Lesebericht zu „Crossroads – Ohne Gnade“ von Michelle Raven

Klappentext:U_9235_1A_LYX_CROSSROADS_01.IND8
Ein Campingausflug im Olympic National Park wird für Warren Harper zum Horrortrip, als seine siebenjährige Tochter Emma nachts spurlos aus dem Zelt verschwindet. Der verzweifelte Vater wendet sich an die Polizei, doch die fahndet gerade nach zwei Mördern, die bei einem Gefangenentransport entkommen sind. In seiner Not bittet Warren die ortsansässige Hundeführerin Angel Burns um Hilfe. Auch wenn Angel spürt, dass Warren ihr Leben durcheinanderwirbeln wird, kann sie sich seiner verzweifelten Bitte nicht entziehen. Gemeinsam mit einem Suchhund brechen sie in die Wildnis auf, nicht ahnend, dass Emma sich längst in den Händen der Verbrecher befindet …

Die Suche nach Warrens entführter Tochter entwickelt sich zunehmen in einen Krimi mit romantischem Ausmaß. Ohne darüber im Klaren gewesen zu sein, freute ich mich auf einen spannungsgeladenen Thriller, der sich jedoch bereits im Kapitel 6 (von 32) als ein „romantic thrill“ Titel entpuppte. Schon die gewählten Namen der Protagonisten zeigt sehr deutlich, an welche Zielgruppe sich das Buch richtet. Verträumte Namen wie der der Hundeführerin „Angel“ sowie deren Suchhund „Moonlight“ präsentieren schon zu Anfang sehr eindringlich, dass das Buch nicht nur Kriminalroman ist, sondern eben auch mit einen Großteil an Romanze aufwartet.
Die Zielgruppe des Titels ist folglich weiblich, zwischen 15 und 25 Jahren alt und erwartet eine Geschichte, die von Romanze erzählt und dabei in einen spannenden Kontext gesetzt ist.
„Crossroads – Ohne Gnade“ ist kein reines Jugendbuch aber auch kein Erwachsenenroman. Romantic-Thrill-Adoleszenzroman trifft meiner Einschätzung nach sehr gut, was die Autorin Michelle Raven mit ihrem Werk zum Ausdruck bringen möchte.

Die typografische Umsetzung des Titels ist dabei leider nicht perfekt umgesetzt, da Schriftgrad und Zeilenabstände zu klein gewählt sind, als dass man sich schnell und einfach durch die Geschichte bewegen kann. Nichts desto trotz habe ich mich durch das fast 500 Seiten umfassende Werk geschlagen, intensiv gelesen und die Geschichte auf mich wirken lassen. Ich bin der Meinung, dass es dem Titel gutgetan hätte, wenn er textlich nicht so stark gedeht worden wäre. Auch 350 Seiten hätten völlig ausgereicht, um den Inhalt gut detailliert umsetzen zu können. Gerade häufige Wendungen gestalten es oft schwer, aufgebaute Spannung zu halten und den Leser dazu zu bringen „am Ball“ zu bleiben.

Positiv wirkte auf mich die Umschlaggestaltung, die im Nachhinein genau auf die hauptsächlich weibliche und junge Zielgruppe zugeschnitten ist und dabei auch eine kleine Vorahnung auf den romantischen Inhalt erlaubt.

Michelle Raven
Ohne Gnade
978-3-8025-9235-5
kartoniert mit Klappe

Lesebericht zu „Die Bienen“ von Laline Paull

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Verlagsblog von Klett-Cotta veröffentlicht!1221_SU_Paull_Bienen.indd

Ist „Die Bienen“ eine kritische Betrachtung unserer Gesellschaft, symbolisiert anhand des Lebens in einem Bienenstock?
Oder geht es in dem Buch doch nur um das Leben, das Überleben und das Miteinanderleben von den so in den Blütenhonig verliebten Insekten?

