Lesebericht zu „Kolbe“ von Andreas Kollender

Kolbe-Alexander Kollender, Buch-und Medienblog, Oliver SteinhäuserWas war Fritz Kolbe für ein Mensch? Was trieb ihn im Kampf gegen ein gnadenloses und radikales Regime an? Wie wird aus einem einfachen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes ein abgeklärter Spion, der sukzessive Angst gegen Mut, und Zweifel gegen Kühnheit tauscht, um seinem Ziel – dem Ende des Zweiten Weltkriegs – näher zu kommen? Und wie kann es sein, dass diesen tollkühnen Fritz Kolbe niemand von uns kennt?

Fritz Kolbe, der nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, im September 1939, von seiner Position im Deutschen Konsulat in Kapstadt nach Deutschland beordert wird, ist fassungslos. Aus Sicherheitsgründen lässt er seine Tochter in Südafrika zurück, denn er ahnt, dass das Naziregime in Berlin nichts Gutes für sein Leben bedeuten kann. Bereits auf der langen Überfahrt spürt er das sich konzentrierende radikale Auftreten der Nazis, die es kaum erwarten können für ihren Führer in einen eisernen Kampf aufzubrechen. Auf seinem neuen Posten im Auswertigen Amt in Berlin, quält ihn das Wissen über das Unrecht, das vielen Menschen widerfährt, und das er täglich in den geheimen Akten liest. Er fasst den Entschluss, das brisante Material aus dem Amt zu schmuggeln und es auf seinen Dienstreisen nach Bern den Amerikanern zuzuspielen.

„Kolbe“ ist in zwei Perspektiven gegliedert. Es wechseln sich die Geschehnisse während des Krieges mit den Erinnerungen Fritz Kolbes, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ab. Grund dieser Szenenwechsel ist, dass Kolbe mehrfach versucht hat, seine eigene Geschichte niederzuschreiben. Da er allerdings nicht mit den Regeln des Schreibens vertraut ist, verzettelt er sich wieder und wieder. Aus diesem Grund veranlasst sein schweizer Freund Eugen Sacher den Besuch eines Journalisten und einer Fotografin. Gemeinsam ergründen sie Fritz´ Geschichte, hören ihm zu, fragen ihn aus. Zunehmend wird aus den journalistischen Notizen und dem Gespräch, die Geschichte um den vergessenen Spion aufgebaut. Typografisch kann der Leser stets zwischen diesen beiden Blickwinkeln unterscheiden. Die Geschichte Kolbes verläuft allerdings zunehmend zu einem aufregenden und dramatischen Gesamten.

Andreas Kollender gelingt es, beide Perspektiven mit einer enormen Authentizität zu beschreiben, sodass keinerlei Zweifel an seiner Geschichte aufkommen. Auch wenn der Leser bereits weiß, dass in diesem Buch Realität und Fiktion vereint werden, um ein spannendes Gesamtbild zu projizieren.
Kontinuierlich lernen wir mehr Details über Fritz Kolbe kennen und freuen uns, über – seine durch Selbstzweifel ausgelöste – authentische und bescheidene Menschlichkeit. Ein Charakter, der sich auch nach Kriegsende, beim Treffen mit den Journalisten, nicht verstellen muss.
Besonders gelungen sind die fließenden Übergänge zwischen den Gesprächen in Kolbes Unterschlupf und den Geschehnissen in Berlin und Bern während des Krieges. Es gleicht einer Kamerafahrt zwischen den Perspektiven und ermöglicht es dem Leser, seinen eigenen inneren Film aufzubauen.

Dieses Buch muss einfach gelesen werden!

Andreas Kollender
Kolbe
ISBN: 978-3-86532-489-4

 

Lesebericht zu „Lügenmädchen“ von Luana Lewis

http://www.randomhouse.de/Paperback/Luegenmaedchen-Psychothriller/Luana-Lewis/e461593.rhdEines winterlichen Abends klingelt es an Stellas Tür. Alle Straßen sind zugeschneit, und sie ist alleine in ihrem festungsähnlichen Haus. Durch die Überwachungskamera sieht sie, dass ein junges Mädchen, völlig unterkühlt, vor ihrer Haustür kauert. Widerstrebend öffnet die von der Außenwelt abgeschottete Stella schließlich die Tür und gewährt damit nicht nur dem sonderbaren Mädchen Einlass, sondern auch einer Vielzahl verdrängter und längst vergessenen Erinnerungen.
Der Psychothriller ist in mehrere Zeit- und Handlungsstränge gegliedert, und suggeriert damit bereits zu Beginn einen hohen Spannungsaufbau. Präsent sind in diesen Perspektivebenen die aktuellen Vorkommnisse in Stellas Haus, die sich an jenem Abend alleine zu Hause befindet, da ihr Mann – praktizierender Psychotherapeut – den Abend in seiner Praxis verbringt und die Nacht in seinem Stadtappartement verbringt. Ein weiterer Strang ergibt sich aus den in der Vergangenheit liegenden Ereignissen in der Grove Road Clinic, in der Stella bis zu ihrer psychischen Erkrankung selbst therapierte. Die dritte Erzählperspektive besteht aus den Therapiesitzungen eines jungen Mädchens und dessen Therapeut Max Fischer, Stellas Ehemann.

