Lesebericht zu „Mörderhotel“ von Wolfgang Hohlbein

Moerderhotel, Wolfgang Hohlbein, Buchblog, Oliver SteinhaeuserWelche Charaktereigenschaften muss ein Mörder aufweisen, um uns zu faszinieren? Und in welcher Epoche muss seine zwielichtige Geschichte spielen, sodass sie den Leser bezaubern kann? Fakt ist, dass das späte 19. Jahrhundert prädestiniert für düstere Persönlichkeiten ist und ihnen den perfekten Schauplatz zum Ausleben ihrer morbiden Fantasien eröffnet.


Wer das herausfinden möchte, sollte sich auch das Interview zum Mörderhotel nicht entgehen lassen!


Wolfgang Hohlbein strickt sein „Mörderhotel“ um den 1860 geborenen Herman Webster Mudgett. Eines Tages lernt der durch Demütigung und Ausschluss geprägte Junge seine Leidenschaft zur dunklen Seite im Menschen kennen und nimmt sich ihrer als Verbündeter an. Der erste durch die Dunkelheit angestoßene Mord ist der an seinen beinahe gleichaltrigen Peinigern Frank und Matthew, die er heimtückisch ermordet. Zwei Morde, die prägend für sein späteres Leben sind, denn er labt sich bereits zu seiner Ouvertüre am langsamen Verschwinden des Lebens aus seinen Opfern.
Während seines späteren Medizinstudiums lernt er H. H. Holmes kennen, seinen einzigen echten Freund, mit dem er Leichen exhumiert, um mit dem Verkauf der skelettierten Leichen das Studium finanzieren zu können. Einige Jahre später betreiben sie ein Hotel, in dem immer wieder Menschen zu verschwinden scheinen.
Diese Zeit dominiert einen der Erzählstränge des Buches. Arlis, die zusammen mit dem Detektiv Geyer nach ihrer verschwundenen Schwester Endres sucht, vermutet sie genau dort. Denn zuletzt wurde sie mit Dr. Mudgett dort gesehen. Auch H. H. Holmes greift den beiden unter die Arme wo er kann.
Ein perfides Spiel beginnt, in dem nichts ist wie es scheint.

„Mörderhotel“ gliedert sich in drei Hauptstränge, in denen es um Herman Webster Mudgetts Kindheit, sein Studium mit Holmes und die gegenwärtige Geschichte in Chicago dreht. In einem Nebenstrang verarbeitet Hohlbein eine weitere, jedem von uns bekannte Geschichte mit absolutem Mysteryfaktor: Die im Jahr 1888 geschehenen Prostituiertenmorde in London, für die Jack the Ripper zum Sinnbild wurde. Dies gibt dem Buch eine unglaublich faszinierende Abwechslung und vollendet den Thrillfaktor!
Hohlbeins Spiel zwischen dem aktiven Beschreiben der brutalen Morde des Herman Webster Mudgett und dem beinahe Auslassen jeglicher Details in anderen mörderischen Tätigkeiten Mudgetts, macht den Titel zu einem lebhaften und individuell gestaltbaren Thriller. Die zunächst abschreckenden 850 Seiten vergehen dabei wie im Flug, bieten spektakuläre Bilder und lassen gleichzeitig viel Raum für eigene Assoziationen. Denn „dort unten, in den düsteren Katakomben ihrer eigenen Welt, galten auch ihre eigenen Gesetze, nicht die der Menschen und ihrer lächerlichen Vorstellung von Moral und Recht. Was sie dort taten, das war weder falsch noch richtig, sondern einfach das, was sie taten.“

Wolfgang Hohlbein nutzt eine fantastische Geschichte, die er ebenso in der Gegenwart hätte adaptieren können. Doch er belässt sie genau dort, wo sie ihre maximale Wirkkraft entfalten kann. Im düsteren Nebel des späten 19. Jahrhundert, das bereits ohne brutale Morde mit einer schaurigen Atmosphäre verschmilzt.

Zum Imagefilm mit Wolfgang Hohlbein für die Buchhandlung Wittwer.

Wolfgang Hohlbein
„Mörderhotel“
ISBN: 978-3-7857-2548-1

 

 

Interview mit Wolfgang Hohlbein – Mörderhotel

November 2015. Aufgenommen im Buchhaus Wittwer in Stuttgart.

