Denkanstoß: Persönlichkeitstransformation durch Casting-Shows

Gefahren der Casting-Shows, Buchblog, Oliver Steinhäuser, SchlusstaktWas Casting-Shows mit der Individualität ihrer Teilnehmer machen

Der neue Titel „Schlusstakt“ von Arno Strobel spricht in erfolgreichen Zeiten des „Bachelor“, „DSDS“, „Germanys next Topmodel“ usw. ein gesellschaftsrelevantes und spannendes Thema an. Was kann der Rezipient solchen Sendungen glauben? Was nicht? Gibt es überhaupt – zumindest sequenziell – eine glaubwürdige und realitätsgetreue Abbildung der Teilnehmer, oder gehen wir auf die für uns produzierten Wünsche und unserem ausgeprägten Voyeurismus auf den Leim?

Ich persönlich schaue keine Casting-Shows, da ich es nicht gut finde, Menschen anhand kurzer Bild- und Filmausschnitte zu bewerten. Solche Shows führen zu einer verzerrten Wahrnehmung von Individuen und können Charaktere vollkommen sinnentstellt präsentieren. Benötigt eine Casting-Show eine „Zicke“, werden durch die Produzenten ausschließlich diejenigen Ausschnitte öffentlich gezeigt, in denen diese Person sich streitet und unsozial verhält. Werden nun zusätzlich alle „normalen“ Situationen entfernt bzw. nicht ausgestrahlt, entsteht das Bild der „Zicke“ etc.
Durch das gezielte Auslassen von Filmsequenzen kann somit genau das Bild vermittelt werden, was der Zuschauer erwartet oder der Produzent gezielt verbreiten möchte.
Interessant bzw. Gefährlich dabei ist, dass durch diese Selektion jeder Teilnehmer zu einer völlig der Natur abweichenden Persönlichkeit geformt werden kann, ohne dass dies bei den Beteiligten sofort wahrgenommen wird, da sie zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht wissen, welche Sequenzen später in die Produktion einfließen. Ansprüche gegen die produzierte Sendung zu erheben ist letztendlich auch ausgeschlossen, da abgeschlossene Verträge zwischen den Vertragsparteien eine Ausstrahlung erlauben. Bei Abschluss eines Vertrages realisiert primär kein Teilnehmer, dass die von ihm getätigten Aufnahmen später komplett aus dem Kontext gerissen werden können, um eine Persönlichkeitstransformation vorzunehmen.

Die „Soul Beach“-Trilogie hat vor einiger Zeit schon deutlich gezeigt, welchem Druck junge Menschen durch solche Shows ausgesetzt sein können und wie sich dies auf das Leben der Angehörigen auswirken kann.

Casting-Shows sind ein hochaktuelles und starkes gesellschaftliches Phänomen, dem ich mich nicht aktiv anschließe.
Bücher darüber zu lesen und deren thematische Auseinandersetzung zu bewerten interessiert mich jedoch sehr stark. Ein Bericht zu „Schlusstakt“ folgt zeitnah.

Erkenntnis aus „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss

Anna vom Blog „Live your life with books“ beschreibt sehr schön, welcher Sehnsucht nach Harmonie Auri im Werk „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss ausgesetzt ist:
„Ihr ist bewusst, dass dort oben Menschen wie sie sind und trotzdem lebt sie lieber dort unten ganz allein. Denn dort im Unterding kann sie in Harmonie leben. Dort hat sie die Harmonie selbst in der Hand und kann dazu beitragen, dass sie fortbesteht.“

Welch schöner Gedanke, Harmonie selbst zu bestimmen und nicht auf Regeln und Übereinstimmungen mit Nachbarn, Mitbewohnern, Familie etc. achten zu müssen. Gerade in der täglichen Großstadthektik und den Einschnitten die große Wohngemeinschaften bedeuten, ist es die Ruhe und Selbstbestimmung die Auri konsequent lebt, nach der wir alle uns so oft sehnen.

Hier finden Sie die ausführliche Besprechung des Buch- und Medienblogs.

Lesebericht zu „Der Nibelungen Untergang“ von Heinrich Steinfest

Oliver Steinhäuser, Nibelungen Untergang, Siegfried der Drachentöter, Kriemhild, NibelungenschatzReclam? Das ist doch der Verlag mit den kleinen gelben Büchern und den dazugehörigen Erläuterungen, die jeder schmerzlich aus dem Deutschunterricht kennt? Dabei entstehen im Verlag wunderbare Bücher, deren Gestaltung bei genauerer Betrachtung wahrlich kunstvoll ist.

