Lesebericht zu „Bretonische Flut“ von Jean-Luc Bannalec

bretonische-flut_bannalec_buch_blog_oliver-steinhaeuser_rezensionDer nahende 75te Geburtstag seiner Mutter setzt Kommissar Dupin seelisch zu. Da kommt ihm der Mordfall in der Fischhalle, der seine Anwesenheit auf diesem Jubiläum in Gefahr bringt, beinahe gelegen. Doch als kurz darauf zwei weitere Mordopfer gefunden werden, beginnt für Georges Dupin eine mit Mythen gepickte Ermittlung, die ihn an die Grenzen seiner eigenen Vorstellungskraft bringt.


Gerade nun, wo die Tage kürzer werden, sich der Frühtau zu kleinen störrischen Eiskristallen verwandelt und die Wiesen bedeckt, wünscht man sich in die idyllische sommerliche-warme Bretagne.


Im Zentrum des Buches steht, wie kann es anders sein, die Mordermittlung. Allerdings nutzt Bannalec „Bretonische Flut“ auch zur Expedition in die bretonische Geschichte sowie in die Welt der Sagen und Legenden der im äußersten Westen gelegenen Region Frankreichs. In diesem Gleichgewicht steht und fällt die Urteilsfindung des Lesers. Man kann wahrlich von einem Gleichgewicht aus Ermittlung und Mythen sprechen, da die Legenden mehr als ein schmückendes Beiwerk sind. Sie nehmen eine zentrale Rolle in Dupins Fall ein und ziehen den Leser immer wieder fort in beeindruckende Sagenwelten. Beeindruckend, wenn man empfangsbereit für Abschweife und glorifizierte Erzählungen ist. Demjenigen, der sich bevorzugt allein dem Fall widmen möchte, dem kann diese Ablenkung auch zu viel werden. So geht es dem Kommissar zu Beginn auch. Dupin gibt nicht viel auf die ausschweifenden Erzählungen seines Inspektors Kadeg. Noch weniger glaubt er den mystischen Geschichten, die dieser ihm über die Orte der Ermittlungen erzählt. Doch Dupin wird eines besseren belehrt, denn dieser Fall bringt auch ihn an seine mentale Grenze. Oder ist es gar ein bretonischer Fluch, der ihm ein Streich spielt? Und was steckt hinter der bretonischen Legende um die goldene Stadt Ys, die ihren Untergang in den Wellen des Meeres fand, weil die gierige Königstochter sich einst mit dem Teufel einließ?

Wieder möchte man wissen, wo sich der Kommissar in seinem neuen Fall aufhält, welche Seewege es sind, die ihm so zusetzen. Unweigerlich bedient man sich einer Online-Suchmaschine, sucht die Gegen um Douarnenez kategorisch ab und findet in der Tat die Orte des Geschehens wieder.


griechische-und-germanische-goetter-und-heldensagenBei all den Legenden und Sagen der Bretagne
geht dem Buch- und Medienblog
auch dieses Buch nicht mehr aus dem Kopf:
Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen


Ich sitze in der S-Bahn, schlage das Buch zu und zerbreche mir den Kopf über den verschwundenen Fund Dupins. Gedankenversunken stehe ich auf, denn meine Haltestelle naht. An der Tür macht mir ein Herr Platz, indem er sein Buch vor seine Brust nimmt. Es ist „Bretonische Flut“. Automatisch zücke ich während des Aussteigens mein Exemplar aus der Tasche, schmunzle und zeige es ihm. Ob auch er dem bretonischen Bann erlegen ist? Jedenfalls ist mein Tag – nach einem turbulenten Tag im Büro – gerettet.

Jean-Luc Bannalec
Bretonische Flut
ISBN: 978-3-462-04937-4

Hörbericht zu „Todesmärchen“ von Andreas Gruber

Heute ist Martinstag, doch Maarten S. Sneijder teilt keinen Mantel, sondern spaltet seine eigene Einstellung, zerschmettert alles wofür er steht.
Ist das sein Untergang?

120px-achtung-svgWarnung: Das Lesen dieser Rezension führt zur detaillierten Kenntnis des Buches, seiner inhaltlichen Wendungen und Überraschungen!


Wie schreibt man eine Rezension ohne dem Leser Spannung und Vorfreude zu nehmen? Indem man beispielsweise auf Besonderheiten der Autorenintention eingeht oder das Buch in einen gesellschaftlichen Kontext einordnet. Spätestens beim „Todesmärchen“ kommt der Rezensent jedoch an seine Grenzen.
Deshalb: Bitte ab dieser Stelle unbedingt aufhören zu Lesen, denn Überraschungen gehen dadurch verloren!


Todesmaerchen von Andreas Gruber_Rezension_Buch_Blog_Oliver SteinhaeuserMan kennt die Wehklagen vom Erhalt von Aufmerksamkeit und Wertschätzung in Familien. Gegenseitiges Ermuntern, Achten und in Schutz nehmen sind essentiell in funktionierenden Familiengefügen. Was aber passiert, wenn Vater und Sohn so weit voneinander abweichen, dass das Gesuch nach Aufmerksamkeit des Sohnes dazu führt, dass nicht nur des Vaters Unmut steigt, sondern Hass entsteht?