Oliver Steinhäuser und Wolfgang Hohlbein im Gespräch (v.l)

Oliver Steinhäuser und Wolfgang Hohlbein im Gespräch (v.l.)

Das 19. Jahrhundert prägt die Geschichte des „Mörderhotels“. Was fasziniert Sie so sehr an dieser Zeit?
„Sie faszinierte mich schon immer, weil sie eine Art Zeitwende war. Man muss sich einmal vorstellen, dass in dem Hotel, in dem die Geschichte spielt, durchaus Leute hätten übernachten können, die noch im amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft haben. So nah waren die Zeiten zusammen. Und man hat einerseits eine Großstadt mit den ersten Automobilen und Elektrizität, und nur 50 Meilen weiter herrschte der Wilde Westen. Diese Kulisse kann man sich gar nicht besser ausdenken. Abgesehen von Computer- und Handytechnik, gab es in dieser Zeit bereits einiges der uns bekannten Technik, oder wurde gerade erfunden. Es ist also, unabhängig von der Krimigeschichte, eine unglaublich faszinierende aber auch düstere Zeit.“

Haben Sie in diesem Buch mit Ihrer Frau zusammengearbeitet? Und wie kann man sich solche Zusammenarbeiten vorstellen?
„Das läuft so, dass ich den Text schreibe, die Tinte wortwörtlich auf Papier bringe. Das reine Schreiben interessiert meine Frau nicht so sehr. Aber wir arbeiten sehr intensiv an den Geschichten, was bedeutet, dass wir vorab überlegen, was wir genau machen möchten. Die Anregungen kommen meist von ihr, da sie die Expertin im Bereich Jugendbuch und Kindergeschichten ist und somit das kindliche und märchenhafte beisteuert. Und da ist der Einfluss meiner Frau auch so groß, dass es unfair wäre, sie zu verschweigen! Meine Stärke ist eher das Spannende und Abenteuerliche. Das ist ihr alles viel zu grausig.
Da ich nachts schreibe, hat sie im Idealfall meine Texte gelesen, bevor ich gegen Mittag verschlafen aus dem Bett krieche.“

Hat Sie irgendein besonderer Hotelbesuch zum „Mörderhotel“ inspiriert?
„Nein, einen solchen Auslöser bzw. ein direktes Vorbild gibt es nicht. Interessant ist allerdings, dass die Amerikaner heutzutage wahrscheinlich „Das kleine Mörderhotel Wochenendseminar“ in diesem Hotel abhalten würden. Damals hat man das Gebäude nach einem Brand jedoch schnell eingestampft, denn die Stadt Chicago war nicht besonders stolz auf ihren Sohn Herman Webster Mudgett. Es ist generell schwierig, seine Vita nachzuvollziehen. Es sind viele Lücken darin, was mir als Autor besonders entgegenkommt.“

Können Sie einen Ausblick darüber geben, welche Geschichte wir als nächstes erwarten können?
„Im Augenblick hoffe ich, dass wir bis Weihnachten fertig werden. Meine Frau und ich arbeiten gerade an einem Jugendbuch. Es wird „Laurin“ heißen und es geht um den mythischen Zwergenkönig Laurin und um ein Mädchen und einen Jungen, die zusammen in dieses unterirdische Zwergenreich verschlagen werden. Das passiert auf den ersten drei Seiten. Und mehr verrate ich Ihnen nicht.“

Zum Imageclip mit Wolfgang Hohlbein in der Buchhandlung Wittwer in Stuttgart.

Rezension zu „Moby Dick – Graphic Novel“

Moby Dick, Graphic Novel, Buchblog Oliver SteinhäuserMoby Dick. Jedem von uns ist dieser Name ein Begriff. Doch fragt man dezidiert nach dessen Bedeutung und der Geschichte hinter diesem Namen, sehen wir uns oft großen Augen und hochgezogenen Schultern gegenüber. Es ist nicht unüblich, dass die meisten von uns die Klassiker der Weltliteratur benennen können, die wenigsten unter uns sie jedoch auch wirklich gelesen haben. Frohlockung erfahren all jene, denen das Lesen solcher Klassiker zu müßig ist. Denn Moby Dick ist seit einiger Zeit als Graphic Novel bei „Egmont Graphic Novel“ erhältlich.