Luana Lewis wählt für ihren Plot eine vielversprechende Zusammenstellung, dessen Handlungen jedoch viel zu eindeutig und zäh zusammenfließen. Es ist nicht unüblich, dass gerade die ersten Seiten eines Psychothrillers, mit seinen zahlreichen Perspektivwechseln mühselig zu lesen sind, und dem Leser Ausdauer abverlangen. In „Lügenmädchen“ verpasst die Autorin jedoch den Übergang zur echten Spannung, da sie die Gewichtung der Erzählstränge falsch verteilt. Während die Spannung der Vorkommnisse auf Hilltop, in dem eingeschneiten Anwesen Stellas, nur rudimentär zu spüren ist, ziehen sich die Kapitel aus Stellas Vergangenheit unnötig in die Länge und ermatten. Dies hat zur Folge, dass beim Überspringen dieser Kapitel, der Zusammenhang trotzdem vorhanden bleibt, sie demnach hätten gekürzt oder ersetzt werden können. Fließendes Lesen ist durch diese Monotonie beinahe nicht möglich, ständig fühlt man sich gezwungen, das Buch zur Seite zu legen, um sich eine Durchschnaufpause zu gönnen.
Der Versuch, die Emotionen der verschiedenen Charaktere zu transportieren sowie Einblicke in die verletzten Psychen der Protagonisten Blue und Stella zu gewähren, ist in Luana Lewis nicht gelungen. Es sind jedoch gerade diese elementaren Bausteine, die zum Aufbau einer empathischen Leser-Protagonisten-Beziehung unabkömmlich sind.

Luana Lewis
Lügenmädchen
ISBN: 978-3-442-31384-6

 

Lesebericht zu „Etta und Otto und Russell und James“ von Emma Hooper

Emma Hooper, Buchblog, Oliver SteinhaeuserMit dem heute publizierten Buch „Etta und Otto und Russell und James“ erscheint ein emotionsgeladener Roman, dessen Thema das Vergessen ist. Feinfühlig beschreibt Emma Hooper die kriegsgeprägten Erinnerungen alter Freundschaften. Sie schafft eine Ausgewogenheit zwischen Traumatischem, Romantischem und Dramatischem, die es dem Leser ermöglicht, sich auf die Geschichte einzulassen. Ein Gleichgewicht, das ihn in temporäre Trauer, episodische Romantik und in sequenziellen Übermut versetzt. Und dabei kontinuierlich die Lebenserinnerungen dreier Protagonisten erzählt, die sich in einem Stadium aus Vergessen und Erinnern befinden. Gerade der Spagat zwischen Tragik und Wonne, sowie die Leichtigkeit Hoopers Worte, machen „Etta und Otto und Russell und James“ zu einem unvergesslichen Erlebnis einer noch existierenden Generation.

Die Handlung baut auf zwei Perspektiven auf. Vordergründig handelt das Buch von der Reise der 83-jährigen Etta, die in ihrem Leben wenigstens einmal das Meer gesehen haben möchte. Ergänzt wird ihre Reise mit der Lebensgeschichte Ettas, ihres Ehemannes Otto, und Russell, dem engsten Freund der beiden.
Ihr Mann Otto lässt sie ziehen – trotz aller Sorge. Er ist vor vielen Jahren selbst zu einer großen Reise aufgebrochen, um in einem fernen Land zu kämpfen. Ihr gemeinsamer Freund Russell hingegen will Etta zurückholen und verlässt zum ersten Mal in seinem Leben die heimische Farm. Auf ihrer Wanderung trifft Etta den Kojoten James, der sie durch das staubtrockene Land begleitet. Je näher Etta der Küste kommt, desto lebendiger werden die Erinnerungen der drei alten Freunde – Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, an Zeiten des Krieges, an Hoffnungen und versteckte Gefühle, aber auch an Erfahrungen, die sie nicht miteinander geteilt haben.

