Lesebericht zu „Guilty – Doppelte Rache“ von Lisa Jackson

Guilty - Doppelte Rache von Lisa Jackson, Buchblog Oliver Steinhäuser_Rezension_InhaltsangabeEin brutaler Ritualmörder hat es auf Zwillingspärchen abgesehen. Seine Opfer, ausschließlich weibliche Zwillingsgeschwister, entführt kurz vor deren 21. Geburtstag, dem Übertritt aus dem Jugendalter zur Volljährigkeit. Doch der während eines Indizienprozesses verurteilte Täter sitzt in Haft. Detective Bentz und Montoya kämpfen mit Widersprüchen und der aktuelle Vermisstenfall der Denning-Zwillingsmädchen involviert immer mehr Menschen, bei denen nicht ersichtlich wird, wie und ob sie in diesem Spiel mitwirken.

Jahrelang ist es ruhig um den 21er-Killer, als plötzlich zwei Mädchen spurlos verschwinden. Handelt es sich hierbei um einen Trittbrettfahrer oder unterlief der Justiz ein Fehler und der wahre 21er-Killer läuft seit Jahren frei umher?
Das Buch steckt voller Geschichten um Zwillinge, deren besonderen Verbindungen zueinander und die Folgen eines Verlusts.
Während Zwillinge mit Verlusterfahrung sich in der Selbsthilfegruppe der „Zwillinglosen Zwillinge“ treffen, um über ihre Traumata zu sprechen, wachen Zoe und Chloe Denning in einem feuchten und kalten Verlies auf. Vor ihnen arbeitet ein bulliger Mann unerlässlich an abstrusen Vorbereitungen und trällert „Happy Birthday“. Beide fürchten, dass sie dem Monster nicht entkommen werden und dies ihr Todesurteil zu werden droht. Doch Zoe gibt nicht auf und ihr gelingt es tatsächlich sich zu befreien und ihren Peiniger außer Gefecht zu setzen. Zumindest so lang, dass sie ihre Schwester ebenfalls befreien und mit ihr fliehen kann. Temporär. Denn während es Zoe gelingt zu entkommen, wird Chloe wieder eingefangen. Doch der Mörder muss die ältere der beiden Zwillinge auch unbedingt wieder einfangen. Sie muss nämlich als erstes sterben. So sieht es sein Plan vor und Ordnung muss sein!

Die Flucht, die Suche und das Wiedereinfangen der Zwillinge stellen die großen Spannungsmomente in „Guilty“, auch wenn der Leser gelegentlich selbst zu verzweifeln beginnt: Die beiden Zwillinge haben so viele Chancen ergriffen und scheinen es aus den Fängen des Irren zu schaffen. Getrennt voneinander müssen sie jedoch mit derben Rückschlägen kämpfen, nichtwissend wie es dem anderen geht und ob er es weiter geschafft hat.


Die schiere Zwillingsflut schränkt die Verständlichkeit beim Lesen nicht ein,
sie macht es jedoch sehr komplex, in einer Rezension etwas darüber zu schreiben.


Das Schöne an der New Orleans Reihe mit Detective Rick Bentz und Reuben Montoya ist, dass Lisa Jackson Verbindungen zwischen den Büchern herstellt, die dem Leser Vertrautes und Bekanntes in Erinnerung rufen. Dabei ist es irrelevant, ob man alle Reihentitel kennt und gelesen hat. Der Buch- und Medienblog hat selbst nur „Pain. Bitter sollst du büßen“ und „Desire“ (Band 1. & 7. der Reihe) gelesen. Jackson setzt im aktuellen Band „Guilty“ mit dem „Rosenkranzmörder“ eine Klammer um den aktuellen Fall und lässt den Leser in der Hoffnung auf weitere Fälle mit dem Ermittlerduo Bentz und Montoya zurück. Für Bentz rückt die Möglichkeit der Rente kontinuierlich näher und er befindet sich mittlerweile an einem Punkt, an dem er den Ruhestand zumindest nicht gänzlich ins Abseits drängt. Doch bevor er sich aus dem aktiven Dienst verabschieden würde, muss er den „Rosenkranzmörder“ unbedingt noch dingfest machen!

Lisa Jackson
Guilty – Doppelte Rache
ISBN: 978-3-426-65395-1

Verschwörungstheorien à la Carte – Entstehung und Ursprung von Verschwörungstheorien

Februar / Tag 3  →  2/3 = 0,666
666 = die Zahl des Teufels

Verschwörung, Great Seal of the United States, Blog, Oliver Steinhaeuser

Das „Große Siegel der Vereinigten Staaten“

Verschwörungstheorien und der Glaube an Geheimbünde haben, seit den Terroranschlägen des 11. September 2001, eine verstärkte Anziehungskraft auf die moderne Gesellschaft. Es tauchen Menschen auf, die noch weiter gehen und die Mondlandung der Amerikaner für eine in Fernsehstudios nachgestellte Szenerie halten und dies mit scheinbar glaubwürdigen Beweisen belegen wollen.
Schnell kommt die Frage nach der Verbreitung solcher Theorien auf, und warum sie uns seit einigen Jahren so präsent erscheinen? Ein entscheidender Faktor ist die Verbreitung des Internets und der Möglichkeit der Interaktion, im „Web 2.0“. Durch soziale und interaktive Medien erleben wir eine verstärkte Sichtbarkeit der Subkulturen deren Kommunikation sich in den siebziger oder achtziger Jahren noch auf analoger Ebene befand. Aufgrund dieser Zugänglichkeit tritt das Narrativ einer Verschwörung zunehmend in eine breitere Öffentlichkeit. Einer Öffentlichkeit auf der Suche nach Bestätigung ihrer Zweifel, die nach der Gruppe sucht, die im Hintergrund alles heimlich plant und steuert.