Der Roman „Moby Dick“ beschreibt die Abenteuer, die die Besatzung des Walfangschiffes Pequod erleben. Während die Ziele der angeheuerten Männer an Bord hohe Magen an Walrat und -fleisch sind, um möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, driften die Waljäger zunehmend in einen irrsinnigen Machtkampf zwischen dem Kapitän Ahab und dessen größten, bislang unerfüllten Wunsch. Der Tod des Weißen Wals, Moby Dick, der ihm bereits vor einigen Jahren im Kampf ein Bein genommen hat. Allen Warnungen und Bedenken seiner Mannschaft zum Trotz lautet der Befehl Ahabs, dem legendenumwobenen Meeressäuger den Garaus zu machen, um sich für das zugefügte Leid, seiner Verkrüppelung, zu rächen.
Gegenspieler des fanatischen Kapitän Ahab ist sein erster Steuermann Starbuck, der durch seine Courage und Erfahrung zum rationalen Denken in der Lage ist. Der seinem Kapitän immer wieder aufzeigt, wie sinnlos sein geplanter Rachefeldzug gegen einen Wal von unbezwingbarer Größe ist.
Doch mit seinem Fanatismus, seiner Obsession und dem unerbittlichen Willen, befeuert Ahab die Kampfbereitschaft seiner Crew und treibt sie in seinem Wahn in den tödlichen Untergang der Pequod und seiner selbst.


Wie benennt man die Kombination aus Lesebericht und Seherlebnis?


Dunkle und rau gezeichnete Bilder verdeutlichen das blutige und barbarische Handwerk der Walfänger. Dank des Verzichts auf Schattierungen, erzeugt Christophe Chabouté eine Graphic Novel, die sich durch mystische Finsternis auf den Betrachter überträgt und die Strapazen der Besatzung verdeutlicht. Das Verwenden von altertümlichen Begriffen aus der Seefahrt runden die Dialoge und Diskussionen an Bord des Fischerschiffes stimmig ab und versetzen den Leser in eine durch Körpereinsatz geprägte Zeit.

Christophe Chabouté (nach Herman Melville)
Moby Dick
ISBN: 978-3-7704-5523-2

 

Veranstaltungsankündigung: Wolfgang Hohlbein in Buchhandlung Wittwer

Moerderhotel, Wolfgang Hohlbein, Buchblog, Oliver SteinhaeuserHeute in einer Woche, am Donnerstag,
den 12. November 2015, liest Wolfgang Hohlbein aus seinem neuen Thriller „Mörderhotel“.

Die Veranstaltung findet ab 20 Uhr in der Buchhandlung Wittwer am Stuttgarter Schlossplatz statt. Der Eintritt kostet 15 €. Karten können HIER reserviert werden.

Im Zuge eines Projektes für audiovisuelle Medien, wird auch der Buch- und Medienblog für Dreharbeiten vor Ort sein.

Über „Mörderhotel“:
„230 Menschen gehen auf sein Konto: Herman Webster Mudgett, den unglaublichsten Serienmörder aller Zeiten. In Chicago errichtet er eigens ein Hotel, um seine Taten zu begehen. Ein Hotel, in dem es Falltüren, verborgene Räume, Geheimgänge, einen Foltertisch, ein Säurebad und eine Gaskammer gibt. Seine Opfer erleichtert er um ihr Geld und verkauft ihre Leichen an Mediziner. Niemand weiß, was im Kopf dieses Menschen vor sich geht. Bis die Polizei ihm auf die Spur kommt und eine gnadenlose Jagd beginnt … „

Lesebericht zu „In Andrews Kopf“ von E. L. Doctorow

In Andrews Kopf_E.L. Doctorow_Buch-und Medienblog_Oliver Steinhaeuser„Ich kann Ihnen von meinem Freund Andrew erzählen, dem Kognitionswissenschaftler. Es ist aber nicht schön.“
So startet E. L. Doctorow seinen letzten Roman „In Andrews Kopf“. Und er hat Recht. Es ist nicht schön, denn alles in Andrews Leben scheint normwidrigen Regeln zu folgen. Wir blicken in die Psyche eines Mannes, dessen Leben aus Unfällen, Verlusten und Trauer besteht. Ein Mensch, der in freudigen Momenten bereits vorahnen muss, dass die Glückseligkeit nicht ewig währt. Andrew erzählt seine Geschichte, offenbart sich seinem Therapeuten. Vertraut seinem Gegenüber seine innersten Gefühle an. Uns. Den Lesern. Seinen Therapeuten?

