Rezension zu „Scherbenkind“ von Britt Reißmann

Scherbenkind_Britt Reißmann_Oliver Steinhäuser_Buchblog_StuttgartWas unternimmst du, wenn diese umtriebige dumme Göre schon wieder einfach in deinem Zimmer war, ihre schmutzigen Miniröcke und High Heels achtlos vor deinen aufgeräumten Kleiderschrank geworfen hat? Was, wenn du einfach keine Erklärung für Dinge, die in deinem Leben passieren, hast? Wenn jeder dich argwöhnisch mustert und stets auf der Hut vor deinen plötzlich wechselnden Charakterzügen ist?
DU MACHST NICHTS. Denn du bist viele. Ihr seid viele. Doch das kleine Mädchen, das du einst warst, bist du schon lange nicht mehr. Du hast dich verkrochen und überlässt anderen Akteuren dein Leben. Und alles nur, um dich selbst zu schützen.

Scherbenkind ist ein Stuttgarter Kriminalroman, in dessen Vordergrund eine komplizierte Ermittlung steht. Der Dreh- und Angelpunkt der Ermittlung um einen erschlagenen Rockmusiker ist die Familie Lohmann, von deren Telefon vor einiger Zeit ein Kind ein Notruf bei der Seelsorge abgesetzt hat. Dieses Kind konnte im Zuge vorangegangener Ermittlungen jedoch nie gefunden werden, da in der Familie lediglich die Eltern und deren jugendliche Tochter wohnen. Doch genau diese Stimme ist es, die nun bei der Polizei anruft und Zeuge eines ungeklärten Mordfalls sein will. Doch wieder wird sie von einem jungen Mann vom Reden abgehalten. Er verbietet es ihr.
Kommissarin Verena Sander und ihr Team stochern im Trüben. Die einzige Verbindung zwischen der Familie Lohmann und dem ermordeten Rockmusiker ist, dass die Tochter Sina das Abschiedskonzert in der Mordnacht besuchte. Während Befragungen des Mädchens kommen den Kommissaren jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit Sinas. Auch in ihrem Zimmer entdecken die Ermittler Anzeichen dafür, dass Sina mehr weiß, als sie zugibt. Dass es sich bei der Jugendlichen jedoch um eine schwer dissoziativ gestörte Persönlichkeit handelt erfährt Verena Sander erst, als sie ihre Freundin und Therapeutin Hannah mit involviert. Gemeinsam versuchen sie zu ergründen, was in der Nacht des Mordes wirklich passiert ist und welche der Persönlichkeiten in Sina etwas mitbekommen hat und seine Erfahrungen den beiden Frauen mitteilt.

Britt Reißmann legt mit „Scherbenkind“ ein Buch vor, dessen Ausmaß der Leser eine ganze Weile nicht zu ergründen vermag. Die Mischung aus Ermittlung und der dazu notwendigen Kenntnis zu multiplen Persönlichkeitsstörungen ermöglichen es dem Leser, sich nicht nur an vermeintlich gestörten Mädchen zu laben, sondern diese Störung zu verstehen. Durch die Protagonistin und Kommissarin Sander legt Reißmann großen Wert auf die Ursachen und die sukzessive Entstehung multiplen Verhaltens. Die Kulisse, die sie dazu wählt könnte nicht grauenhafter sein: Sina und viele weitere junge Mädchen sind Kinder von Mitgliedern einer satanistischen Vereinigung, die nach dem Grundsatz Aleister Crowleys leben: „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz.“ Und jeder in der Sekte Lebende hat Anspruch auf die in sie hineingeborenen Kinder.

Satanistische Rituale direkt vor der Haustür - Kopfkino beim Joggen durch Stuttgarter Wälder

Satanistische Rituale direkt vor der Haustür – Kopfkino beim Joggen durch Stuttgarter Wälder

Nichts also für schwache Nerven! Noch spannender wird die Geschichte, da sie vor der Haustür spielt, in Stuttgart und Umgebung. Gerade das Wiedererkennen von Schauplätzen steigert die Aufregung und Unfassbarkeit der Story zusätzlich.
„Scherbenkind“ ist ein sehr gut gelungener Kriminalroman, der seinen Leser gebannt in die Welt multipler Persönlichkeiten zieht. Dabei erschafft die Autorin nicht nur unglaubliche Bilder, sondern lässt uns an einem menschlichen Schutzmechanismus teilhaben, der sogar mit voller Absicht während der kindlichen Persönlichkeitsprägung „eingepflanzt“ werden kann.

Es ist bei weitem nicht alles gesagt, doch mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Kaufen und staunen!