Doch wo kommt der Verschwörungsglaube an eine höherstehende Macht oder Institution her? Geschichtlich betrachtet rührt er primär von der Säkularisierung. Denn mit ihr entfiel der Glaube an eine göttliche Instanz, die alle Fäden in Händen hielt. Zugleich waren die Menschen im 18. Jahrhundert nicht zur Einsicht bereit, dass komplexe Gesellschaften Dinge hervorbrachten, die ihr nicht explizit intendiert wurden. Es musste also jemanden geben, der alles geplant hat. Gott konnte es aufgrund der vorangegangenen Aufklärung nicht mehr sein. Begünstigend kommt hinzu, dass Expertenwissen nicht mehr als Gegebenheit angesehen wird, sondern – man danke an Wikipedia – stärker hinterfragt und sogar erstellt werden kann. Das Infrage stellen klassischer Wissenshierarchien kann unsere Gesellschaft weiterentwickeln, doch birgt es in der Komplexität unseres Daseins ebenso Gefahren: Denn das Individuum entscheidet sich aus einem Grundgefühl heraus für eine Einstellung und sucht sich im Anschluss die dazu passenden Argumente. Mit Auswahl dieser entsteht um einen Menschen und seiner Identität ein Realitätstunnel, in dem sich seine subjektive Meinung manifestiert. (Mehr zu Realitätstunneln & Interaktion finden Sie auf dem Blog von Thomas Heindl)
Dieser identitätsprägende Prozess festigt Einstellungen und Ansichten zu Themen, die – gleich eines Tunnelblicks – aus dem Blickfeld ragen und weniger objektiv reflektiert werden als neutral betrachtete Themen. Wobei sich an dieser Stelle die Frage der Existenz von Neutralität stellt:
Gibt es so etwas überhaupt? Oder sind wir nicht bereits ab Kenntnis eines Umstandes mit dem Abgleich von uns bekannten Mustern und dem Abwägen beschäftigt und verfälschen die Objektivität?

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Lexikon der Verschwörungstheorien

Wem auf der Suche nach Argumenten die Quellen versiegen, kann sich im „Lexikon der Verschwörungstheorien“ von Robert Anton Wilson auf die Suche begeben. In diesem Arsenal der Verschwörungstheorien findet sich gleichermaßen Bekanntes sowie Unbekanntes. Der Verschwörungsinteressierte sollte während seiner Lektüre nicht linear lesen, sondern die Sprungmarken zu verwandten Themen als Einladung ins Unbekannte nutzen und sich mit ihrer Hilfe durch das Lexikon treiben lassen. Auch wenn die Anmutung des „Lexikon der Verschwörungstheorien“ eher einen spannenden Roman suggeriert, ist es doch ein Lexikon, dessen Verwendung konsultierend vonstattengeht.

Es lohnt sich auch ein Besuch bei Jimmy Novakin, der auf seinem Blog zwischen Religion, Geistern und Mysterie beispielsweise auch Verschwörungen mit Sarkasmus kombiniert und dabei unterhaltende Auszeiten bietet.

Lesebericht zu „Die Vermissten“ von Caroline Eriksson

Die Vermissten von Caroline Eriksson, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Rezension, PsychothrillerMeine Gedanken schweifen ständig ab, ich sehe und fühle schreckliche Dinge. Ich liebe einen verheirateten Mann dessen Autorität mich wie besessen an ihn fesselt. Mich in den Bann zieht, obwohl er mich demütigt und unterdrückt. „Du bist schon ein bisschen verrückt. Hast nicht mehr alle Latten am Zaun, was?“, gibt er mir gelegentlich zu verstehen. Die Grenze meiner Realität und den Dingen die wirklich existent sind, ist ein immer schmaler werdender Pfad, an dessen Endpunkt Unglaubwürdigkeit und Irrsinn warten.
Mein Name ist Greta. Willkommen in meiner Paranoia.

