsetzung der Victoria-Bergman-Trilogie!

Erik Axl Sund
Krähenmädchen
Paperback, Klappenbroschur, 480 Seiten
ISBN: 978-3-442-48117-0

Lesebericht zu „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle_Dave Eggers_KiWiWie viel technologischen Fortschritt verträgt die Menschheit? Ab wann verdrängt die Gier nach Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken ein authentisches und natürliches Miteinander?

Themenschwerpunkt in Dave Eggers „Der Circle“ ist die totale Vernetzung des Lebens mit sozialen Diensten, Arbeitgebern und staatlichen Institutionen. Durch den starken Bekanntheitsgrad des Internetunternehmens „Der Circle“ entsteht in der Bevölkerung ein großes Interesse an den Tätigkeiten der Firma und dessen Projekten. Ein intrinsisches Verlangen nach völliger Transparenz durchbricht schlagartig die unternehmensinternen Interessen und breitet sich in einem Großteil der Gesellschaft aus, die fortan alles über jeden wissen möchte und keine Mühe scheut auch den entlegensten Winkel der Erde mit Kameras auszustatten.

Während sich Mae Holland, die 24-jährige Protagonistin, stetig den digitalen Konventionen des Circles angleicht, verliert sie zunehmend die analoge Welt aus den Augen. Menschen die ihr immer wichtig waren, die sie liebte, sind plötzlich eine Minderheit. Denn sie wollen nicht gläsern sein, nicht alle Gefühle, Situationen und Meinungen mit der Öffentlichkeit teilen. Doch für Mae zählen nur noch Parolen wie: Geheimnisse sind Lüge – Teilen ist Heilen – Privatshäre ist Diebstahl. Ihr entgleiten zwischenmenschliche Fähigkeiten, wie das Zuhören oder eine Unterhaltung zu führen, weil sie einer permanenten Reizüberflutung durch mobile Medien gegenüber steht. Sie wird sozial völlig autistisch.

Während die Transparenz der Menschheit dafür sorgen soll, alles Menschliche zu verstehen und keinen Raum für Fehlinterpretationen zuzulassen, geschieht doch letzten Endes genau das. Kein überwachter Mensch verhält sich so, wie er es in Freiheit tun würde. Ständig muss man auf sein eigenes Tun achten, sich stets verhaltensoptimiert präsentieren, um dem „Publikum“ – den Viewern – zu gefallen und um die meisten „Smiles“ zu erhalten.

Dave Eggers Ausblick auf die mögliche Zukunft ist weitaus mehr, als Fiktion. Soziale Netzwerke sind bereits jetzt ein Werkzeug zur optimierten Präsentation seines Selbst. „Der Circle“ ist ein Spiegel, der jeden von uns auffordert, seine Motive und Aktivitäten innerhalb solcher Parallelwelten zu reflektieren. Das Werk zeigt auch sehr imposant, welche Divergenzen sich bereits jetzt zwischen einer einzelnen Generation durch rasante technische Neu- und Weiterentwicklungen herauskristallisieren.

image_manager__av_image_full_circle_screenUnd während ich weitere Einladungen zu „Gefällt-mir-Seiten“ bekomme und sensationsgierige selbstschönende Posts aufploppen, hoffe ich, dass uns vor dem vollendeten geistigen Verfall noch eine lange schöne Zeit bevorsteht.

Hier noch eine schöne Website des Verlags zum Buch!

Dave Eggers
Der Circle
ISBN: 978-3-462-04675-5
560 Seiten, gebunden, mit Zeichenband

 

Lesebericht zu „Blutfrost“ von Susanne Staun

Dieser Beitrag ist auch auf dem Verlagsblog von Klett-Cotta erschienen.Blutfrost_Susanne Staun_Klett-Cotta

„Blutfrost“ beginnt mit einem Mord, zu dem Dr. Maria Krause, Rechtsmedizinerin im dänischen Odense gerufen wird. Im Anschluss daran startet eine Rückblende, die die Entstehung des Mordes erzählt und den Leser auf eine spannende Reise in eine Welt voll Schmerz und der Sucht nach Aufmerksamkeit entführt.

Klappentext:
In regelmäßigen Abständen erhält Rechtsmedizinerin Maria Krause anonyme E-Mails aus Rexville in den USA. Darin wird eine Person, die Maria angeblich nahesteht, bezichtigt, ihre eigenen Kinder zu verletzen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die mysteriösen Nachrichten stammen von »E«. Krause versucht alles, um »E«s Identität aufzudecken. Als sie feststellt, dass ihr verhasster Zwillingsbruder gemeinsam mit seiner Frau Eva in den USA gelebt und mit ihr eine Tochter namens Emily hat, gerät ihre Psyche mal wieder vollkommen durcheinander. Mehr als einmal überschreitet die eigenwillige Rechtsmedizinerin moralische Grenzen, wohl wissend, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegt …

