Der Buch- und Medienblog auf deutschlands größter rollenden Blumenschau

Oliver W. Steinhäuser und seine Band Lynx auf dem Blumenkorso in Bad Ems
BlumenkorsoFernab der Bücher geht es rockig zu

Am morgigen Sonntag, den 30. August 2015,  findet in Bad Ems an der Lahn der traditionelle Blumenkorso statt. Während sich die Wagenbauer bereits am frühen Mittag zur Aufstellung treffen, rollen die mit 1,5 Millionen Blüten geschmückten Wagen ab 14 Uhr zum nunmehr 52. Mal durch die Bad Emser Innenstadt.

Rockig geht es dabei auf dem Blumenkorsowagen des Judo-Clubs Bad Ems zu. Das erste und einzige rollende Hard Rock Café der Welt (Wagen Nr. 17) fährt morgen durch die Kurstadt. Mit dabei live on stage: die Band „Lynx“ mit Sänger Claus Eschenauer, Gitarrist Carl Eschenauer und dem Schlagzeuger Oliver Steinhäuser. Unter dem Hard Rock Café-Motto „All is one“ unterstützen der Verein und die Band sich schon seit langem bei diversen Projekten – unter anderem dreimal „auf Tour“ in England.

Hörbericht zu „Todesurteil“ von Andreas Gruber

Todesurteil-Andreas Gruber-Rezension-Hörbuch-Oliver Steinhaeuser-BuchblogGanz unverhofft erhält Sabine Nemez einen der begehrten Studienplätze an der Akademie des BKA in Wiesbaden. Unterrichtet wird sie von Maarten S. Sneijder, einem der angesehensten Fallanalytiker und Ausbilder des Bundeskriminalamtes. Zusammen mit ihm analysieren die angehenden Analytiker ungeklärte Mordfälle. Sabine sieht als einzige im Kurs Zusammenhänge zwischen mehreren dieser Fälle. Doch Sneijder schenkt ihren Erkenntnissen keinerlei Beachtung. Lässt sie immer wieder abblitzen und ermahnt Sabine, sich nicht in ihren haltlosen Theorien zu verrennen. Allerdings befeuert der erfahrene Ausbilder damit nur den Ehrgeiz Sabine Nemez´. Während sie sich ehrgeizig Zutritt zu verschlossenem Material verschafft, dabei konsequent allen Regeln trotzt, wird sie zur Geheimwaffe von Maarten S. Sneijder. Denn der hat nichts anderes im Sinn, als mit ihrem Drang Verbotenes zu tun, endlich die Zusammenhänge der Fälle herzustellen.
Zeitgleich taucht in einem Wiener Wald Clara wieder auf. Ein seit einem Jahr verschwundenes Mädchen, dessen Rücken mit Motiven aus Dantes Inferno tätowiert wurde. Staatsanwältin Melanie Dietz übernimmt den Fall, denn Clara ist die Tochter ihrer verstorbenen besten Freundin. Zusammen mit ihrem Therapiehund Sheila und dem Kommissar Hauser ermittelt sie. Dabei tauchen weitere misshandelte Mädchen auf. Tot. Mit gehäuteten Rückenpartien.
Die beiden Handlungsstränge haben, bis weit in die Geschichte hinein, keine erkennbaren Gemeinsamkeiten. Erst die Ermittlung einer Wiesbadener IP-Nummer im Wiener Entführungsfall, führt zur allmählichen Erschließung der Umstände.
Darüber hinaus treiben die Zwischenkapitel „Schlund der Hölle“ die Spannung auf ein Höchstmaß, da sie gut versteckte Vernehmungsprotokolle Sneijders mit dem Tatverdächtigen der ungeklärten Fälle sind. Dass diese Tonbänder jedoch nebulöse Zwiegespräche des Fallanalytikers selbst sind, um in die Gedankenwelt des Täters einzudringen, erkennt Sabine Nemez erst später.