Bereits zu Beginn des Buches fällt auf, dass auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede gänzlich verzichtet wird. Was zunächst für Verwirrung beim Lesen sorgt, ist ein Stilmittel, das nicht geschickter hätte gewählt werden können. Es erzeugt einen nahtlosen Übergang zwischen Gesprochenem und Gedachtem, betont den Fließtextcharakter und mindert Unterbrechungen im Erzählfluss. Ein typografisch-stilistischer Kniff, der den Inhalt der Geschichte – das Verschwimmen, Vergessen und Wiederfinden von Erinnerungen – konsequent nach außen transportiert.
„Etta und Otto und Russell und James“ lehrt uns diverse Erkenntnisse einer Kriegsgeneration, deren Werte sich bis heute nicht verändert haben, jedoch leider oft in Vergessenheit geraten sind. Der Roman hält uns vor Augen, was räumliche Distanz, für sich liebende Menschen, vor rund 65 Jahren bedeutete. Dass es ein wesentlich intensiveres Festhalten und Daran-Glauben bedeutete, als dass es in unserer durch Medien durchfluteten Generation der Fall ist.
Emma Hopper schreibt einen Roman, in dem es nicht immer geordnet zugeht. Die Gestaltung mancher Kapitel ist so gewählt, dass auf eine real existierende Handlung eine Illusion folgt, dass Ettas Gedanken plötzlich in die Ottos münden. Eine Verwirrung, die die Hilflosigkeit des Vergessens und der Einbildung widerspielgelt. Eine Verwirrung, die Zeit zur Entfachung eigener Gedanken schürt.

Und während James sich auf die Suche nach Etta macht, finden Otto und sie wieder zueinander. Vereint. Im Tod.

Emma Hooper
Etta und Otto und Russell und James
ISBN: 978-3-426-28108-6

Hörbericht zu „Todesurteil“ von Andreas Gruber

Todesurteil-Andreas Gruber-Rezension-Hörbuch-Oliver Steinhaeuser-BuchblogGanz unverhofft erhält Sabine Nemez einen der begehrten Studienplätze an der Akademie des BKA in Wiesbaden. Unterrichtet wird sie von Maarten S. Sneijder, einem der angesehensten Fallanalytiker und Ausbilder des Bundeskriminalamtes. Zusammen mit ihm analysieren die angehenden Analytiker ungeklärte Mordfälle. Sabine sieht als einzige im Kurs Zusammenhänge zwischen mehreren dieser Fälle. Doch Sneijder schenkt ihren Erkenntnissen keinerlei Beachtung. Lässt sie immer wieder abblitzen und ermahnt Sabine, sich nicht in ihren haltlosen Theorien zu verrennen. Allerdings befeuert der erfahrene Ausbilder damit nur den Ehrgeiz Sabine Nemez´. Während sie sich ehrgeizig Zutritt zu verschlossenem Material verschafft, dabei konsequent allen Regeln trotzt, wird sie zur Geheimwaffe von Maarten S. Sneijder. Denn der hat nichts anderes im Sinn, als mit ihrem Drang Verbotenes zu tun, endlich die Zusammenhänge der Fälle herzustellen.
Zeitgleich taucht in einem Wiener Wald Clara wieder auf. Ein seit einem Jahr verschwundenes Mädchen, dessen Rücken mit Motiven aus Dantes Inferno tätowiert wurde. Staatsanwältin Melanie Dietz übernimmt den Fall, denn Clara ist die Tochter ihrer verstorbenen besten Freundin. Zusammen mit ihrem Therapiehund Sheila und dem Kommissar Hauser ermittelt sie. Dabei tauchen weitere misshandelte Mädchen auf. Tot. Mit gehäuteten Rückenpartien.
Die beiden Handlungsstränge haben, bis weit in die Geschichte hinein, keine erkennbaren Gemeinsamkeiten. Erst die Ermittlung einer Wiesbadener IP-Nummer im Wiener Entführungsfall, führt zur allmählichen Erschließung der Umstände.
Darüber hinaus treiben die Zwischenkapitel „Schlund der Hölle“ die Spannung auf ein Höchstmaß, da sie gut versteckte Vernehmungsprotokolle Sneijders mit dem Tatverdächtigen der ungeklärten Fälle sind. Dass diese Tonbänder jedoch nebulöse Zwiegespräche des Fallanalytikers selbst sind, um in die Gedankenwelt des Täters einzudringen, erkennt Sabine Nemez erst später.

