Lesebericht zu „Bretonisches Leuchten“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonisches Leuchten_Jean-Luc Bannalec_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Buch-und Medienblog, BlogIn der vergangenen Woche erschien der neue Kriminalroman von Jean-Luc Bannalec
Kommissar Dupins sechster Fall

Kommissar Georges Dupin hat frei! Weit weg von seinem Büro in Concarneau, macht er mit seiner Freundin Claire zwei Wochen Urlaub. Schon die Vorstellung an die erzwungene Ruhe und des Nichtstuns setzen dem arbeitswütigen Dupin zu. Nun liegt er allerdings tatsächlich am Strand der Côte de Granit Rose und soll endlich einmal seine Kriminalfälle und den Alltagsstress vergessen. So wünschen es zumindest Claire und auch die Kollegen in Concarneau.

Aus Sehnsucht nach Ermittlungen, kauft Dupin sich eines seiner geliebten Clairefontaine Notizbücher. Nicht wie üblich in rot, sondern blau. Er hat schließlich Urlaub. Wenn er schon nicht arbeiten darf, könne er sich wenigstens einen Fall konstruieren und fiktiv ermitteln.
Doch so weit kommt es nicht, denn aus seinem Feriendomizil verschwindet eine Frau spurlos. Schnell spricht sich im Hotel und auch im Ort Trégastel herum, dass der Besucher Georges Dupin der bekannte Kommissar aus Concarneau ist und wird umgehend um seinen Rat gebeten. Da der Hotelier, die beiden Gendarme, die Inhaberin des Presse- und Tabakladens, der Friseur etc. gewissermaßen über etliche Ecken verwand und verschwägert sind, bilden sie ein eingefleischtes Team. Jetzt, da auch noch der unbeliebte Kommissar aus Lannion den Fall offiziell übernommen hat, arbeiten alle Instanzen des Örtchens zusammen, informieren sich gegenseitig und legen größten Wert auf das Knowhow Dupins. Sie wollen die Tatumstände selbst herausfinden und Ergebnisse abliefern. Neben dem erteilten Arbeitsverbot seiner Freundin Claire, muss Georges Dupin zudem gegen die Drohungen des Kommissars aus Lannion achten. Der fühlt sich durch seine heimlichen Aktionen und die als Urlaubsplausch getarnten Befragungen in seinem Hoheitsgebiet und seiner Ehre übergangen.
Als eine Attacke auf die Lokalabgeordnete Madame Rabier stattfindet und plötzlich eine weibliche Leiche im Steinbruch gefunden wird, nehmen die Ereignisse schlagartig zu. Besonders, da die Tote im Steinbruch zunächst für die verschwundene Frau aus Dupins Hotel gehalten wird. Dem ermittlungssüchtigen Kommissar lässt das natürlich keine Ruhe. Um Claire nicht aufzuregen, muss er sich ausgefallene Ausreden ausdenken. Gut nur, dass auch sie sich nicht ganz konsequent an die Abmachung des arbeitsfreien Urlaubs zu halten scheint.

Wie die fünf Vorgänger der Reihe um den Kommissar Georges Dupin, ist auch der neue Krimi von Jean-Luc Bannalec ein sonniger und wohliger Ausflug in den Sommer der Bretagne.
Er eignet sich wie immer für all diejenigen, die im Sommer zu Hause bleiben, denn Dank der wunderbar bildlichen Sprache kann man das Meer trotzdem riechen und die Bretagne spüren. Die Krimis dienen auch hervorragend zur Vorbereitung und Einstimmung des eigenen Urlaubs im westlichsten Zipfel Frankreichs.

Jean-Luc Bannalec
Bretonisches Leuchten
ISBN: 978-3-462-05056-1

Lesebericht zu „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz

Des Teufels Gebetbuch_Markus Heitz_Blog_Oliver Steinhaeuser_RezensionIn illegalen Spielpartien zocken reiche Kartenbegeisterte um historische Karten. Ihr Einsatz ist eine Menge Geld und jeweils eine historische Spielkarte. Gespielt wird „Supérieur“, bei dem die Spieler nacheinander Karten aufnehmen. Die höchste Karte gewinnt, alle anderen verlieren ihren Einsatz pro Runde. Wer die „Pik-Ass“ zieht hat automatisch alles verloren. Auch sein Leben. So sehen es die historischen Spielregeln vor, denn der Verlierer seines gesamten weltlichen Besitzes findet seine Ruhe besser im Tod als im Leben.
Hyun, die die Nachricht über den Unfalltod ihres zockenden Verlobten nicht recht glauben möchte, will die Organisatoren des illegal arrangierten Spiels zur Rechenschaft ziehen und löst bei der nächsten Partie in Baden-Baden eine Lawine ungeahnten Ausmaßes aus, die mit dem Tod eines russischen Oligarchensohnes zudem noch einmal mehr an Rasanz gewinnt.

Des Teufels Gebetbuch ist eine gelungene Kombination aus dem historischen Entstehungsprozess der Spielkarten und der Wirkung von Kartenspielen in unserer Gesellschaft. Die Verwunderung über die Macht des historischen Kartendecks fesselt den Leser so stark an das Buch, dass die im Anhang mitgereichten Informationen über die Entstehung von Kartenspielen und deren Weg nach und in Europa mit Euphorie weiterstudiert werden.
Die Verwendung historisch nachweisbarer Fakten und echt existierender Charaktere in der Geschichte zum Teufels Gebetbuch erzeugt eine solche Authentizität, sodass der Leser keinen Zweifel an der Story hat – obwohl er natürlich weiß, dass es um einen Roman mit fiktiven Elementen handelt.