Während eines Bootsausflugs auf dem mysteriösen Maransee, dem Nachtmaar, verschwinden bei einer Inselerkundung Gretas Freund sowie seine Tochter spurlos. Panisch sowie hin- und hergerissen sucht Greta, die während der Erkundung im Boot gewartet hat, die Insel nach den beiden ab. Doch sie sind spurlos verschwunden. In ihrer aufkeimenden Panik erkennt der Leser bereits einiges über Gretas Geisteszustand. Sie handelt völlig irrational, ist apathisch und total überfordert. Bereits das zweite Kapitel lässt erahnen, in welch desolatem Zustand Greta sich befindet. Es kristallisiert sich eine Paranoia heraus, die es ihr unmöglich macht, klare Gedanken zu formen.
Auf ihrer Suche trifft sie auf eine Jugendgruppe, die Tiere quält, randalieren und ihre Mitmenschen in Angst und Schrecken versetzen. Der Leser befindet sich in einem ständigen Zwiespalt zwischen dem Glauben an real geschehende Ereignisse und dem Verdacht auf eine Fantasie der Protagonistin. Durch die konsequente Betrachtung aus der „Ich-Perspektive“ verschleiert Caroline Eriksson dies und lässt keinen eindeutigen Rückschluss zu. Das führt in einigen Thrillern zum Spannungsaufbau, da der Leser zeitweise zu falschen Schlussfolgerungen getrieben wird. Diesem Titel hätte ein Perspektivwechsel jedoch nicht geschadet. Vor allem, da am Ende nicht alle Trugschlüsse ausgeräumt werden. Es kommt kein Licht ins Dunkel:
„Es ist mitten in der Nacht. Es ist der Punkt, an dem man genauso weit von der Abenddämmerung entfernt ist wie vom Morgengrauen. Dunkelheit von allen Seiten, Dunkelheit, wohin ich mich auch wende.“ So geht es nicht nur der Protagonistin.

Eriksson verdeutlicht, auf welch erschreckende Weise Menschen einander manipulieren und indoktrinieren können. Dabei ufert ihre Protagonistin so sehr aus, dass der Kontext verloren geht und der Leser sich im Nirwana einer geistig verwirrten Persönlichkeit verliert. Man könnte gar vom Verlust der Kontextualisierung sprechen. Sie bedeutet, dass komplexe und vielschichtige Wörter aus ihrem sprachlichen Zusammenhang heraus betrachtet werden müssen, ganz so, wie auch kulturelle Objekte nur in deren spezifischen Zusammenhängen heraus betrachtet Sinn ergeben.
Diesen Mangel an Informationen zur Herstellung der Bezüge ist die große Schwachstelle dieses Psychothrillers.

Caroline Eriksson
Die Vermissten
ISBN: 978-3-328-10038-6

Rezension zu „Der Gott der Simpsons“ von Jeff Lenburg

der-gott-der-simpsons_buchblog_oliver-steinhaeuserGelb, frech und ungezogen. So kennen und definieren viele Fans die Simpsons, die Kultserie des Cartoonisten Matt Groening. Doch bevor die chaotische U.S.-Familie um Homer Simpson in die Fernsehgeschichte einging, mussten viele glückliche Zufälle eintreffen, wichtige Bekanntschaften geschlossen und Mitstreiter gefunden werden.

„Der Gott der Simpsons“ beschreibt autobiografisch den Bezug Matt Groenings zum Zeichnen und Texten, den er von seinem Vater in die Wiege gelegt bekommen hatte. Der junge Matt Groening fällt erstmals mit acht Jahren auf, als er an einem Schreibwettbewerb teilnimmt. Mit seiner abstrusen und verstörenden Geschichte fällt er auf und gewinnt den Wettbewerb. Bereits hier wird dem Leser der Charakter des Simpsons-Schöpfers deutlich: Ein Mensch abseits traditioneller Konventionen, der die Schule als einen repressiven Ort verachtet.

Erste Erfolge erringt Groening mit seinen „Life in Hell“-Strips im Wochenmagazin „Los Angeles Reader“. Sukzessive erfolgen weitere Publikationen der Strips in weiteren alternativen Wochenzeitungen und bieten ihm ein Forum zum Ausprobieren. Schon zu diesem Zeitpunkt dienen die bunten Bilder zur Verarbeitung seiner eigenen Gefühle, die er mit Hilfe der Bilder weniger schmerzvoll preisgeben kann.
Eines Tages schafft er den Sprung zum Fernsehen, denn seine „Life in Hell“-Comics sollen die „Ullman Show“ mit kurzen animierten Sketchen auflockern. Dazu soll er die Charaktere jedoch anpassen. In seinen Augen ein Unding. Kurzerhand schnappt er sich einen Stift und skizziert, was er als ungehobelte, hässliche und schlecht gekleidete Familie ansieht. Das ist die Geburtsstunde der Simpsons.

Jeff Lenburgs Biografie Matt Groenings erzählt dem Leser die epochal wichtigen Kreuzungen, Entscheidungen und Weichen Groenings auf seinem Weg zum Kultzeichner. Dabei legt Lenburg vor allem auf den Weg zum Erfolg viel Wert und setzt nicht erst beim Entstehen „Der Simpsons“ an. Das ermöglicht es, den Menschen hinter der genialen Idee zu verstehen, dessen Leben und Lebensstil sich mit einsetzendem Erfolg komplett wandelte.
Aus der Garage, die ihm einst als Cartoon-Werkstatt diente, ging es direkt in das eigene Büro. Inklusive Entscheidungsgewalt. Die Simpsons zeichnen Groenings unermüdliche Anpassungen jeder einzelnen Folge während ihrer Produktion aus. Nur so schaffte er eine Sitcom deren Humor und Sarkasmus sich auf verschiedene Ebenen miteinander verbinden. Ein Humor, der sich dem Alter des Konsumenten anzupassen scheint. Schaut man sich als Erwachsener die Folgen an, über die man sich in seiner eigenen Jugend erfreute, stellt man nun fest, dass sie noch viel mehr Botschaften enthalten und einen echten Tiefgang haben. „Alle mögen sie Slapstick, für die Pseudointellektuellen gibt es andere schöne Sachen, und die derben Späße gefallen wiederum meinen Kindern am besten“, sagt Groening selbst.