Maarten S. Sneijder und seine Kollegin Sabine Nemez werden zu einem Fall gerufen: Eine Frau hängt tot unter einer Brücke. Aufgehängt an ihrem Pferdeschwanz und mit einer in die Haut geritzten Zahl versehen. Sneijder fühlt sich zurückversetzt in einen Fall vor 5 Jahren, als er einen Mörder jagte, der nach demselben Modus Operandi vorging. Seiner Kollegin Sabine erzählt er davon erst einmal nichts, denn es handelt sich um einen seiner persönlichsten Fälle. Ein Mörder, den er bereits vor fünf Jahren dingfest machte und in die Spezialanstalt für besonders widerwärtige Straftäter Ostheversand buchtete. Dass es sich beim neuen Fall um einen Trittbrettfahrer handelt kann Maarten S. Sneijder ausschließen, denn er kennt das Vorgehen des Mörders zu gut. Doch wie kann es sein, dass der Inhaftierte wieder mordet? Und warum tötet er ausgerechnet Menschen, die der Ermittler Sneijder hasst?
Der Mörder, Piet van Loon, brauchte zwei Jahre, bis er seinen Fluchtplan von der Gefangeneninsel Ostheversand endlich verwirklichen kann. Sinn und Zweck ist das Morden. Sein vorgegebener Plan sieht 15 Morde vor. Alle Teil seiner früheren, aus 15 Teilen bestehenden Theaterinszenierung. Da es seinem Vater damals nicht wert war auch nur eine seiner Aufführungen zu sehen, soll er sie nun live erleben und ihm somit seine wertvolle Zeit schenken. Vater und Sohn gegeneinander. Maarten S. Sneijder gegen Piet van Loon. Beide wissen, dass sie es mit einem sehr intelligenten und effektiven Gegner zu tun haben. Piet van Loon sucht deshalb gezielt nach Opfern, die Sneijder hasst und hofft dadurch den Ehrgeiz seines Vaters zu bremsen, ihn zu schwächen, indem er Personen auswählt deren Schicksal seinem Vater egal ist. Schafft Sneijder es trotzdem, sich voll in die Situation hineinzudenken und sich auf das Leid seiner unliebsamen Ermordeten einzulassen?

Das Ende des „Todesmärchen“ von Andreas Gruber liegt dem Leser schwer im Magen, denn Maarten S. Sneijder tritt zum ersten Mal ernsthaft für seinen Sohn ein. Mit welchen Folgen ist ziemlich eindeutig, denn er beendet in einem finalen Wutanfall das Werk seines Sohnes. Schockiert blickt der Leser auf: Ist das das Ende des kiffenden und sozial inkompatiblen Ermittlers?

Rezension „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“

ueber die erhabenheit toter katzen und das umwerben trauriger mädchen, buchblog oliver steinhäuserIch fotografiere gerne tote Katzen! Nicht wie ihr jetzt wieder denkt. Die sind schon alle tot. Einfach eingeschlafen oder überfahren. Und ich bin verliebt. Verliebt sein ist etwas wunderbares, wenn es nicht so traurig machen würde! Alles strömt wie wild und unkontrolliert auf mich ein: Glückseligkeit, weil ich gerade mit Claudia auf meines Onkels Dachboden knutsche und fummel. „Die Sache selbst taten wir nicht, aber all die anderen Sachen, und manchmal übertreffen die anderen Sachen die Sache selbst an Intimität und Schönheit. Ich werde den Zaubertrick, den sie an diesem Nachmittag für mich vollführte, nicht erklären.“

Für den 14-jährigen Jan gibt es keine bessere Vorstellung von Liebe, als sich um ein trauriges Mädchen kümmern zu können. Eine melancholische Seele, der er all seine Liebe, seinen Trost und Fürsorge zukommen lassen kann. Der beste Weg eben, um ein Mädchen an sich zu binden und ihre Liebe zu ihm aufkeimen zu lassen und sukzessive zu festigen. Claudia, eine Mitschülerin scheint ihm eine gute Wahl. Lethargisch lässt sie ihren Kopf hängen. Gesenkten Blickes verfolgt das Mädchen den Unterricht, in dem Jan es schließlich schafft, Blickkontakt zu Claudia aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit klopfendem Herzen beginnt ein schüchternes Annäherungsspiel, aufgebaut auf zögerndem Anschauen, fortschreitendem Anlächeln und dem Vorstoß sich miteinander zu unterhalten und sich der Komfortzone des anderen zu nähern.
Gemeinsam erkunden Claudia und Jan die Welt der Gefühle, probieren sich aus. Dabei lernen sie die alles übermannende Liebe zu einem Menschen kennen, die jedoch ebenso imstande ist, im nächsten Moment zu erschüttern. Für jeden Heranwachsenden ist die Wahrheit der Dinge meist anders und schmerzvoller, als er sie sich in seiner naiven Fantasie ausgemalt hat.