„Todesurteil“ ist ein absolut spannendes Buch, das zeigt, wie beeinflussbar labile Menschen sein können. Zu welchen Taten sie getrieben werden, nur um ein wenig Anerkennung zu erhalten. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Fäden aller ungelösten Wiesbadener Fälle sowie der Wiener Entführungsfall an einem Punkt zusammenlaufen. Die Vermutung, dass alle Fälle von einer Person ausgeführt wurden, bestätigt sich jedoch nicht. Hinter den Anschlägen steckt ein perfider Racheplan dreier Menschen, die sich hinter ihren öffentlichen Ämtern verstecken und Beweise optimal manipulieren können.
Achim Buch gibt den zahlreichen Charakteren des Titels eigende und individuelle Stimmen, sodass der Hörer stets weis, wer in den zahlreichen Dialogen gerade spricht. Es sind die feinen Nuancen in der Betonung der Aussprache sowie Dialekte, die „Todesurteil“ zu einem echten Hörgenuss mit Hochspannung machen.

Andreas Gruber
Todesurteil
Gelesen von Achim Buch

 

Lesebericht zu „Bretonischer Stolz“ von Jean-Luc Bannalec

Bretonscher Stolz-Jean-Luc-Bannalec-Kommissar Dupin-Buch-Blog-Oliver SteinhaeuserKommissar Dupins vierter Fall
Mit „Bretonischer Stolz“ erscheint ein Kriminalroman, der dem Leser Ruhe gönnt. Ihn, dank zweier Morde, in eine Welt aus Austern, Flut und Ebbe sowie einer reichen Flora und Fauna führt, in die man sich zunehmend hineinfühlt und sie in vollen Zügen genießt.

Madame Bandol stößt bei ihrem morgendlichen Spaziergang auf eine Leiche. Doch als Kommissar Georges Dupin zum Tatort gelangt, fehlt von dem toten Mann jede Spur. Bei seinen Ermittlungen stößt Dupin in den Hügeln der Mont d´Arrée auf eine weitere Leiche. Bald wird klar, dass die beiden Morde miteinander in Verbindung stehen müssen. Kommissar Dupin mobilisiert, zu den Polizisten vor Ort, sein gesamtes Team aus Concarneau, und richtet sich am Port Belon eine kleine Ermittlungszentrale ein. Zügig bestätigen seine Kollegen, dass es sich tatsächlich um zwei Tote handeln muss. Die beiden Schotten Mackenzie und Smith, die, aufgerüttelt durch ein Foto in einer schottischen Dudelsackzeitschrift, umgehend in die Bretagne gereist sind. Ein Foto, auf dem sie einen gemeinsamen, jahrelang totgeglaubten Bekannten wieder erkannt haben. Während Dupin sich allmählich den Zusammenhang zwischen diesem Zeitungsfoto und den jugendlichen Schandtaten der Schotten erschließt, wird für ihn klar, dass die beiden Männer auf einen alten Bekannten gestoßen sein müssen. Ein ehemals Vertrauter, der sich auf ihre Kosten ein neues Leben weitab der schottischen Justiz aufgebaut hat.
Durch die Untersuchungen der Polizei, erfahren wir sehr viel über das Leben und die Menschen in der Bretagne. Großartig detailreiche Ausführungen und Beschreibungen der bretonischen Vegetation, des Meeres, der Flüsse „Belon“ und „Aven“, die beide in den Atlantik münden, und dank der Tiden einen atemberaubenden Lebensraum zur Austernzucht ergeben. Darüber hinaus sind kulturelle bretonische Einflüsse auf angrenzende Länder ein großes Thema, da gerade die Schotten ein ebenso mächtiges keltisches Volk darstellen. Lokale und regionale Vereine der Bretonen und der Schotten stehen zur Wahrung der „Interceltisme“ in engem Kontakt.