Klappentext:
Ihr Name ist Flora. Ihre Nummer 717. Sie ist ziemlich groß. Ihr Pelz ist struppig. Andere finden sie hässlich. Doch sie ist klug und mutig. Und sie kann sprechen! Flora 717 ist eine Biene. Laline Paull erzählt das ergreifende Abenteuer dieser außergewöhnlichen Biene in einer anderen und doch zutiefst vertrauten Welt.

“In der Zelle war es erdrückend eng und viel zu warm. Außerdem stank es. Ein stechender Schmerz war ihr in sämtliche Gelenke gefahren, so sehr hatte sie sich gegen die Wände gestemmt. Der Kopf wurde ihr auf die Brust gedrückt, und sie hatte Krämpfe in den Beinen, aber ihre Anstrengungen wurden belohnt – eine der Wände schien nachzugeben. Mühsam drehte sie sich um und trat mit aller Kraft dagegen. Etwas knirschte und brach. Sie zerrte daran, bis sie ein schartiges Loch vor sich hatte, durch das frische Luft hereinströmte.” S. 9

Zu Beginn des Romans, als der Leser die Geburt von Flora 717 miterlebt und wie die Bienenpolizei die Neugeborenen inspiziert und missgebildete Bienen tötet und beseitigt, wird der Eindruck einer Gesellschaftskritik zunächst bestätigt.
Doch die allgegenwärtige Kampfansage des Lebens an seine Geschöpfe ist letzten Endes auch genau das, was das Leben in einem Bienenstock beschreibt. Das durch starre Hierarchien bestimmte Leben taktet jede noch so detaillierte Aufgabe und führt all jene zur Erlösung, die sich dem System widersetzen oder nicht in ihm funktionieren. „Sterbet ach mit Würde, Schwester“.
Der Gedanke einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gleichen rückt zunehmend in den Hintergrund, denn der Leser verschmilzt mit Flora 717, fühlt mit ihr, denkt mit ihr.
Wird zu ihr. Und lernt dabei das Leben aus der Sicht einer Biene zu sehen.

Die Autorin Laline Paull taucht den Rezipienten durch Flora 717, die über Fähigkeiten verfügt, die in der Regel weit über die einer Arbeiterbiene hinausgehen, in eine zwielichtige Fabel über Begabung, sozialen Aufstieg und den Umsturz repressiver Systeme.
Gerade diese Auseinandersetzungen modellieren den Titel darüber hinaus zu einem Abenteuerroman, der durch die starke und mutige Flora 717 kaum zu bremsen ist.

Und plötzlich sitze ich in dem Bienenhaus meines Großvaters: „Können Bienen wirklich tanzen?“, frage ich ihn. „Ja. Sie tanzen den Weg zur nächsten Futterkrippe, damit alle anderen Sammlerinnen dem Weg des Nektars folgen können.“
Duft frischer, von Honig durchtränkter Waben umgibt mich, steigt mir in die Nase, versetzt mich zurück in meine Jugend. Frech stibitze ich meinem Großvater ein paar Tropfen des süßen Goldes und sitze plötzlich wieder in der Stadtbahn.
Immer wieder entführen mich die Bienen in eine andere Welt. Der nächste Schwall des feinen Dufts von Honig wabert schon wieder durch die Bahn und ich vergesse auszusteigen.

Senastionell! Ich bin begeistert!

Laline Paull
Die Bienen
2. Aufl. 2014, 346 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Stanzung
ISBN: 978-3-608-50147-6

Lesebericht zu „Broken Dolls“ von James Carol

Der Protagonist, Ermittler Jefferson Winter ist Profiler, ehemaliger FBI-Agent und Sohn eines perfiden Serienmörders. Nach der Hinrichtung seines Vaters tritt er aus dem FBI-Dienst aus, um sein Leben, als Profiler, dem Auffinden von Serienmördern zu widmen.broken_dolls

Klappentext:
Eine Tat, grausamer als jeder Mord.
Die Opfer, verdammt zu einem Leben ohne Seele.
Ein Profiler für die brutalsten Verbrechen der Welt:
Der erste Fall für Jefferson Winter.