„Todesurteil“ ist ein absolut spannendes Buch, das zeigt, wie beeinflussbar labile Menschen sein können. Zu welchen Taten sie getrieben werden, nur um ein wenig Anerkennung zu erhalten. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Fäden aller ungelösten Wiesbadener Fälle sowie der Wiener Entführungsfall an einem Punkt zusammenlaufen. Die Vermutung, dass alle Fälle von einer Person ausgeführt wurden, bestätigt sich jedoch nicht. Hinter den Anschlägen steckt ein perfider Racheplan dreier Menschen, die sich hinter ihren öffentlichen Ämtern verstecken und Beweise optimal manipulieren können.
Achim Buch gibt den zahlreichen Charakteren des Titels eigende und individuelle Stimmen, sodass der Hörer stets weis, wer in den zahlreichen Dialogen gerade spricht. Es sind die feinen Nuancen in der Betonung der Aussprache sowie Dialekte, die „Todesurteil“ zu einem echten Hörgenuss mit Hochspannung machen.

Andreas Gruber
Todesurteil
Gelesen von Achim Buch

 

Lesebericht zu „Bretonischer Stolz“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonscher Stolz-Jean-Luc-Bannalec-Kommissar Dupin-Buch-Blog-Oliver SteinhaeuserKommissar Dupins vierter Fall
Mit „Bretonischer Stolz“ erscheint ein Kriminalroman, der dem Leser Ruhe gönnt. Ihn, dank zweier Morde, in eine Welt aus Austern, Flut und Ebbe sowie einer reichen Flora und Fauna führt, in die man sich zunehmend hineinfühlt und sie in vollen Zügen genießt.

Madame Bandol stößt bei ihrem morgendlichen Spaziergang auf eine Leiche. Doch als Kommissar Georges Dupin zum Tatort gelangt, fehlt von dem toten Mann jede Spur. Bei seinen Ermittlungen stößt Dupin in den Hügeln der Mont d´Arrée auf eine weitere Leiche. Bald wird klar, dass die beiden Morde miteinander in Verbindung stehen müssen. Kommissar Dupin mobilisiert, zu den Polizisten vor Ort, sein gesamtes Team aus Concarneau, und richtet sich am Port Belon eine kleine Ermittlungszentrale ein. Zügig bestätigen seine Kollegen, dass es sich tatsächlich um zwei Tote handeln muss. Die beiden Schotten Mackenzie und Smith, die, aufgerüttelt durch ein Foto in einer schottischen Dudelsackzeitschrift, umgehend in die Bretagne gereist sind. Ein Foto, auf dem sie einen gemeinsamen, jahrelang totgeglaubten Bekannten wieder erkannt haben. Während Dupin sich allmählich den Zusammenhang zwischen diesem Zeitungsfoto und den jugendlichen Schandtaten der Schotten erschließt, wird für ihn klar, dass die beiden Männer auf einen alten Bekannten gestoßen sein müssen. Ein ehemals Vertrauter, der sich auf ihre Kosten ein neues Leben weitab der schottischen Justiz aufgebaut hat.
Durch die Untersuchungen der Polizei, erfahren wir sehr viel über das Leben und die Menschen in der Bretagne. Großartig detailreiche Ausführungen und Beschreibungen der bretonischen Vegetation, des Meeres, der Flüsse „Belon“ und „Aven“, die beide in den Atlantik münden, und dank der Tiden einen atemberaubenden Lebensraum zur Austernzucht ergeben. Darüber hinaus sind kulturelle bretonische Einflüsse auf angrenzende Länder ein großes Thema, da gerade die Schotten ein ebenso mächtiges keltisches Volk darstellen. Lokale und regionale Vereine der Bretonen und der Schotten stehen zur Wahrung der „Interceltisme“ in engem Kontakt.

Der Kriminalroman „Bretonischer Stolz“ verbindet historisch-mythische Ereignisse, kulturelle Bräuche und das dadurch geprägte Leben der Bretonen, mit dem Mord an zwei Schotten, und legitimiert somit eine facettenreiche und interkulturelle Ermittlung. Überwältigt von der Austernzucht und dem Leben in der Bretagne, öffne ich während des Rezensierens fortwährend meinen Browser, suche Routen nach Port Belon, recherchiere Flüge sowie Unterkünfte. Rieche dabei das Meer und das bretonische Aroma. Diese Eindrücke bleiben haften und erwecken Reiselust.