Nachdem sein erstes Kind durch einen nachlässigen Fehler starb, ging die Beziehung zu seiner ersten Frau Martha in die Brüche. Jahre später sucht er sie allerdings erneut auf. Denn nach dem Tod seiner zweiten Frau Briony, möchte Andrew seiner Exfrau sein zweites, mit Briony gezeugtes Kind überlassen.
Durch die Therapiesitzungen erfahren wir sukzessive, wie der Kognitionswissenschaftler Andrew seine Welt wahrnimmt, wie er seine Umgebung, seine Mitmenschen, den Geist und die Seele studiert, um sie zu verstehen. Um sie für ihn zugänglicher und verständlicher zu machen. In mehreren wirren Teilen erfährt der Leser des Reflexionsromans die Dramen des Protagonisten.
Freude und Hochgefühl berühren uns, wenn wir über die Beziehung zu seiner zweiten Frau Briony lesen. Eine Frau mit skurrilen und witzigen Wurzeln, die durch den Zusammenfall des World Trade Centers am 9. September 2001ein jähes Ende fand.
Schwermut überkommt uns, wenn wir durch abschweifende Gespräche mit seinem Therapeuten erfahren, dass Andrew auf der Suche nach dem Ursprung seiner Wesensart und seines Handelns ist. Nur, um mit Hilfe seiner Fähigkeiten in der Neurobiologie zu bestimmen, ob sein Schicksal bestimmten vererbbaren Verhaltensmustern entspricht, die möglicherweise zu relativieren sind.
E. L. Doctorow präsentiert einen Pechvogel par excellence, der letztendlich vor dem Versuch ein normales Leben zu erleben kapituliert und sich seiner Anomalien annimmt. Die Erkenntnis, dass Erinnerungen immer Teil seines Lebens sein werden, führt zur Entwicklung seines eigenen dunklen Humors, den er bis ins Bizarre anwachsen lässt.

„Im tiefsten Innern, im Grunde meiner Seele, falls es die gibt, bin ich letztendlich unberührt von dem, was ich getan habe. Ein leiser Hauch des Bedauerns über tote Babys, über tote Ehefrauen, über die Brände, die ich unabsichtlich legte, und solche Katastrophen können mich in meinen Träumen alle irgendwohin laufen lassen, wo ich kein Unheil anrichten kann, aber im wachen Leben lässt meine Schuld mich kalt.“

Für all diejenigen, die nach Erkenntnis und Sinn suchen, ist dieses Buch nur wenig geeignet.
All diejenigen, die auf ihrer temporären Realitätsflucht originelle Geschichten zu Rate ziehen möchten sei dieser Roman wärmstens empfohlen, denn die Wissenschaft ist wie ein sich stetig verbreiternder Scheinwerferstrahl, der immer mehr vom Universum erhellt. Doch während der Stahl breiter wird, nimmt auch die Dunkelheit an Umfang zu.

E. L. Doctorow
„In Andrews Kopf“
ISBN: 9783462048124

Lesebericht zu „Blood on Snow – Der Auftrag“ von Jo Nesbø

Jo Nesbø, Blood on Snow, Der Auftakt, Buch Blog, Oliver SteinhaeuserWas passiert, wenn ein einfältiger aber effektiver Auftragskiller die Frau seiner Träume trifft, die noch dazu sein nächster Mordauftrag ist? Welche Dummheiten mag der naive Olav Johansen, Protagonist, Auftragskiller und Erzähler in der Ich-Perspektive wohl begehen, um seine neu gewonnene Liebe – die Frau seines Aufraggebers – in Sicherheit zu bringen?