„Der Nibelungen Untergang“ ist eines dieser Werke. Grobe Zeichnungen von Robert de Rijn – über die Doppelseiten des Buches gestaltet –untermauern die Geschichte der Nibelungen auf eindrucksvolle Weise. Die expressive Strichführung der Zeichnungen lenkt den Blick des Rezipienten auf die Kernaussage jeder gestalteten Doppelseite und unterstreicht eindrucksvoll den rauen und rücksichtslosen Umgang in Zeiten, in denen Muskelkraft und Brutalität über den Ausgang eines Konfliktes entschieden haben.

Heinrich Steinfest – bekannt für seine Kriminalromane – erzählt in „Der Nibelungen Untergang“ das Nibelungenlied nach. Dabei bezieht er immer wieder Stellung, beschreibt seine Zweifel an der überlieferten Geschichte, belegt jedoch auch Dinge, die sich in der Art und Weise, in der sie erzählt wurden zugetragen haben können.
Durch das Einbeziehen heutiger Kommunikationstechnik und Persönlichkeiten aus der Gegenwart entsteht anfangs eine merkwürdige Mischung aus Sage und Komödie. „Und jeder kann sehen, wie Kriemhild ihrerseits verzaubert ist […]. Sie ist schließlich kein Backfisch oder so.“ (S.20) Es ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig ein Heldenepos mit solch grotesken Vergleichen und Kommentaren serviert zu bekommen. Wenn Steinfest sich über surreale Konstellationen von Kriegsheeren mokiert und damit die Helden der Sage bloßstellt, verlangt dies vom Leser eine gewisse Toleranz. Er erzählt die Geschichte zügig und in einem unverblümten Alltagston, der gelegentlich ins vulgäre abrutscht.
Doch es lohnt sich, das Buch weiterzulesen, über die anfängliche Verwirrtheit hinwegzusehen und das Werk als eine Übertragung der Sage auf unsere moderne Welt zu verstehen. Dabei spielen die uns bekannten Persönlichkeiten wie beispielweise Michael Jackson und Elvis Presley – die Steinfest explizit nennt um Siegfried zu veranschaulichen – eine genauso große Rolle wie der FC Bayern München, der ebenso Gegenstand seines Vergleiches wird.

Das negative Echo, das dieses Buch hervorgerufen hat, kann ich nicht bestätigen, denn es bereitete mir eine Freude dieses Buch zu lesen und die Zeichnungen, die einer Graphic Novel gleichen, anzusehen. „Der Nibelungen Untergang“ ist eines der wenigen Bücher, das in der U-Bahn neugierige Blicke auf sich gezogen hat und für Gesprächsstoff sorgte.
Auch derjenige, der sich nicht für Sagen interessiert, hat schon von Siegfried dem Drachentöter und dem im Rhein versenkten Nibelungenschatz gehört. Aus genau diesen vagen Skizzen zeichnet Heinrich Steinfest ein Gesamtbild und setzt dies verständlich um, selbst auf die Gefahr hin, einige Exkurse aus der Sprachfertigkeit der Nibelungen heraus, in unsere Gegenwart zu machen. Wenn der Leser weiß, worauf er sich einlässt und weder Probleme mit manch abstrusen Gedankengängen des Autors hat oder an der Kombination aus alter und moderner Sprache Gefallen findet, dann sei ihm dieses Buch wärmstens empfohlen.

Es ist und bleibt die faszinierende Geschichte der Nibelungen, die mit Siegfried einen Helden haben, der scheinbar über allem steht. Es ist die alte Geschichte von Macht, Anerkennung, Ruhm, Verlust und Gier, die seit jeher die Menschheit bestimmt. Erzählt in einem anachronistischen Gewand mit erfrischend modernen Pointen und Kommentaren.
„Der Nibelungen Untergang“ ist nach langer Zeit endlich wieder ein Buch, das ich nicht einfach weglege und abschließe. Hier entsteht Diskussionsbedarf über den Verlauf der Geschichte, darüber wer mit wem in Verbindung steht und warum manch ein König seinen über allen Zweifel hinweg loyalen Freund verrät und damit dessen Tod mitverschuldet. Und vor allem: Wo genau mag wohl der Schatz der Nibelungen liegen? Und woraus besteht der Schatz? Gold und materieller Reichtum, oder ist er möglicherweise nur Sinnbild für Wissen und Reichtum durch Erkenntnis?