Oliver Steinhäuser, Buch, Blog, Literatur, LesenMotto des Buch- und Medienblog ist: „Du siehst, was du liest!“.
Und: „Bücher/Geschichten sind miteinander verbunden“. Jean-Luc Bannalec bestätigt genau das in seinem neuen Titel. Der Schauplatz wechselt in meinen Gedanken vom vorösterlichen Port Belon zur winterlich rauen Isle of Skye und der Stadt Portree in Schottland. Die Verbindung: Eisige Schwestern, ein in Mai 2015 veröffentlichter Psychothriller, der genau dort spielt. Es sind diese Brücken innerhalb verschiedener Geschichten, die das Lesen von Büchern so reizvoll gestalten. Die es schaffen, ganz persönliche Faszinationen auszulösen!


Jean-Luc Bannalec
Bretonischer Stolz
ISBN: 978-3-462-04813-1

 

 

Lesebericht zu „Heimweh“ von Marc Raabe

Heimweh, Marc Raabe, Buchblog, Inhaltsangabe, Oliver Steinhäuser„Verschwommen sah er die Gestalt am Rand der Grube auftauchen. Ein riesiges schwarzes Insekt mit einer Schaufel in der Hand. Schon prasselte die erste Schippe Erde auf sein Gesicht, begrub den Himmel und das letzte Stück Hoffnung“.
Immer wieder der selbe Albtraum, und die Fragen nach dessen Herkunft, die dich plagen. Jahrelang. Es muss einen Auslöser dafür geben. Schauergeschichten und Ängste entstehen nicht einfach. Sie werden geschürt!

Marc Raabe erzählt eine außergewöhnliche Geschichte, die mit den Misshandlungen des jungen Jesse und dessen baldige Unterkunft in ein Kinderheim mit integriertem Internat ihren verschwörerischen Anfang nimmt. Der Thriller splittet sich in einen Erzählstrang aus den Jahren 1979 bis 1981 sowie zwei Perspektiven der gegenwärtigen Handlungen. Darin setzt Jesse alle Hebel in Bewegung, um den Mörder seiner Exfrau Sandra und gleichzeitig Entführer seiner Tochter Isa, ausfindig zu machen. Dazu begibt er sich zusammen mit Jule, einer Freundin seiner Exfrau, nach Adlershof, dem Heim seiner Kindheit und Jugend. Ergänzt werden seine Bemühungen durch Einschübe des Entführers, der sich nicht nur Isa, sondern auch den ehemaligen Heimleiter Arthur aufgegriffen hat und beide zusammen gefangen hält.
Raabe führt seine Leser anhand eines klaren roten Fadens durch „Heimweh“. Zum Ende eines Kapitels, lässt er den Leser nahezu stetig mit einer offenen Frage zurück. Antwort darauf findet sich bereits meist im Folgekapitel. Gelungen ist an dieser Stelle vor allem, dass die Fragen nicht einfach durch Antworten abgearbeitet werden, sondern die gegenwärtigen Ungereimtheiten sich durch den Erzählstrang des 32 Jahre zurückliegenden Heimaufenthaltes aufheben.
Während dem Leser verschiedene Verdächtige präsentiert werden, läuft die Gegenwart mit der Vergangenheit doch erst kurz vor dem rasanten Schluss des Buches zusammen, und offenbart dem Leser die schaurige Wahrheit: Der Insektenmann steht Jesse näher, als jeder andere Mensch. Und er hat schon einmal versucht ihn zu töten.

„Heimweh“ steckt voller Überraschungen und deckt dabei viele Facetten eines Heimlebens auf, auf das man mit gemischten Gefühlen blickt. Einerseits gibt es kaum bedrückendere Lebensumstände, als wenn junge Menschen aus ihren Familien gerissen werden und sich an unterster Stelle einer Rangordnung in Heimen stellen müssen. Andererseits wecken die „alten Geschichten“, mit ihren Geheimgängen, den nächtlichen Ausbrüchen aus den Schlafräumen und den Liebesgeschichten, eine starke Sehnsucht: Die Flucht, zurück in die analoge Welt, die das Wesen eines Menschen wesentlich deutlicher prägt – ihm Form und Kanten gibt – als es digitale Welten je vermögen werden.

Marc Raabe
Heimweh
ISBN-13 9783548286907

Lesebericht zu „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan

Buchblog, Oliver Steinhaeuser, David LevithanWas bedeutet es, jeden Tag jemand anderes zu sein? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich am Abend schlafen legst und nicht weißt, wer du am folgenden Morgen bist? Für dich selbst ist es nicht relevant, was du mit diesem einen Tag im Leben eines anderen machst und wie du diesen einen Tag steuerst. Doch das Leben all der anderen kannst du erheblich beeinflussen. Fluch oder Segen?