Der Auftragsmörder Olav ist nur schwer zu beschreiben. Während er einerseits kaltblütig mordet, ist er gerade bei Frauen sehr milde gestimmt. Seine samariterähnlichen Züge werden ihm beim Mordauftrag seines Chefs Hoffmann zum Verhängnis. Anstatt Corinna, die Ehefrau Hoffmanns, zu ermorden, tötet Olav den Geliebten Corinnas. Er bringt es einfach nicht übers Herz, Frauen etwas anzutun. Allerdings ist Hoffmann alles andere als erfreut über diese unverhoffte Wendung. Denn der ermordete Liebhaber war sein eigener Sohn.
Um des Rachemordes zu entgehen, versteckt Olav sich mit Corinna, und plant Hoffmann zu beseitigen. Während er und Corinna sich an einem sicheren Ort befinden, führt er die Ermordung an seinem Chef Hoffmann aus, und ahnt nicht, dass seine Naivität ihn in eine noch viel größere Falle gelockt hat.

Während des Lesens von „Blood on Snow“ blickt man anfangs unentwegt auf, unterbricht die Geschichte und fragt sich: „Warum bin ich bereits so vertraut mit den Geschehnissen? Und warum ist mir dieser dumme Auftragskiller so sympathisch?“ Zum einen wird dem Leser mit Nesbøs Auftaktthriller ein bekanntes, aber auf den ersten Blick nicht direkt zu identifizierendes Genre präsentiert: Den „Film Noire“, der besonders durch seine pessimistische Weltansicht sowie einem hohen Maß an Zynismus auffällt. Während die sogenannten „Schwarzen Filme“ die amerikanische Filmwelt der 1940er und 1950er Jahre prägten, adaptiert Jo Nesbø das Genre ins Oslo der 1970er Jahre. Eine Stadt, die zu dieser Zeit mit hoher Kriminalität zu kämpfen hatte. Jo Nesbø zeichnet starke Charaktere, die sich hauptsächlich durch ihre Handlungen, und weniger durch eine äußerliche Beschreibung präsentieren.
Nesbø erzeugt eine sehr interessante Balance zwischen Düsterkeit und komischen Entlastungsmomenten. Dieses aufeinander abgestimmte Zusammenspiel, macht selbst einen kalkulierenden Mörder irgendwie sympathisch. Vor allem dann, wenn dieser davon erzählt, wie er an einer vermeintlich Taubstummen immer wieder übt, einer Frau seine Liebe zu gestehen. So wie er auch Schießtraining an torsoähnlichen Gegenständen absolvierte, um sich für den Ernstfall zu rüsten.

„Blood on Snow – Der Auftrag“ ist eine neue Erfahrung und ein interessanter Auftakt, bei dem das Zuordnen eines Genres kaum möglich ist.

Jo Nesbø
„Blood on Snow – Der Autrag“
ISBN-13 9783550080777

Junge Wilde – Die kreative Bühne

In der kommenden Woche (14.-18. Oktober 2015) findet die Frankfurter Buchmesse statt. Die Studierenden des siebten Semesters „Mediapublishing“ präsentieren sich auch in diesem Jahr mit einem spannenden Veranstaltungsprogramm auf ihrem Messestand sowie am Forum Verlagsherstellung.