Jan, unser 14-jähriger Protagonist, durchlebt die aufregende Zeit der Pubertät. Sein Körper beginnt Liebe und Sexualität in Verbindung zu bringen. Sein Gewissen ist davon zunächst tief erschüttert. Es beschämt ihn festzustellen, dass seine körperliche Lust sich beim ersten Kuss mit Claudia gegen die textile Grenze seiner Kleidung auflehnt. Die beiden jungen Menschen durchlaufen die Pirouetten zwischen Pubertät und Adoleszenz. Ein Lebensabschnitt inmitten von Neustrukturierungen von Hirnfunktionen und neuronaler Umstrukturierungen kindlicher Welten hin zu emotional-reflektiertem Denken.
Philipp Multhaupt versetzt den Leser zurück in seine eigene Jugend. Er ermöglicht die Erinnerung an das erste Gefühl von Liebe und welchen Zweifel, welche Hoffnung und Glückseligkeit, Traurigkeit und Trübseligkeit jeder von uns erfahren musste. „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“ schafft, durch seine sinnlich mitreißende Sprache wunderbare Bilder, die den Leser dazu bewegen, eigene Erfahrungen niederzuschreiben. Geschichten der gleichermaßen erlebten Situationen in ähnlichem Kontext: Zurückversetzt ins eigene Baumhaus, den Dachboden, die Scheune, die Bushaltestelle. Eben all die Orte, an denen jungen Menschen sich der Liebe erstmals konfrontiert sehen.
Die Abenteuer der Jugend enden nicht selten mit derben Rückschlägen, weil Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Dass sie dabei auch wichtige Lernprozesse abrupt beenden, ist ihnen oft nicht bewusst.
Es regt sich ein Aufschrei in mir selbst, und ich wünsche, dass ich mich in der Pubertät meiner Kinder noch an die Komplexität neuronaler und persönlichkeitsbildender Momente erinnere.

Doch wie wahrscheinlich ist das Durchbrechen elterlicher Fürsorge? Jugendliche schimpfen nun mal über ihre Eltern und schwören, es bei ihren eigenen Kindern anders zu machen. Und doch befinden wir uns in einer Wiederholungsschleife…

Lesebericht zu „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

die-weisse-stadt_karolina-ramqvist_buchblog_oliver-steinhaeuserHeute erscheint „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

Was unternimmst du, wenn dein Partner plötzlich nicht mehr für dich da ist, weil seine kriminellen Geschäfte schief gegangen sind? Du sitzt mit eurem gemeinsamen Kleinkind in der hübschen und mit illegalen Geldern erbauten Villa und musst dem Gerede der Ermittler des Dezernates für wirtschaftliche Kriminalität zuhören. Musst dir eingestehen, dass all der sicher geglaubte Besitz von nun an nicht mehr deiner sein soll, dass alles gepfändet wird und wie Sand durch die bröckelnden Fugen deiner Fassade rieselt.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Karins Freund nicht mehr da ist, muss sie sich jetzt obendrein alleine um ihre einjährige Tochter kümmern. Verzweifelt haust die Protagonistin zusammen mit ihrem Kind in der Villa. Es ist kalt und dreckig, ihr Antrieb beinahe erloschen. Den jungen Pizza-Fahrer bezahlt sie mit körperlichem Einsatz, um nicht noch das letzte Bargeld aufzubrauchen.
Der Leser erlebt eine am Boden zerstörte Existenz, eine Frau, die aus ihrem geregelten und sorgenfreien Leben herausgerissen wurde. Er sieht sie mit dem Leben hadern und scheinbar planlos handeln. Doch sie hat sich einen Entschluss gefasst: Es muss irgendwo eine Art Anspruch auf Geld geben. Geld aus dem letzten Geschäft, das ihrem Freund John zum Verhängnis wurde. Und das sucht sie in ihrer einstigen gemeinsamen Clique. Von ihrer Freundin Therese erhofft sie sich Beistand und Verständnis. Doch auch sie wird in dem von Männern dominierten Clan unterdrückt, hat nichts zu sagen und lässt Karin hängen. Bis zu dem Tag, als sie plötzlich in ihrer Hofeinfahrt steht und ihrer Freundin und sich selbst aus der Misere helfen möchte. Gemeinsam entwenden sie in einem unbeobachteten Moment das Barvermögen der Männer und verschwinden.

Bereits während des Lesens versucht man einen Zugang zur Intention der Autorin Karolina Ramqvist herzustellen. Das gestaltet sich nicht gerade einfach, denn zwischen dem Versuch aus ihrer Lethargie auszubrechen, muss die Protagonistin Karin den harten Anforderungen einer stillenden Mutter standhalten. Sie ist geprägt von postnatalen Problemen, wie spannenden Brüsten, unkontrolliertem Milchfluss und den optischen Veränderungen ihres Körpers. Immer wieder ruft sie in Momenten besonderer Trauer die Mailbox ihres verschwundenen Freundes an und findet so kurze Momente innerer Ruhe. Eine Ruhe, die jedoch sofort durch die Reflexion ihrer selbst zerstört wird. Konnte Karin nicht schon länger ahnen, dass irgendwann einmal etwas schief geht und ihr Leben zerstört? Wenn sie ehrlich zu sich ist, erkannte sie die dunklen Vorboten der nun eingetretenen Katastrophe, wollte sie nur nicht wahrhaben.
„Die weiße Stadt“ ist ein Roman über das Scheitern einer Frau, die sich zu sehr auf ihren männlichen Partner verlassen hat und den Komfort den dieser ihr gewährte nicht hinterfragte. Nicht selten kann dieser Leichtsinn bei einem Beziehungsbruch zum sozialen Abstieg werden. Es ist wie mit einem Kreis: Er verändert sich, wenn man plötzlich außerhalb seiner Mitte steht.