Der Kriminalroman „Bretonischer Stolz“ verbindet historisch-mythische Ereignisse, kulturelle Bräuche und das dadurch geprägte Leben der Bretonen, mit dem Mord an zwei Schotten, und legitimiert somit eine facettenreiche und interkulturelle Ermittlung. Überwältigt von der Austernzucht und dem Leben in der Bretagne, öffne ich während des Rezensierens fortwährend meinen Browser, suche Routen nach Port Belon, recherchiere Flüge sowie Unterkünfte. Rieche dabei das Meer und das bretonische Aroma. Diese Eindrücke bleiben haften und erwecken Reiselust.


Oliver Steinhäuser, Buch, Blog, Literatur, LesenMotto des Buch- und Medienblog ist: „Du siehst, was du liest!“.
Und: „Bücher/Geschichten sind miteinander verbunden“. Jean-Luc Bannalec bestätigt genau das in seinem neuen Titel. Der Schauplatz wechselt in meinen Gedanken vom vorösterlichen Port Belon zur winterlich rauen Isle of Skye und der Stadt Portree in Schottland. Die Verbindung: Eisige Schwestern, ein in Mai 2015 veröffentlichter Psychothriller, der genau dort spielt. Es sind diese Brücken innerhalb verschiedener Geschichten, die das Lesen von Büchern so reizvoll gestalten. Die es schaffen, ganz persönliche Faszinationen auszulösen!


Jean-Luc Bannalec
Bretonischer Stolz
ISBN: 978-3-462-04813-1

 

 

Lesebericht zu „Heimweh“ von Marc Raabe

Heimweh, Marc Raabe, Buchblog, Inhaltsangabe, Oliver Steinhäuser„Verschwommen sah er die Gestalt am Rand der Grube auftauchen. Ein riesiges schwarzes Insekt mit einer Schaufel in der Hand. Schon prasselte die erste Schippe Erde auf sein Gesicht, begrub den Himmel und das letzte Stück Hoffnung“.
Immer wieder der selbe Albtraum, und die Fragen nach dessen Herkunft, die dich plagen. Jahrelang. Es muss einen Auslöser dafür geben. Schauergeschichten und Ängste entstehen nicht einfach. Sie werden geschürt!

Marc Raabe erzählt eine außergewöhnliche Geschichte, die mit den Misshandlungen des jungen Jesse und dessen baldige Unterkunft in ein Kinderheim mit integriertem Internat ihren verschwörerischen Anfang nimmt. Der Thriller splittet sich in einen Erzählstrang aus den Jahren 1979 bis 1981 sowie zwei Perspektiven der gegenwärtigen Handlungen. Darin setzt Jesse alle Hebel in Bewegung, um den Mörder seiner Exfrau Sandra und gleichzeitig Entführer seiner Tochter Isa, ausfindig zu machen. Dazu begibt er sich zusammen mit Jule, einer Freundin seiner Exfrau, nach Adlershof, dem Heim seiner Kindheit und Jugend. Ergänzt werden seine Bemühungen durch Einschübe des Entführers, der sich nicht nur Isa, sondern auch den ehemaligen Heimleiter Arthur aufgegriffen hat und beide zusammen gefangen hält.
Raabe führt seine Leser anhand eines klaren roten Fadens durch „Heimweh“. Zum Ende eines Kapitels, lässt er den Leser nahezu stetig mit einer offenen Frage zurück. Antwort darauf findet sich bereits meist im Folgekapitel. Gelungen ist an dieser Stelle vor allem, dass die Fragen nicht einfach durch Antworten abgearbeitet werden, sondern die gegenwärtigen Ungereimtheiten sich durch den Erzählstrang des 32 Jahre zurückliegenden Heimaufenthaltes aufheben.
Während dem Leser verschiedene Verdächtige präsentiert werden, läuft die Gegenwart mit der Vergangenheit doch erst kurz vor dem rasanten Schluss des Buches zusammen, und offenbart dem Leser die schaurige Wahrheit: Der Insektenmann steht Jesse näher, als jeder andere Mensch. Und er hat schon einmal versucht ihn zu töten.