Richtig interessant wird die Thematik, sobald der Leser das Geschriebene reflektiert. Das historische Kartenspiel des Romans wurde im Auftrag des Teufels im Heiligen Römischen Reich um 1768 in Leipzig mit einem Kupferstich gedruckt. Man kann sich nun die Frage der Existenz des Teufels stellen. Dann muss man jedoch gleichzeitig über die Existenz Gottes grübeln. Sind das nun fantastische Elemente? Beim Teufel und Gott eher nicht. Wie dem auch sei: Ist es nicht das Spielen an sich, dass in uns Menschen das teuflische in Form von Habgier, Missgunst und Sucht auslöst? Ebenso wie das Göttliche nicht körperlich existiert, sondern durch unser Handeln als Mensch erst zu Vorschein kommt.


Achtung! Dieses Buch fesselt den Leser an sich. Ein Entkommen der eigenen Gedanken aus dem Buch ist auch nach Beenden der Lektüre kaum möglich!


Markus Heitz liefert in den beiden Erzählsträngen einerseits eine sagenhaft düstere Aura, durch die der Leser ins alte Leipzig des Heiligen Römischen Reichs entführt wird. Zurück in die Zeit, zu der der Kupferstecher Bastian Kirchner im Verlagshaus Breitkopf tätig ist und das Kartendeck herstellt. Im zweiten Erzählstrang befindet sich der Leser in der rasanten Gegenwart, die von der Jagd nach eben diesen historischen Karten – des Teufels Gebetbuch – dominiert wird. Dass einige Protagonisten, Tadeus Boch allen voran, über unglaubliche Fähigkeiten verfügen – er spricht und versteht beinahe jede Sprache – ist kaum zu begreifen und strapaziert die Glaubwürdigkeit. Aber es schadet dem Buch nicht. Die Geschichte selbst ist so unglaublich, dass dem Leser diese Makel zwar nicht entgehen, sie ihn aber nicht davon abhalten, mehr über des Teufels Gebetbuch erfahren zu wollen. Und sich zusammen mit Hyun und Tadeus in den entlegensten Winkeln Italiens, Frankreichs, Belgiens, Russlands und Westafrikas rumtreiben, um alle Karten des Decks zusammenzubekommen. Nachdem auch Tadeus der Aura einer Karte anheimgefallen ist und er ihre negative und böse Ausstrahlung auf sein Denken und Handeln bemerkt, ist es der beiden Ziel, die unzerstörbaren Karten wenigstens so zu verbergen, dass kein Mensch mehr sie erreichen soll.

Markus Heitz
Des Teufels Gebetbuch
ISBN: 978-3-426-65419-4

Lesebericht zu „In jedem Augenblick unseres Lebens“ von Tom Malmquist

9783608983128_Tom Malmquist_Rezension_Besprechung_In jedem Augenblick unseres Lebens_Oliver Steinhäuser_Blog_Buch_LiteraturDie Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, zu dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach,  und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle „Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit seiner Freundin Karin innerhalb kürzester Zeit die Tür des Vertrauten und Geborgenen für immer zuschlägt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die zerschmetternde Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.
Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.
Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist ein Buch. Gegenwart und Erinnerung finden darin einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebt sein, an die Freuden und den Zweifeln. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz aller Umstände zu jeden Moment unserer Existenz leben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während den tragischen Ereignissen. Ohne sie drohen dem Leser der Verlust der Struktur und das Verschwimmen der Zeilen. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Sie verschwimmen im Kummer, ja Ohnmacht, und sind für Tom kaum in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.
Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, die Tom zu bewältigen hat, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge – Informationen, mit denen sich nur Eltern identifizieren können: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht – in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot und das erschwert den Vorgang ungemein. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
In jedem Augenblick unseres Lebens
978-3-608-98312-8

Lesebericht zu „Die Mutter des Satans“ von Claudia & Nadja Beinert

Stolz erfüllt Eltern, deren Kinder Erkenntnisse für die Menschheit liefern und der Gesellschaft ein nachvollziehbares und realitätsnahes Leben ermöglichen. Ein Leben und Denken abseits absurder Repressalien. So ist es auch bei Margarethe Luder, deren Sohn Martin im frühen 16. Jahrhundert die Lehre der katholischen Kirche in Frage stellt. Während der Vater Hans sich von Martin abwendet und ihn verstößt, liebt seine Mutter ihn weiterhin. Obwohl auch sie Zweifel und Unheil vor seinen reformatorischen Thesen für sich, ihre Familie und das gesamte Volk befürchtet.