Karolina Ramqvist
Die weiße Stadt
ISBN-13 9783550081330

Die verspielte und politisch-historisch verkümmerte Gesellschaft

Wie unsere Jugend durch Pokémon sozial-gesellschaftlich verarmt und das derzeitige Schulsystem G8/G9 den geistigen Abbau weiter fördert.

Smartphone-Spiele wie „Pokémon go“ sorgen für allgemeine Verwirrung bildungsnaher Gesellschaftsschichten und fördern  Überlegungen und Reflexionen über uns selbst zu Tage. Es ist schon verantwortungslos, wenn Spieler öffentliche Plätze und Straßen durch ihr Spiel in Beschlag nehmen und Mitmenschen gar in Gefahr bringen. Wenn die virtuelle Monsterjagd jedoch nicht einmal vor historischen Mahnmalen wie dem ehemaligen Konzentrationslager in Auschwitz Halt macht, müssen wir uns Gedanken machen, welche Gründe dafür verantwortlich sind, dass Teile unserer Gesellschaft unreflektiert und gedankenlos durch das Leben laufen.

Schnell könnte man an Sittenverfall und eine fortschreitende digitale Debilität denken. Diese Geschmacksverirrung der Gaming-Generation ist möglicherweise jedoch Vorbote viel verheerenderer Vorgänge auf epochaler Ebene: Wir erfahren derzeit eine einschneidende Verschiebung auf dem Gebiet des kulturellen Gedächtnisses. Fixpunkte kollektiver Erinnerungen unserer Gesellschaft fallen zunehmend dem Dunst des Vergessens anheim. Historische Ereignisse verweilen nicht mehr so lange wie früher im sozialen Gedächtnis. Während die Generation unserer Großeltern geschichtlich versiert ist, sinkt die Verweildauer der Geschichte auf 80 – 100 Jahre. books-485479_1920Fatal, wenn man bedenkt, dass aus dieser Zeitspanne der Aufbau des Erfahrungshorizontes eines Menschen entspringt und mit Hilfe dessen ein Individuum seine Lebenseinstellungen ableitet. Fatal deshalb, da es bedeutet, dass die folgenschweren Ereignisse des 20. Jahrhunderts im Moment dabei sind, aus dem Kollektivgedächtnis (vgl. hierzu das „Konzept des französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs à „kommunikatives- und kulturelles Gedächtnis; sowie http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/1895/1/Assmann_Kollektives_Gedaechtnis_1988.pdf) unserer Gesellschaft zu fallen. Hinzu kommt, dass die letzten Zeitzeugen ebenfalls verschwinden. Und mit ihnen die Unmittelbarkeit des Katastrophalen sowie die Notwendigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen. Anstelle der Übersetzung historischen Wissens in Diskurse politischer Willensbildung, interessieren sich junge Generationen immer öfter nur noch für das ungestörte, von Geschichte nicht beeinflusste Spiel mit ihren Smartphones.
Um die Gefahr dieser Trends noch besser zu verstehen, lohnt sich die Betrachtung der Schulpolitik, die seit ca. 15 Jahren mit Einführung des G8 ‑ die ihre Wissensvermittlung von traditionell neun auf acht Jahre verkürzt haben ‑ an dieser Entwicklung mit beteiligt ist. Wer in nur acht Jahren zum Abitur gelangen möchte, dem bleibt nicht nur ein ganzes Jahr Zeit erspart, sondern auch eine Menge Wissen und Allgemeinbildung. Effizienzideologischen Entscheidern ist es geschuldet, dass sich die Lernschwerpunkte nicht mehr auf die Inhalte konzentrieren, dem reinen Wissen also, sondern sich zum Aufbau von Kompetenzen verlagert haben. Diese baut man am wenigsten in Fächern wie Geschichte auf, das wie viele andere Fächer in seiner Wochenstundenzahl kurzerhand reduziert und inhaltlich ausgedünnt wurde. Vieles wird nur noch angeschnitten. Dem historischen Verfall wird dadurch weiter zugearbeitet. Auch Eltern stehen in der Schuld, da sie für ihre Kinder im Turboabitur weniger Inhalte fordern, um die Lernenden nicht zu überfordern. Das ist verständlich, jedoch leidet das Allgemeinwissen darunter. Viele Gymnasien stellen daher wieder auf neun Jahre um, schenken den Schülern wieder ein weiteres Jahr. Das reduziert Lernstress. Und das vor allem, da die eingedampften Inhalte nicht etwa wieder aufpoliert und erweitert werden, sondern lediglich langsamer unterrichtet werden. So schreibt es zumindest die Website des hessischen Kultusministerium: „Die Kerncurricula für den gymnasialen Bildungsgang gelten unabhängig von der zeitlichen Ausgestaltung der Sekundarstufe I, das heißt gleichermaßen für die fünfjährig organisierte (G8) und die sechsjährig organisierte Mittelstufe (G9).“ Das vorher aussortierte Wissen wird also nicht wieder aufgenommen. Am Ende bekommen Schüler wieder mehr Zeit, jedoch nicht mehr Wissen.