„Heimweh“ steckt voller Überraschungen und deckt dabei viele Facetten eines Heimlebens auf, auf das man mit gemischten Gefühlen blickt. Einerseits gibt es kaum bedrückendere Lebensumstände, als wenn junge Menschen aus ihren Familien gerissen werden und sich an unterster Stelle einer Rangordnung in Heimen stellen müssen. Andererseits wecken die „alten Geschichten“, mit ihren Geheimgängen, den nächtlichen Ausbrüchen aus den Schlafräumen und den Liebesgeschichten, eine starke Sehnsucht: Die Flucht, zurück in die analoge Welt, die das Wesen eines Menschen wesentlich deutlicher prägt – ihm Form und Kanten gibt – als es digitale Welten je vermögen werden.

Marc Raabe
Heimweh
ISBN-13 9783548286907

Lesebericht zu „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan

Buchblog, Oliver Steinhaeuser, David LevithanWas bedeutet es, jeden Tag jemand anderes zu sein? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich am Abend schlafen legst und nicht weißt, wer du am folgenden Morgen bist? Für dich selbst ist es nicht relevant, was du mit diesem einen Tag im Leben eines anderen machst und wie du diesen einen Tag steuerst. Doch das Leben all der anderen kannst du erheblich beeinflussen. Fluch oder Segen?

Der geschlechts- und körperlose A wacht seit seiner Geburt, jeden Tag in einem anderen Körper auf und muss sich auf das Leben des ihm geliehenen Körpers einlassen, um auf dessen Alltag möglichst geringe Auswirkungen zu nehmen. Lange Zeit hat A sich auf dieses Leben eingestellt, sodass es funktioniert und er die Existenz der geliehenen Körper nicht durcheinander bringt. Bis A eines Tages auf Rhiannon trifft, in die er sich verliebt.
Der Leser lernt den 16 jährigen A am 5994 Tag seines Lebens kennen, und begleitet ihn für 41 Tage. Die einzigen Konstanten in seinem Leben ergeben sich daraus, dass A stets im Körper gleichaltriger Jugendlicher, in relativer räumlicher Nähe zu seinem letzten Aufenthaltsort erwacht.
Durch die Liebesgeschichte zwischen A und Rhiannon, lernt der Leser eine Menge junger Menschen kennen und erfährt sehr viel über deren Gewohnheiten und Eigenheiten. Trotz der Vielzahl an verschiedenen Charakteren, sind die Eigenschaften der Individuen sehr detailliert ausgearbeitet. Levithan schafft ein breites Spektrum Jugendlicher, in einer der spannendsten Phasen des Lebens. Selbstfindung, Revolte und Zweifel sind nur einige der aufreibendsten Perioden im Leben eines Teenagers. 41 Charaktere, die durch ihre Herkunft, Lebenssituation und ihrem Äußeren kaum unterschiedlicher sein könnten, ermöglichen einen Blick über die Vielfalt unserer Gesellschaft. Und deren Ängste: Sucht, Depressionen, Selbstmord, Homosexualität und Glaube.
Neben all diesen Fragen einer ganzen Generation, geht es auch um die Frage, ob es möglich ist, eine körper- und gestaltlose Person lieben zu können. Einem Menschen, dessen Erscheinungsbild einem täglichen Wandel unterzogen ist. Dessen Inneres jedoch absolut beständig ist und immer gleich bleibt. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ beschreibt den Zwiespalt des A, der in einem fremden Körper steckt, und sich fragt, ob er diesen auch für seine Bedürfnisse benutzen darf.