Bereits vier Frauen sind dem Täter schon zum Opfer gefallen.
Er entführt sie, hält sie wochenlang gefangen und foltert sie.
Im Anschluss löscht er ihre Persönlichkeiten durch eine Lobotomie und setzt sie an öffentlichen Orten aus.
Als das fünfte Opfer entführt wird beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Als ich den Titel auf der Buchmesse gesehen habe, konnte ich mich ihm nicht entreißen. Der Klappentext und das Layout brüllten offensichtlich nach Aufmerksamkeit und Beachtung.
Jedoch schafft der Autor James Carol es nicht, den erzeugten Erwartungen an das Buch gerecht zu werden. Dies liegt meiner Einschätzung nach an den Charakteren, die nur schemenhaft dargestellt werden. Auch die Erzählperspektive des Profiler Jefferson Winter in der Ich-Form, eröffnet dem Rezipienten die Gefühlswelt des Ermittlers nicht.
Die Perspektiven alternieren zwischen der des Ermittlers und der des aktuellen Entführungsopfers Rachel Morris. Diese betrachtet das Geschehen aus der Perspektive der dritten Person. Aber auch der Charakter der Rachel Morris schafft es nicht, dem Leser ihre Empfindungen nahezubringen. Die Distanz bewirkt, dass einem die Opfer fast egal sind und man nicht um sie bangt. Schade, denn genau das Leiden mit den Opfern ist essenziell für einen guten Spannungsaufbau.

Einige Mal kam ich mir vor wie in dem Computerspiel „Grand Theft Auto“. Durch Cheats kann man sich dort alles Mögliche zusätzlich in das Spiel laden. Die Wünsche des Profilers Winter, und vor allem deren Erfüllung erinnerten mich stark an das Cheating in dem besagten Computerspiel.
Merkwürdig ist auch, dass die Polizei – im nun bereits fünften Entführungsfall – nach wie vor keine Ermittlungserfolge vermelden kann.

Einen interessanten Punkt bieten die Visionen, die Profiler Winter immer wieder bekommt, wenn er sich an Tatorten oder in den privaten Umgebungen der Opfer aufhält. Hier wäre es schön gewesen, wenn der Autor dem Leser die Herkunft dieser Eingebungen aufgezeigt hätte. Eine Steilvorlage hätte an dieser Stelle der eigene Vater geboten!

Vielleicht baut James Carol daraus in seinen folgenden Titeln etwas Spannendes.

Kritik zu „Tod in der Markthalle“ von Martina Fiess

Tod i d MAn diesem Samstag, den 29.11.2014, liest Martina Fiess auf den Stuttgarter Buchwochen aus ihrem neuen Roman „Tod in der Markthalle“. Die Veranstaltung beginnt um 20:15 Uhr im Buchcafé.
Aufgrund dieses Anlasses informiere ich Sie kurz über diesen Titel.

Das verlockende an Kriminalromanen ist, dass man sich darüber freut, wenn die Schauplätze der Geschichte bekannt sind. Wenn man sich einen genauen Eindruck von den Gegebenheiten machen kann und die erzählte Handlung „das“ wahre Gesicht offenbart. Die reinste und unverfälschte Visualisierung!

Klappentext:
Bea Pelzer traut ihren Augen nicht, als Agenturchef Hohlberg seinen neuen Geschäftspartner vorstellt: Es ist ihr Vater Peter Herzog, der die Familie vor über zwanzig Jahren verlassen hat. Doch viel Zeit für Persönliches bleibt nicht, denn beim Jubiläumsevent der Markthalle geschieht ein Mord – und der Verdacht fällt auf Beas Vater. Auf der Suche nach dem wahren Täter kommt Bea einem verhängnisvollen Geheimnis auf die Spur und gerät selbst in tödliche Gefahr.

Meiner Ansicht nach läuft die Geschichte leider nicht richtig an. Sie plätschert allmählich vor sich hin und baut keine Spannung auf. Selbst die Regionalität konnte mir diese merkwürdige Konstellation nicht schmackhaft machen.

