Besuch aus Glutenville

Textbeitrag des Buch- und Medienblog zum Gewinnspiel „Willkomme in Nightvale“
Für Kenner und Liebhaber des Titels


Willkommen in Nightvale

Wer bin ich?

Gemütlich sitzen sie im Big Ricco´s Pizza. Den runden Tisch hat er sich ausgesucht, damit alle daran ansitzen können.
„Wenn Sie sich anhand eines Möbelstücks beschreiben sollen, welches würden Sie auswählen, um ihre Persönlichkeit zu verdeutlichen?“, fragte ihn der erfahrene Mann damals. Zur Antwort wählte er den Tisch. Rund muss er sein. Denn nur so passen viele Menschen daran. Gemütlichkeit, Gastfreundschaft und Zusammenhalt prägen einen guten Tisch. Und ihn selbst. Wer er ist weiß man nicht. Nur, dass er schlecht sitzen kann.
So sitzen Jackie, Lucinda, Diane und Troy zusammen und warten auf die heiß ersehnte glutenfreie Pizza. Er selbst hängt mehr als dass er sitzt. Ricco hatte es geschafft seine Rezeptur anzupassen und auf das verbotene Weizenmehl zu verzichten. Bei ausgezeichnetem Geschmack.

Wir sehen die uns bekannten Akteure. Und ihn, den uns Unbekannten.
Heiß dampfend serviert Ricco seinen Gästen die bestellte Riesenpizza. Gierig schnappen sie zu, zerteilen die Stücke und führen sie ihren lüsternen Schlünden zu. Ein grausamer Schrei zerschneidet die von italienischen Gewürzen und gebackenem Käse dominierte Luft. Markerschütternde Töne kreischen durch das Restaurant und lassen es erzittern. Die Schwere von Eisen entfaltet sich und bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg in die Bronchien der Freunde. Fontänen aus roter Tomatensoße wandeln sich in dickflüssige Sturzbäche aus rotem Blut, das schwallartig aus der Pizza strömt. Rote Wasserfälle preschen über die dunkle Tischkante, schlagen hart auf dem Fußboden auf. Fein zerstäubter Nebel steigt in Schwaden auf und legt sich über die Szenerie. Lange fingerähnliche Fäden sprießen aus dem Mais, krallen sich in die Tischplatte, wedeln herum und suchen verzweifelt nach Halt. Sie packen Diane´s Schultern und rütteln sie. Entsetzt schaut sie auf den Tisch. „Josh! Oh mein Gott, Junge.“ Ihr Sohn liegt blutend auf dem Tisch vor ihr. Reste von Salami und Mais kleben ihm an den Schultern und zeugen davon, dass er sich wieder einmal verwandelt hat. Unbemerkt. Kälte umgibt die junge Mutter. Ihr Herz türmt sich auf, versucht zu fliehen und fleht in ihrer Brust nach Gnade. Beunruhigt drückt es gegen seinen Käfig aus Rippen. Doch ihr Sohn ist wieder verschwunden. Übrig bleibt nur die eisige, labbrige Pizza.

Krachend fliegt die Schwingtür zur Küche auf. Heller Schein brandet aus ihr hervor und verwehrt jegliche Sicht. Staub wirbelt vom Boden auf und hüllt die aus dem gleißenden Lichtschein tretende Silhouette in ein graues Gewand.
„Ich weiß wer ich sein möchte, und was ich machen möchte, Mama. Ich werde Pizzabäcker.“ Erleichtert schauen Jackie, Lucinda und Troy auf. „Er lebt“, seufzen sie im Chor. Seine Mutter Diane springt auf und umarmt ihn freudig. „Danke Josh, du hast uns einen riesen Schock bereitet. Doch du weißt nun wer du sein möchtest und wie du fortan in Erscheinung trittst. Ich bin stolz auf dich!“
„Ich habe alles gesehen, was ich erfahren muss!“, posaunt der uns Unbekannte. „Ihre Pizza hat alles, was sie haben muss. Und ihr fehlt sämtliches, was sie nicht haben darf. Sie blutet, sie schreit und schnappt. Sie ist Weizenfrei. So muss Pizza sein! Ich komme aus Glutenville und leite das staatliche Gesundheitsamt.“ Mit einem Knicks und den Worten „Mein Name ist Mr. Zöliakie und ich wünsche ihnen alles Gute“ verpufft er im Nichts. Einem Nichts, das Alles ist. Und allem, das nichts ist. Denn Nichts ist nur die Abwesenheit von Etwas.