Die Geschwister Beinert durchleuchten in „Die Mutter des Satans“ das Leben der Margarethe Luder. Eine Frau deren Aufgabe das Gebären, Zusammenhalten und Umsorgen der Familie ist – eine übliche Aufgabe für Frauen des 15. und 16. Jahrhunderts. Ihr Mann Hans ernährt mit dem Verdienst aus der Erzschmelze die Familie. Mit seinen gepachteten Schmelzhütten verdient er dabei anfangs kein schlechtes Geld und beschäftigt mehrere Hauer, die ihm das Gestein zum Ausschmelzen von Kupfer und Silber aus dem Berg treiben. Die Luders sind in Mannsfeld eine gut und gern gesehene Familie. Bis Sohn Martin sein Jurastudium abbricht und sich für ein Leben als Mönch entscheidet. Er spaltet die Familie zutiefst. Während seine Mutter mit Unbehagen und Fassungslosigkeit reagiert, spricht ihm der Vater die Familienzugehörigkeit ab. Niemals werde ein Kuttenträger der Familie Luder zugehören! Harte Worte, die den jungen Mann nicht davon abbringen können. Denn er handelt allein nach seinem Gewissen und Überzeugung. Mit dem Thesenanschlag in Wittenberg 1517 beginnt eine turbulente Zeit. Für Martin, der sich nach Eleutherius – die latinisierte Form des spätgriechischen Namen Ελευθέριος („Befreier“) – fortan Luther schreibt. Aber auch für seine Familie, da sie die Wut der strengen katholischen Kirche und unterwürfigen Bürgern auf die reformatorischen Gedanken und Äußerungen Martins zu spüren bekommt.

Der Roman eignet sich für zwei Zielgruppen:
Erstere ist, wer detaillierte Kenntnis zum Leben der Margarethe Luder erfahren möchte. Die Geschwister Beinert haben mit viel Liebe zum Detail einen ausführlichen Roman um die geschichtlichen Fakten geschrieben und das Wirken von Martin Luthers Mutter plastisch zum Leben erweckt.
Die zweite Zielgruppe stellen Informationssuchende, die die Entwicklung Martin Luthers sowie seiner Familie aus einem spannend erzählten Kontext erleben möchten. Wer jeweils ein bis zwei Sätze am Absatzbeginn und -ende der zahlreichen Absätze liest, erfährt all diese geschichtlich prägenden Ereignisse und kann dem Leben der Luders zusehen.

Erzählt wird die Geschichte aus den Erinnerungen von Margarethe Luder, die ihr Leben während des Portraitierens bei Lucas Cranach Revue passieren lässt. Deren Sohn Martin zu Beginn lediglich für die Abschaffung von Missbräuchen eingetreten war, der sich zum Reformator der Kirche entwickelt hat und Reliquien, Ablässen sowie Heiligenverehrung bedeutungslos machte. Obwohl Martin Luther seinerzeit die gesamte Kirche gegen sich aufbrachte, ist es nicht Rebellion, sondern die Suche nach Gottes Gnaden, die ihn bewegt und antreibt. Für ihn steht fest, dass ein Christ kein gutes Werk zu tun braucht, um fromm zu sein. „Es ist genau umgekehrt. Kaum dass er [der gute Christ] meint, sich Frömmlichkeit erst verdienen zu müssen, verliert er seinen Glauben. Es ist wie mit einem Hund, der ein Stück Fleisch im Maul trägt, nach seinem Spiegelbild im Wasser schnappt und genau deshalb Fleisch und Spiegelbild verliert.“ (S. 336).

Zu Beginn des Buches erlebt der Leser Martins Vater Hans als einen Menschen, der seinem Sohn Misstrauen gegenüber Dritten lehrt, damit er sich nicht übers Ohr hauen lässt. Dass Martin letzten Endes genau das mit seiner Reformation tut, entgeht dem tobenden Vater völlig. Er ist im Gegensatz zu seinem Sohn nicht an Wahrhaftigkeit, sondern nur an seiner Reputation interessiert. Martin interpretiert seines Vaters Lehre zu gesundem Misstrauen auf seine eigene Art. Für ihn zählt mehr, als nur Dinge die auf das Diesseits gerichtet sind. Gottes Gnade und das Verhindern der ewigen Verdammnis hebt er über Besitz und weltlichen Ruhm. Er handelt am Ende misstrauisch wie vom Vater gewollt und doch anders als es Hans jemals in den Sinn gekommen wäre.

Die Mutter des Satans
Claudia & Nadja Beinert
ISBN: 978-3-426-65383-8

Lesebericht zu „Sie werden dich finden“ von James Rayburn (alias Roger Smith)

Sie werden dich finden_Roger Smith_James Rayburn_Rezension_Blog_Oliver SteinhaeuserWhistleblower ist ein starkes Wort, auch wenn es sich so weich spricht. Doch auch wer Geheimnisse anderen Personen zuflüstert ist ein Verräter. Und Verrat ist gar nicht mehr weich und flüsternd. Verrat ist hart und bricht Vertrauen. Spätestens seit den Veröffentlichungen Edward Snowdens, steht der Begriff des Whistleblowers beinahe als festes Synonym für eine ganze Geschichte und der Historie zur Abhörung von Regierungen durch die National Security Agency. Ein komplizierter Begriff, da er sofort Erwartungen beim Leser auslöst.

Eine solche Verräterin ist auch Kate Swift, die in „Sie werden dich finden“ durch ihr Eingreifen und Stoppen eines Attentats an der Schule ihrer Tochter wieder in den Fokus ihres ehemaligen Arbeitgebers, der CIA, gerät. Jahrelang bewahrte sie sich ein getarntes Leben unterhalb des Radars des Auslandsgeheimdienstes der Vereinigten Staaten. Zum Schutz ihrer Tochter beendet sie den terroristischen Angriff auf die Schule. Die folgende Medienberichterstattung zu ihrem heldenhaften Eingreifen hat zur Folge, dass ihre alten Widersacher erneut auf den Plan gerufen werden und sie mit ihrer Tochter erneut untertauchen muss. Allen voran Lucien Benway, der aufgrund Kates Enthüllungen vor einigen Jahren unehrenwürdig seinen Posten räumen musste. Durch die Flucht nach Thailand erhofft sie sich Hilfe von Harry Hook, einem ehemaligen, nun in Thailand zurückgezogen lebenden Agent. Sie hofft auch, dass er ihr weitere Antworten zu offenen Fragen ihres Lebens liefern kann, denn sie beide verbindet mehr, als Hook vermutet.
Mit seiner Hilfe schafft es Kate tatsächlich als „Tote“ öffentlich von der Bildfläche zu verschwinden. Hook lässt die Absturzstelle eines Flugunglücks dementsprechend präparieren. Doch nicht jeder traut dieser Geschichte.