David Levithan nimmt seine Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die zum Nachdenken anregt. Dabei schreibt er in einer bildlichen und flüssigen Sprache. Dass die Identifikation mit A schwerfällt, ist der inneren Zerrissenheit des Protagonisten geschuldet, dem eine eigene Identität selbst lieber wäre, als mit dem täglichen Wandel zu leben. Letztendlich ist er zwar immer da, aber nie wirklich nah.
Die Geschichte überwindet alle Grenzen der Liebe und des Lebens, und hinterlässt, gerade in unserer vom äußeren Eindruck geprägten Zeit, den Wunsch nach Anerkennung innerer Werte.

David Levithan
Letztendlich sind wir dem Universum egal
ISBN: 978-3-10-402437-0

Lesebericht zu „Kaninchenherz“ von Annette Wieners

Blog, Buch, Medien, Kaninchenherz, Oliver SteinhaeuserZehn Jahre sind seit jenem tragischen Nachmittag vergangen, der ihren Sohn Philipp das Leben kostete. Jener schicksalhafte Tag, der das Leben der erfolgreichen Kommissarin Gesine auf den Kopf stellte und nach dem nichts mehr sein wird, wie früher.
Jahrelang waren die Zwillingsschwestern Mareike und Gesine eine unzertrennliche Einheit, verbrachten einen Großteil ihres Lebens miteinander. Sogar auf Festen der Kriminalpolizei war Gesines Schwester, Mareike, ein gern gesehener Gast. All dies liegt sehr lange zurück.
Durch den offensichtlich von Mareike verschuldeten Tod Philipps, brach jeder Kontakt ab. Auch der zu ihren Eltern, die sich seit jeher weigern, Mareikes schuldhaftes Verhalten, Gesine gegenüber anzuerkennen.

„ Das Bild hatte sich längst in ihr Hirn gebrannt: Die Mädchen sahen eindeutig so aus, wie sie selbst früher ausgesehen hatte. Sie selbst und auch ihre Schwester Mareike.“ Zwei spielende Kinder auf dem Friedhof, auf dem Gesine die Kapelle und das Grab für eine Beerdigung schmücken soll. Das Begräbnis ihrer eigenen Schwester, wie ihr schlagartig bewusst wird. Doch bevor Gesine ihre Flucht nach vorne antreten kann, steckt sie bereits inmitten ihrer eigenen Vergangenheit und kann ihr nicht entfliehen. Warum lässt sich ihre Zwillingsschwester auf dem Friedhof begraben, auf dem auch Gesines Kind begraben liegt, und auf dem sie als Gärtnerin arbeitet? Warum ist Mareike nach Jahren wieder in Deutschland und wird kurz darauf von einem Zug erfasst und getötet? Fragen die Gesines kriminalistischen Instinkt erneut entfachen und sie dazu bringt, eigene Ermittlungen anzustellen, während dieser sie der Wahrheit immer näher kommt. Auch der, um den Gifttod ihres geliebten Sohnes.

Die aktuellen Geschehnisse dominieren das Buch. Ergänzt werden sie durch kurze Rückblenden zu dem Tag, an dem Gesines Sohn Philipp starb. Annette Wieners erzeugt durch ihre knappe und stockende Erzählweise in den Rückblenden, eine authentische Szenenbeschreibung, durch die die Verwirrung, die Ängste und die Verzweiflung einer jungen Mutter sehr gut nachempfunden werden können. Des Weiteren enthält das Buch Auszüge aus Gesines persönlichem Notizbuch, in dem sie seit Philipps Tod, alle giftigen Pflanzen zu ihrer eigenen Enzyklopädie zusammenstellt. Auch diese Auszüge dienen der glaubwürdigen Trauerbewältigung und untermauern das Trauma, das beim Verlust des eigenen Kindes oft ein ganzes Leben lang Auswirkungen auf das Verhalten und Wirken der hinterbliebenen Eltern hat.

Während man noch über den Titel des Buches grübelt, versinkt man zunehmend in die durch Trauer mühevoll aufgebaute Welt der Gesine Cordes und erfährt, wozu Überforderung mit kleinen Kindern, in Kombination mit missverständlichen Absprachen, führen können. Und wie eine ganze Familie an einer jahrelangen Lüge zerbricht, anstatt sich der Wahrheit zu bedienen und sich seinen Fehlern zu stellen. Insgeheim hofft man, dass durch das Lüften des Geheimnisses, Gesines Leben nicht erneut aus den Fugen gerät.