Jeff Lenburg
Der Gott der Simpsons
ISBN: 978-3-608-50227-5

Rezension zu „Das Paket“ von Sebastian Fitzek

Morgen ist Heilig Abend. Achtet sehr genau darauf, wer euch ein Paket übergibt! Traut ihr euch sie alle zu öffnen?

das-paket, sebastian fitzek, buch, buchblog, blog, oliver steinhaeuser, medienblogWelchen Qualen stehst du gegenüber, wenn du als Therapeutin für Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen plötzlich selbst zum Patient wirst? Schaffst du es deine Gedanken zu rationalisieren, weil du weißt, dass all das Geschehene nur in deiner Fantasie ablief? Oder kannst du trotz deines Fachwissen nicht mehr zwischen Realität und Imagination unterscheiden? Begib dich auf die Reise auf dem schmalen Grat der Wirklichkeit und des Wahns!

Nach dem Psychologenkongress und der Schreckensnacht im Hotel ist nichts mehr wie zuvor. Seitdem Emma Stein in ihrem Zimmer vergewaltigt und geschoren wurde, verbringt sie ihre Tage beinahe vollkommen isoliert zuhause. Ihr Nervenkostüm ist ein Wrack und sie sieht in jeder Situation und in jedem Geräusch eine potentielle Gefahr. Immer wieder führen Alltagssituationen zur Überreaktion und dem Verlust der Rationalität, in denen Emma Stein die Kontrolle über ihre Sinne verliert und ihre Wahnvorstellungen eskalieren.
Für Emma steht fest: sie ist Opfer Nr. 3 des „Friseurs“. Ein Serientäter, der Frauen die Haar schert und sie leidvoll tötet. Doch sie lebt. Was an ihr hat den Täter dazu veranlasst ihr nur Qualen zuzufügen, jedoch nicht nach dem Leben zu trachten?
Eine Frage, die auch ihren Mann, Fallanalytiker beim BKA, beschäftigt und auf die er und seine Kollegen keine Antwort finden. Da keine Beweise zum Stützen ihrer Geschichte vorliegen und Emma durch ihre Widersprüche zusätzliche Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit erzeugt, fällt es – selbst dem Leser – immer schwerer, ihr Glauben zu schenken. Ihr einziger geduldiger Zuhörer ist ihr langjähriger Freund und Anwalt Konrad.
Um ein vertrauensvolles Gespräch mit ihm kommt Emma bald nicht mehr herum. Denn nachdem sie in einer ihrer Wahnvorstellungen ihren Nachbarn tötet und im Anschluss auch ihren eigenen Ehemann in einem Tobsuchtsanfall umbringt, scheint dieses Gespräch die letzte Möglichkeit zur Behandlung Emmas psychischer Schäden zu sein.
Doch welche Wahrheit dieses zu Tage fördert lässt uns erschrocken und erstaunt zurück. Denn nichts ist, wie es scheint. Realität und Fiktion werden zu Komponenten, deren Gegensätzlichkeit einander anzuziehen vermag.

Sebastian Fitzek schafft mit „Das Paket“ eine Umgebung deren Surrealität sich aus den Seiten des Buches auf die Auffassungsgabe des Lesers ausweitet und ihn immer wieder an seinen eigenen Rückschlüssen zweifeln lässt. „Das Paket“ ist auch eine Grenzerfahrung an die eigene Glaubwürdigkeit und zeigt, welche erschreckende Eigendynamik auf dem Weg der Entwicklung zur Unglaubwürdigkeit eines Menschen entstehen kann.

Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson

in-shitgewittern-jon-ronson-klett-cotta-blog-buch-oliver-steinhaeuserWie daneben müssen wir uns benehmen, welche Ungehörigkeit uns erlauben, um kollektiven Hass auf uns zu ziehen? Und welche Gründe sind es, dass manch einer wegen Kleinigkeiten regelrecht gelyncht wird, wohin gegen andere, deren Taten und Worte viel schwerer wiegen, ungeschoren und ungeachtet ihrer Wege gehen dürfen? Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde erfährt eine Renaissance: Der Pranger. Mit erheblichen und verheerenden Ausmaßen: Die zeitliche Spanne der Demütigung. Während in der Vergangenheit Schläge und öffentlich zur Schau gestellte Herabwürdigung temporär vollzogen wurden, haben die Beweise im Internet auch lange nach einer Empörung noch Bestand.


Rufen Sie sich eines ihrer persönlichsten Eigenschaften vor Augen, eine Angewohnheit über deren Kenntnis nur Sie selbst verfügen. Erzählen Sie diese einer beliebigen Person mit der Bitte zur Veröffentlichung in sozialen Medien. Machen Sie nicht? Ist Ihnen peinlich? Zu privat?
Nun, so geht es wohl jedem von uns, da er sich vor einer Bloßstellung fürchtet.