Wer ist eigentlich dieser Mr. Zöliakie?

Falsch: Ein Flugfuchs isst Gurken und Honigmelonen.

Richtig: Mr. Zöliakie isst eine als Gurke und Honigmelone getarnte glutenfreie Pizza.

Klar, dass er mehr am Tisch hängt und nicht sitzt. Würde ich auch so machen!

Hier geht es zm Buch
Joseph Fink & Jeffrey Cranor
ISBN: 978-3-608-96137-9

Lesebericht zu „I am Death – Der Totmacher“ von Chris Carter

Chris Carter, I am Death, Der Totmacher, Ullstein, Blog, Buchblog, Oliver SteinhäuserWie viel Leid erträgst du, ohne selbst zum Monster zu werden? Kannst du gar zu einem Verhalten konditioniert werden, dass du dir selbst in deinen schlimmsten Träumen nicht vorzustellen vermagst? „Weißt du, wie man sich fühlt, wenn man einen Menschen tötet? Mächtig… stark… unvergleichlich. Niemand kann dir je wieder sagen, dass du nichts wert bist, denn in dem Augenblick weißt du, dass du wichtiger bist als Gott.“
Es gibt eine Antwort. Du findest sie hier, denn:
Ich. bin. der. Tod.

Detective Robert Hunter und sein Partner Garcia stoßen in ihrem neuen Fall erneut auf einen besonders perfiden Mörder, der seine Opfer unter unvorstellbaren Qualen leiden lässt und sich an deren langsamen und schmerzvollen Tod labt. Nichts Neues eigentlich für die beiden Detectives der Abteilung für besonders gewaltvolle Morde – des Ultra Voilent Department. Innerhalb weniger Tage werden mehrere geschundene Frauenleichen aufgefunden. Aus Ermittlersicht würden diese Fälle nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, da alle Opfer unterschiedliche Todesursachen aufweisen. Doch der Mörder hinterlässt den Ermittlern Botschaften, denn sie sollen wissen, dass sie ein Genie der Verwandlung jagen, dessen Modi Operandi nicht unkontrollierter intrinsischer Natur entstammen, sondern ganz bewusst und gezielt variabel gewählt werden. Denn er hat einen vorgegebenen Plan, dem er strikt folgt. Höchstes dieser Ziele ist es, von Robert Hunter zur Strecke gebracht zu werden. Auch um seinem eigenen, ganz persönlichen Leid ein Ende zu bereiten.
In einem Parallelstrang wird die Geschichte eines entführten Jungen erzählt, der unter den täglichen Erniedrigungen und Misshandlungen seines Peinigers leidet. Besonderes Geschenk des Entführers an ihn sind die grauenhaften Frauenmorde, die er mit ansehen muss.

I am Death - Chris Carter, Buchblog Oliver Steinhäuser

Idylle vs. Alptraum

Die Szenenwechsel zwischen der Gefangenschaft des Jungen und der Ermordung der jungen Frauen sorgen für eine abwechslungsreiche Geschichte. Wie in den Vorgängerbänden sorgen auch in „I am Death – Der Totmacher“ etliche Cliffhanger der meist kurzen Kapitel für einen Spannungsaufbau. Sie fördern den Drang nach mehr. Chris Carter erzeugt durch kurze Charakteristiken der Opfer sowie deren Alltag eine gute Vorstellung davon, dass all die jungen Frauen mitten aus ihren Leben gerissen wurden und sich plötzlich in ihrem schlimmsten Alptraum wiederfinden. Man leidet mit ihnen.
„I am Death“ ist ein Thriller wie man ihn erwartet. Er ist, wie seine Vorgänger sehr blutig, nervenaufreibend und schonungslos. Wer zart besaitet ist, sollte von diesem Titel Abstand nehmen. Für diejenigen, die den Stil des Autors kennen und seine Hunter-Thriller liebgewonnen haben, bietet Carter ein bodenständiges Spektakel, ohne jedoch zur Höchstform aufzulaufen.

Chris Carter
I am Death – Der Totmacher
ISBN-13 9783548287133

Buch- und Medienblog schreibt für Klett-Cotta

Buch- und Medienblog schreibt für Klett-Cotta

Ich habe ihn getötet, Buchblog, Klett-Cotta, Oliver Steinhäuser, Keigo Higashino22.06.2016. Nach über einem Jahr Pause ist es wieder soweit. Der Buch- und Medienblog schreibt erneut Gastbeiträge für den Klett-Cotta Blog.