Heinrich Steinfest                                      Hier geht es zur Leseprobe
Der Nibelungen Untergang
Geb. mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-15-010949-6

Lesebericht zu „Nummer Zwei“ von Claus Probst

Nummer Zwei_Fischer_Claus ProbstWas bewegt einen unbescholtenen Bürger dazu, eine getötete junge und hübsche Frau zu entführen? Was geht in einem Kopf vonstatten, wenn dieser Mann diese provokant positionierte Frau in seinen Wagen lädt, sie nach Hause bringt und in der Tiefkühltruhe mit dem Liebslingskuscheltier seiner eigenen Tochter versteckt?

Klappentext:
Am frühen Morgen findet er sie: die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, schutzlos. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort und bringt es zu sich nach Haus. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der schon zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber er muss so handeln.
Fallanalytikerin Lena Böll sucht nach einem vermissten jungen Mädchen. Doch der Serienmörder brüstet sich per SMS bereits der Tat. Aber nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Lena Böll beginnt ein hochriskantes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Bereits die ersten Seiten des Titels fesseln den Rezipienten und werfen in ihm eine Menge Fragen auf: Wer ist dieser ominöse Mann, der die tote Frau vom Tatort entfernt, dabei Spuren verfälscht und zerstört, sein Fehlverhalten erkennt und trotzdem genau so handelt? Faszination, Spannung und Irritation begleiten den Leser von Anfang an, während Claus Probst langsam die ersten Rätsel lüftet, die bahnbrechenden Aspekte doch nur sehr zögerlich illustriert.
„Nummer Zwei“ versetzt den Leser auf eine stürmische Reise, die begleitet von einem aufbäumen der Gefühle und Emotionen in einem glorreichen Finale endet.
Die einzigartige Geschichte arbeitet alle Beteiligten sehr gut heraus, erweckt sie zum Leben und verzichtete dabei auf die genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, ohne dabei an Spannungsarbeit zu sparen.
Claus Probst zeichnet seine sehr originell gestalteten Charaktere mit einer Tiefgründigkeit, die er auf eine feinfühlige und menschliche Art beschreibt. „Nummer Zwei“ überzeugt durch die erzählten Hintergrundgedanken der Charaktere, da sie dem Leser ein sehr genaues Bild vor Augen führen. Es ist detailreich geschrieben, ohne langatmig zu sein. Die sukzessive eingestreuten Details aus den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren – vergleichbar mit Hinweisen für den Leser – fügen das Gesamtbild des Buches fortlaufen zusammen. Dank einer sehr gut durchdachten Konzeption hat man jedoch immer ausreichend Information um die aktuelle Situation nachvollziehbar erfassen zu können, ohne etwas vorweggenommen zu bekommen oder an Spannung zu verlieren.

Claus Probst arbeitet in „Nummer Zwei“ mit dem psychologischen Aspekt der Traumabewältigung, welches das Buch stark thematisiert und dem Leser die facettenreichen Charakteren verdeutlicht.

Claus Probst
Nummer Zwei
Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19691-3

Lesebericht zu „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss

Musik, Stille, Identität, Buch, BlogNach der Lektüre von „Die Musik der Stille“ fragt man sich, was man gerade auf den vergangenen 170 Seiten gelesen hat. Worum dreht sich die Geschichte, die im Buch allein von dem jungen Mädchen Auri erzählt. Was erzählt sie uns? Warum wird uns die Geschichte erzählt?