Jon Ronson beginnt sein Sachbuch über die Möglichkeiten zur globalen Denunziation durch digital-soziale Medien. Anhand des Autors Jonah Lehrer, dem die Mehrfachverwendung eigener Zitate sowie die Erweiterung von Fremdzitaten durch seine Worte in seinen populärwissenschaftlichen Büchern zum Verhängnis wurde.
Ronson präsentiert dieses Beispiel sehr detailliert, und der Leser muss das über sich ergehen lassen. Nur so erfährt er mehr über die Entstehung und das kontinuierliche Hochkochen bis zum finalen Paukenschlag: Der Shitstorm, der sich brandschnell und netzartig ausbreitet. Immer tiefer tastet Ronson sich in die Demütigung im Internet vor und beschreibt dies an echten Fällen. Interessant dabei ist, dass die Fälle jeweils Aspekte aus „Täter-“ als auch „Opfersicht“ veranschaulichen. Er erzeugt ein Verständnis für den Shitstorm-Angriff gegen eine Person und reflektiert die Gedanken des Auslösers. Genau der denkt sich während des Veröffentlichens eines Postes in sozialen Medien in der Regel weniger, als spitzfindige Streithähne später darin hineininterpretieren. Doch genau so entsteht eine oft gefährliche Gruppendynamik, die, befördert durch die teilweise anonymisierte „Umgebung Internet“, in Massenhysterien auszuufern droht. Es entsteht Deindividuation, ein Phänomen, bei dem ein Individuum sich in einer Situation, in dem es sich in einer Gruppe befindet, weniger stark an gesellschaftliche Gepflogenheiten und Verhaltensmustern hält, als wenn es alleine in dieser Situation agieren würde. Hinzu kommt, dass der Fehltritt eines Einzelnen oft zur Projektionsfläche eines generellen gesellschaftlichen Problems/Kritik wird und sich der Unmut auf die Aussage/Fehltritt einer Einzelperson potenziert. Das Shitstorm-Opfer wird als Ventil eines generellen Problems missbraucht. Wird man sich darüber hinaus klar, dass die meisten der Menschen unserer Gesellschaft nicht als sonderbar bzw. angreifbar wahrgenommen werden möchten, schließen sich viele der öffentlichen Mehrheitsmeinung an. Dadurch fallen wir als Individuum nicht auf und entsprechen einer gewissen Norm. Um nicht angreifbar zu sein, reduzieren wir also unsere Individualität.

Ein unkritischer Post, Buch und Medienblog, Klett-Cotta, In Shitgewittern

Ein unkritischer Post von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse 2016!

Kommen wir zur Anfangsfrage zurück: Warum sorgen manche Beiträge für Aufsehen während andere einfach untergehen?
Scham wird mitunter davon beeinflusst, ob das Demütigungsopfer sie zulässt. Wer sich ihrer annimmt wird von ihr verfolgt und hart getroffen. Wer sie an sich abprallen lässt, sorgt sich weniger. Soweit die Theorie. Allerdings kann Scham nicht ein- und ausgeschaltet werden. Auch wenn man es schafft, sie in der Öffentlichkeit zu verdrängen, bedeutet das nicht, dass sie uns im Unterbewusstsein erspart bleibt. Sie ist sogar in der Lage unser Handeln und Verhalten zu beeinflussen, ohne dass wir von ihrem offensichtlichen Einwirken Notiz nehmen.
In unserer Gesellschaft kommt niemand gänzlich an ihr vorbei. Deshalb müssen wir unser voreiliges Kommentieren in sozialen Medien reflektieren und uns über die Auswirkung von bloßstellenden Worten Gedanken machen. Denn manch unüberlegter Post kann auch durch eine persönliche Nachricht kritisiert werden und beim Ersteller zum Nachdenken anregen. Nachdenken führt, im Gegensatz zum offensiven Beleidigen, nicht selten zur Einsicht, zumindest aber zu einer sachlicheren Kontroverse. Angriffe in der Regel nur zu Gegenangriffen und Barrikaden.


Wie sozial sind unsere vermeintlich sozialen Netzwerke? Dieser Frage geht auch Heiner Wittmann auf „Stuttgart-Fotos“ nach:
„Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht“, schreibt Wittmann zu Ronsons Werk auf dem Klett-Cotta-Blog.


Jon Ronson
In Shitgewittern – Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
ISBN: 978-3-608-50235-0

Lesebericht zu „Bretonische Flut“ von Jean-Luc Bannalec

bretonische-flut_bannalec_buch_blog_oliver-steinhaeuser_rezensionDer nahende 75te Geburtstag seiner Mutter setzt Kommissar Dupin seelisch zu. Da kommt ihm der Mordfall in der Fischhalle, der seine Anwesenheit auf diesem Jubiläum in Gefahr bringt, beinahe gelegen. Doch als kurz darauf zwei weitere Mordopfer gefunden werden, beginnt für Georges Dupin eine mit Mythen gepickte Ermittlung, die ihn an die Grenzen seiner eigenen Vorstellungskraft bringt.