Los geht es mit dem neuen Kriminalroman von Keigo Hihashino. Der japanische Autor fällt vor allem durch die Verwendung komplexer Sachverhalte auf. In seinen Szenen lässt er viel Spielraum für alle erdenklichen Schlussfolgerungen an einem geschehenen Mord. In „Ich habe ihn getötet“ treibt er es auf die Spitze und verrät nicht explizit, wer der Täter ist. Higoshino bindet den Leser am Schluss aktiv ein, gibt ihm kleine Hinweise und führt ihn (wenn man ein wenig Geduld mitbringt) auf die Fährte des Rätsels Lösung.

Hier geht es zum Beitrag:

http://blog.klett-cotta.de/allgemein/ermittlungsprotokoll-ich-habe-ihn-getoetet-von-keigo-higashiono/

Lesebericht zu „Halbe Helden“ von Erin Jade Lange

Halbe Helden Cover, Buchblog, Oliver Steinhäuser, Blog, Rezension, Erin Jade Lange, Magellan VerlagZwei Jugendliche treffen in ihrer trostlos heruntergekommenen Nachbarschaft aufeinander. Äußerlich betrachtet verbindet die beiden lediglich ihre Vaterlosigkeit und die Aussicht auf ein Leben im sozialen Brennpunkt. Während Dane ein ausgeklügeltes Schlitzohr ist, der Konflikte bevorzugt mit seinen Fäusten klärt und die Wahrheit als flexibles Konstrukt interpretiert, ist Billy D. eine treue und ehrliche Seele. Lügen kann er nicht. Und er versteht auch nicht, warum Menschen flunkern, hinterlistig und verdorben sind, denn Billy D. leidet unter dem Down-Syndrom und sieht die Welt aus vorurteilsfreieren, aufrichtigeren (und auch naiveren) Augen.

Nachdem der neu zugezogene Billy D. sich auf der Suche nach Anschluss an die Fersen seines Nachbarn Dane haftet, wird er prompt mit dessen Gefühlskälte konfrontiert. Kein anderer Jugendlicher würde sich ihm derart aufdrängen, sondern vor ihm kuschen – aus Angst von ihm verprügelt zu werden. Nicht so Billy D., der Neue in der Straße. Unerschrocken folgt er Dane auf Schritt und Tritt, denn er möchte sein Freund sein. Zu fürchten braucht er sich vor dem gewaltbereiten Dane nicht, denn der gibt ihm deutlich zu verstehen, dass er keine „Mongos“ schlägt. Obwohl Dane überhaupt keine Lust hat mit einem behinderten Menschen in der Schule gesehen zu werden, ist es Billy D., der zu seiner letzten Chance wird und der ihn vor einem Rausschmiss von der Schule bewahren kann. Widerwillig lässt Dane sich auf diese besondere Verbindung ein und merkt plötzlich, dass die Tatsache, dass beide vaterlos aufwachsen sie zusammenschweißt und zu echten Gefährten werden lässt.
Auf der Suche nach Billys Vater erleben die beiden Abenteuer, schlagen sich durch und müssen herbe Rückschläge einstecken. Die gemeinsamen Unternehmungen fördern einen Einstellungswandel anderen Menschen gegenüber zu Tage. Dem rücksichtslosen Dane wird durch den Kontakt zu Billy nach und nach bewusst, dass Menschen in der Regel den Hang dazu haben, andere, von der Norm abweichende Mitmenschen, stets als Opfer zu verurteilen.

„Halbe Helden“ ist ein Reflexionsroman, der seinem Leser in einer außergewöhnlichen und zugleich rührenden Geschichte einen großen Pool an menschlichem Verhalten präsentiert. Das Zusammenspiel der beiden ungleichen Jungs lehrt auf unterhaltsame Weise, was es bedeutet, ein „nicht genormtes“ Leben zu führen. Es zeigt auch, dass nicht nur echte körperlich/geistige Einschränkungen Hürden im Leben bedeuten. Denn auch Dane „behindert“ sich mit seinem aggressiven Lebensstil immer wieder selbst. Umso schöner ist es, das beide von ihren Schwächen und Fehlern lernen, ihr Verhalten reflektieren und sich an einem positiven Wandel versuchen.
Auch wenn man den beiden liebgewonnenen Jungen einen positiven Ausgang wünscht, wartet das Buch nicht mit klischeehaften Schlusstakten auf. Denn so spielt das Leben nicht. Nicht jeder bekommt was er sich wünscht und erwartet. Und nicht jeder bekommt was er verdient.