So kommt ein Parallelstrang ins Spiel. Der des ausgeschiedenen Agenten Lucien Benway. Auch ihm wird seit dem Flugzeugabsturz mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil als ihm lieb ist. Die Presse unterstellt ihm berechtigte Interessen an dem Flugzeugabsturz, dass er den Tod seiner Widersacherin Kate Swift gar selbst eingeleitet hat. All diese einem extrovertierten Journalisten zugespielten Informationen sind wiederum das Werk eines weiteren Akteurs, der Kate um jeden Preis vor Benway schützen möchte und deshalb im Hintergrund seine Fäden spinnt.

Erst beim Verfassen der Rezension zu „Sie werden dich finden“ wird dem Rezensent bewusst, über wie viele Personen und ihre Lebensgeschichten in dem Buch erzählt wird. Das ist ein positives Zeichen, da es die unbeschwerte Verarbeitung vieler wichtiger Zusammenhänge bedeutet. Die Diversität der Schicksale macht das Buch zu einem spannenden Thriller, dessen Zusammenhänge aufregend komplex sind, dabei jedoch gleichzeitig unbeschwert nachvollziehbar bleiben. Es ist eine Freude, die Ereignisse aus der Außensicht zu beobachten und zu beobachten, welche Eigendynamik Netzwerke erzeugen, welche Synergieeffekte sich herauskristallisieren und welche Auswirkungen das Sähen geplanter Fehlinformationen haben können. All das sind Fakten, die der spionageähnlichen Aura des Buches gut tun und dem Leser vor Augen führen, welch enorme Macht dritte haben, die man für eine Sache arbeiten lässt. Dabei verliert der Leser sich nicht in Details.
Da man vor allem Hook, Kate Swift und ihre Tochter liebgewinnt, vergisst man den Titel des Thrillers leider zu schnell: „Sie werden dich finden“. Ein Titel, der den Ausgang bereits ziemlich deutlich trägt und von dem man viel zu abrupt eingeholt wird.

James Rayburn (alias Roger Smith)
Sie werden dich finden
ISBN: 978-3-608-50378-4

Lesebericht zu „Das Scherbenhaus“ von Susanne Kliem

Das Scherbenhaus von Susanne KliemWie entrinnst du einem Stalker, der dir absurde Fotos schickt und dich in Angst und Schrecken versetzt? Meist sind die Möglichkeiten einer Flucht begrenzt. Zelte können nicht einfach abgebrochen werden, das Bestreiten eines Lebensunterhalts löst sich nicht plötzlich in Wohlgefallen auf. In der Regel.
Doch für Carla ergeben sich all diese Umstände und sie kann dank eines Erbes an einen scheinbar sicheren Ort ziehen. Weit weg von der Erinnerung an ihren Stalker. Allerdings hat Carla diese Geschichte nicht verfasst. Oft sind Dinge anders, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie ist lediglich Teil eines irren aber detailliert ausgearbeiteten Plans.

Die von Susanne Kliem in „Das Scherbenhaus“ gezeichneten Personen sind mit Charaktereigenschaften ausgestattet, die man in ähnlicher Form auch aus anderen Geschichten kennt. Diese werden plötzlich aufgedeckt und lassen die bisherige Tarnung einer Person auffliegen und das darauf aufgebaute Lügengerüst zusammenfallen. Das Verwenden dieser „Bekannten“ ist nicht einmal schlimm, doch ist das Gerüst um eine solche Täuschung in diesem Buch nicht konsequent genug aufgebaut.
Andererseits veranschaulicht „Das Scherbenhaus“ die Möglichkeit der Instrumentalisierung labiler Menschen zumal wenn Unsicherheit und seelische Abhängigkeit auf gespielte Fürsorge, Wohlwollen und Schutz treffen. Das ergibt eine Kombination, die nicht selten zur Ausbeutung führt und Menschen zu Akteuren in einem geschickt durchdachten Marionettenspiel werden lässt.