Junge Kreative, Kreativität, Buchbranche, Poerty Slam, Oliver Steinhäuser, Buchblog„Glück ist mehr als Zufriedenheit. Glück ist ein Gefühl, das einen wirklich von innen heraus erfüllt. Ich würde nicht sagen, die Abwesenheit von Wünschen, aber so, dass man weiß: Den Weg schlage ich ein.“ Mit diesen Worten beschreibt die Autorin und Slammerin Fee, was es für sie heißt, ihren eigenen schöpferischen Weg zu gehen. Fee, eigentlich Felicia Brembeck, ist die Gewinnerin der deutschsprachigen U20-Poetry-Slam-Meisterschaften 2013. Sie schreibt eigene Texte und tritt bei Poetry-Slams in ganz Deutschland auf. Gerade hat sie ihr erstes Jugendbuch, Mach Fehler! als Teil der Reihe textgold, die bei Oetinger34, einem neuen Projekt der Friedrich-Oetinger-Verlagsgruppe, veröffentlicht. Fee ist Teilnehmerin und Repräsentantin unserer Jungen Wilden von der Kreativen Bühne. Die Kreative Bühne ist eine Veranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse und findet am Samstag, den 17. Oktober um 14:00 Uhr statt. Am Forum Verlagsherstellung in Halle 4.0 wird eine Sammlung an Erfahrungsberichten junger Menschen geboten, die mit ihrer Leidenschaft fürs Schreiben andere begeistern möchten. Anka aus Stuttgart ist eine weitere Teilnehmerin der Kreativen Bühne. Sie schreibt, sie liest, sie erzählt. Auf ihrem tagebuchähnlichen Blog „Ankas Geblubber“ bloggt die 28-Jährige Rezensionen ihrer Lieblingsbücher, gibt Lesetipps oder berichtet über Dinge, die sie im Alltag bewegen. 2010 veröffentlichte sie ihr erstes eigenes Kinderbuch „Fieros Geheimnis“. Ebenfalls dabei bei den jungen Wilden ist die Mediapublishing-Studentin Lena Hofhansl. Auch Lena schreibt und textet schon seit vielen Jahren und veröffentlichte mit dem Gedichtband „Nachtlilien“ ihr erstes Werk im Eigenverlag GEGEN_KULTUR, den sie mit Freundinnen neben dem Studium betreibt. Eine Vielfalt literarischer Stücke sowie Philosophische Essays zu den Themen Technik, Naturwissenschaft und Gesellschaft gibt es von Felix Reuß, Herausgeber des Philosophiemagazins „Fatum“. Einen Überblick zu den unzähligen Möglichkeiten, eigene Werke und Ideen zu publizieren, geben die Jungen Wilden auf der Kreativen Bühne von 14:00 – 16:00 Uhr. Ob Literaturblog, Poetry-Slam oder eigenes Philosophiemagazin – jeder der Vortragenden berichtet von seinem eigenen Weg zu seinem Publikum.

Weitere Veranstaltungsinformationen rund um unseren Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse finden Sie HIER

Lesebericht zu „Kolbe“ von Andreas Kollender

Kolbe-Alexander Kollender, Buch-und Medienblog, Oliver SteinhäuserWas war Fritz Kolbe für ein Mensch? Was trieb ihn im Kampf gegen ein gnadenloses und radikales Regime an? Wie wird aus einem einfachen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes ein abgeklärter Spion, der sukzessive Angst gegen Mut, und Zweifel gegen Kühnheit tauscht, um seinem Ziel – dem Ende des Zweiten Weltkriegs – näher zu kommen? Und wie kann es sein, dass diesen tollkühnen Fritz Kolbe niemand von uns kennt?

Fritz Kolbe, der nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, im September 1939, von seiner Position im Deutschen Konsulat in Kapstadt nach Deutschland beordert wird, ist fassungslos. Aus Sicherheitsgründen lässt er seine Tochter in Südafrika zurück, denn er ahnt, dass das Naziregime in Berlin nichts Gutes für sein Leben bedeuten kann. Bereits auf der langen Überfahrt spürt er das sich konzentrierende radikale Auftreten der Nazis, die es kaum erwarten können für ihren Führer in einen eisernen Kampf aufzubrechen. Auf seinem neuen Posten im Auswertigen Amt in Berlin, quält ihn das Wissen über das Unrecht, das vielen Menschen widerfährt, und das er täglich in den geheimen Akten liest. Er fasst den Entschluss, das brisante Material aus dem Amt zu schmuggeln und es auf seinen Dienstreisen nach Bern den Amerikanern zuzuspielen.

„Kolbe“ ist in zwei Perspektiven gegliedert. Es wechseln sich die Geschehnisse während des Krieges mit den Erinnerungen Fritz Kolbes, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ab. Grund dieser Szenenwechsel ist, dass Kolbe mehrfach versucht hat, seine eigene Geschichte niederzuschreiben. Da er allerdings nicht mit den Regeln des Schreibens vertraut ist, verzettelt er sich wieder und wieder. Aus diesem Grund veranlasst sein schweizer Freund Eugen Sacher den Besuch eines Journalisten und einer Fotografin. Gemeinsam ergründen sie Fritz´ Geschichte, hören ihm zu, fragen ihn aus. Zunehmend wird aus den journalistischen Notizen und dem Gespräch, die Geschichte um den vergessenen Spion aufgebaut. Typografisch kann der Leser stets zwischen diesen beiden Blickwinkeln unterscheiden. Die Geschichte Kolbes verläuft allerdings zunehmend zu einem aufregenden und dramatischen Gesamten.