Erin Jade Lange
Halbe Helden
ISBN: 9783734850103

 

Lesebericht zu „18 – Zahlen des Todes“ von Mia Winter

18 - Zahlen des Todes, Buchblog, Egmont Lyx, Oliver Steinhäuser, Thriller, Mia WinterZu wem wirst du, wenn dich ein schreckliches Ereignis komplett aus der Bahn wirft und dein altes Leben, ein Leben in Geborgenheit und im Glauben an das Gute im Mensch, nie mehr so sein wird, wie es war. Was machst du? Du, das 18-jährige Mädchen, das sich seit dem schlimmen Ereignis damals im Wald in sich verkriecht, versuch neu zu starten und – getrieben von wiederkehrenden Zweifelsmomenten – all seine Vorhaben verwirft, weil das stete Wandern ihrer Gedanken auf dem Grat zwischen Leben und Tod ihr Lebenskonzept durcheinanderbringen.

Die junge Frau heißt Monika Stammer. Die grauenhafte Massenvergewaltigung zerstörte ihr Leben für immer und beförderte sie in eine lethargische Opferrolle. Als sie eines Tages auf der Rheinbrücke steht und erneut am Sinn ihres Lebens zweifelt, begegnet ihr eine glückliche Familie. Als sie erkennt, dass es sich um einen der damaligen Peiniger handelt, fasst sie einen Entschluss. Er muss sterben. Und alle sechs Mittäter auch!
Hier kommt Leana Meister ins Spiel. Sie ist die neue Leiterin des Kompetenzcenter. Für ihre neue Herausforderung verlässt die intelligente Ermittlerin Südafrika, wo sie seit Jahren an Fällen von Misshandlung arbeitete. Mit ihren ehemaligen Tätigkeiten verlässt sie auch ihre Familie und erhofft sich in Düsseldorf einen Neustart. Nicht jeder der neuen Kollegen ist ihr von Beginn an wohlgesonnen und Leana muss sich ihren Weg in das Team zeitweise hart erkämpfen.

Mia Winter zeichnet verschiedene Charaktere, von denen keiner nur einschichtig und klischeehaft wirkt. Genau wie die zwischen Leben und Tod wandelnden Gedanken der Protagonistin, sind die Personen in „18 – Zahlen des Todes“ weder absolut gut oder schlecht. Winter schafft Personen, wie jeder von uns sie kennt: vielschichtig, manchmal sympathisch oder intrigant, kontrolliert oder zügellos und triebhaft.
Obwohl die Jagd nach der Mörderin, die an dem Tag, als sie einen ihrer damaligen Peiniger wiedertrifft den Entschluss fasst aus ihrer Opferrolle herauszuwachsen und selbst zum Täter wird, zentraler Punkt des Buches ist, erfährt der Leser interessante Aspekte zum Verhalten von Menschen in Gruppen, der sekundären Viktimisierung (durch die Gesellschaft) und den Gefahren sozialer Medien.

Der etwas zähe Start wird mit Fortschreiten der Geschichte wettgemacht. Gerade die Schilderungen der lebendsverändernden Gewalttat an der Protagonistin sowie die Ergründung der Motive bringen Spannung und lösen beim Leser Verzweiflung und Ohnmacht aus.
„18 – Zahlen des Todes“ ist ein unterhaltender Serienauftakt dessen Nachfolger („21 – Zahlen des Todes“) man im Auge behalten kann.
Wer „Janusmond“ von Mia Winter gelesen sollte keine zu euphorische Erwartungshaltung haben, da die Story mit weniger Abstrusität und Spannung ausgestattet ist.