Britt Reißmann arbeitet als Büroangestellte im Stuttgarter Morddezernat. „Jede Leichenmeldung geht über meinen Schreibtisch“, sagt Reißmann den Stuttgarter Nachrichten am 09.09.2016.

Britt Reißmann
Scherbenkind
ISBN: 978-3-453-35874-4

 

Ermittlungsprotokoll zu „Ich habe ihn getötet“ von Keigo Higashino

Ich habe ihn getötet, Buchblog, Klett-Cotta, Oliver Steinhäuser, Keigo HigashinoWas soll man dazu sagen: Ein bekannter Drehbuchautor wird am Tag seiner Hochzeit vergiftet und bricht auf dem Weg zum Traualtar in der Kirche zusammen und stirbt. Als Täter kommen drei Menschen aus seinem Umfeld in Frage. Jeder von ihnen hatte offensichtlich die Gelegenheit dazu sein Schnupfenmedikament durch eine Giftkapsel zu tauschen. Und jeder dieser Tatverdächtigen hat auch noch ein Motiv!

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Wir erfahren aus den Ich-Perspektiven der Darsteller, was sich zugetragen hat. Jeder einzelne von ihnen kommt zu Wort, schildert seine Eindrücke und lässt uns an der Geschichte teilhaben. Doch passen Sie auf: Keiner der Beteiligten verbreitet falsche Informationen in den erzählenden Teilen seiner Ich-Perspektive. Das gilt jedoch nicht mehr für die direkte Rede, in der jeder sich nur zu seines Gunsten äußert.


Ist das eine Rezension?
Besondere Bücher brauchen ausgefallene Besprechungen!


Ich habe ihn getötet - Die Lösung, Oliver Steinhäuser, Buchblog

Öffnen des geschlossenen Druckbogens

Ein wunderbar erzähltes Buch liegt auf meinem Schoß. Zugeklappt, nachdem ich den geschlossenen Druckbogen mit der sehnsüchtig erwarteten Anleitung zur Lösung dieses verworrenen Kriminalfalls mit einem scharfen Messer aufgetrennt habe. Wer ist der verdammte Mörder, wer schuld am Gifttod des Bräutigams Makoto Hodaka? Ich dreh und wende das Buch – und komme einfach nicht drauf. Bewunderung schlägt in Frust um und ich bin froh darüber, dass es bereits später Abend ist und lege mich enttäuscht schlafen.
7:03 Uhr zeigt der verdammte Wecker an. Kein Mensch steht sonntags um diese Zeit auf, aber ich muss es wissen. Ich schlage willkürlich eine Seite auf und da steht, was beim ersten Lesen keinerlei Beachtung fand. Die Stelle, in der unser Täter die Möglichkeit hat die Pillendose zu tauschen.

Bemerkung des Buch und Medienblogs zur „Anleitung zur Lösung“:
Erstmals wünschte ich mir einen Kriminalroman als e-book zu besitzen, denn ich glaubte auf einer heißen Spur zu sein. Doch wie finde ich die Passage, an der ich glaubte des Rätsels Lösung zu finden? Richtig, indem ich durch die Eingabe von Schlagworten den Text durchsuchen würde. Doch ich habe nun einmal die Printausgabe…
Tipp: auch die Leseprobe auf der Verlagsseite von Klett-Cotta hilft in diesem Fall nicht weiter, denn sie ist nicht lang genug.

Es bleiben demnach nur zwei Möglichkeiten:

  1. Man freut sich über ein perspektivenreiches Buch und findet sich damit ab, keinen Täter präsentiert zu bekommen oder
  2. du weckst den verdammten Ermittler in dir und beißt dich noch einmal von vorne durch und stößt plötzlich auf die augenöffnende Szene!

Keigo Higashino
Ich habe ihn getötet
ISBN: 978-3-608-98306-7
(Klappenbroschur, mit geschlossenem Lösungsbogen)

 

Lesebericht zu „Fuchskind“ von Annette Wieners

Fuchskind, Ullstein, Annette Wieners, Buchblog, Oliver SteinhäuserDie Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes entdeckt auf ihrem Friedhof ein ausgesetztes Baby. Von der Mutter fehlt jede Spur. Etwa zur gleichen Zeit wurde an der Bushaltestelle des Friedhofs eine junge Frauenleiche abgelegt. Ausgerechnet an dem Platz, an der Jahre zuvor eine junge Frau sich zur Prostitution anbot. Als schließlich der vermisste Friedhofswärter schwer verletzt aufgefunden wird, erwacht Gesines Ermittlertrieb erneut und sie muss hinter das Geheimnis des Findelkindes und der toten Frau kommen.