Gerade nun, wo die Tage kürzer werden, sich der Frühtau zu kleinen störrischen Eiskristallen verwandelt und die Wiesen bedeckt, wünscht man sich in die idyllische sommerliche-warme Bretagne.


Im Zentrum des Buches steht, wie kann es anders sein, die Mordermittlung. Allerdings nutzt Bannalec „Bretonische Flut“ auch zur Expedition in die bretonische Geschichte sowie in die Welt der Sagen und Legenden der im äußersten Westen gelegenen Region Frankreichs. In diesem Gleichgewicht steht und fällt die Urteilsfindung des Lesers. Man kann wahrlich von einem Gleichgewicht aus Ermittlung und Mythen sprechen, da die Legenden mehr als ein schmückendes Beiwerk sind. Sie nehmen eine zentrale Rolle in Dupins Fall ein und ziehen den Leser immer wieder fort in beeindruckende Sagenwelten. Beeindruckend, wenn man empfangsbereit für Abschweife und glorifizierte Erzählungen ist. Demjenigen, der sich bevorzugt allein dem Fall widmen möchte, dem kann diese Ablenkung auch zu viel werden. So geht es dem Kommissar zu Beginn auch. Dupin gibt nicht viel auf die ausschweifenden Erzählungen seines Inspektors Kadeg. Noch weniger glaubt er den mystischen Geschichten, die dieser ihm über die Orte der Ermittlungen erzählt. Doch Dupin wird eines besseren belehrt, denn dieser Fall bringt auch ihn an seine mentale Grenze. Oder ist es gar ein bretonischer Fluch, der ihm ein Streich spielt? Und was steckt hinter der bretonischen Legende um die goldene Stadt Ys, die ihren Untergang in den Wellen des Meeres fand, weil die gierige Königstochter sich einst mit dem Teufel einließ?

Wieder möchte man wissen, wo sich der Kommissar in seinem neuen Fall aufhält, welche Seewege es sind, die ihm so zusetzen. Unweigerlich bedient man sich einer Online-Suchmaschine, sucht die Gegen um Douarnenez kategorisch ab und findet in der Tat die Orte des Geschehens wieder.


griechische-und-germanische-goetter-und-heldensagenBei all den Legenden und Sagen der Bretagne
geht dem Buch- und Medienblog
auch dieses Buch nicht mehr aus dem Kopf:
Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen


Ich sitze in der S-Bahn, schlage das Buch zu und zerbreche mir den Kopf über den verschwundenen Fund Dupins. Gedankenversunken stehe ich auf, denn meine Haltestelle naht. An der Tür macht mir ein Herr Platz, indem er sein Buch vor seine Brust nimmt. Es ist „Bretonische Flut“. Automatisch zücke ich während des Aussteigens mein Exemplar aus der Tasche, schmunzle und zeige es ihm. Ob auch er dem bretonischen Bann erlegen ist? Jedenfalls ist mein Tag – nach einem turbulenten Tag im Büro – gerettet.

Jean-Luc Bannalec
Bretonische Flut
ISBN: 978-3-462-04937-4

Hörbericht zu „Todesmärchen“ von Andreas Gruber

Heute ist Martinstag, doch Maarten S. Sneijder teilt keinen Mantel, sondern spaltet seine eigene Einstellung, zerschmettert alles wofür er steht.
Ist das sein Untergang?

120px-achtung-svgWarnung: Das Lesen dieser Rezension führt zur detaillierten Kenntnis des Buches, seiner inhaltlichen Wendungen und Überraschungen!


Wie schreibt man eine Rezension ohne dem Leser Spannung und Vorfreude zu nehmen? Indem man beispielsweise auf Besonderheiten der Autorenintention eingeht oder das Buch in einen gesellschaftlichen Kontext einordnet. Spätestens beim „Todesmärchen“ kommt der Rezensent jedoch an seine Grenzen.
Deshalb: Bitte ab dieser Stelle unbedingt aufhören zu Lesen, denn Überraschungen gehen dadurch verloren!


Todesmaerchen von Andreas Gruber_Rezension_Buch_Blog_Oliver SteinhaeuserMan kennt die Wehklagen vom Erhalt von Aufmerksamkeit und Wertschätzung in Familien. Gegenseitiges Ermuntern, Achten und in Schutz nehmen sind essentiell in funktionierenden Familiengefügen. Was aber passiert, wenn Vater und Sohn so weit voneinander abweichen, dass das Gesuch nach Aufmerksamkeit des Sohnes dazu führt, dass nicht nur des Vaters Unmut steigt, sondern Hass entsteht?