Mia Winter
18 – Zahlen des Todes
978-3-8025-9937-8

Lesebericht zu „Das Ende der Schuld“ von Marbel Becker

Das Ende der Schuld, Marbel Becker, Buchblog, Medu Verlag, Oliver SteinhäuserWer schreibt ein Buch über sein stürmisches Leben? Beschreibt darin, wie ein geregeltes und geplantes Leben als Theologin während des Studiums aus dem Ruder läuft und in einem sodamasochistischen Etablissement sein unwiderruflichen Wendepunkt findet. Es ist die Geschichte der jungen Studentin Cara, die in der Hoffnung auf ein gottesfürchtiges Leben unter die Räder des körperlichen Verlangens und einem damit verbundenen extatischen Kontrollverlust gerät. Es sind die Memoiren einer juristisch nie belangten Frau, die ihre Erfahrungen und Ängste textlich verarbeitet hat und die in „Das Ende der Schuld“ ihren Abschluss finden.

Zur Absicherung ihres Lebensunterhalts arbeitet die junge Theologiestudentin Cara Sentow in einer Nachtbar. In ihrer aufkeimenden Gier nach Geld geht sie einen Schritt weiter und rutscht zunehmend in die Prostitution. Ihrer Stammkundschaft gefällt vor allem die dominante Härte, mit der sie Cara im Keller des mächtigen Edelbordells gefügig macht. Doch mit dem Tag, an dem eines dieser qualvollen Spiele im Tode eines „Klienten“ endet, erfährt auch ihr eigenes Leben mit seinen gewohnten Strukturen eine lebenslange und unwiderrufliche Wendung.
Marbel Becker eröffnet einen Plot, der dem Leser spannende Stunden bereiten kann. Sie beschreibt eine im Zwiespalt zwischen Glauben und Lebenslust gefangene Protagonistin, deren Mordunfall sie ihr gesamtes Leben begleitet. In ihrer panischen Angst vor Strafverfolgung unterstützt sie ihr Freund und heimlicher Verehrer Franz Bachmann beim Beseitigen der Beweise sowie dem Beschaffen einer neuen Identität. Dass sie mit dieser und der Flucht aus Marburg an der Lahn sogar eine Pfarrstelle im bayerischen Ganthofen antreten kann, hätte sie nicht im Traum gedacht. Unter ihrem neuen Namen beginnt für sie eine zweite Chance. Ruhe findet sie trotzdem nicht, denn die Geister ihrer Vergangenheit verfolgen sie ohne Unterlass. Oder ist es doch nur ihre gepeinigte Seele, die ihr Streiche spielt?

Leider erfordert „Das Ende der Schuld“ von seinen Lesern des Öfteren langatmigen Durststrecken, die die Geduld auf eine harte Probe stellen. Der Grund liegt vor allem darin, dass beinahe das gesamte Buch als „Ich-Erzählung“ der Cara Sentow aufgebaut ist. Echte Spannung kann jedoch meist nur aus Sicht des „allwissenden Erzählers“ aufgebaut werden, der seine Figuren auf eine aufreibende Reise schickt und die Spannungsmomente minutiös ausarbeitet und detailliert beschreibt.
Das Zeug dazu hat der Roman. Vereinzelte Perspektivwechsel hätten der Geschichte gut getan und sie spannungsgeladener werden lassen. „Das Ende der Schuld ist ein solider Roman für all jene, die in der Lage sind Spannung auch in ihrer eigenen intrinsischen Vorstellungskraft fußen zu lassen.

Marbel Becker
Das Ende der Schuld
ISBN 978-3-941955-88-2

Lesebericht zu „Blood on Snow – Das Versteck“ von Jo Nesbø

Jo Nesbø, Das Versteck, Blood on Snow, Ullstein, BuchblogDa ist er wieder und flimmert über die imaginäre schwarz-weiße Mattscheibe. Erneut darf der Leser seinen liebgewonnenen Olav, Ulf oder wie immer er sich selbst gerade nennt, beobachten. Ihm zuschauen wie er sich in seiner Naivität um Kopf und Kragen redet und seiner Umwelt oft schutzlos ausgeliefert ist. Und das obwohl er ein gesuchter Auftragskiller ist.