Als plötzlich ihr Ex-Mann Klaus auf dem Friedhof auftaucht, überschlagen sich die Ereignisse schneller, als Gesine lieb ist. Denn mit ihm verbindet sie nur noch die Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn und das schmerzliche Auseinanderdriften einer bis zu diesem Schicksalstag liebevoll funktionierenden Ehe.
Der Leser erlebt die Protagonistin Gesine Cordes, wie er sie aus dem Vorgängerband „Kaninchenherz“ kennen gelernt hat. An ihr nagen nach wie vor Schuldgefühle und sie scheint in einer kontinuierlichen inneren Zerrissenheit zu schweben. Diese manifestieren sich besonders durch den Drang aus eigener Kraft und Anstrengung an sämtlichen Plätzen des Geschehens mitzuwirken. Dabei stellt Gesine natürlich wieder eigene Ermittlungen an und gerät so selbst sehr nah an die Machenschaften des illegalen Menschenhandels heran. Dieser ist auch das Kernthema des Buches. Annette Wieners konstruiert ihre Story um eine Frau, deren sehnlichster Wunsch die Fürsorge um ein Kind ist. Doch dazu braucht sie eine Freundin, deren sozial-gesellschaftlicher Status – im Gegensatz zu ihrem eigenen – das aus dem Ausland illegal besorgte Waisenkind zulässt. Die Vereinbarung der beiden Frauen hätte beinahe funktioniert, wäre da nicht die Unverfrorenheit und Selbstsüchtigkeit der Dame, die das Kind nach nur wenigen Tagen einfach aussetzt: Gleich einer Produktbestellung soll die „Ware“ einwandfrei und funktionstüchtig sein! Da passt es ihr gar nicht, dass das Baby unter dem Down-Syndrom leidet.

Die Geschichte hinter „Fuchskind“ ist eine wohl bekannte: Kinder aus armen und zerrütteten Verhältnissen werden illegal ins Ausland vermittelt. Zum Glück sollen diese keinen illegalen Handlungen zum Zweck sein, sondern kinderlose Menschen glücklich machen und gleichzeitig ein schützendes Zuhause erhalten. Illegal bleibt es allemal!
Annette Wieners schafft es diesmal nur sequenzweise, den Funken überspringen zu lassen. Obwohl das Buch einige markante und erinnerungsfähige Szenen beim Leser hinterlässt, wirkt der Plot eher schwerfällig und konstruiert. Das liegt auch daran, dass die im Vorgängerband „Kaninchenherz“ liebe- und mühevoll aufgebauten Charaktere diesmal nur latent-emotionale Darsteller sind und uns weniger in ihre Gefühlswelt eindringen lassen, als es in „Kaninchenherz“ der Fall war.

Annette Wieners
Fuchskind
ISBN-13 9783548612515

Lesebericht zu „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

9783869711287Ganz selbstverständlich steht der presseaffine Mensch heut zu Tage, im 21. Jahrhundert, vor einem Zeitungsregal, vergleicht die vielseitig und aufwändig gestalteten Titelblätter der Tagespresse und entscheidet sich für das interessanteste, informativste und dem investigativen Journalismus zugeordnete Zeitungsprodukt. Dass der Weg bis dahin sehr beschwerlich war, vergessen dabei viele. Allerdings ist die moderne Gesellschaft lange aus der Wiege der Presseprodukte herausgewachsen. Das einzige Monopol, Informationen über weltliches Geschehen aus den Tageszeitungen zu erfahren, ist durch das Zeitalter des Internets lange vorüber. Schnell fragt man sich, welchen Mehrwert die gedruckte Zeitung noch bietet, wenn alle darin befindlichen Informationen auch durch kostenfreie Internetangebote zugänglich gemacht werden?

Michael Angele verfasst in „Der letzte Zeitungsleser“ nicht nur eine Hommage an die Tageszeitung, sondern an das gedruckte Wort im Allgemeinen. Doch er liebt weit mehr als den Inhalt. Es ist die Gesamterscheinung, die ihn und viele andere Zeitungsleser fesselt. Das Rascheln, der Geruch, die Haptik, ja und auch den Platz, den der Zeitungsleser bei seiner Lektüre unweigerlich in Anspruch nehmen muss. Und weil auch die Anmutung eines in Spalten gesetzten Textes ein Alleinstellungsmerkmal ist, enthalten die Seiten in „Der letzte Zeitungsleser“ die Optik eines Einspalters, umrahmt von viel Weißraum, der, wie ich es finde, wunderbaren Platz zu Randbemerkungen bietet. Hier kommt kein Gefühl von künstlicher Ausdehnung des Textes auf. „Der letzte Zeitungsleser“ braucht Platz für Gedanken, ist nicht nur Information, sondern Erinnerung, Anregung und Reflexion.