Andreas Kollender gelingt es, beide Perspektiven mit einer enormen Authentizität zu beschreiben, sodass keinerlei Zweifel an seiner Geschichte aufkommen. Auch wenn der Leser bereits weiß, dass in diesem Buch Realität und Fiktion vereint werden, um ein spannendes Gesamtbild zu projizieren.
Kontinuierlich lernen wir mehr Details über Fritz Kolbe kennen und freuen uns, über – seine durch Selbstzweifel ausgelöste – authentische und bescheidene Menschlichkeit. Ein Charakter, der sich auch nach Kriegsende, beim Treffen mit den Journalisten, nicht verstellen muss.
Besonders gelungen sind die fließenden Übergänge zwischen den Gesprächen in Kolbes Unterschlupf und den Geschehnissen in Berlin und Bern während des Krieges. Es gleicht einer Kamerafahrt zwischen den Perspektiven und ermöglicht es dem Leser, seinen eigenen inneren Film aufzubauen.

Dieses Buch muss einfach gelesen werden!

Andreas Kollender
Kolbe
ISBN: 978-3-86532-489-4

 

Lesebericht zu „Lügenmädchen“ von Luana Lewis

http://www.randomhouse.de/Paperback/Luegenmaedchen-Psychothriller/Luana-Lewis/e461593.rhdEines winterlichen Abends klingelt es an Stellas Tür. Alle Straßen sind zugeschneit, und sie ist alleine in ihrem festungsähnlichen Haus. Durch die Überwachungskamera sieht sie, dass ein junges Mädchen, völlig unterkühlt, vor ihrer Haustür kauert. Widerstrebend öffnet die von der Außenwelt abgeschottete Stella schließlich die Tür und gewährt damit nicht nur dem sonderbaren Mädchen Einlass, sondern auch einer Vielzahl verdrängter und längst vergessenen Erinnerungen.
Der Psychothriller ist in mehrere Zeit- und Handlungsstränge gegliedert, und suggeriert damit bereits zu Beginn einen hohen Spannungsaufbau. Präsent sind in diesen Perspektivebenen die aktuellen Vorkommnisse in Stellas Haus, die sich an jenem Abend alleine zu Hause befindet, da ihr Mann – praktizierender Psychotherapeut – den Abend in seiner Praxis verbringt und die Nacht in seinem Stadtappartement verbringt. Ein weiterer Strang ergibt sich aus den in der Vergangenheit liegenden Ereignissen in der Grove Road Clinic, in der Stella bis zu ihrer psychischen Erkrankung selbst therapierte. Die dritte Erzählperspektive besteht aus den Therapiesitzungen eines jungen Mädchens und dessen Therapeut Max Fischer, Stellas Ehemann.

Luana Lewis wählt für ihren Plot eine vielversprechende Zusammenstellung, dessen Handlungen jedoch viel zu eindeutig und zäh zusammenfließen. Es ist nicht unüblich, dass gerade die ersten Seiten eines Psychothrillers, mit seinen zahlreichen Perspektivwechseln mühselig zu lesen sind, und dem Leser Ausdauer abverlangen. In „Lügenmädchen“ verpasst die Autorin jedoch den Übergang zur echten Spannung, da sie die Gewichtung der Erzählstränge falsch verteilt. Während die Spannung der Vorkommnisse auf Hilltop, in dem eingeschneiten Anwesen Stellas, nur rudimentär zu spüren ist, ziehen sich die Kapitel aus Stellas Vergangenheit unnötig in die Länge und ermatten. Dies hat zur Folge, dass beim Überspringen dieser Kapitel, der Zusammenhang trotzdem vorhanden bleibt, sie demnach hätten gekürzt oder ersetzt werden können. Fließendes Lesen ist durch diese Monotonie beinahe nicht möglich, ständig fühlt man sich gezwungen, das Buch zur Seite zu legen, um sich eine Durchschnaufpause zu gönnen.
Der Versuch, die Emotionen der verschiedenen Charaktere zu transportieren sowie Einblicke in die verletzten Psychen der Protagonisten Blue und Stella zu gewähren, ist in Luana Lewis nicht gelungen. Es sind jedoch gerade diese elementaren Bausteine, die zum Aufbau einer empathischen Leser-Protagonisten-Beziehung unabkömmlich sind.