Auri, die im Unterding lebt – einem von der Welt abgeschieden und verlassenen Ort – wartet nur darauf, dass ER sie am siebenten Tag endlich wieder besuchen wird. Für seine Ankunft im Unterding bereitet Auri alles vor. Sämtliches muss an seinem Platz sein. Jeder Gegenstand, jedes noch so nichtig erscheinende Objekt muss seine genau bestimmte Position einnehmen. Jeder vorhandene und gerade neu entdeckte Gegenstand ist für das Mädchen etwas ganz Besonderes, weil es diese Objekte selbst sind, die Auri mitteilen, welchen Platz sie in den Räumen ihrer Welt und ihrer Räumlichkeiten einnehmen möchten.
Um Auri verstehen zu können, muss man erkennen, dass sie ein Geschöpf mit zwanghaften Störungen ist. Sie ist getrieben von einem Ordnungswahn, der sie dazu zwingt, die Räume ihrer Welt so herzurichten, dass sie „richtig“ sind. Alles muss zueinander passen und miteinander in harmonischem Einklang sein. Das gilt auch für die Gegenstände, die in ihrer Vorstellung ebenso Persönlichkeit sind wie sie selbst. Nur dann sind alle glücklich und die Ordnung ihres Lebens befindet sich im Gleichgewicht.
Die Protagonistin weiß, dass in ihrem Inneren vieles nicht zum Besten steht und ist sich im Klaren darüber, dass die Unordnung in ihrem Inneren sie zu einer einsamen Person macht.
Glück extrahiert sie aus den Momenten, in denen sie Räume und Objekte zueinanderpassend vereint. Traurig stimmen sie Situationen, in denen sie nicht den richtigen Platz für ihre Heiligtümer finden, denn sie selbst ist es, die für die Weltordnung zuständig ist. Und sei diese Welt auch nur in ihrem Kopf vorhanden. Sie muss sich an deren stringente Gesetzmäßigkeit halten.

„Die Musik der Stille“ ist ein Werk, das – wie Rothfuss es selbst bestätigt – den Regeln der Literatur vollständig widerspricht. Das Buch ist zunächst weder spannend, noch ist es lehrreich – abgesehen davon, dass man im Anschluss in etwa weiß, wie Seife hergestellt wird. Aber es zieht den Leser auf eine merkwürdig erfolgreiche Weise in seinen Bann.
Es ist rückblickend betrachtet ein Werk, mit dem sich jeder partiell identifizieren kann. Denn es ist die Verwirrtheit und Unsicherheit der Protagonistin, die jeder von uns erfahrungsgemäß gemacht hat oder noch durchleben wird. Es ist das Umsetzen und Verwirklichen seiner eigenen Identität, die getrieben von inneren Prozessen unter Mithilfe von Selbstzweifel und Verzweiflung geformt wird, bis sie eines Tages mehr oder weniger gefestigt ist.

Patrick Rothfuss erweckt mit seiner besonderen Sprache eine Geschichte zum Leben, die auf den ersten Blick alltäglich und unbedeutend wirkt. Doch wer sich auf „Die Musik der Stille“ einlässt, erfährt auch einiges über sich selbst. Das Buch bietet Zeit zur Reflexion. Es erzählt seinen Rezipienten, dass es verrückt ist. „Die Geschichte ist für all die leicht angeknacksten Leute da draußen. Ich bin einer von euch. Ihr seid nicht allein. Und in meinen Augen seid ihr alle schön“, wie Patrick Rothfuss es in seiner Nachbemerkung treffend erklärt.

Patrick Rothfuss
Die Musik der Stille
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96020-4

„Involvement“

Von Involvement spricht man im Marketing, wenn der Konsument empfindet, dass ein Produkt etwas mit sich selbst und seiner Persönlichkeit zu tun hat, dass ein Kauf also eine spürbare Auswirkung auf den Käufer zur Folge hat.
Aus Konsumentensicht ist dieses Gefühl eine subjektive Empfindung, eine Sensibilisierung, die immer dann auftaucht, wenn man gerade besonders betroffen von gewissen Produkten oder Geschehen ist.
Ist die eigene Waschmaschine defekt, taucht plötzlich überall Werbung zu Waschmaschinen auf. Benötigt man einen neuen Computer, fallen auf einmal Scharen an Computerangeboten über einen her.

Lesebericht zu „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse

Buch, Reise, Bibliothek, Blog„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist ein Feuerwerk der Gefühle, die durch die Kuriosität seiner Protagonisten zu einer liebenswerten Lektüre wird, die man gar nicht weglegen möchte. Die Beziehung des Lesers zu Bobby Nusku entwickelt sich dabei zu einer geradezu brüderlichen Verbundenheit, von der man sich nur schweren Herzens nach 314 Seiten trennen kann.