Wir begleiten unseren Protagonisten auf der Suche nach einem sicheren Versteck. Einem Zufluchtsort, an dem ihn sein letzter Auftragsgeber, der „Fischer“ um keinen Preis finden soll. Da Ulf ihn um eine Menge Geld betrogen hat, droht ihm die Vollstreckung seines eigenen Todesurteils. Im hohen Norden Norwegens hofft er seiner in Oslo ausgesprochenen Hinrichtung entgehen zu können.
Im Zentrum der Handlung steht – wie im Vorgängerband „Blood on Snow – Der Autrag“ – Ulfs kräftezehrende Beziehung zum weiblichen Geschlecht. Denn er verliebt sich in die streng gläubige Lea Sara, die ihn bei der Reinigung der Kirche eben dort schlafend auffindet. In ihrer Naivität steht sie Ulf in nichts nach. Aus diesem Grund gibt sie ihm völlig zweifelsfrei die Flinte ihres Mannes, damit er erste Schießübungen in der Jagdhütte inmitten der Finnmark absolvieren kann. Man benötigt kein sonderlich ausgeprägtes zwischenmenschliches Gespür um zu bemerken, dass die beiden sich annähern werden. Doch die Beschreibung der offensichtlichen Einfältigkeit ist die Kunst der konsequenten Ausarbeitung der Charakterzüge des Protagonisten. Das ist es auch, das dem Leser dieser unfähigen Drogenhändler und Kleinkriminelle so sympathisch werden lässt.

Neben der Liebesgeschichte durchzieht „Das Versteck“ auch den Zwiespalt mit dem Glauben und mit den inneren Geistern, die jeden von uns immer wieder auf die Probe stellen und einschneidende Entscheidungen von uns fordern. Gleichermaßen, wie zu treffende Entscheidungen auf dem Lebensweg eines Menschen, verhält es sich mit der Gläubigkeit. „Die Vernunft wohnt im Kopf, der Glaube im Herzen. Das sind nicht immer gute Nachbarn.“ Denn egal ob wir meinen zu wissen oder denken zu glauben, müssen wir uns doch auf beiden Wegen zu etwas bekennen.
Am Ende des Tages brauchen wir uns um unseren Protagonisten nicht sorgen. Obwohl das Leben ihn immer wieder in Erklärungsnot bringt schiebt sich im letzten Moment das Schicksal ein und liefert ihm eine plausible Geschichte. Wir können sogar etwas von ihm lernen:
Egal wie oft du scheiterst, solltest du nicht liegen bleiben, sondern aufstehen und weitermachen!

Jo Nesbø
Blood on Snow – Das Versteck
ISBN-13 9783550080784

Gedanken zum Welttag des Buches

blogger2015Bücher sind ein wunderbares Medium, um Menschen mit spannenden Geschichten zu unterhalten, sie zusammenzubringen und mit lehrreichen Beiträgen in ihrem persönlichen Reifungsprozess und dem Aufbau moralischen Verständnisses zu unterstützen.
Getreu des Motto des Buch- und Medienblogs „Du siehst, was du liest“ gehe ich heute kurz auf die Verbindung zwischen Büchern ein. Oft befällt mich das Gefühl, innerhalb verschiedener Bücher ein verbindendes Element zu entdecken. Zuletzt geschehen in diesen zwei Titeln:9783843711814_cover 978-3-15-011036-2

Bob Dylans Lied „The Times They Are A-Changin“ verbindet diese beiden Titel. Während der Lektüre zum „Dicken Mann“ maß ich der Erwähnung dieses Songs keinerlei Bedeutung zu. Doch als ich genau dieses Lied gestern in „Blood on Snow – Das Versteck“ wiederentdeckte, war wieder einmal eine Verbindung geschaffen.  Man könnte meinen, dass die beiden Werke nicht viel gemeinsam haben. Doch bei genauerer Betrachtung fällt das verbindende Thema wie Schuppen von den Augen: Moral
Während David Edmons in „Würden Sie den dicken Mann töten“ über moralische Aspekte unserer Gesellschaft spricht, und ob man ein Menschenleben beenden darf, um das Vieler zu retten, steht der Protagonist in Jos Nesbos „Blood on Snow – Das Versteck“ in immer wiederkehrenden Moraldilemmata.

Viele Blogger verschenken heute Bücher. Körperlich. Der Buch- und Medienblog entschied sich dazu Gedanken zu verschenken und dazu anzuregen, sich über moralische Fragen auszutauschen:

Wie würdest du dich entscheiden?

Wie würdest du dich entscheiden?

Darf ich die Entscheidung treffen, ob ein Mensch oder fünf Menschen sterben? Oder muss ich gar Handeln und die Weiche so umstellen, dass der geringste Schaden eintritt? Also bewusst das Mittel anwenden, das durch meine Entscheidung einen Menschen sterben lässt?