Zeitgleich stellt dieses Buch die Frage nach dem Konzept eines Psychothrillers. Welche Details muss eine Geschichte aufweisen, damit sie dem Genre der Psychothriller zuzuordnen ist?
„Der psychische und/oder geistige Zustand einer Figur ist der Ausgangspunkt für die Bedrohung.“, schreibt Dr. Anette Huesmann auf ihrem Blog „Die Schreibtrainerin“.
Auf das „Scherbenhaus“ bezogen ist die Wahl des Genre zwar formal korrekt. Trotzdem hat der Leser das Gefühl, es passiere bis weit über die Hälfte des Buches nichts wirklich Schlimmes. Obwohl die Stiefschwester der Protagonistin Carla stirbt, Carla selbst gestalkt wird und ein absurd modernes Haus in Berlin erbt, erfährt der Leser nur wenig über die Panik und Bedenken der Protagonistin.
Das liegt an der Wahl der Figur, von der die oben genannte „psychische Bedrohung“ ausgeht. Es ist nämlich nicht Carla selbst, die diese Störung in sich trägt. Obwohl der Leser die Geschichte aus ihrer Perspektive betrachtet. Der psychopatische Charakter in „Das Scherbenhaus“ ist erstaunlicherweise ein extern Handelnder. Dieser wirkt sich auf die Geschichte aus, dringt mit seinen psychopatischen Gedanken und Fantasien allerdings nicht in die Gefühlswelt des Lesers ein. Als latente Gefahr steuert er gezielt Dritter, die sein Vorhaben ausführen. Das hat zur Folge, dass wir die psychische Störung lediglich von außen betrachten können und sich somit die Tiefe ihres Wahns nicht vollständig offenbart.
Der Aufbau dieser fehlenden Spannung hätte sehr effektiv durch eine weitere Ich-Perspektive stattfinden können. Wirre Fantasien, bei dem der Leser die Psychose oder Paranoia direkt und ungefiltert von äußeren Umständen mitbekommt. Dabei muss nicht ersichtlich sein, wem diese Gedanken zugehörig sind. Diesem Buch hätte es zu mehr „Psycho“-Spannung verholfen.

Susanne Kliem
Das Scherbenhaus
ISBN: 978-3-641-19743-8

Lebensbericht zu „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ von Johannes Krätschell

Herr Schlau-Schlau wird erwachsen_Johannes Krätschell_Rezension_Oliver Steinhaeuser_Blog_Buchblog_PeriplanetaHannes ist 35 Jahre alt, als ihm seine Eltern mitteilen, dass sie umziehen werden und er sich nun eine eigene Wohnung suchen müsse. Eine Katastrophe, denn dieser Umzug bedeutet, dass seine täglichen Strukturen aus dem Ruder laufen werden. Wo soll er nur seine viertausend Bücher umfassende Bibliothek und das Lesesofa unterbekommen? Wo seine Zeitung kaufen und Pakete abgeben? Der Kiosk, an dem er all das sonst erledigt hat, ist von seiner neuen Wohnung zu weit weg, um dort täglich hinzulaufen. Zu allem Überfluss steht bereits am ersten Abend in seiner eigenen Wohnung der Nachbar Hupe vor seiner Tür, möchte Hannes kennen lernen und ihm seine Hilfe anbieten. Hannes ist perplex, denn gehört es sich nicht genau anders rum? Obwohl Hannes sich vor dem Verlust seiner eingefahrenen Struktur und Ordnung fürchtet, ist es Hupe, der ihm zum Ausbruch aus seinen mentalen Fesseln verhilft, ihm Neues zeigt und ihm die Existenz eines lebensfrohen Daseins neben seiner Parallelwelt aus Büchern zeigt.


„Deine Lorbeeren von heute sind schon morgen der Kompost im Garten deines Lebens.“ (S.99)


Dieses Buch legt man nur widerwillig zur Seite, denn es bedeutet, dass man von Melancholie erfasst wird. Hupe, Holger und Hannes sind dem Leser wahrhaftig ans Herz gewachsen. Sie leben ein Leben, indem jeder für den anderen einsteht, so wie beste Freunde es in der heutigen, von Hektik getriebenen Zeit fast nicht mehr imstande sind zu tun. Dabei kennen viele der Charaktere sich erst seit kurzer Zeit und durch mehr oder weniger unfreiwillige Umstände. Die Konstellation der Charaktere ist besonders gelungen, denn jeder stammt aus einem anderen sozialen Milieu. Was die Protagonisten und den Leser beim ersten Aufeinandertreffen abschreckt, ist der Kitt auf den zweiten Blick. Eine Gleichheit und Menschlichkeit die durch die zu meisternden Lebensumstände entsteht. Es ist so, als habe jeder nur eine Kernkompetenz und erst das Zusammenrücken der so unterschiedlichen Menschen ermöglicht ihnen das gegenseitige Profitieren voneinander. Ermöglicht ihnen echte Vielfalt.
Für Hannes bedeutet es den Ausbruch aus seiner starren Bücherwelt, die ihn bislang an die Theorie gebunden hielt. Er findet auf einmal Gefallen an der Praxis, denn sie ist das Leben.

Dass einige der Texte auch auf der CD zur Verfügung stehen, macht aus „Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ einen besonderen und authentischen Ausflug in die Hauptstadt Deutschlands. Gerade Hupe sorgt mit seinem Berliner Dialekt für besondere Authentizität, sodass selbst ick beim Verfassen meener Meinung Obacht geben muss, meine Jedanken uff Hochdeutsch zu sortieren. Dit kann ja sonst ooch keener les’n.
schlau-sky
Durch die Zusammenkunft dieser grundverschiedenen Menschen, erzählt uns die Geschichte von Herrn Schlau-Schlau etwas über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimat. Der Leser fühlt die stille Sehnsucht nach Gleichgesinntheit, auch wenn diese – besonders in einer durch Anonymität geprägten Großstadt – oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.
„Herr Schlau-Schlau wird erwachsen“ fordert den Leser zum Überschreiten seiner Komfortzone auf, erinnert ihn an die Existenz des Neuen, nicht ausschließlich als Verlust von Gewohnheit und Selbstvertrauen, sondern auch als Chance zum positiven Wandel, zum Erweitern seines Horizonts und der Reflexion seiner eigenen Einstellungen. Neues bringt eben neben Ungewohntem gleichzeitig auch Abenteuer und Erfahrung. Diese lohnen sich für den Protagonisten Hannes. Und wir haben Spaß daran, wenn wir merken, das augenscheinlich divergierenede Intelligenzen sich wunderbar ergänzen.