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: "Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport"

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: „Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport“

Angele zieht sich zur Beschreibung seines idealen Zeitungslesers den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard zu Rate, durchleuchtet seine Gewohnheiten, seine Sucht und Sehnsucht nach der Tageszeitung. Ihm gelingt dabei der Spagat zwischen dem Beschreiben des Faktischen und der gelebten Realität, des Unwirsch Seins, das uns im Leben eines Zeitungslesers immer wieder widerfährt.
Sein Werk dient dazu sich selbst zu verstehen, zu reflektieren. Wir erkennen uns darin wieder, sehen, dass nicht nur wir Zeitungsartikel sammeln, das Lesen solange aufschieben, bis an die Rezeption der Artikel beinahe nicht mehr zu denken ist, weil sich eine schiere Flut zusammengefunden hat. Ein unbezwingbares Massiv, das nur dann noch das Recht zur Aufbewahrung erfährt, wenn wir es zur Sammlung titulieren. Auch wenn es dadurch nicht rational wird, so wird es doch wenigstes verständlich.

Was also haben wir davon, die Tageszeitung zu lesen, wenn sich doch alle Informationen im Internet jederzeit in einer schier unermüdlichen Konjunktur befinden?
Es ist die von Journalisten und Redaktionen ausgewählte Zusammenstellung eben dieser, die durch ihre Gatekeeping-Funktion vorsortieren und uns die eigene Recherchezeit verkürzen. Vor allem aber tragen ausgewählte Themen mit Differenzierungsmöglichkeiten (z. B. „Pro & Contra“; „Meinung & Gegenmeinung“) dazu bei, eigene Gedanken anzustreben und nicht der Gefahr zu verfallen unreflektiert Meinungen anzunehmen und zu kopieren. Gerade diese meinungsbildenden Seiten einer Tageszeitung ermöglichen es einen Gesinnungs- & Sinneswandel anzuregen. Sie bieten dem Leser gewissermaßen die Grundlage zur eigenen Mündigkeit.
Diese Mündigkeit durchzieht die gesamten Milieus der Gesellschaft. Sie ist nicht an Lebensstil und Wertehaltung gekoppelt, denn für jedes Sinus-Milieu (hier die typischen Eigenschaften der Milieus) existieren meinungsbildende Tageszeitungen.


Wer mehr zum geschichtlich/historischen Entstehen und dem Verlauf der Tageszeitung lesen möchte, findet in meinem Aufsatz „Fortschritte des Nachrichtenwesens dargestellt an den Entwicklungsstufen Flugblatt und Zeitung“ weitere Informationen.images


Der letzte Zeitungsleser
Michael Angele
ISBN: 978-3-86971-128-7

 

Lesebericht zu „Trügerisches Licht“ von Patríca Melo

Patício Melo, Klett-Cotta, Buchblog, Oliver SteinhäuserHeute, am 23. Juli 2016 erscheint „Trügerisches Licht“ von Patrícia Melo

Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!
Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Gleich der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio. Vor Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.
Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben in einer Gesellschaft voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu tolerieren scheint. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser vollends eingebunden wird.
Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsbetont ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

Patríca Melo
Trügerisches Licht
ISBN: 978-3-608-50215-2

Besuch aus Glutenville

Textbeitrag des Buch- und Medienblog zum Gewinnspiel „Willkomme in Nightvale“
Für Kenner und Liebhaber des Titels


Willkommen in Nightvale

Wer bin ich?

Gemütlich sitzen sie im Big Ricco´s Pizza. Den runden Tisch hat er sich ausgesucht, damit alle daran ansitzen können.
„Wenn Sie sich anhand eines Möbelstücks beschreiben sollen, welches würden Sie auswählen, um ihre Persönlichkeit zu verdeutlichen?“, fragte ihn der erfahrene Mann damals. Zur Antwort wählte er den Tisch. Rund muss er sein. Denn nur so passen viele Menschen daran. Gemütlichkeit, Gastfreundschaft und Zusammenhalt prägen einen guten Tisch. Und ihn selbst. Wer er ist weiß man nicht. Nur, dass er schlecht sitzen kann.
So sitzen Jackie, Lucinda, Diane und Troy zusammen und warten auf die heiß ersehnte glutenfreie Pizza. Er selbst hängt mehr als dass er sitzt. Ricco hatte es geschafft seine Rezeptur anzupassen und auf das verbotene Weizenmehl zu verzichten. Bei ausgezeichnetem Geschmack.