Der geschlechts- und körperlose A wacht seit seiner Geburt, jeden Tag in einem anderen Körper auf und muss sich auf das Leben des ihm geliehenen Körpers einlassen, um auf dessen Alltag möglichst geringe Auswirkungen zu nehmen. Lange Zeit hat A sich auf dieses Leben eingestellt, sodass es funktioniert und er die Existenz der geliehenen Körper nicht durcheinander bringt. Bis A eines Tages auf Rhiannon trifft, in die er sich verliebt.
Der Leser lernt den 16 jährigen A am 5994 Tag seines Lebens kennen, und begleitet ihn für 41 Tage. Die einzigen Konstanten in seinem Leben ergeben sich daraus, dass A stets im Körper gleichaltriger Jugendlicher, in relativer räumlicher Nähe zu seinem letzten Aufenthaltsort erwacht.
Durch die Liebesgeschichte zwischen A und Rhiannon, lernt der Leser eine Menge junger Menschen kennen und erfährt sehr viel über deren Gewohnheiten und Eigenheiten. Trotz der Vielzahl an verschiedenen Charakteren, sind die Eigenschaften der Individuen sehr detailliert ausgearbeitet. Levithan schafft ein breites Spektrum Jugendlicher, in einer der spannendsten Phasen des Lebens. Selbstfindung, Revolte und Zweifel sind nur einige der aufreibendsten Perioden im Leben eines Teenagers. 41 Charaktere, die durch ihre Herkunft, Lebenssituation und ihrem Äußeren kaum unterschiedlicher sein könnten, ermöglichen einen Blick über die Vielfalt unserer Gesellschaft. Und deren Ängste: Sucht, Depressionen, Selbstmord, Homosexualität und Glaube.
Neben all diesen Fragen einer ganzen Generation, geht es auch um die Frage, ob es möglich ist, eine körper- und gestaltlose Person lieben zu können. Einem Menschen, dessen Erscheinungsbild einem täglichen Wandel unterzogen ist. Dessen Inneres jedoch absolut beständig ist und immer gleich bleibt. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ beschreibt den Zwiespalt des A, der in einem fremden Körper steckt, und sich fragt, ob er diesen auch für seine Bedürfnisse benutzen darf.

David Levithan nimmt seine Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die zum Nachdenken anregt. Dabei schreibt er in einer bildlichen und flüssigen Sprache. Dass die Identifikation mit A schwerfällt, ist der inneren Zerrissenheit des Protagonisten geschuldet, dem eine eigene Identität selbst lieber wäre, als mit dem täglichen Wandel zu leben. Letztendlich ist er zwar immer da, aber nie wirklich nah.
Die Geschichte überwindet alle Grenzen der Liebe und des Lebens, und hinterlässt, gerade in unserer vom äußeren Eindruck geprägten Zeit, den Wunsch nach Anerkennung innerer Werte.

David Levithan
Letztendlich sind wir dem Universum egal
ISBN: 978-3-10-402437-0

Lesebericht zu „Kaninchenherz“ von Annette Wieners

Blog, Buch, Medien, Kaninchenherz, Oliver SteinhaeuserZehn Jahre sind seit jenem tragischen Nachmittag vergangen, der ihren Sohn Philipp das Leben kostete. Jener schicksalhafte Tag, der das Leben der erfolgreichen Kommissarin Gesine auf den Kopf stellte und nach dem nichts mehr sein wird, wie früher.
Jahrelang waren die Zwillingsschwestern Mareike und Gesine eine unzertrennliche Einheit, verbrachten einen Großteil ihres Lebens miteinander. Sogar auf Festen der Kriminalpolizei war Gesines Schwester, Mareike, ein gern gesehener Gast. All dies liegt sehr lange zurück.
Durch den offensichtlich von Mareike verschuldeten Tod Philipps, brach jeder Kontakt ab. Auch der zu ihren Eltern, die sich seit jeher weigern, Mareikes schuldhaftes Verhalten, Gesine gegenüber anzuerkennen.