Johannes Krätschell
Herr Schlau-Schlau wird erwachsen
ISBN: 978-3-95996-030-4

Lesebericht zu „Good as Gone“ von Amy Gentry

Gentry Amy_Good as Gone_Buchblog_Oliver Steinhaeuser_RezensionDie 13-jährige Julie wurde mitten in der Nacht aus ihrem Kinderzimmer entführt. Die Suche nach ihr blieb bis heute erfolglos, denn es gab keine eindeutigen Einbruchsspuren, keine verwertbaren Anhaltspunkte, die der Polizei dienliche Hinweise liefern konnten. Jahrelang trauert die Familie um die verschwundene Tochter und hadert mit der Ungewissheit ihres Verbleibs. Eine Leiche wurde nie gefunden. Eines Tages steht eine heruntergekommene 21-jährige vor der Tür der Familie. Es ist die seit acht Jahren vermisste Tochter Julie. Was ist mit ihr passiert und wo ist sie all die Jahre gewesen?

„Good as Gone“ ist die Geschichte eines jungen Mädchen, die im Übergang zur Pubertät aus ihrem Elternhaus entführt wurde. Als sie eines Tages plötzlich vor der Haustür ihres Elternhauses auftaucht, verfällt die Familie in Unglauben, Trauer und Freunde zugleich. Ihre verschollene Julie ist wieder da! Gerade die Mutter Anna möchte Julie all die Liebe und Zuwendung zukommen lassen, die ihr jahrelang verwehrt blieb. Zum Leidwesen ihrer jüngeren Tochter Jane und ihres Mannes Tom, denn sie versteht jede Kleinigkeit, jeden minimalen Konflikt als ein von Verlustängsten dominiertes Horrorszenario.
Einige der Kapitel in „Good as Gone“ sind durchnummeriert, andere Kapitel tragen jeweils  einen weiblichen Namen. Sie beschreiben die gegenwärtige Handlung mit der wiederaufgetauchten Tochter Julie und den Geschichten verschiedener Mädchen, die Gewalt, Misshandlung und Schrecken ausgesetzt sind. Annäherung finden die beiden Erzählstränge, als der Privatdetektiv Alex Mercado Anna aufsucht und ihr von der Band Gretchen at Midnight erzählt, deren Frontsängerin Julie wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Ab hier erfährt der Leser nach und nach mehr über die Mädchen Gretchen, Vi, Violet, Starr, Die Neue, Karen, Charlotte, Baby, Esther und Julie. Zehn Identitäten, bei denen beim Lesen die Frage nach einer dissoziativen Identitätsstörung aufkommt. Zehn junge, biegsame und naive Mädchenidentitäten, die jeweils Unglaubliches durchmachen mussten, dass es schwerfällt daran zu glauben, dass es sich hierbei einzig und allein um die verschwundene Julie handeln soll.


Dieses Buch glänzt nicht nur durch die Unglaublichkeit der Geschichte sondern durch die Brillanz der Sätze, die mit viel Geschick und Liebe zum Detail formuliert sind.


In einer wunderbar anschaulichen Sprache beschreibt Amy Gentry die dauerhafte Verwandlung eines Mädchens, dessen Leben einem ständigen Ausbruchstrieb folgt und die versucht, sich in ihrer wandelnden Welt durch neue Namen und Lebensgeschichten den gegebenen Umständen anzupassen. Gentry schwebt dabei auf einer Ebene, die nicht sensationslüstern ist, sondern die Beklemmungen und Verängstigungen junger Frauen mit Erfahrungen sexueller Gewalt verdeutlicht. Sie bringt dem Leser die irrationalen Handlungen dieser verstörten Menschen näher.
Am Ende erfährt der Leser außerdem, wie es so weit kommen konnte, dass Julie unbemerkt aus ihrem Elternhaus entführt werden konnte. Was soziale Medien damit zu tun haben, wird in diesem Lesebericht nicht weiter beleuchtet. Nur so viel: Die dreizehnjährige Julie wurde von der Entführung nicht vollends überrumpelt, doch konnte sie in ihrer Naivität die Auswirkungen und die Boshaftigkeit ihres Gegenübers kaum einschätzen.

Amy Gentry
Good as Gone
ISBN: 978-3-570-10323-4

Ermittlungsbericht zu „Es klingelte an der Tür“ von Rex Stout

Es klingelte an der Tür_Rex Stout_Klassiker_Buchblog_Oliver Steinhäuser_Blog_Klett-CottaAm vergangenen Samstag, den 11. 03.2017, erschien „Es klingelte an der Tür“ von Rex Stout
Morgen (16.03.2017) findet um 19:30 eine Lesung im Gartencenter Kriesten in Leonberg statt. Thomas Klingenmeier, seit 1988 Krimikolumnist bei der Stuttgarter Zeitung, liest aus dem Werk.

Kein Wunder, dass Mrs. Bruner vom FBI überwacht wird. Wer tausende Exemplare eines Enthüllungsbuchs über diese mächtige staatliche Institution kauft und es landesweit dritten schickt, verhält sich nicht gerade staatsloyal und unterwürfig. Nun steht mir diese exzentrische Dame gegenüber und beauftragt mich mit der Unterbindung dieser Überwachung. Allerdings ist es eine ziemlich heikle Sache gegen das FBI vorzugehen. Doch genau damit beauftragt mich meine Klientin, Mrs. Bruner. In der Annahme der Unmöglichkeit einer Erarbeitung eines Planes zum Unterbinden der Überwachungstätigkeiten des FBI, vertröste ich sie skeptisch. An eine Erfüllung dieses Auftrags glaube ich zunächst nicht. Bis plötzlich der Polizeichef des Morddezernats aufschlägt.