Ich wünsche einen schönen Tag des Buches!
Oliver W. Steinhäuser

 

Lesebericht zu „Der Räuberbräutigam“ von Eudora Welty

Eudora Welty_Der Raeuberbraeutigam, Blog, Buch, Oliver SteinhäuserDrei Männer treffen auf der Suche nach einem Schlafplatz in einem Wirtshaus aufeinander. Während zwei der Männer um einen Schlafplatz suchen, hegt der Dritte ein Verbrechen. Er hat es auf das Vermögen des Pflanzers Clemens Musgrove und des Räuberhäuptlings Jamie Lockhart abgesehen.
Nur der Kühnheit des Jamie Lockhart hat der naive Clemens sein Leben zu verdanken, denn dieser wittert bereits die ausgehende Gefahr und bringt ihn und sich selbst in Sicherheit. Zu Hause angekommen erzählt Clemens seiner zweiten Frau Salome sowie seiner Tochter Rosamond (aus erster Ehe), welch ehrenwerten Mann er auf seiner Reise kennen gelernt hat und dass er eben diesen zum Dank in den kommenden Tagen zu Besuch erwartet.
In der Hoffnung die gehasste Stieftochter Rosamond loszuwerden, schickt Salome sie wiederkehrend zum hintersten Waldrand, um dort die besten Kräuter zum Kochen zu suchen. Dort, so hofft sie, reißt sie ein wildes Tier oder entführt sie ein Indianerstamm. Es dauert nicht lange, da wird das Mädchen von einem Räuber ihrer sämtlichen Kleider beraubt – von keinem geringeren als dem ehrenwerten Jamie Lockhart. Doch als dieser einige Tage daraufhin im Hause Musgrove zu Gast ist, erkennen er und Rosamond sich nicht. Denn er trägt keine Räubertarnung mehr und das Mädchen ist vom Arbeiten im Haushalt von oben bis unten verdreckt. Gemeinsam wird beschlossen, dass Lockhart Rosamonds Peiniger aufspüren soll. Als das Mädchen eines Tages wieder im Wald Kräuter sammeln muss, trifft sie erneut auf ihren Räuber und beginnt mit ihm ein gemeinsames Leben. Ohne über dessen Doppelleben zu wissen.

„Der Räuberbräutigam“ ist ein modernes Märchen, das auf typisch fabelhaften Elementen aufbaut. Merkmale sind etwa sprechende Tiere, notorische Lügner sowie ausufernde Naivität. Diese Zügellosigkeit dient allein dem Zweck, seinen Lesern eine Lehre zu sein und ihnen die Gefahren der Welt begreiflich zu machen. Dazu gehört auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens. Etwa begegnen dem aufmerksamen Leser die als „sieben Todsünden“ bekannten schweren Sünden des Katechismus der katholischen Kirche:
Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia und Acedia (Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit).
Hinter dem Deckmantel des Märchens erzählt Welty mit einer erbarmungslosen Neutralität von Mord, Menschenraub, sexuellen Übergriffen und Überfällen, als seien es Ereignisse ohne jedwede Auslösung menschlich-seelischen Gefühls. Zwischen Zeitsprüngen erheblichen Ausmaßes, Vorenthaltung prägender Geschehnisse sowie dem plötzlichen Verschwinden und unerwarteten Wiederauftauchen von Charakteren gleitet der Leser in ein poetisch-bildhaftes Märchen gleich der Impressionen, die uns die Welten der Gebrüder Grimm bereits in frühen Kindheitstagen prägten.

Eudora Welty
Der Räuberbräutigam
ISBN: 978-3-608-96028-0

Buch- und Medienblog verteidigt Bachelor-Thesis

Am gestrigen Montag, den 14. März 2016, verteidigte Oliver Steinhäuser vom Buch- und Medienblog seine Bachelor-Thesis an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Während einer 10-minütigen Impulspräsentation stellte er den Prüfern der Hochschule das Thema „Verändertes Reputationsmanagement in Medienunternehmen durch Onlinekommunikation“ vor, erläuterte dessen Relevanz und erklärte die darin vorgenommene empirische Untersuchung. Weiterhin gab er einen Ausblick in die Zukunft der Onlinekommunikation und deren erfolgreiche Umsetzung für Verlage und andere (Medien)unternehmen.
In der nachfolgenden 40-minütigen Fragerunde stellte sich der Buch- und Medienblog den kritischen und interessierten Fragen der Professoren.