Die Geschichte beginnt mit einem Mord: “Auf dem dunklen Holzboden mitten im Zimmer lag die Dame des Hauses. Sie trug einen schicken Pyjama aus weißer Seide. Auch sie war von Pappe eingerahmt. Ein schwarz gepunkteter Messerschaft, eindeutig der eines Globalmessers, ragte mitten aus ihrem hochschwangeren Bauch hervor…”.
Der Fall gerät schnell außer Kontrolle und versetzt Dr. Krause zurück in ihre Vergangenheit, die aus Vernachlässigung und Vereinsamung bestand. Als die Protagonistin schließlich E-Mails von Emily aus Rexville bekommt, dem Ort, in dem sie ihre rechtsmedizinische Ausbildung absolviert hat, beginnt für sie ein Spiel gegen die Zeit.

Das Hauptaugenmerk in „Blutfrost“ liegt nicht etwa bei den genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, sondern überzeugt durch eine detailreiche Betrachtung psychologischer Ursachen des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms (Wikipedia) und dessen Auswirkungen auf betroffene Kinder und deren Familien. Authentisch und lebensnah lässt Susanne Staun den Leser spüren, was für ein inneren Antrieb Mütter des Münchhausen-Stellvertretersydroms erbarmungslos verfolgen, und welche Ängste betroffene Kinder durchleben. Erschreckend ist, dass die Opfer nicht nur schmerzgeplagt, sondern durch die ständig anstehenden Arzttermine Schulbesuche versäumen, was letzten Endes dazu führen kann, ein Leben lang unmündig zu bleiben.

Zunehmend entsteht in den beiden geplagten Protagonisten Dr. Maria Krause und Emily eine gegenseitige Anziehung. Während Emily eine liebevolle Mutter sucht, wünscht sich Dr. Krause nichts mehr, als eine Tochter, der sie all ihre Liebe zutragen kann. Dabei ist es ihr vollkommen egal, dass ihre neue „Tochter“ Emily für mehr als einen Mord verantwortlich ist.

Mit „Blutfrost“ gelingt es Susanne Staun in einem Thriller ein Sachbuch zu verpacken, das seinen Reiz in seiner durchgeknallten Protagonistin Dr. Maria Krause findet.

Susanne Staun
Blutfrost
291 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50214-5

Lesebericht zu „Braune Orchideen“ von Andreas Schnabel

Sie lesen gerne im Zug, in der U-Bahn oder sonstigen lauten Umgebungen? Kein Problem, Krach hindert die Entwicklung der Geschichte zu keiner Zeit.andreas-schnabel-braune-orchideen

Klappentext:
Sie sieht so friedlich aus, die kleine Gemeinde irgendwo im bergigen Süddeutschland, dennoch birgt sie ein furchtbares Geheimnis. Woher kommt der Hass der Alten, der so groß ist, dass sie sich gegenseitig bestialisch umbringen? Hetzt sie die Gier aufeinander? Ist es vielleicht Angst oder werden sie gar fremdgesteuert? Die Toten sind nicht arm gestorben. Im Gegenteil Sie hinterlassen jeweils viel Geld. Viel zu viel, als dass Erben eine Erklärung verlangen dürfen, ohne sich dabei in Lebensgefahr zu begeben.

Andreas Schnabel lässt eine Aura entstehen, der man sich nur schwer wieder entziehen kann. Das Verwenden regionaler Sprachelemente bereichert den Plot, hilft der authentischen Darstellung des ländlich gelegenen Ortes Schwalbach und reiht sich damit angenehm in den derzeitigen Trend der Regionalität ein.
Schwalbach, ein Dorf, das augenscheinlich von anständigen Bürgern bewohnt wird. Doch sie hüten eine fast vergessene Vergangenheit, für dessen Bewahrung sie über Leichen gehen – ein Schatz aus altem Nazigold.

Liest man aufmerksam und reflektiert, so hat jeder einzelne Charakter seine Daseinsberechtigung und steht stellvertretend für eine weltoffene und aufgeklärte Gegenwart. Von homosexuellen Männern, über die Priesterin Stefanie Jänicke, die zusammen mit dem Polizeibeamten Frank Posselt deren alte Liebe entfacht.

Alle Protagonisten werden realitätsgetreu beschrieben, ohne sich dabei stereotypischer Klischees zu bedienen. Andreas Schnabel erlaubt es den Charakteren natürlich zu sein. So spielt das Leben!

Thematisch gibt es keine Abschweife, um mit erhobenem Zeigefinger über die Verbrechen der NS-Diktatur zu richten. Und doch weiß der Leser am Ende, dass derjenige, der mit beiden Beinen im Leben steht, keinen Nationalsozialismus für sein Ego brauch.

Ein Buch das überrascht und dessen Titel sowie die Gestaltung wohl gewählt wurden.

Unbedingt lesen!

Andreas Schnabel
Braune Orchideen
ISBN 978-3-945458-01-3