Für den Pokémon spielenden Einzelnen bedeutet dieser Trend, dass er auch eigene Gedanken anstreben müsste, sich selbst über seine Umgebung und Geschichte informieren sollte. Erste politische Folgen des Erinnerungsverlusts sind bereits beobachtbar. Sie manifestieren sich durch den Erfolg populistischer und geschichtsmissachtender Gruppierungen.
Am Ende helfen hoffentlich nicht nur an Gedenkstätten angebrachte Hinweistafeln, die das Fangen virtueller Monster an Plätzen einstiger realer Monster verbietet.


120px-achtung-svgNun könnte man die vorangegangenen Worte als realistisches und glaubwürdiges Abbild der Dinge sehen. Und so ist es auch – zumindest teilweise.
Doch es gibt weder das einzig Wahre, noch das absolut Falsche. Und so kommt es, dass man auch reflektierenden Jugendlichen begegnet, denen das Fangen giftverströmender Monster im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz zuwider ist. Jugendliche, die in Foren über die Geschmacklosigkeit dieser Entwicklung diskutieren.

Es lohnt sich der Blick auf den Spielehersteller, der die sogenannten Hotspots einrichtet: Durch die gps-Daten, die die Jugendlichen über ihre Smartphones offenbaren, kann der Hersteller die von Spielern des Pokémon go stark frequentierten Orte identifizieren. Dabei geht auch der Hersteller nicht immer überlegt vor, und richtet an Orten Hotspots mit besonders interessanten Pokémon ein, an denen sich auffällig viele Menschen mit dem auf ihren Smartphones installierten mobilen Spiel aufhalten. Im oben genannten Fall auch das KZ Auschwitz, denn hier halten sich ‑ oft während Klassenausflügen ‑ besonders viele junge Menschen auf. Fraglich ist, ob ein Appell zum Pokémonverbot an solchen Orten reicht, oder ob der Hersteller nur durch Sanktionen gebremst werden kann.
Letzten Endes hat der Hersteller möglicherweise ganz andere Ziele vor Augen. Der Hype um das Spiel hat gezeigt, dass es in der Lage ist, ganze Menschenmassen beinahe blind zu mobilisieren. Ein Phänomen, das dem Hersteller mit Sicherheit nicht entgangen ist und das er als Basis für weitere monetäre Absichten missbrauchen kann. Zum Beispiel in schwach frequentierten Einkaufszentren. Das Geschäftsmodell sähe wie folgt aus: Shopping-Malls kaufen sich beim Spielehersteller seltene Pokémons ein und bekommen vom Hersteller einen Hot-Spot eingerichtet. Und schon werden aus uninteressanten Orten Publikumsmagnete. Im beschriebenen Fall handelt es sich lediglich um einen kommerziellen Kniff. Doch theoretisch kann jeder als Kunde beim Spielehersteller in Erscheinung treten. Welche Anziehungskraft stark frequentierte Orte auf extremistische Gewalttäter hatten, mussten wir in den letzten Monaten leider schmerzlich feststellen. Es lohnt sich also für jeden von uns, über Sinn und Unsinn neuer Trends nachzudenken, bevor man ihnen blind folgt.

Rezension zu „Scherbenkind“ von Britt Reißmann

Scherbenkind_Britt Reißmann_Oliver Steinhäuser_Buchblog_StuttgartWas unternimmst du, wenn diese umtriebige dumme Göre schon wieder einfach in deinem Zimmer war, ihre schmutzigen Miniröcke und High Heels achtlos vor deinen aufgeräumten Kleiderschrank geworfen hat? Was, wenn du einfach keine Erklärung für Dinge, die in deinem Leben passieren, hast? Wenn jeder dich argwöhnisch mustert und stets auf der Hut vor deinen plötzlich wechselnden Charakterzügen ist?
DU MACHST NICHTS. Denn du bist viele. Ihr seid viele. Doch das kleine Mädchen, das du einst warst, bist du schon lange nicht mehr. Du hast dich verkrochen und überlässt anderen Akteuren dein Leben. Und alles nur, um dich selbst zu schützen.

Scherbenkind ist ein Stuttgarter Kriminalroman, in dessen Vordergrund eine komplizierte Ermittlung steht. Der Dreh- und Angelpunkt der Ermittlung um einen erschlagenen Rockmusiker ist die Familie Lohmann, von deren Telefon vor einiger Zeit ein Kind ein Notruf bei der Seelsorge abgesetzt hat. Dieses Kind konnte im Zuge vorangegangener Ermittlungen jedoch nie gefunden werden, da in der Familie lediglich die Eltern und deren jugendliche Tochter wohnen. Doch genau diese Stimme ist es, die nun bei der Polizei anruft und Zeuge eines ungeklärten Mordfalls sein will. Doch wieder wird sie von einem jungen Mann vom Reden abgehalten. Er verbietet es ihr.
Kommissarin Verena Sander und ihr Team stochern im Trüben. Die einzige Verbindung zwischen der Familie Lohmann und dem ermordeten Rockmusiker ist, dass die Tochter Sina das Abschiedskonzert in der Mordnacht besuchte. Während Befragungen des Mädchens kommen den Kommissaren jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit Sinas. Auch in ihrem Zimmer entdecken die Ermittler Anzeichen dafür, dass Sina mehr weiß, als sie zugibt. Dass es sich bei der Jugendlichen jedoch um eine schwer dissoziativ gestörte Persönlichkeit handelt erfährt Verena Sander erst, als sie ihre Freundin und Therapeutin Hannah mit involviert. Gemeinsam versuchen sie zu ergründen, was in der Nacht des Mordes wirklich passiert ist und welche der Persönlichkeiten in Sina etwas mitbekommen hat und seine Erfahrungen den beiden Frauen mitteilt.