Als ich vor zwei Wochen im Büro saß, hatte ich gerade einen Kriminalroman gelesen, in dem der Täter eine Bäckereiverkäuferin ausspäht, um deren zeitlichen Tagesablauf genau zu dokumentieren. Da er jeden Tag seine Backwaren bei dieser Frau kauft, kennt sie seine Vorlieben und übergibt ihm – noch bevor er bestellen kann – seine Ware. Meine Kollegin erzählt mir tags darauf leicht betrübt, dass die Verkäuferin der Bäckerei, in der sie jeden Morgen ihr Brötchen holt, nicht mehr da sei, und „Der Neue“ gar nicht weiß, was sie jeden Tag zum Frühstück essen möchte. Ich erzähle ihr daraufhin, dass im Leben immer genau das passiert, was in den Büchern steht, die man gerade liest. Das Phänomen nennt sich „Involvement“ – also die Einbezogenheit in das gerade Geschehende.


Lesen, Literatur, Blog, Oliver SteinhäuserUnd dann sitze ich auf dem Weg zum Büro im Zug und schlage eine neue Seite in „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ auf:
„ ‚In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben’, sagte sie. ‚Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch erleben.’“
Meine anfängliche Skepsis an den Titel ist sofort verflogen, denn es schließt sich der Kreis. Die Geschichte, die in einem anderen Buch anfing, geht hier weiter, bestätigt meine Gedanken und zieht mich in ihren Bann!

Das Buch beginnt mit seinem Ende. Der Bücherbus steht an der Kante einer Klippe, umzingelt von Polizeiwagen. Inspektor Jimmy Samas ist besorgt, dass die Frau am Steuer die mobile Bibliothek, in der er außerdem zwei Kinder und ein entflohener Häftling vermutet, in den Abgrund steuern könnte. Um das entstandene Bild zu verstehen, entführt David Whitehouse uns in das Leben des jungen Bobby Nusku, einen Jungen, der unter dem Verlust seiner Mutter und seinem ausfallend und gleichgültigen Vater leidet und weiterhin schutzlos den Schikanen durch Mitschüler gegenüber steht. Als Bobby eines Tages auf die geistig behinderte Rose und deren Mutter Val Reed trifft, entsteht in ihm der Wunsch nach Zuwendung, Geborgenheit und Wertschätzung. Als plötzlich auch noch sein einziger Freund Sunny – nach mehrfachen schmerzvollen Versuchen sich in einen Cyborg umzuwandeln, um Bobby zu beschützen – wie vom Erdboden verschwindet, findet Bobby in Val und Rose eine Familie, wie er sie sich seither ersehnte.

Die Kernaussage des Werkes ist die Suche nach einer Familie, auch wenn diese nicht aus der biologischen Formation von „Vater, Mutter, Kind“ bestehen muss. Sie muss einfach nur die richtigen Gefühle in uns erwecken und dabei ergeben sich familienähnliche Konstrukte fernab derjenigen Zustände, in die manche Menschen hineingeboren wurden.

Während Val Reed Bobby immer wieder erzählt, dass kein Buch ein Anfang oder ein Ende habe, weil es nur eine kurze Sequenz einer Geschichte enthalte, die auch immer etwas von seinem Leser enthält, zeigt David Whitehouse jedem von uns, dass für jedes Problem, dem man gegenübersteht, in zahllosen letzten Buchkapiteln längst eine Lösung präsentiert wird. Gefühle wie Liebe, Verlust und der Tod, die über einen Menschen hereinbrechen können, sind in Büchern so oft überwunden worden, dass man ihnen nie wieder allein gegenüberstehen muss.

David Whitehouse
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50148-3

Ordnungsamt vs. Buch- und Medienblog

Oliver Steinhaeuser_Buch und Medienblog_Rhein Zeitung Koblenz„Ärger über unberechtigtes Knöllchen“

Seit einigen Wochen schon stehe ich im Kontakt mit der Redaktion der Rhein-Zeitung in Koblenz. Aus meinem ürsprünglichen Anliegen – des Publizierens meines Leserbriefs – entstand ein halbseitiger Zeitungsartikel in der Koblenzer Stadtausgabe der Rhein-Zeitung. Anbei ein Auszug aus dem gestern (Freitag, den 6. Februar 2015) veröffentlichten Artikel:

 