Eben dieser unterbreitet meinem Assistent Archie Goodwin und mir, dass das Federal Bureau of Investigation mit dem Gedanken spiele, uns die Ermittlerlizenz als Detektive zu entziehen. Dass der Mordermittler zeitgleich einen ungelösten Mordfall auf dem Schreibtisch liegen hat und davon ausgeht, dass Agenten des FBI diesen verübt haben, scheint eine „Win-Win-Situation“ für mich, den Privatermittler Nero Wolfe sowie den leitenden Ermittler der Mordkommission, Mr. Cramer, zu sein.
Damit genug. Alles weitere erfahren Sie in dem Bericht meines Assistenten Archie Goodwin:
Das FBI ist geradezu unantastbar, kaum ernsthaft angreifbar. Mrs. Bruners Fall anzunehmen wäre Wahnsinn, da das Durchsetzen ihres Anliegens aussichtslos scheint. Doch was der Mordermittler Mr. Cramer mir, Archie Goodwin, im Vertrauen erzählt, passt geradezu perfekt zu unserem Auftrag. Es gibt für seinen ungelösten Mordfall einen Zeugen, der drei FBI-Agenten aus der Wohnung des Mordopfers kommen sah. Cramer ist davon überzeugt, dass das kein Zufall ist und möchte, dass Nero Wolfe und ich dem FBI den Mord nachweisen. Unantastbar bleibt die staatliche Institution allerdings noch immer.
Wolfe und ich glauben nicht, dass Agenten derart dilettantisch vorgegangen wären. Es muss einen anderen Mörder geben, jedoch ebenfalls berechtigte Interessen des FBI. Wir entschieden uns, zum Schein, gegen das FBI zu ermitteln. Im Stillen konzentriertenen wir uns allerdings auf die Entlarvung des tatsächlichen Mörders. Anders konnten wir es nicht bewerkstelligten, da wir seit Mrs. Bruners Besuch ebenfalls auf Schritt und Tritt überwacht wurden. Mehr verrate ich nicht.

rex-stout_es-klingelte-an-der-tuerMehr Informationen bekommen Sie auch vom Buch- und Medienblog nicht, außer, dass „Es klingelte an der Tür“ eine wunderbar erzählte Detektivgeschichte ist, dessen Seiten man mit Bedacht umblättert, weil man weiß, dass sie sich Blatt für Blatt dem Ende einer guten Unterhaltung nähert. Der Leser kommt um zwischenzeitliches Schmunzeln nicht umher. Etwa wenn Goodwin und Wolfe wieder einmal in den Absurditäten einer aussagelosen Kommunikation stecken, die keine klaren Schlüsse zulässt, weil sie von einer lückenlosen Überwachung des FBI ausgehen und ihre echten Erkenntnisse nicht verraten wollen.
Außerdem thematisiert Rex Stout bereits damals den Zwiespalt zwischen „Sicherheit vor Freiheit“. Diese Frage hat auch in unserer heutigen Gesellschaft, in der einige Personen(gruppen) inmitten einer diffusen Bedrohung als Gefahrenpotenzial wahrgenommen werden, nicht an Virulenz verloren.

Rex Stout
Es klingelte an der Tür
ISBN: 978-3-608-98111-7  (Leinenband)

Blogtour: Essay zur Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden

Anstatt eines Leseberichts hat der Buch- und Medienblog dem Protagonisten dieses Romans, Dr. Ludwig Meyer, folgendes Essay an den Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten, Heinrich von Mühler (1866), diktiert:

Achtung, hier gibt es etwas zu gewinnen!


brief-1866An den
Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten
Heinrich von Mühler

Geistige Fehlsteuerung und deren Zusammenhänge mit körperlichen Leiden. Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden wie Musik, Dialog, Freiheit und Selbstbestimmtheit.

Viele Verantwortliche in den Irren- und Heilanstalten sind starrsinnige Anhänger der alten Lehre über geistige Krankheiten. In ihrer Renitenz verweigern Sie neue und revolutionäre therapeutische Ansätze zur Heilung geistiger und seelischer Störungen. Viele sogenannte Forscher sind gar nicht daran interessiert, fehlgeleitete und von der Norm abweichende Existenzen ernst zu nehmen. Sie wollen auch gar nicht wahrhaftig versuchen, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Lieber sehen Anstaltsleiter ihre „Untertanen“ in urin- und kotgetränkten Kellern mit vergitterten Fenstern, als in einer menschenwürdigen Unterkunft mit Licht, Beschäftigung und Raum zur Entfaltung. Aufgrund ihrer eigenen Unwissenheit lassen sie Geisteskranke lieber siechend in Kellern verrotten, als ihren eigenen Profit durch eine wenn auch noch so geringe Humanisierung zu schmälern!