Luana Lewis
Lügenmädchen
ISBN: 978-3-442-31384-6

 

Lesebericht zu „Etta und Otto und Russell und James“ von Emma Hooper

Emma Hooper, Buchblog, Oliver SteinhaeuserMit dem heute publizierten Buch „Etta und Otto und Russell und James“ erscheint ein emotionsgeladener Roman, dessen Thema das Vergessen ist. Feinfühlig beschreibt Emma Hooper die kriegsgeprägten Erinnerungen alter Freundschaften. Sie schafft eine Ausgewogenheit zwischen Traumatischem, Romantischem und Dramatischem, die es dem Leser ermöglicht, sich auf die Geschichte einzulassen. Ein Gleichgewicht, das ihn in temporäre Trauer, episodische Romantik und in sequenziellen Übermut versetzt. Und dabei kontinuierlich die Lebenserinnerungen dreier Protagonisten erzählt, die sich in einem Stadium aus Vergessen und Erinnern befinden. Gerade der Spagat zwischen Tragik und Wonne, sowie die Leichtigkeit Hoopers Worte, machen „Etta und Otto und Russell und James“ zu einem unvergesslichen Erlebnis einer noch existierenden Generation.

Die Handlung baut auf zwei Perspektiven auf. Vordergründig handelt das Buch von der Reise der 83-jährigen Etta, die in ihrem Leben wenigstens einmal das Meer gesehen haben möchte. Ergänzt wird ihre Reise mit der Lebensgeschichte Ettas, ihres Ehemannes Otto, und Russell, dem engsten Freund der beiden.
Ihr Mann Otto lässt sie ziehen – trotz aller Sorge. Er ist vor vielen Jahren selbst zu einer großen Reise aufgebrochen, um in einem fernen Land zu kämpfen. Ihr gemeinsamer Freund Russell hingegen will Etta zurückholen und verlässt zum ersten Mal in seinem Leben die heimische Farm. Auf ihrer Wanderung trifft Etta den Kojoten James, der sie durch das staubtrockene Land begleitet. Je näher Etta der Küste kommt, desto lebendiger werden die Erinnerungen der drei alten Freunde – Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, an Zeiten des Krieges, an Hoffnungen und versteckte Gefühle, aber auch an Erfahrungen, die sie nicht miteinander geteilt haben.

Bereits zu Beginn des Buches fällt auf, dass auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede gänzlich verzichtet wird. Was zunächst für Verwirrung beim Lesen sorgt, ist ein Stilmittel, das nicht geschickter hätte gewählt werden können. Es erzeugt einen nahtlosen Übergang zwischen Gesprochenem und Gedachtem, betont den Fließtextcharakter und mindert Unterbrechungen im Erzählfluss. Ein typografisch-stilistischer Kniff, der den Inhalt der Geschichte – das Verschwimmen, Vergessen und Wiederfinden von Erinnerungen – konsequent nach außen transportiert.
„Etta und Otto und Russell und James“ lehrt uns diverse Erkenntnisse einer Kriegsgeneration, deren Werte sich bis heute nicht verändert haben, jedoch leider oft in Vergessenheit geraten sind. Der Roman hält uns vor Augen, was räumliche Distanz, für sich liebende Menschen, vor rund 65 Jahren bedeutete. Dass es ein wesentlich intensiveres Festhalten und Daran-Glauben bedeutete, als dass es in unserer durch Medien durchfluteten Generation der Fall ist.
Emma Hopper schreibt einen Roman, in dem es nicht immer geordnet zugeht. Die Gestaltung mancher Kapitel ist so gewählt, dass auf eine real existierende Handlung eine Illusion folgt, dass Ettas Gedanken plötzlich in die Ottos münden. Eine Verwirrung, die die Hilflosigkeit des Vergessens und der Einbildung widerspielgelt. Eine Verwirrung, die Zeit zur Entfachung eigener Gedanken schürt.

Und während James sich auf die Suche nach Etta macht, finden Otto und sie wieder zueinander. Vereint. Im Tod.

Emma Hooper
Etta und Otto und Russell und James
ISBN: 978-3-426-28108-6