„ Das Bild hatte sich längst in ihr Hirn gebrannt: Die Mädchen sahen eindeutig so aus, wie sie selbst früher ausgesehen hatte. Sie selbst und auch ihre Schwester Mareike.“ Zwei spielende Kinder auf dem Friedhof, auf dem Gesine die Kapelle und das Grab für eine Beerdigung schmücken soll. Das Begräbnis ihrer eigenen Schwester, wie ihr schlagartig bewusst wird. Doch bevor Gesine ihre Flucht nach vorne antreten kann, steckt sie bereits inmitten ihrer eigenen Vergangenheit und kann ihr nicht entfliehen. Warum lässt sich ihre Zwillingsschwester auf dem Friedhof begraben, auf dem auch Gesines Kind begraben liegt, und auf dem sie als Gärtnerin arbeitet? Warum ist Mareike nach Jahren wieder in Deutschland und wird kurz darauf von einem Zug erfasst und getötet? Fragen die Gesines kriminalistischen Instinkt erneut entfachen und sie dazu bringt, eigene Ermittlungen anzustellen, während dieser sie der Wahrheit immer näher kommt. Auch der, um den Gifttod ihres geliebten Sohnes.

Die aktuellen Geschehnisse dominieren das Buch. Ergänzt werden sie durch kurze Rückblenden zu dem Tag, an dem Gesines Sohn Philipp starb. Annette Wieners erzeugt durch ihre knappe und stockende Erzählweise in den Rückblenden, eine authentische Szenenbeschreibung, durch die die Verwirrung, die Ängste und die Verzweiflung einer jungen Mutter sehr gut nachempfunden werden können. Des Weiteren enthält das Buch Auszüge aus Gesines persönlichem Notizbuch, in dem sie seit Philipps Tod, alle giftigen Pflanzen zu ihrer eigenen Enzyklopädie zusammenstellt. Auch diese Auszüge dienen der glaubwürdigen Trauerbewältigung und untermauern das Trauma, das beim Verlust des eigenen Kindes oft ein ganzes Leben lang Auswirkungen auf das Verhalten und Wirken der hinterbliebenen Eltern hat.

Während man noch über den Titel des Buches grübelt, versinkt man zunehmend in die durch Trauer mühevoll aufgebaute Welt der Gesine Cordes und erfährt, wozu Überforderung mit kleinen Kindern, in Kombination mit missverständlichen Absprachen, führen können. Und wie eine ganze Familie an einer jahrelangen Lüge zerbricht, anstatt sich der Wahrheit zu bedienen und sich seinen Fehlern zu stellen. Insgeheim hofft man, dass durch das Lüften des Geheimnisses, Gesines Leben nicht erneut aus den Fugen gerät.

Annette Wieners
Kaninchenherz
ISBN-13 9783548612584

Lesebericht zu „Eisige Schwestern“ von S. K. Tremayne

Zwillinge, Eisige Schwestern, Schottland, BuchblogEineiige Zwillinge sind ein aufregendes Phänomen und bieten gerade in jungen Jahren oft Anlass zur Verwechslung. Machen sie sich einen Spaß darauß, ihre Identitäten zu vertauschen, um ihre Mitmenschen zu verwirren, kann es passieren, dass ihnen selbst die eigenen Eltern auf den Leim gehen. Doch welche schaurigen Auswirkungen hat es, wenn ein Ko-Zwilling ums Leben kommt, und die Familie den falschen Zwilling tot glaubt?

Lydia und Kirstie waren Zwillinge. Unzertrennlich. Nachdem Lydia einen Sturz vom Balkon nicht überlebte, entwickelt sich Kirstie zur Einzelgängerin. Kein Gleichaltriger möchte seine Zeit gemeinsam mit ihr verbringen. Und sie selbst sucht verzweifelt nach ihrer Schwester, die sie so sehr vermisst. Der Umzug von London, auf eine Privatinsel der schottischen Hebriden, soll den Start in ein neues Leben, fernab der tragischen Vergangenheit werden, und Kirstie ein Leben in neutraler Umgebung ermöglichen. Doch plötzlich eröffnete sie ihrer Mutter Sarah: „Ich bin nicht Kirstie! Ihr habt den falschen Zwilling beerdigt!“
S. K. Tremayne führt seine Leser in das winterlich dunkle, windig und kalte Schottland. Tage, die von Dunkelheit geprägt sind, bilden die Kulisse, in der die aus London zugezogene Familie ihr neues Leben zu starten versucht. Aufgrund der Enthüllung ihrer Tochter, sie sei der beerdigte Zwilling Lydia, richtet die Familie eine zweite Trauerfeier aus. Allerdings ergibt sich auch aus dieserm Abschied keine Ruhe vor den Umständen der Geschehnisse des Unfalls, im vergangenen Jahr. Mutter Sarah interpretiert die Aussagen und das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter zum Nachteil ihres Mannes Angus und wirft ihm vor, seiner Tochter näher gekommen zu sein, als er es hätte tun dürfen.