Doch in welcher Welt leben wir, dass wir Irre schlechter behandeln als unser Vieh?
Es stellt sich darüber hinaus die Frage nach der Identifizierung einer Störung sowie das Definieren ihrer Grenzen. Wo fängt sie an, welcher Habitus impliziert den Übertritt der Eigenheit eines Menschen hin zum Wahn? Ginge es nach Senator Ulrich, zählen bereits öffentliche Freude, Ausgelassenheit und Lebenslust zu den Charaktereigenschaften, die dem Irrsinns zuzuordnen seien – wobei er diese natürlich nicht als Charakteristika anerkennen würde, sondern sie dem Schwachsinn zuordnen würde. Vergleicht man das Wissen über Spektren der Musik oder des Lichts mit den Grenzen zwischen Irrsinn und dem „Normalen“, wird doch klar, dass es zwischen der Eindeutigkeit auch Abstufungen gibt. So wie ein weißer Lichtstrahl im Prisma in seine drei Spektralfarben geteilt wird, muss es sich doch auch im Geist des Menschen verhalten. Rot, Grün und Blau sind keineswegs die einzig gegebenen Farben. Zwischen ihnen gibt es unendlich viele Nuancen. Gleiches muss für das geistige Spektrum gelten! Da gibt es keine vernünftige Gegenrede. Es gibt eben nicht nur „Irrsinn und kein Irrsinn“, sondern unendlich viele Abstufungen dazwischen. Wenn Sie sich mit den Formen des Wahns näher befassen, begeben Sie sich auf einen Balanceakt zwischen Manipulierbarkeit, Selbstmanipulation und dem Verwechseln der Realitäten.
Nota bene, Realität ist ein durch Erfahrungen und Interpretationen gewachsenes Weltbild, das in jedem von uns verankert ist. In jedem etwas anders. Was also unterscheidet diese Weltanschauungen und wer sagt uns, welches dieser Bilder das richtige ist? Was ist die Welt?

Ich wiederhole mich wirklich nur ungern, doch meine Worte drohen im Sumpf einer allgemeinen Lethargie zu ertrinken. Aber „Aktion bringt Satisfaktion“. Das meine ich durchaus wörtlich. Obwohl es sich beim Vorgang der Erteilung von Satisfaktion ursprünglich natürlich um freie, waffentragende Männer handelte, die ihre Ehrenstreitigkeiten mit internen Mitteln und ohne eine übergreifende Autorität ausfochten bzw. gelöst haben, kann dieser Ansatz auch auf die Ehre von geistig Gestörten in Irren- und Heilanstalten Anwendung finden. Auch irrgeleitete Menschen müssen sich mit internen Mitteln und ohne eine übergreifende Autorität gegen die inneren Geister wehren können. Die treibende Kraft der Heilung ist überwiegend intrinsischer Natur, angeleitet und gestützt durch unsere fachkundigen Therapeuten und Ärzte. Dabei ist die Ausgewogenheit aus Aktion und Ruhe zu gewährleisten.
Dies führt augenscheinlich ganz unweigerlich zur Musik und deren wertvollem Zusammentreffen aus Motion und Emotion – Somatik und Psychik sind die willkommenen Stichwörter.
Das kann unmöglich Zufall sein, denn warum sollte der Mensch, der durch die Musik wertvolles Zusammenspiel schafft, in seinem täglichen Tun in einer Dissonanz zwischen Körperlichem und Geistigem residieren? Es muss einen Zusammenhang der Psychik und der Somatik geben. Eine Art Psychosomatik. Es ist geradezu unglaublich, dass dieser Fakt bislang nicht in Betracht gezogen, ausprobiert und analysiert wurde. Es ist geradezu empörend, mit welcher Vehemenz Tatsachen ignoriert, geleugnet und verschlossen werden. Koryphäen können und dürfen sich neuer Erkenntnis nicht verschließen. Es geht nicht nur um die Zusammenhänge von Musik und Stimmung und die Bedeutung von positiver Stimmung für das Seelenleben sondern um Fortschritte in der Bedeutung der Menschenwürde.
Eben diese sollte unantastbar sein!

Deshalb, Herr Minister von Mühler, erlaube ich, Dr. Ludwig Meyer, an Ihre Vernunft zu appellieren. Verschließen Sie sich der Zukunft nicht und verurteilen Sie die Gleichzeitigkeit von Lachen und Weinen, von Trauer und Freude nicht als Zeichen unabwendbaren Irrsinns, sondern ermöglichen Sie den geistig schwachen und erkrankten Persönlichkeiten den Erhalt oder den Wiederaufbau ihrer Würde. Durch fachgerechte Therapien können wir diese Menschen stützen und ihnen die Wiedereingliederung in unsere Gesellschaft ermöglichen.

© Oliver W. Steinhäuser


Von allen guten Geistern_Andreas Kollender_Buchblog_Oliver Steinhäuser_Blog_LiteraturSei ein Gewinner!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben.
Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.

Was bisher geschah
Hier finden Sie die zwei vorherigen Beiträge:

06.03. https://seitengang.wordpress.com/ Rezension
07.03. http://leckerekekse.de/wordpress Interview mit Andreas Kollender

Was morgen und übermorgen passiert
Hier finden Sie die zwei folgenden Beiträge:

09.03. https://diedunklenfelle.wordpress.com/ Ein fiktives Interview mit Ludwig Meyer
10.03. https://wortgestalt-buchblog.de/ Ein Lesetagebuch zu den „Geistern“


„Die erste Irrenanstalt ohne Gitter wurde vor 150 Jahren eröffnet“ schreibt das Hamburger Abendblatt am 4. Oktober 2014 über die Irren- und Heilanstalt Friedrichsberg.


Andreas Kollender
Von allen guten Geistern
ISBN: 978-3-86532-575-4