Wir sehen die uns bekannten Akteure. Und ihn, den uns Unbekannten.
Heiß dampfend serviert Ricco seinen Gästen die bestellte Riesenpizza. Gierig schnappen sie zu, zerteilen die Stücke und führen sie ihren lüsternen Schlünden zu. Ein grausamer Schrei zerschneidet die von italienischen Gewürzen und gebackenem Käse dominierte Luft. Markerschütternde Töne kreischen durch das Restaurant und lassen es erzittern. Die Schwere von Eisen entfaltet sich und bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg in die Bronchien der Freunde. Fontänen aus roter Tomatensoße wandeln sich in dickflüssige Sturzbäche aus rotem Blut, das schwallartig aus der Pizza strömt. Rote Wasserfälle preschen über die dunkle Tischkante, schlagen hart auf dem Fußboden auf. Fein zerstäubter Nebel steigt in Schwaden auf und legt sich über die Szenerie. Lange fingerähnliche Fäden sprießen aus dem Mais, krallen sich in die Tischplatte, wedeln herum und suchen verzweifelt nach Halt. Sie packen Diane´s Schultern und rütteln sie. Entsetzt schaut sie auf den Tisch. „Josh! Oh mein Gott, Junge.“ Ihr Sohn liegt blutend auf dem Tisch vor ihr. Reste von Salami und Mais kleben ihm an den Schultern und zeugen davon, dass er sich wieder einmal verwandelt hat. Unbemerkt. Kälte umgibt die junge Mutter. Ihr Herz türmt sich auf, versucht zu fliehen und fleht in ihrer Brust nach Gnade. Beunruhigt drückt es gegen seinen Käfig aus Rippen. Doch ihr Sohn ist wieder verschwunden. Übrig bleibt nur die eisige, labbrige Pizza.

Krachend fliegt die Schwingtür zur Küche auf. Heller Schein brandet aus ihr hervor und verwehrt jegliche Sicht. Staub wirbelt vom Boden auf und hüllt die aus dem gleißenden Lichtschein tretende Silhouette in ein graues Gewand.
„Ich weiß wer ich sein möchte, und was ich machen möchte, Mama. Ich werde Pizzabäcker.“ Erleichtert schauen Jackie, Lucinda und Troy auf. „Er lebt“, seufzen sie im Chor. Seine Mutter Diane springt auf und umarmt ihn freudig. „Danke Josh, du hast uns einen riesen Schock bereitet. Doch du weißt nun wer du sein möchtest und wie du fortan in Erscheinung trittst. Ich bin stolz auf dich!“
„Ich habe alles gesehen, was ich erfahren muss!“, posaunt der uns Unbekannte. „Ihre Pizza hat alles, was sie haben muss. Und ihr fehlt sämtliches, was sie nicht haben darf. Sie blutet, sie schreit und schnappt. Sie ist Weizenfrei. So muss Pizza sein! Ich komme aus Glutenville und leite das staatliche Gesundheitsamt.“ Mit einem Knicks und den Worten „Mein Name ist Mr. Zöliakie und ich wünsche ihnen alles Gute“ verpufft er im Nichts. Einem Nichts, das Alles ist. Und allem, das nichts ist. Denn Nichts ist nur die Abwesenheit von Etwas.


Wer ist eigentlich dieser Mr. Zöliakie?

Falsch: Ein Flugfuchs isst Gurken und Honigmelonen.

Richtig: Mr. Zöliakie isst eine als Gurke und Honigmelone getarnte glutenfreie Pizza.

Klar, dass er mehr am Tisch hängt und nicht sitzt. Würde ich auch so machen!

Hier geht es zm Buch
Joseph Fink & Jeffrey Cranor
ISBN: 978-3-608-96137-9

Lesebericht zu „I am Death – Der Totmacher“ von Chris Carter

Chris Carter, I am Death, Der Totmacher, Ullstein, Blog, Buchblog, Oliver SteinhäuserWie viel Leid erträgst du, ohne selbst zum Monster zu werden? Kannst du gar zu einem Verhalten konditioniert werden, dass du dir selbst in deinen schlimmsten Träumen nicht vorzustellen vermagst? „Weißt du, wie man sich fühlt, wenn man einen Menschen tötet? Mächtig… stark… unvergleichlich. Niemand kann dir je wieder sagen, dass du nichts wert bist, denn in dem Augenblick weißt du, dass du wichtiger bist als Gott.“
Es gibt eine Antwort. Du findest sie hier, denn:
Ich. bin. der. Tod.