Britt Reißmann legt mit „Scherbenkind“ ein Buch vor, dessen Ausmaß der Leser eine ganze Weile nicht zu ergründen vermag. Die Mischung aus Ermittlung und der dazu notwendigen Kenntnis zu multiplen Persönlichkeitsstörungen ermöglichen es dem Leser, sich nicht nur an vermeintlich gestörten Mädchen zu laben, sondern diese Störung zu verstehen. Durch die Protagonistin und Kommissarin Sander legt Reißmann großen Wert auf die Ursachen und die sukzessive Entstehung multiplen Verhaltens. Die Kulisse, die sie dazu wählt könnte nicht grauenhafter sein: Sina und viele weitere junge Mädchen sind Kinder von Mitgliedern einer satanistischen Vereinigung, die nach dem Grundsatz Aleister Crowleys leben: „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz.“ Und jeder in der Sekte Lebende hat Anspruch auf die in sie hineingeborenen Kinder.

Satanistische Rituale direkt vor der Haustür - Kopfkino beim Joggen durch Stuttgarter Wälder

Satanistische Rituale direkt vor der Haustür – Kopfkino beim Joggen durch Stuttgarter Wälder

Nichts also für schwache Nerven! Noch spannender wird die Geschichte, da sie vor der Haustür spielt, in Stuttgart und Umgebung. Gerade das Wiedererkennen von Schauplätzen steigert die Aufregung und Unfassbarkeit der Story zusätzlich.
„Scherbenkind“ ist ein sehr gut gelungener Kriminalroman, der seinen Leser gebannt in die Welt multipler Persönlichkeiten zieht. Dabei erschafft die Autorin nicht nur unglaubliche Bilder, sondern lässt uns an einem menschlichen Schutzmechanismus teilhaben, der sogar mit voller Absicht während der kindlichen Persönlichkeitsprägung „eingepflanzt“ werden kann.

Es ist bei weitem nicht alles gesagt, doch mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Kaufen und staunen!

Britt Reißmann arbeitet als Büroangestellte im Stuttgarter Morddezernat. „Jede Leichenmeldung geht über meinen Schreibtisch“, sagt Reißmann den Stuttgarter Nachrichten am 09.09.2016.

Britt Reißmann
Scherbenkind
ISBN: 978-3-453-35874-4

 

Ermittlungsprotokoll zu „Ich habe ihn getötet“ von Keigo Higashino

Ich habe ihn getötet, Buchblog, Klett-Cotta, Oliver Steinhäuser, Keigo HigashinoWas soll man dazu sagen: Ein bekannter Drehbuchautor wird am Tag seiner Hochzeit vergiftet und bricht auf dem Weg zum Traualtar in der Kirche zusammen und stirbt. Als Täter kommen drei Menschen aus seinem Umfeld in Frage. Jeder von ihnen hatte offensichtlich die Gelegenheit dazu sein Schnupfenmedikament durch eine Giftkapsel zu tauschen. Und jeder dieser Tatverdächtigen hat auch noch ein Motiv!

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Wir erfahren aus den Ich-Perspektiven der Darsteller, was sich zugetragen hat. Jeder einzelne von ihnen kommt zu Wort, schildert seine Eindrücke und lässt uns an der Geschichte teilhaben. Doch passen Sie auf: Keiner der Beteiligten verbreitet falsche Informationen in den erzählenden Teilen seiner Ich-Perspektive. Das gilt jedoch nicht mehr für die direkte Rede, in der jeder sich nur zu seines Gunsten äußert.


Ist das eine Rezension?
Besondere Bücher brauchen ausgefallene Besprechungen!


Ich habe ihn getötet - Die Lösung, Oliver Steinhäuser, Buchblog

Öffnen des geschlossenen Druckbogens

Ein wunderbar erzähltes Buch liegt auf meinem Schoß. Zugeklappt, nachdem ich den geschlossenen Druckbogen mit der sehnsüchtig erwarteten Anleitung zur Lösung dieses verworrenen Kriminalfalls mit einem scharfen Messer aufgetrennt habe. Wer ist der verdammte Mörder, wer schuld am Gifttod des Bräutigams Makoto Hodaka? Ich dreh und wende das Buch – und komme einfach nicht drauf. Bewunderung schlägt in Frust um und ich bin froh darüber, dass es bereits später Abend ist und lege mich enttäuscht schlafen.
7:03 Uhr zeigt der verdammte Wecker an. Kein Mensch steht sonntags um diese Zeit auf, aber ich muss es wissen. Ich schlage willkürlich eine Seite auf und da steht, was beim ersten Lesen keinerlei Beachtung fand. Die Stelle, in der unser Täter die Möglichkeit hat die Pillendose zu tauschen.