Maarten S. Sneijder und seine Kollegin Sabine Nemez werden zu einem Fall gerufen: Eine Frau hängt tot unter einer Brücke. Aufgehängt an ihrem Pferdeschwanz und mit einer in die Haut geritzten Zahl versehen. Sneijder fühlt sich zurückversetzt in einen Fall vor 5 Jahren, als er einen Mörder jagte, der nach demselben Modus Operandi vorging. Seiner Kollegin Sabine erzählt er davon erst einmal nichts, denn es handelt sich um einen seiner persönlichsten Fälle. Ein Mörder, den er bereits vor fünf Jahren dingfest machte und in die Spezialanstalt für besonders widerwärtige Straftäter Ostheversand buchtete. Dass es sich beim neuen Fall um einen Trittbrettfahrer handelt kann Maarten S. Sneijder ausschließen, denn er kennt das Vorgehen des Mörders zu gut. Doch wie kann es sein, dass der Inhaftierte wieder mordet? Und warum tötet er ausgerechnet Menschen, die der Ermittler Sneijder hasst?
Der Mörder, Piet van Loon, brauchte zwei Jahre, bis er seinen Fluchtplan von der Gefangeneninsel Ostheversand endlich verwirklichen kann. Sinn und Zweck ist das Morden. Sein vorgegebener Plan sieht 15 Morde vor. Alle Teil seiner früheren, aus 15 Teilen bestehenden Theaterinszenierung. Da es seinem Vater damals nicht wert war auch nur eine seiner Aufführungen zu sehen, soll er sie nun live erleben und ihm somit seine wertvolle Zeit schenken. Vater und Sohn gegeneinander. Maarten S. Sneijder gegen Piet van Loon. Beide wissen, dass sie es mit einem sehr intelligenten und effektiven Gegner zu tun haben. Piet van Loon sucht deshalb gezielt nach Opfern, die Sneijder hasst und hofft dadurch den Ehrgeiz seines Vaters zu bremsen, ihn zu schwächen, indem er Personen auswählt deren Schicksal seinem Vater egal ist. Schafft Sneijder es trotzdem, sich voll in die Situation hineinzudenken und sich auf das Leid seiner unliebsamen Ermordeten einzulassen?

Das Ende des „Todesmärchen“ von Andreas Gruber liegt dem Leser schwer im Magen, denn Maarten S. Sneijder tritt zum ersten Mal ernsthaft für seinen Sohn ein. Mit welchen Folgen ist ziemlich eindeutig, denn er beendet in einem finalen Wutanfall das Werk seines Sohnes. Schockiert blickt der Leser auf: Ist das das Ende des kiffenden und sozial inkompatiblen Ermittlers?

Rezension „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“

ueber die erhabenheit toter katzen und das umwerben trauriger mädchen, buchblog oliver steinhäuserIch fotografiere gerne tote Katzen! Nicht wie ihr jetzt wieder denkt. Die sind schon alle tot. Einfach eingeschlafen oder überfahren. Und ich bin verliebt. Verliebt sein ist etwas wunderbares, wenn es nicht so traurig machen würde! Alles strömt wie wild und unkontrolliert auf mich ein: Glückseligkeit, weil ich gerade mit Claudia auf meines Onkels Dachboden knutsche und fummel. „Die Sache selbst taten wir nicht, aber all die anderen Sachen, und manchmal übertreffen die anderen Sachen die Sache selbst an Intimität und Schönheit. Ich werde den Zaubertrick, den sie an diesem Nachmittag für mich vollführte, nicht erklären.“

Für den 14-jährigen Jan gibt es keine bessere Vorstellung von Liebe, als sich um ein trauriges Mädchen kümmern zu können. Eine melancholische Seele, der er all seine Liebe, seinen Trost und Fürsorge zukommen lassen kann. Der beste Weg eben, um ein Mädchen an sich zu binden und ihre Liebe zu ihm aufkeimen zu lassen und sukzessive zu festigen. Claudia, eine Mitschülerin scheint ihm eine gute Wahl. Lethargisch lässt sie ihren Kopf hängen. Gesenkten Blickes verfolgt das Mädchen den Unterricht, in dem Jan es schließlich schafft, Blickkontakt zu Claudia aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit klopfendem Herzen beginnt ein schüchternes Annäherungsspiel, aufgebaut auf zögerndem Anschauen, fortschreitendem Anlächeln und dem Vorstoß sich miteinander zu unterhalten und sich der Komfortzone des anderen zu nähern.
Gemeinsam erkunden Claudia und Jan die Welt der Gefühle, probieren sich aus. Dabei lernen sie die alles übermannende Liebe zu einem Menschen kennen, die jedoch ebenso imstande ist, im nächsten Moment zu erschüttern. Für jeden Heranwachsenden ist die Wahrheit der Dinge meist anders und schmerzvoller, als er sie sich in seiner naiven Fantasie ausgemalt hat.