Detective Robert Hunter und sein Partner Garcia stoßen in ihrem neuen Fall erneut auf einen besonders perfiden Mörder, der seine Opfer unter unvorstellbaren Qualen leiden lässt und sich an deren langsamen und schmerzvollen Tod labt. Nichts Neues eigentlich für die beiden Detectives der Abteilung für besonders gewaltvolle Morde – des Ultra Voilent Department. Innerhalb weniger Tage werden mehrere geschundene Frauenleichen aufgefunden. Aus Ermittlersicht würden diese Fälle nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, da alle Opfer unterschiedliche Todesursachen aufweisen. Doch der Mörder hinterlässt den Ermittlern Botschaften, denn sie sollen wissen, dass sie ein Genie der Verwandlung jagen, dessen Modi Operandi nicht unkontrollierter intrinsischer Natur entstammen, sondern ganz bewusst und gezielt variabel gewählt werden. Denn er hat einen vorgegebenen Plan, dem er strikt folgt. Höchstes dieser Ziele ist es, von Robert Hunter zur Strecke gebracht zu werden. Auch um seinem eigenen, ganz persönlichen Leid ein Ende zu bereiten.
In einem Parallelstrang wird die Geschichte eines entführten Jungen erzählt, der unter den täglichen Erniedrigungen und Misshandlungen seines Peinigers leidet. Besonderes Geschenk des Entführers an ihn sind die grauenhaften Frauenmorde, die er mit ansehen muss.

I am Death - Chris Carter, Buchblog Oliver Steinhäuser

Idylle vs. Alptraum

Die Szenenwechsel zwischen der Gefangenschaft des Jungen und der Ermordung der jungen Frauen sorgen für eine abwechslungsreiche Geschichte. Wie in den Vorgängerbänden sorgen auch in „I am Death – Der Totmacher“ etliche Cliffhanger der meist kurzen Kapitel für einen Spannungsaufbau. Sie fördern den Drang nach mehr. Chris Carter erzeugt durch kurze Charakteristiken der Opfer sowie deren Alltag eine gute Vorstellung davon, dass all die jungen Frauen mitten aus ihren Leben gerissen wurden und sich plötzlich in ihrem schlimmsten Alptraum wiederfinden. Man leidet mit ihnen.
„I am Death“ ist ein Thriller wie man ihn erwartet. Er ist, wie seine Vorgänger sehr blutig, nervenaufreibend und schonungslos. Wer zart besaitet ist, sollte von diesem Titel Abstand nehmen. Für diejenigen, die den Stil des Autors kennen und seine Hunter-Thriller liebgewonnen haben, bietet Carter ein bodenständiges Spektakel, ohne jedoch zur Höchstform aufzulaufen.

Chris Carter
I am Death – Der Totmacher
ISBN-13 9783548287133

Lesebericht zu „Halbe Helden“ von Erin Jade Lange

Halbe Helden Cover, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Blog, Rezension, Erin Jade Lange, Magellan VerlagZwei Jugendliche treffen in ihrer trostlos heruntergekommenen Nachbarschaft aufeinander. Äußerlich betrachtet verbindet die beiden lediglich ihre Vaterlosigkeit und die Aussicht auf ein Leben im sozialen Brennpunkt. Während Dane ein ausgeklügeltes Schlitzohr ist, der Konflikte bevorzugt mit seinen Fäusten klärt und die Wahrheit als flexibles Konstrukt interpretiert, ist Billy D. eine treue und ehrliche Seele. Lügen kann er nicht. Und er versteht auch nicht, warum Menschen flunkern, hinterlistig und verdorben sind, denn Billy D. leidet unter dem Down-Syndrom und sieht die Welt aus vorurteilsfreieren, aufrichtigeren (und auch naiveren) Augen.