Bemerkung des Buch und Medienblogs zur „Anleitung zur Lösung“:
Erstmals wünschte ich mir einen Kriminalroman als e-book zu besitzen, denn ich glaubte auf einer heißen Spur zu sein. Doch wie finde ich die Passage, an der ich glaubte des Rätsels Lösung zu finden? Richtig, indem ich durch die Eingabe von Schlagworten den Text durchsuchen würde. Doch ich habe nun einmal die Printausgabe…
Tipp: auch die Leseprobe auf der Verlagsseite von Klett-Cotta hilft in diesem Fall nicht weiter, denn sie ist nicht lang genug.

Es bleiben demnach nur zwei Möglichkeiten:

  1. Man freut sich über ein perspektivenreiches Buch und findet sich damit ab, keinen Täter präsentiert zu bekommen oder
  2. du weckst den verdammten Ermittler in dir und beißt dich noch einmal von vorne durch und stößt plötzlich auf die augenöffnende Szene!

Keigo Higashino
Ich habe ihn getötet
ISBN: 978-3-608-98306-7
(Klappenbroschur, mit geschlossenem Lösungsbogen)

 

Lesebericht zu „Fuchskind“ von Annette Wieners

Fuchskind, Ullstein, Annette Wieners, Buchblog, Oliver SteinhäuserDie Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes entdeckt auf ihrem Friedhof ein ausgesetztes Baby. Von der Mutter fehlt jede Spur. Etwa zur gleichen Zeit wurde an der Bushaltestelle des Friedhofs eine junge Frauenleiche abgelegt. Ausgerechnet an dem Platz, an der Jahre zuvor eine junge Frau sich zur Prostitution anbot. Als schließlich der vermisste Friedhofswärter schwer verletzt aufgefunden wird, erwacht Gesines Ermittlertrieb erneut und sie muss hinter das Geheimnis des Findelkindes und der toten Frau kommen.

Als plötzlich ihr Ex-Mann Klaus auf dem Friedhof auftaucht, überschlagen sich die Ereignisse schneller, als Gesine lieb ist. Denn mit ihm verbindet sie nur noch die Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn und das schmerzliche Auseinanderdriften einer bis zu diesem Schicksalstag liebevoll funktionierenden Ehe.
Der Leser erlebt die Protagonistin Gesine Cordes, wie er sie aus dem Vorgängerband „Kaninchenherz“ kennen gelernt hat. An ihr nagen nach wie vor Schuldgefühle und sie scheint in einer kontinuierlichen inneren Zerrissenheit zu schweben. Diese manifestieren sich besonders durch den Drang aus eigener Kraft und Anstrengung an sämtlichen Plätzen des Geschehens mitzuwirken. Dabei stellt Gesine natürlich wieder eigene Ermittlungen an und gerät so selbst sehr nah an die Machenschaften des illegalen Menschenhandels heran. Dieser ist auch das Kernthema des Buches. Annette Wieners konstruiert ihre Story um eine Frau, deren sehnlichster Wunsch die Fürsorge um ein Kind ist. Doch dazu braucht sie eine Freundin, deren sozial-gesellschaftlicher Status – im Gegensatz zu ihrem eigenen – das aus dem Ausland illegal besorgte Waisenkind zulässt. Die Vereinbarung der beiden Frauen hätte beinahe funktioniert, wäre da nicht die Unverfrorenheit und Selbstsüchtigkeit der Dame, die das Kind nach nur wenigen Tagen einfach aussetzt: Gleich einer Produktbestellung soll die „Ware“ einwandfrei und funktionstüchtig sein! Da passt es ihr gar nicht, dass das Baby unter dem Down-Syndrom leidet.

Die Geschichte hinter „Fuchskind“ ist eine wohl bekannte: Kinder aus armen und zerrütteten Verhältnissen werden illegal ins Ausland vermittelt. Zum Glück sollen diese keinen illegalen Handlungen zum Zweck sein, sondern kinderlose Menschen glücklich machen und gleichzeitig ein schützendes Zuhause erhalten. Illegal bleibt es allemal!
Annette Wieners schafft es diesmal nur sequenzweise, den Funken überspringen zu lassen. Obwohl das Buch einige markante und erinnerungsfähige Szenen beim Leser hinterlässt, wirkt der Plot eher schwerfällig und konstruiert. Das liegt auch daran, dass die im Vorgängerband „Kaninchenherz“ liebe- und mühevoll aufgebauten Charaktere diesmal nur latent-emotionale Darsteller sind und uns weniger in ihre Gefühlswelt eindringen lassen, als es in „Kaninchenherz“ der Fall war.