Annette Wieners
Kaninchenherz
ISBN-13 9783548612584

Lesebericht zu „Eisige Schwestern“ von S. K. Tremayne

Zwillinge, Eisige Schwestern, Schottland, BuchblogEineiige Zwillinge sind ein aufregendes Phänomen und bieten gerade in jungen Jahren oft Anlass zur Verwechslung. Machen sie sich einen Spaß darauß, ihre Identitäten zu vertauschen, um ihre Mitmenschen zu verwirren, kann es passieren, dass ihnen selbst die eigenen Eltern auf den Leim gehen. Doch welche schaurigen Auswirkungen hat es, wenn ein Ko-Zwilling ums Leben kommt, und die Familie den falschen Zwilling tot glaubt?

Lydia und Kirstie waren Zwillinge. Unzertrennlich. Nachdem Lydia einen Sturz vom Balkon nicht überlebte, entwickelt sich Kirstie zur Einzelgängerin. Kein Gleichaltriger möchte seine Zeit gemeinsam mit ihr verbringen. Und sie selbst sucht verzweifelt nach ihrer Schwester, die sie so sehr vermisst. Der Umzug von London, auf eine Privatinsel der schottischen Hebriden, soll den Start in ein neues Leben, fernab der tragischen Vergangenheit werden, und Kirstie ein Leben in neutraler Umgebung ermöglichen. Doch plötzlich eröffnete sie ihrer Mutter Sarah: „Ich bin nicht Kirstie! Ihr habt den falschen Zwilling beerdigt!“
S. K. Tremayne führt seine Leser in das winterlich dunkle, windig und kalte Schottland. Tage, die von Dunkelheit geprägt sind, bilden die Kulisse, in der die aus London zugezogene Familie ihr neues Leben zu starten versucht. Aufgrund der Enthüllung ihrer Tochter, sie sei der beerdigte Zwilling Lydia, richtet die Familie eine zweite Trauerfeier aus. Allerdings ergibt sich auch aus dieserm Abschied keine Ruhe vor den Umständen der Geschehnisse des Unfalls, im vergangenen Jahr. Mutter Sarah interpretiert die Aussagen und das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter zum Nachteil ihres Mannes Angus und wirft ihm vor, seiner Tochter näher gekommen zu sein, als er es hätte tun dürfen.

Während das Ehepaar Moorcroft bis dahin verzweifelt versuchte, ihre wankende Liebe zu stützen und das gegenseitige Vertrauen neu zu ergründen, leitet Sarah mit diesen Vorwürfen ein Spiel ein, dass sie nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Ihre Beziehung wird zunehmend von Misstrauen bestimmt. Weder Angus noch Sarah zeigen ihre wahren Ansichten dem anderen Gegenüber.
S.K. Tremayne konstruiert in „Eisige Schwestern“ eine Familie, deren Gefühle und Umgang miteinander, mit dem rauhen schottischen Wetter korrespondiert. Der Buchtitel, das Wetter und die Gefühlswelten der Protagonisten ergeben ein perfektes Zusammenspiel: Eisige Kälte, schockierende Gedanken und schauererregende Szenen. Dadurch, dass Tremayne seine Charaktere kaum beschreibt, sondern sie aktiv handeln lässt (Show, don’t tell), präsentiert er, in Bezug auf die Gefühlsebene, sehr authentische Personen. Dank den detailliert ausgearbeiteten und authentischen Handlungen der Familie Moorcroft, kommt das Buch ohne ausschweifende optische Finesse in der Charaktergestaltung aus.