Nachdem der neu zugezogene Billy D. sich auf der Suche nach Anschluss an die Fersen seines Nachbarn Dane haftet, wird er prompt mit dessen Gefühlskälte konfrontiert. Kein anderer Jugendlicher würde sich ihm derart aufdrängen, sondern vor ihm kuschen – aus Angst von ihm verprügelt zu werden. Nicht so Billy D., der Neue in der Straße. Unerschrocken folgt er Dane auf Schritt und Tritt, denn er möchte sein Freund sein. Zu fürchten braucht er sich vor dem gewaltbereiten Dane nicht, denn der gibt ihm deutlich zu verstehen, dass er keine „Mongos“ schlägt. Obwohl Dane überhaupt keine Lust hat mit einem behinderten Menschen in der Schule gesehen zu werden, ist es Billy D., der zu seiner letzten Chance wird und der ihn vor einem Rausschmiss von der Schule bewahren kann. Widerwillig lässt Dane sich auf diese besondere Verbindung ein und merkt plötzlich, dass die Tatsache, dass beide vaterlos aufwachsen sie zusammenschweißt und zu echten Gefährten werden lässt.
Auf der Suche nach Billys Vater erleben die beiden Abenteuer, schlagen sich durch und müssen herbe Rückschläge einstecken. Die gemeinsamen Unternehmungen fördern einen Einstellungswandel anderen Menschen gegenüber zu Tage. Dem rücksichtslosen Dane wird durch den Kontakt zu Billy nach und nach bewusst, dass Menschen in der Regel den Hang dazu haben, andere, von der Norm abweichende Mitmenschen, stets als Opfer zu verurteilen.

„Halbe Helden“ ist ein Reflexionsroman, der seinem Leser in einer außergewöhnlichen und zugleich rührenden Geschichte einen großen Pool an menschlichem Verhalten präsentiert. Das Zusammenspiel der beiden ungleichen Jungs lehrt auf unterhaltsame Weise, was es bedeutet, ein „nicht genormtes“ Leben zu führen. Es zeigt auch, dass nicht nur echte körperlich/geistige Einschränkungen Hürden im Leben bedeuten. Denn auch Dane „behindert“ sich mit seinem aggressiven Lebensstil immer wieder selbst. Umso schöner ist es, das beide von ihren Schwächen und Fehlern lernen, ihr Verhalten reflektieren und sich an einem positiven Wandel versuchen.
Auch wenn man den beiden liebgewonnenen Jungen einen positiven Ausgang wünscht, wartet das Buch nicht mit klischeehaften Schlusstakten auf. Denn so spielt das Leben nicht. Nicht jeder bekommt was er sich wünscht und erwartet. Und nicht jeder bekommt was er verdient.

Erin Jade Lange
Halbe Helden
ISBN: 9783734850103

 

Lesebericht zu „18 – Zahlen des Todes“ von Mia Winter

18 - Zahlen des Todes, Buchblog, Egmont Lyx, Oliver Steinhäuser, Thriller, Mia WinterZu wem wirst du, wenn dich ein schreckliches Ereignis komplett aus der Bahn wirft und dein altes Leben, ein Leben in Geborgenheit und im Glauben an das Gute im Mensch, nie mehr so sein wird, wie es war. Was machst du? Du, das 18-jährige Mädchen, das sich seit dem schlimmen Ereignis damals im Wald in sich verkriecht, versuch neu zu starten und – getrieben von wiederkehrenden Zweifelsmomenten – all seine Vorhaben verwirft, weil das stete Wandern ihrer Gedanken auf dem Grat zwischen Leben und Tod ihr Lebenskonzept durcheinanderbringen.

Die junge Frau heißt Monika Stammer. Die grauenhafte Massenvergewaltigung zerstörte ihr Leben für immer und beförderte sie in eine lethargische Opferrolle. Als sie eines Tages auf der Rheinbrücke steht und erneut am Sinn ihres Lebens zweifelt, begegnet ihr eine glückliche Familie. Als sie erkennt, dass es sich um einen der damaligen Peiniger handelt, fasst sie einen Entschluss. Er muss sterben. Und alle sechs Mittäter auch!
Hier kommt Leana Meister ins Spiel. Sie ist die neue Leiterin des Kompetenzcenter. Für ihre neue Herausforderung verlässt die intelligente Ermittlerin Südafrika, wo sie seit Jahren an Fällen von Misshandlung arbeitete. Mit ihren ehemaligen Tätigkeiten verlässt sie auch ihre Familie und erhofft sich in Düsseldorf einen Neustart. Nicht jeder der neuen Kollegen ist ihr von Beginn an wohlgesonnen und Leana muss sich ihren Weg in das Team zeitweise hart erkämpfen.

Mia Winter zeichnet verschiedene Charaktere, von denen keiner nur einschichtig und klischeehaft wirkt. Genau wie die zwischen Leben und Tod wandelnden Gedanken der Protagonistin, sind die Personen in „18 – Zahlen des Todes“ weder absolut gut oder schlecht. Winter schafft Personen, wie jeder von uns sie kennt: vielschichtig, manchmal sympathisch oder intrigant, kontrolliert oder zügellos und triebhaft.
Obwohl die Jagd nach der Mörderin, die an dem Tag, als sie einen ihrer damaligen Peiniger wiedertrifft den Entschluss fasst aus ihrer Opferrolle herauszuwachsen und selbst zum Täter wird, zentraler Punkt des Buches ist, erfährt der Leser interessante Aspekte zum Verhalten von Menschen in Gruppen, der sekundären Viktimisierung (durch die Gesellschaft) und den Gefahren sozialer Medien.