Gerne hätte ich an diesem Samstag auf den Buchwochen vorbei geschaut, mich an den ausgestellten Büchern gefreut und der Vollständigkeit wegen mein „Tod in der Markthalle“ signieren lassen. Doch leider gab ich mein Speichermedium bereits zur Wiederverwertung frei.

Lesebericht „Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek

Augensammler

Der Augensammler spielt mit dir das wohl älteste Spiel der Welt: Verstecken.
Er tötet deine Frau, entreißt dir dein geliebtes Kind und versteckt es. Er schenkt dir exakt 45 Stunden, um es aus seinen Fängen zu befreien! Der Countwown läuft.

Klappentext:
Erst tötet er die Mutter, dann verschleppt er das Kind und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche. Das ist seine Methode. Nach Ablauf der Frist stirbt das Opfer in seinem Versteck. Doch damit ist das Grauen nicht vorbei: Den aufgefundenen Leichen fehlt jeweils das linke Auge. Bislang hat der »Augensammler« keine brauchbare Spur hinterlassen. Da meldet sich eine mysteriöse Zeugin: Alina Gregoriev, eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, durch bloße Körperberührungen in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen zu können. Und gestern habe sie womöglich den Augensammler behandelt.

Bereits zum dritten Mal hat der „Augensammler“ zugeschlagen, als Alexander Zorbach, der Ich-Erzähler die Bühne seines Grauen betritt.

Nachdem er während eines Einsatzes als Verhandlungsführer in einer Kindesentführung die geistig verwirrte Täterin erschoss, quittierte Zorbach den polizeilichen Dienst und bestreitet sein Leben seitdem als Polizeireporter einer Berliner Tageszeitung. In dieser Eigenschaft folgt er den Hinweisen des durch die Presse betitelten Augensammlers. Doch gerade die Erfahrungen und hilfreichen Kontakte zur Polizei werden ihm beim aktuellen, dem vierten Fall des Täters, möglicherweise zum Verhängnis. Sein sehr frühes Erscheinen am Tatort, das Auffinden seines verlorengegangenen Portemonnaies im Garten des Opfers sowie die Bekanntschaft mit der ermordeten Frau rücken ihn zunehmend in den Fokus der Ermittlungen.
Immer wieder zieht Zorbach sich in sein heimliches Versteck zurück, einem Hausboot, um seinen familiären Problemen und den polizeilichen Nachforschungen zu entfliehen.

Während sein ehemaliger Kollege Stoya diese Ermittlungen führt, verdichten sich die Indizien zunehmend gegen Zorbach, der nach und nach selbst an seiner Wahrnehmungsfähigkeit zweifelt. Noch mysteriöser wird die Geschichte, als er in seinem Hausboot auf die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev trifft, die behauptet, mit dem „Augensammler“ Kontakt gehabt zu haben. Da er selbst keinen anderen Anhaltspunkt zur Entkräftigung des Verdachtes gegen ihn hat, geht er dieser Spur nach und bildet mit Alina ein irrwitziges und sonderbares Duo.

Sebastian Fitzek arrangiert seine Geschichte aus mehreren, im Wechsel angelegten Perspektiven. Dominierend ist dabei dich Ich-Perspektive des Alexander Zorbach, zu der sich die weiteren Akteure gesellen. Mehrfach streut Fitzek des Weiteren die Gefühle und Gedanken des gefangenen Kindes Tobias Traunstein ein.

Den Kernpunkt des Buches „Der Augensammler“ legt der Autor auf die Suche der noch lebenden Opfer – Tobias Traunstein und seine Schwester – sowie das ablaufende Ultimatum. Diesen Wettlauf verdeutlicht Fitzek mit der Nummerierung der Kapitel sowie der Paginierung der Einzelseiten – denn die Zählung läuft jeweils rückwärts. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass das Buch mit dem Prolog endet und damit die Geschichte beginnt.