Annette Wieners
Fuchskind
ISBN-13 9783548612515

Lesebericht zu „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

9783869711287Ganz selbstverständlich steht der presseaffine Mensch heut zu Tage, im 21. Jahrhundert, vor einem Zeitungsregal, vergleicht die vielseitig und aufwändig gestalteten Titelblätter der Tagespresse und entscheidet sich für das interessanteste, informativste und dem investigativen Journalismus zugeordnete Zeitungsprodukt. Dass der Weg bis dahin sehr beschwerlich war, vergessen dabei viele. Allerdings ist die moderne Gesellschaft lange aus der Wiege der Presseprodukte herausgewachsen. Das einzige Monopol, Informationen über weltliches Geschehen aus den Tageszeitungen zu erfahren, ist durch das Zeitalter des Internets lange vorüber. Schnell fragt man sich, welchen Mehrwert die gedruckte Zeitung noch bietet, wenn alle darin befindlichen Informationen auch durch kostenfreie Internetangebote zugänglich gemacht werden?

Michael Angele verfasst in „Der letzte Zeitungsleser“ nicht nur eine Hommage an die Tageszeitung, sondern an das gedruckte Wort im Allgemeinen. Doch er liebt weit mehr als den Inhalt. Es ist die Gesamterscheinung, die ihn und viele andere Zeitungsleser fesselt. Das Rascheln, der Geruch, die Haptik, ja und auch den Platz, den der Zeitungsleser bei seiner Lektüre unweigerlich in Anspruch nehmen muss. Und weil auch die Anmutung eines in Spalten gesetzten Textes ein Alleinstellungsmerkmal ist, enthalten die Seiten in „Der letzte Zeitungsleser“ die Optik eines Einspalters, umrahmt von viel Weißraum, der, wie ich es finde, wunderbaren Platz zu Randbemerkungen bietet. Hier kommt kein Gefühl von künstlicher Ausdehnung des Textes auf. „Der letzte Zeitungsleser“ braucht Platz für Gedanken, ist nicht nur Information, sondern Erinnerung, Anregung und Reflexion.

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: "Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport"

Randnotizen des Buch- und Medienblogs bei der Lektüre: „Gibt es Identifikation mit einer Tageszeitung? Öffentlicher Wertetransport“

Angele zieht sich zur Beschreibung seines idealen Zeitungslesers den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard zu Rate, durchleuchtet seine Gewohnheiten, seine Sucht und Sehnsucht nach der Tageszeitung. Ihm gelingt dabei der Spagat zwischen dem Beschreiben des Faktischen und der gelebten Realität, des Unwirsch Seins, das uns im Leben eines Zeitungslesers immer wieder widerfährt.
Sein Werk dient dazu sich selbst zu verstehen, zu reflektieren. Wir erkennen uns darin wieder, sehen, dass nicht nur wir Zeitungsartikel sammeln, das Lesen solange aufschieben, bis an die Rezeption der Artikel beinahe nicht mehr zu denken ist, weil sich eine schiere Flut zusammengefunden hat. Ein unbezwingbares Massiv, das nur dann noch das Recht zur Aufbewahrung erfährt, wenn wir es zur Sammlung titulieren. Auch wenn es dadurch nicht rational wird, so wird es doch wenigstes verständlich.

Was also haben wir davon, die Tageszeitung zu lesen, wenn sich doch alle Informationen im Internet jederzeit in einer schier unermüdlichen Konjunktur befinden?
Es ist die von Journalisten und Redaktionen ausgewählte Zusammenstellung eben dieser, die durch ihre Gatekeeping-Funktion vorsortieren und uns die eigene Recherchezeit verkürzen. Vor allem aber tragen ausgewählte Themen mit Differenzierungsmöglichkeiten (z. B. „Pro & Contra“; „Meinung & Gegenmeinung“) dazu bei, eigene Gedanken anzustreben und nicht der Gefahr zu verfallen unreflektiert Meinungen anzunehmen und zu kopieren. Gerade diese meinungsbildenden Seiten einer Tageszeitung ermöglichen es einen Gesinnungs- & Sinneswandel anzuregen. Sie bieten dem Leser gewissermaßen die Grundlage zur eigenen Mündigkeit.
Diese Mündigkeit durchzieht die gesamten Milieus der Gesellschaft. Sie ist nicht an Lebensstil und Wertehaltung gekoppelt, denn für jedes Sinus-Milieu (hier die typischen Eigenschaften der Milieus) existieren meinungsbildende Tageszeitungen.


Wer mehr zum geschichtlich/historischen Entstehen und dem Verlauf der Tageszeitung lesen möchte, findet in meinem Aufsatz „Fortschritte des Nachrichtenwesens dargestellt an den Entwicklungsstufen Flugblatt und Zeitung“ weitere Informationen.images


Der letzte Zeitungsleser
Michael Angele
ISBN: 978-3-86971-128-7

 

Lesebericht zu „Trügerisches Licht“ von Patríca Melo

Patício Melo, Klett-Cotta, Buchblog, Oliver SteinhäuserHeute, am 23. Juli 2016 erscheint „Trügerisches Licht“ von Patrícia Melo

Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!
Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Klett-Cotta-Blog veröffentlicht!

Gleich der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio. Vor Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.
Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben in einer Gesellschaft voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu tolerieren scheint. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser vollends eingebunden wird.
Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsbetont ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

Patríca Melo
Trügerisches Licht
ISBN: 978-3-608-50215-2