S. K. Tremayne
Eisige Schwestern
ISBN: 978-3-426-51635-5

 

Lesebericht zu „Dope“ von Sara Gran

Sara Gran, Dope, Drogen, Buchblog Oliver SteinhäuserPausenlos ergibt sich die Diskussion zum Thema Chancengleichheit und Fairness. Doch bereits die Umsetzung sozialer und integrativer Konzepte bedeuten oft unüberwindbare Schranken und Hemmschwellen für jeden einzelnen von uns. „Dope“ schildert, was ein Leben als Junkie im New York der 1950er Jahre bedeutet, welchen Sümpfen labile Menschen, die Zuflucht im Drogenrausch suchen, ausgesetzt sind. Und was gilt, wenn der Ausstieg aus der Misere geschafft ist.

Die aus zerrütteten Verhältnissen stammende Josephine Flannigan kämpft mit einer Vergangenheit aus Drogensucht, falschen Freunden und einem Leben der Überforderung. Schon viel zu früh musste sie die Verantwortung für ihre Schwester übernehmen und alleine im New York der 1940er Jahre zurecht finden. Ihr erster Ehemann bringt sie, bereits im Alter von 17 Jahren, den Drogen nahe und zieht sie in einen Abgrund aus Abhängigkeiten, aus dem sie sich nach etlichen Jahren mit aller Kraft wieder befreit. Überraschend erhält Josephine den Auftrag, nach einem Mädchen zu suchen, die sich seit einiger Zeit in denselben Kreisen befindet, mit deren Gepflogenheiten Josephine selbst noch sehr vertraut ist. Sie begibt sich erneut in eine gefährliche Welt.

Auch wenn die Spannung in „Dope“ fehlt und der Leser gerade zu durch das Buch treibt, macht Sara Gran in ihrem Roman deutlich, welche Gefahren von missbräuchlichem Drogenkonsum ausgehen. Auch wenn wir im 21. Jahrhundert eine Vielzahl an Institutionen, wie beispielsweise Druckräume, errichtet haben, um Abhängigen einen besseren Lebensstandard zu bieten, ist das Kernproblem nach wie vor das Gleiche: Die Droge.
Drogenabhängige Menschen sind auf ihre Art Künstler und Experte: „Ein Anwalt, der die Drogengesetze […] im Wortlaut kannte; ein Psychologe, der wusste, wie man einen Dealer dazu überredet, Kredit zu gewähren.“ Es ist der Verlust, Situationen korrekt beurteilen zu können, die mit dem Start in eine Drogenkarriere einhergehen, der ein Leben in einer Parallelwelt früher oder später gefährlich werden lassen. Die Tatsache, dass Josephine einer außergewöhnlich durchdachten Intrige aufsitzt, verdeutlicht, dass Auffassungsgabe und Urteilsvermögen selbst als Ex-Konsument oft unwiderruflich geschädigt sind. Dass Josephines letztes Abenteuer von einer ihr nahestehenden Person geplant wurde zeigt darüber hinaus, dass selbst vermeintliche „Freunde“ und „Familie“ im Drogenmilieu kein Garant für Verlass und Vertrauen sind.

Sara Gran
Dope
ISBN: 978-3-426-30445-7

Druckraum

Druckraum

Druckräume sind Einrichtungen zum risikominimierten, meist intravenösen Konsum von Heroin, Kokain etc. Sie bieten abhängigen Menschen eine legale Konsumumgebung und stellen Spritzbesteck, Tupfer und Pflaster bereit. Druckraum, Dope, , Drogenkonsum, Buchblog Oliver SteinhäuserDerartige Institutionen verfügen über Wasch- und Desinfiziervorrichtungen. Druckräume dienen somit primär dem Schutz vor Krankheiten durch das Verwenden von kontaminierten Nadeln. Des Weiteren dämmen sie die illegale öffentliche Einnahme harter Drogen ein.