Durch diesen Kniff kann der Leser nicht abschließen mit dem Titel. Man steht letztendlich vor Spannung unter Druck und weis, es fängt erst richtig an!

 

Sebastian Fitzek
Der Augensammler
Taschenbuch, 464 S.
ISBN: 978-3-426-50375-1

Lesebeicht „Kesselsturm“ von Oliver Wolf

Kesselsturm

Bereits zu Beginn des Buches fragte ich mich, ob es lohnenswert ist, diesen Titel zu lesen. Schleppend quält mich Oliver Wolf mit dem leidigen Thema Windenergie in Stuttgart, was mich in dieser exorbitant gelebten Energiesparsamkeit gerade an das Projekt S 21 erinnert.
Aber: Es lohnt sich den mühsamen Einstieg zu wagen!

Denn ein Serienmörder, der in den S-Bahnen sein Unwesen treibt, hält Stuttgart in Atem. Die Mordopfer, die der Täter geziehlt und präzise ermordet, verbindet augenscheinlich nichts. Die Ermittler Antonia Ronda und André Bürkle heften sich an die Fersen des Täters und eine tödliche Hetzjagd beginnt.
Szenenwechsel: Im Jahre 243 n. Chr. wird auf brutalste Weise ein germanisches Dorf ausgelöscht und niedergebrannt. Einzige Überlebende ist die junge Geofin, die völlig auf sich allein gestellt die Mörder ihrer Familie auszumachen versucht und um ihr Überleben kämpft.
Der Zusammenhang der Erzählstränge erfährt der Leser zunächst nicht. Auch im Verlauf des Plots nähern diese sich nur sehr zögerlich.

Doch sie nähern sich! Und begeistern den Leser umsomehr, als sie letztendlich aufeinandertreffen, um in einem schlüssigen Werk aufzugehen. Besonders der Genre-Mix aus klassischem Kriminalroman und der parallel erzählten historischen Geschichte gehen in einem fulminanten Duett auf. Der poetische Epilog des Buches wertet die Erzählung ein letztes Mal auf und hinterlässt den Wunsch nach mehr.

 

Oliver Wolf
Kesselsturm
341 S. / 12 x 20 cm / Paperback
ISBN 978-3-8392-1446-6

Lesebericht „Rückwärtssalto“ von Evi Simeoni

 Dieser Beitrag ist auch auf dem Klett-Cotta Blog veröffentlicht!

1247_01_Simeoni_Rueckwaertssalto.indd

Wie viel Gleichgültigkeit erträgt eine zarte, brüchige Kinderseele? Wie viel Schmerz können Eltern ihren Kindern auferlegen, bevor sie zerbrechen? Und wie starr verfallen heranwachsende Mädchen in die ihnen vordiktierten Verhaltensmuster?

Klappentext:
Die fünfzigjährige Designerin und ehemalige Turnerin Antonia erlebt die letzten neun Monate im Leben der Mutter: Viel zu wenig Zeit und trotzdem sind diese neun Monate für Mutter und Tochter auch eine Zeit der Gnade. Antonia ist ein außergewöhnlich begabtes Mädchen, das von seiner Mutter Elsa und dem Rest der Familie wenig Aufmerksamkeit bekommt. Je weniger Anerkennung sie in ihrer Familie findet, desto heftiger steigert sie ihre Anstrengungen, als Sportlerin Erfolg zu haben. Evi Simeonis zweiter Roman erzählt aber nicht nur von der späten Annäherung einer Tochter an ihre Mutter,sondern versucht auch zu ergründen, was der Spitzensport in den Seelen von Kindern anrichten kann.

Die späte Auseinandersetzung mit ihrer Mutter Elsa, versetzt die Protagonistin Antonia immer wieder zurück in ihre durch Ablehnung und Schikanen dominierte Kindheit. Während ihre Brüder stets in der Familie angesehen werden, sucht sie Zuwendung im Sport. Und bei ihrem Trainer. Sukzessive entfremdet sie sich somit schon im Kindesalter ihrer Familie und findet in ihrem Trainer seelische und körperliche Nähe. Im Gegensatz zu Antonias Familie, fasst er sie – während der Turnstunden – helfend an und führt.