„Verschwörung“ – Fortsetzung der „Millennium“-Krimireihe

Die Fortsetzung von Stieg Larssons „Millennium“-Krimireihe über die Hackerin Lisbeth Salander und den Journalisten Mikael Blomkvist soll „Verschwörung“ heißen. Dies teilte der Heyne-Verlag diesen Mittwoch mit. Weiter heißt es, dass man das Buch am 27. August 2015 auf den Markt bringen möchte.
Den Titel mit dem Namen „Det som inte dödar oss“ („Was uns nicht umbringt“) schrieb der schwedische Autor David Lagercrantz. Der Autor der ersten drei Bände, Stieg Larsson, verstarb bereits im Jahr 2004, im Alter von 50 Jahren, an den Folgen eines Herzinfarkts – kurz vor dem damaligen Erscheinen des ersten Bandes „Verblendung“.
Nach Angaben des Heyne-Verlags verkauften sich die Titel der „Millennium“-Krimireihe 80 Millionen Mal.

Lesebericht zu „Die Lebenden und die Toten“ von Nele Neuhaus

Nele Neuhaus_Die Lebenden und die TotenNele Neuhaus thematisiert in „Die Lebenden und die Toten“ Machenschaften innerhalb der Organtransplantationsmedizin. Ein Mörder erschießt scheinbar wahllos unbescholtene Bürger. Während das Ermittlerduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein zu Beginn des Buches noch völlig im Dunkeln tappen, zeichnet sich dem Leser sukzessive ein Bild aus Rache und Vergeltung. Der Mörder beschreitet dabei einen perfiden Weg, der aus der Ermordung von Angehörigen besteht. Durch dieses Vorgehen schaltet er seine Widersacher nicht einfach nur aus, sondern lässt ihnen den gleichen Schmerz zuteilwerden, den diese ihm und seiner Familie in der Vergangenheit zugefügt haben. Sie alle müssen sterben, weil die Handlung eines Angehörigen den Vergeltungsdrang des Täters geweckt hat.
Während die Ermittler den Mörder finden wollen, ermittelt die Tochter des in den Handlungsstrang verstrickten Arztes Dr. Prof. Rudolf auf eigene Faust. Doch im Gegensatz zu den polizeilichen Nachforschungen, geht es Karoline Albrecht nicht darum den Mörder zu finden, sondern die Wahrheit über ihren Vater, der offensichtlich durch den Tod seiner Ehefrau für illegale Organtransplantationen bestraft werden soll. Zu Beginn ihrer eigenen Recherche stellte der Charakter der Karoline Albrecht für mich zunächst einen störenden Faktor dar. Dies änderte sich jedoch, als sie durch das Aufspüren der Freundin einer zentralen Person des Buches, an bahnbrechende Informationen gelangt, die es der Polizei erstmals erlaubt das Geschehen wirklich zu durchdringen.

Auf dem Weg zur Ermittlung des Täters, begegnet der Rezipient sehr vielen Charakteren aus Familie, Umfeld, Zeugen sowie Nebenrollen. Jeder könnte der Mörder gewesen sein. Wer hat etwas zu vertuschen? Wer hat eine alte Schuld offen? Wer fühlt sich verletzt und hätte dadurch ein eindeutiges Motiv? Wer ist in diesem Transplantations-Skandal eigentlich Opfer und wer Täter? Und die allerspannendste Frage: Wer darf sich „Der Richter“ nennen?

Obwohl die „Lebenden und die Toten“ ein Kriminalroman ist, arbeitet Nele Neuhaus unverblümt die Skandale der Transplantationschirurgie auf und vermittelt ein erschreckendes Bild davon, wenn Gier, Ruhm und Narzissmus Antrieb lebensrettender Mediziner sind.
Des Öfteren schlug mir in den Meinungen zu dem Titel eine eindeutige Kritik bezüglich des angesprochenen Themas entgegen. Ist „Die Lebenden und die Toten“ möglicherweise eine Entmutigung potentieller Organspender? Meine Meinung dazu ergibt sich aus einem Vergleich anderer Lebenssituationen und Umständen:
Fakt ist, dass es in allen Bereichen des Lebens Menschen gibt, die anderen helfen wollen. Und an Stellen, an denen geholfen wird, wird auch ausgebeutet. Egal ob dies Textilspenden, Hilfsgüter oder eben Organspenden betrifft. Falsche und heuchlerische Intentionen sind nun einmal vielerorts präsent, doch sollte man sich nicht von solchen Ausnahmen entmutigen lassen, selbst zu helfen!

Nele Neuhaus
Die Lebenden und die Toten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13 9783550080548