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Lesebericht zu „Böse Absichten“ von Keigo Higashino

Buchblog Oliver Steinhäuser, Keigo Higashino, Böse AbsichtenMuss ein Kriminalroman spannend und nervenaufreibend sein, um seine Leser in den Bann zu ziehen? Und welche Auswirkungen auf das Lesen hat es, wenn von den klassischen Zutaten eines Krimis rein gar nichts auf der Liste eines Autors steht? Keigo Higashino zeigt in seinem kürzlich erschienenen Kriminalroman „Böse Absichten“, wie genau das funktioniert. Wie er ohne wilde Perspektivwechsel, ohne diffuse Polizeiarbeit – und trotz des Verzichts auf klassische Instrumente zum Kriminalroman – ein durchweg spannendes und fesselndes Werk schreibt.

Kunihiko Hidaka, ein erfolgreicher japanischer Bestsellerautor wird, kurz bevor er auswandern möchte, ermordet in seinem Haus aufgefunden. Entdeckt haben ihn seine Frau Rie und der mäßig erfolgreiche Schriftstellerkollege und Freund Osamu Nonoguchi. Zunächst scheiden die beiden aus, da sie wasserdichte Alibis vorweisen können. Zudem fehlt augenscheinlich ein Motiv. Schnell steht für Kommissar Kaga jedoch der Mörder fest, und er begibt sich auf die Suche nach dem sehr gut getarnten Motiv. Ihn lässt dieser Fall nicht los, selbst das Geständnis des Mörders reicht ihm nicht aus. Kaga ermittelt beharrlich weiter, bis schließlich alle Bausteine zusammenpassen und die böse Absicht hinter der Tat erkennbar wird.
Obwohl dem Leser schon im ersten Viertel des Buches der Mörder präsentiert wird, muss er sich immer wieder fragen, ob das Geschehen wirklich so ablaufen konnte. Denn die Zusammenhänge stellen sich mehrfach als falsch heraus. In „Böse Absichten“ ist nichts vorhersehbar, und man tappt bis zuletzt immer wieder in die gedanklichen Fallen, die der Autor dem Leser stellt. Gezielt wird er in eine bestimmte Richtung geleitet und sorgt somit für eine logische Verknüpfung von Tat und Motiv des Täters. Just in dem Moment, in dem die eigenen Gedanken ein klares Bild zu ergeben scheinen, kommen neue Erkenntnisse hinzu, brechen alles erneut auseinander und schockieren, weil man ihnen einfach keinen Glauben schenken kann.

Keigo Higashino präsentiert einen Roman, in dessen Schwerpunkt die Ermittlung des Motivs steht. Er kommt dabei völlig ohne Emotionen und detailliert beschriebene Charaktere aus. „Böse Absichten“ ist ein Ermittlungsbericht, kein Buch. Hier ist Platz für eigene Gedanken. Raum für Überlegungen und Mutmaßungen. Es ist kein starres Korsett, in das der Autor seine Leser hineinzwängt. Immer wieder denkt man an Sherlock Holmes, der Schritt für Schritt jede Erkenntnis offenbart, sei sie noch so absurd und haltlos.
Das Buch ist in die Sichtweise des Mörders und in die Ermittlungserkenntnisse des Kommissar Karga gegliedert. Durch eine klare Gestaltung erkennt der Leser stets, in wessen Gedankenwelt er sich befindet.
Die gut verständliche Sprache Higashinos ermöglicht es, in den verworrenen Theorien des Motivs und des Tathergangs – die eine enorme Aufmerksamkeit fordern – den Faden nicht zu verlieren. „Böse Absichten“ ist ein mitreißender Kriminalroman, der besonders durch seine unerwarteten Wendungen und den Raum für eigene Hypothesen überrascht und fesselt.

Auch Aly vom Blog Magische Momente beschreibt das Werk sehr treffend als „ein unglaubliches Buch, voller überraschenden Wendungen und einer Handlung die wirklich sehr brillant aufgebaut ist“.

Keigo Higashino
Böse Absichten
ISBN: 978-3-608-98027-1