Der etwas zähe Start wird mit Fortschreiten der Geschichte wettgemacht. Gerade die Schilderungen der lebendsverändernden Gewalttat an der Protagonistin sowie die Ergründung der Motive bringen Spannung und lösen beim Leser Verzweiflung und Ohnmacht aus.
„18 – Zahlen des Todes“ ist ein unterhaltender Serienauftakt dessen Nachfolger („21 – Zahlen des Todes“) man im Auge behalten kann.
Wer „Janusmond“ von Mia Winter gelesen sollte keine zu euphorische Erwartungshaltung haben, da die Story mit weniger Abstrusität und Spannung ausgestattet ist.

Mia Winter
18 – Zahlen des Todes
978-3-8025-9937-8

Lesebericht zu „Das Ende der Schuld“ von Marbel Becker

Das Ende der Schuld, Marbel Becker, Buchblog, Medu Verlag, Oliver SteinhäuserWer schreibt ein Buch über sein stürmisches Leben? Beschreibt darin, wie ein geregeltes und geplantes Leben als Theologin während des Studiums aus dem Ruder läuft und in einem sodamasochistischen Etablissement sein unwiderruflichen Wendepunkt findet. Es ist die Geschichte der jungen Studentin Cara, die in der Hoffnung auf ein gottesfürchtiges Leben unter die Räder des körperlichen Verlangens und einem damit verbundenen extatischen Kontrollverlust gerät. Es sind die Memoiren einer juristisch nie belangten Frau, die ihre Erfahrungen und Ängste textlich verarbeitet hat und die in „Das Ende der Schuld“ ihren Abschluss finden.

Zur Absicherung ihres Lebensunterhalts arbeitet die junge Theologiestudentin Cara Sentow in einer Nachtbar. In ihrer aufkeimenden Gier nach Geld geht sie einen Schritt weiter und rutscht zunehmend in die Prostitution. Ihrer Stammkundschaft gefällt vor allem die dominante Härte, mit der sie Cara im Keller des mächtigen Edelbordells gefügig macht. Doch mit dem Tag, an dem eines dieser qualvollen Spiele im Tode eines „Klienten“ endet, erfährt auch ihr eigenes Leben mit seinen gewohnten Strukturen eine lebenslange und unwiderrufliche Wendung.
Marbel Becker eröffnet einen Plot, der dem Leser spannende Stunden bereiten kann. Sie beschreibt eine im Zwiespalt zwischen Glauben und Lebenslust gefangene Protagonistin, deren Mordunfall sie ihr gesamtes Leben begleitet. In ihrer panischen Angst vor Strafverfolgung unterstützt sie ihr Freund und heimlicher Verehrer Franz Bachmann beim Beseitigen der Beweise sowie dem Beschaffen einer neuen Identität. Dass sie mit dieser und der Flucht aus Marburg an der Lahn sogar eine Pfarrstelle im bayerischen Ganthofen antreten kann, hätte sie nicht im Traum gedacht. Unter ihrem neuen Namen beginnt für sie eine zweite Chance. Ruhe findet sie trotzdem nicht, denn die Geister ihrer Vergangenheit verfolgen sie ohne Unterlass. Oder ist es doch nur ihre gepeinigte Seele, die ihr Streiche spielt?

Leider erfordert „Das Ende der Schuld“ von seinen Lesern des Öfteren langatmigen Durststrecken, die die Geduld auf eine harte Probe stellen. Der Grund liegt vor allem darin, dass beinahe das gesamte Buch als „Ich-Erzählung“ der Cara Sentow aufgebaut ist. Echte Spannung kann jedoch meist nur aus Sicht des „allwissenden Erzählers“ aufgebaut werden, der seine Figuren auf eine aufreibende Reise schickt und die Spannungsmomente minutiös ausarbeitet und detailliert beschreibt.
Das Zeug dazu hat der Roman. Vereinzelte Perspektivwechsel hätten der Geschichte gut getan und sie spannungsgeladener werden lassen. „Das Ende der Schuld ist ein solider Roman für all jene, die in der Lage sind Spannung auch in ihrer eigenen intrinsischen Vorstellungskraft fußen zu lassen.

Marbel Becker
Das Ende der Schuld
ISBN 978-3-941955-88-2