Jan, unser 14-jähriger Protagonist, durchlebt die aufregende Zeit der Pubertät. Sein Körper beginnt Liebe und Sexualität in Verbindung zu bringen. Sein Gewissen ist davon zunächst tief erschüttert. Es beschämt ihn festzustellen, dass seine körperliche Lust sich beim ersten Kuss mit Claudia gegen die textile Grenze seiner Kleidung auflehnt. Die beiden jungen Menschen durchlaufen die Pirouetten zwischen Pubertät und Adoleszenz. Ein Lebensabschnitt inmitten von Neustrukturierungen von Hirnfunktionen und neuronaler Umstrukturierungen kindlicher Welten hin zu emotional-reflektiertem Denken.
Philipp Multhaupt versetzt den Leser zurück in seine eigene Jugend. Er ermöglicht die Erinnerung an das erste Gefühl von Liebe und welchen Zweifel, welche Hoffnung und Glückseligkeit, Traurigkeit und Trübseligkeit jeder von uns erfahren musste. „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“ schafft, durch seine sinnlich mitreißende Sprache wunderbare Bilder, die den Leser dazu bewegen, eigene Erfahrungen niederzuschreiben. Geschichten der gleichermaßen erlebten Situationen in ähnlichem Kontext: Zurückversetzt ins eigene Baumhaus, den Dachboden, die Scheune, die Bushaltestelle. Eben all die Orte, an denen jungen Menschen sich der Liebe erstmals konfrontiert sehen.
Die Abenteuer der Jugend enden nicht selten mit derben Rückschlägen, weil Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Dass sie dabei auch wichtige Lernprozesse abrupt beenden, ist ihnen oft nicht bewusst.
Es regt sich ein Aufschrei in mir selbst, und ich wünsche, dass ich mich in der Pubertät meiner Kinder noch an die Komplexität neuronaler und persönlichkeitsbildender Momente erinnere.

Doch wie wahrscheinlich ist das Durchbrechen elterlicher Fürsorge? Jugendliche schimpfen nun mal über ihre Eltern und schwören, es bei ihren eigenen Kindern anders zu machen. Und doch befinden wir uns in einer Wiederholungsschleife…

Lesebericht zu „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

die-weisse-stadt_karolina-ramqvist_buchblog_oliver-steinhaeuserHeute erscheint „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist

Was unternimmst du, wenn dein Partner plötzlich nicht mehr für dich da ist, weil seine kriminellen Geschäfte schief gegangen sind? Du sitzt mit eurem gemeinsamen Kleinkind in der hübschen und mit illegalen Geldern erbauten Villa und musst dem Gerede der Ermittler des Dezernates für wirtschaftliche Kriminalität zuhören. Musst dir eingestehen, dass all der sicher geglaubte Besitz von nun an nicht mehr deiner sein soll, dass alles gepfändet wird und wie Sand durch die bröckelnden Fugen deiner Fassade rieselt.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Karins Freund nicht mehr da ist, muss sie sich jetzt obendrein alleine um ihre einjährige Tochter kümmern. Verzweifelt haust die Protagonistin zusammen mit ihrem Kind in der Villa. Es ist kalt und dreckig, ihr Antrieb beinahe erloschen. Den jungen Pizza-Fahrer bezahlt sie mit körperlichem Einsatz, um nicht noch das letzte Bargeld aufzubrauchen.
Der Leser erlebt eine am Boden zerstörte Existenz, eine Frau, die aus ihrem geregelten und sorgenfreien Leben herausgerissen wurde. Er sieht sie mit dem Leben hadern und scheinbar planlos handeln. Doch sie hat sich einen Entschluss gefasst: Es muss irgendwo eine Art Anspruch auf Geld geben. Geld aus dem letzten Geschäft, das ihrem Freund John zum Verhängnis wurde. Und das sucht sie in ihrer einstigen gemeinsamen Clique. Von ihrer Freundin Therese erhofft sie sich Beistand und Verständnis. Doch auch sie wird in dem von Männern dominierten Clan unterdrückt, hat nichts zu sagen und lässt Karin hängen. Bis zu dem Tag, als sie plötzlich in ihrer Hofeinfahrt steht und ihrer Freundin und sich selbst aus der Misere helfen möchte. Gemeinsam entwenden sie in einem unbeobachteten Moment das Barvermögen der Männer und verschwinden.

Bereits während des Lesens versucht man einen Zugang zur Intention der Autorin Karolina Ramqvist herzustellen. Das gestaltet sich nicht gerade einfach, denn zwischen dem Versuch aus ihrer Lethargie auszubrechen, muss die Protagonistin Karin den harten Anforderungen einer stillenden Mutter standhalten. Sie ist geprägt von postnatalen Problemen, wie spannenden Brüsten, unkontrolliertem Milchfluss und den optischen Veränderungen ihres Körpers. Immer wieder ruft sie in Momenten besonderer Trauer die Mailbox ihres verschwundenen Freundes an und findet so kurze Momente innerer Ruhe. Eine Ruhe, die jedoch sofort durch die Reflexion ihrer selbst zerstört wird. Konnte Karin nicht schon länger ahnen, dass irgendwann einmal etwas schief geht und ihr Leben zerstört? Wenn sie ehrlich zu sich ist, erkannte sie die dunklen Vorboten der nun eingetretenen Katastrophe, wollte sie nur nicht wahrhaben.
„Die weiße Stadt“ ist ein Roman über das Scheitern einer Frau, die sich zu sehr auf ihren männlichen Partner verlassen hat und den Komfort den dieser ihr gewährte nicht hinterfragte. Nicht selten kann dieser Leichtsinn bei einem Beziehungsbruch zum sozialen Abstieg werden. Es ist wie mit einem Kreis: Er verändert sich, wenn man plötzlich außerhalb seiner Mitte steht.

Karolina Ramqvist
Die weiße Stadt
ISBN-13 9783550081330