Während das Ehepaar Moorcroft bis dahin verzweifelt versuchte, ihre wankende Liebe zu stützen und das gegenseitige Vertrauen neu zu ergründen, leitet Sarah mit diesen Vorwürfen ein Spiel ein, dass sie nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Ihre Beziehung wird zunehmend von Misstrauen bestimmt. Weder Angus noch Sarah zeigen ihre wahren Ansichten dem anderen Gegenüber.
S.K. Tremayne konstruiert in „Eisige Schwestern“ eine Familie, deren Gefühle und Umgang miteinander, mit dem rauhen schottischen Wetter korrespondiert. Der Buchtitel, das Wetter und die Gefühlswelten der Protagonisten ergeben ein perfektes Zusammenspiel: Eisige Kälte, schockierende Gedanken und schauererregende Szenen. Dadurch, dass Tremayne seine Charaktere kaum beschreibt, sondern sie aktiv handeln lässt (Show, don’t tell), präsentiert er, in Bezug auf die Gefühlsebene, sehr authentische Personen. Dank den detailliert ausgearbeiteten und authentischen Handlungen der Familie Moorcroft, kommt das Buch ohne ausschweifende optische Finesse in der Charaktergestaltung aus.

S. K. Tremayne
Eisige Schwestern
ISBN: 978-3-426-51635-5

 

Lesebericht zu „Dope“ von Sara Gran

Sara Gran, Dope, Drogen, Buchblog Oliver SteinhäuserPausenlos ergibt sich die Diskussion zum Thema Chancengleichheit und Fairness. Doch bereits die Umsetzung sozialer und integrativer Konzepte bedeuten oft unüberwindbare Schranken und Hemmschwellen für jeden einzelnen von uns. „Dope“ schildert, was ein Leben als Junkie im New York der 1950er Jahre bedeutet, welchen Sümpfen labile Menschen, die Zuflucht im Drogenrausch suchen, ausgesetzt sind. Und was gilt, wenn der Ausstieg aus der Misere geschafft ist.

Die aus zerrütteten Verhältnissen stammende Josephine Flannigan kämpft mit einer Vergangenheit aus Drogensucht, falschen Freunden und einem Leben der Überforderung. Schon viel zu früh musste sie die Verantwortung für ihre Schwester übernehmen und alleine im New York der 1940er Jahre zurecht finden. Ihr erster Ehemann bringt sie, bereits im Alter von 17 Jahren, den Drogen nahe und zieht sie in einen Abgrund aus Abhängigkeiten, aus dem sie sich nach etlichen Jahren mit aller Kraft wieder befreit. Überraschend erhält Josephine den Auftrag, nach einem Mädchen zu suchen, die sich seit einiger Zeit in denselben Kreisen befindet, mit deren Gepflogenheiten Josephine selbst noch sehr vertraut ist. Sie begibt sich erneut in eine gefährliche Welt.

Auch wenn die Spannung in „Dope“ fehlt und der Leser gerade zu durch das Buch treibt, macht Sara Gran in ihrem Roman deutlich, welche Gefahren von missbräuchlichem Drogenkonsum ausgehen. Auch wenn wir im 21. Jahrhundert eine Vielzahl an Institutionen, wie beispielsweise Druckräume, errichtet haben, um Abhängigen einen besseren Lebensstandard zu bieten, ist das Kernproblem nach wie vor das Gleiche: Die Droge.
Drogenabhängige Menschen sind auf ihre Art Künstler und Experte: „Ein Anwalt, der die Drogengesetze […] im Wortlaut kannte; ein Psychologe, der wusste, wie man einen Dealer dazu überredet, Kredit zu gewähren.“ Es ist der Verlust, Situationen korrekt beurteilen zu können, die mit dem Start in eine Drogenkarriere einhergehen, der ein Leben in einer Parallelwelt früher oder später gefährlich werden lassen. Die Tatsache, dass Josephine einer außergewöhnlich durchdachten Intrige aufsitzt, verdeutlicht, dass Auffassungsgabe und Urteilsvermögen selbst als Ex-Konsument oft unwiderruflich geschädigt sind. Dass Josephines letztes Abenteuer von einer ihr nahestehenden Person geplant wurde zeigt darüber hinaus, dass selbst vermeintliche „Freunde“ und „Familie“ im Drogenmilieu kein Garant für Verlass und Vertrauen sind.

Sara Gran
Dope
ISBN: 978-3-426-30445-7