Fließend entsteht jedoch der Übergang von unterstützenden Griffen, zu dominierenden und sexuell fordernden Händen. Zunehmend verschwimmt die Rolle des Trainers, hin zur neuen Bezugsperson für die unerfahrende Sportlerin Antonia, sodass dieser das Mädchen nicht nur während des Trainings führt, sondern ihr Leben schon bald unterwürfig bestimmt und gestaltet.

Während die junge Antonia schnellstmöglich erwachsen werden will, um ihrer gewalttätigen Familie zu entfliehen, fehlt ihr als Erwachsene nichts mehr, als ihr kindlicher Körper, der angenehm schön, zart und intensiv von ihrem Trainer geliebt wurde.

„Rückwärtssalto“ zeigt sehr plastisch, wie beeinflussbar junge Kinderseelen sind, wie stark sie sich mit bestehenden Umwelten und Beziehungskonstrukten identifizieren. Die Autorin Evi Simeoni skizziert diesen Prozess nicht nur, sondern malt dem Rezipienten ein klares, authentisches Bild davon, wie die als Kind falsch und missverstandene Liebe eine Persönlichkeit auf Lebenszeit formt. Evi Simeoni präsentiert einen Menschen, der durch frühkindliche Erfahrungen ein Leben lang geprägt ist und immer wieder erneut in die gleichen Strukturen verfällt.

Evi Simeoni
> Rückwärtssalto
1. Aufl. 2014, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98014-1

Lesebericht „Der frühe Tod“ von Zoë Beck

978-3-404-16309-0-Beck-Der-fruehe-Tod-gross

Caitlin, die aufgrund ihrer missglückten Ehe nach Schottland zog, baut sich unter einem neuen Namen als PR-Managerin einer Stiftung für Jugendliche ein neues Leben auf. Nichts wollte sie aus ihrer Vergangenheit mitnehmen. Erst recht nicht ihren cholerischen Exmann Thomas, der sie zu Putzorgien zwang, sie schlug und durch Sport zur körperlichen Ertüchtigung zwang.
Doch gerade er ist es, auf den sie beim morgendlichen Lauf in ihrer neuen Heimat trifft. Tot im Gebüsch liegt Thomas. Ermordet.

Als Caitlin plötzlich anonyme Mails bekommt, wird nach und nach klar, dass ihr Exmann menschenverachtende Machenschaften aufdecken wollte. Und das in der Stiftung, in der Caitlin angeheuert hat.

Parallel erfährt der Journalist Ben durch ein anonymes Fax von Missständen in dieser Stiftung, in der es mehrere mysteriöse Todesfälle gegeben hat. Auf eigene Faust beginnt er mit seiner Recherche. Er sucht den Kontakt zu den Hinterbliebenen und erkennt nach kurzer Zeit, dass sie alle nach dem Tod ihrer Kinder zu Geld gekommen sind. Gelder, die zur Vertuschung von Medikamententests an den Jugendlichen gezahlt wurden.
Die Protagonisten geraten in ein wildes Konstrukt aus Gier und Verachtung. Als sie schließlich zusammentreffen, müssen sie sich gegenseitig helfen, um dem menschenverachtenden Pharmaunternehmen lebend zu entkommen.

Im Leseprozess erhält man erst nach und nach eine Idee, welche perfiden und unwürdigen Gründe hinter den Morden an den Jugendlichen stecken.

„Der frühe Tod“ ist eine angenehme Unterhaltungslektüre, die sich flüssig lesen lässt. Schön ist die typografische Trennung (Kursivierung) zwischen der Geschichte und der Erzählung aus Sicht des Täters.

Zoë Beck
Der frühe Tod
Taschenbuch, 301 Seiten
ISBN: 978-3-404-16309-0